Gastautor / 29.10.2017 / 11:01 / Foto: Ben.83 / 5 / Seite ausdrucken

Stammtisch beim Griechen, Lage in Katalonien

Von Herbert Ammon.

Im griechischen Restaurant (also nicht am allnazi-verdächtigen deutschen Stammtisch, dem einzigen Ort, wo außerhalb des Internets überhaupt noch freier Meinungsaustausch in diesem unserem Lande stattfindet), kam ein paar Wochen vor dem gestrigen Eklat in Barcelona und in Madrid die Rede auf die Lage in Spanien nach dem Referendum in Katalonien am 1. Oktober. Ein  alter Bekannter in der Runde, einst als antikommunistischer Sozialdemokrat in Berlin (vor und nach dem Mauerbau) sozialisiert, kinderlos, ausgestattet mit guter Rente, hatte sich vor den Septemberwahlen – wegen "der Mieten und der Renten" als Wähler der Linkspartei bekannt ("geoutet"). Jetzt bekundete er seine Abneigung gegen den "Nationalismus" der Katalanen.

Die Geschichte Spaniens – wie mit Ausnahme der filmreich bekannten Nazi-Schreckensgeschichte sowie der einst verabscheuten Mauer – die Geschichte allgemein gehört nicht zu seinen Interessengebieten. Selbst die bei "Linken" zu erwartende historische Leidenschaft für den Spanischen Bürgerkrieg ist bei dem Bekannten nicht anzutreffen. Da kein Fußballfan, sind ihm die demonstrativen Aktionen – Aufstehen und Fahnenschwenken – um Punkt 17.14 Uhr der katalanischen "Massen" im Barca-Stadion fremd geblieben. Wenn er, reisefreudig in Europa weit herumgekommen, auch bereits einmal in Barcelona war, so sagt ihm der Straßenname Lluis Campanys – die Straße, über die  gestern abend die jubelnden Massen strömten – nichts.

Von Deutschland – der geschichtslosen, geschichtsfixierten, gründeutschen Bundesrepublik – ist im Hinblick auf die verfahrene Lage auf der iberischen Halbinsel insofern zu reden, als "die Deutschen", genauer: ihre classe dirigente  – naturgemäß dank geschichtlicher Erfahrung – jeglichem Nationalismus abgeneigt ist. Man – stellvertretend genannt seien Protagonisten wie Elmar Brok, Katrin Göring-Eckardt, Martin Schulz, Günther Oettinger, irgendwie auch Angela Merkel – man ist "bekennender" Europäer. Wie der Chefkommissar Jean-Claude Juncker. Wie Jean Asselborn. Wie Guy Verhofstadt. Wie Frans Timmermans. Wie alle, die sich außer dem zuletzt 2007 (Lissabon) ) vertraglich fixierten Zustand Europas nichts anderes vorstellen können – ein Zustand, den einige davon gerne in Richtung Bundesstaat bewegen möchten. Womöglich sehen sie dieses Ziel mit dem ehedem für unmöglich erachteten, nunmehr unausweichlichen Brexit sogar näher gerückt.

Ratschläge aus der deutschen Lage heraus?

"Nationalismus" - eine negativ aufgeladene Chiffre für historisch begründete Identitäten, für deren politisch akute Virulenz.  Die reale Existenz von Nationen ist auch nach ihrer  "Dekonstruktion" durch Benedict Anderson als "imaginary communities" nicht aus der Welt zu schaffen. Diejenigen Katalanen – eine exakte Anzahl der "Patrioten"/"Nationalisten" unter den 7 Millionen Einwohner wäre durch ein "freies", von Madrid und der Guardia Civil  unbehindertes Referendum zu ermitteln gewesen –, welche die gestrige Unabhängigkeitserklärung feiern, weisen den Verdacht, einer teils antiquierten, teils gefährlichen Phantasie nachzujagen, zurück. Sie tun dies unter Bezug auf ihre Geschichte als Freiheitswahrer gegen kastilischen Hochmut, gegen bourbonische Machtanmaßung – und gegen Franco. Sie betonen ihre "Weltoffenheit" und ihre Liebe zu Europa. Eine Liebe, die in Brüssel, Berlin, Paris und anderswo keine Gegenliebe findet.

Aus der deutschen Lage heraus den Katalanen Ratschläge, gar Maßregeln zu erteilen, erscheint überheblich, schulmeisterlich. Ein Schlauer machte den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, Katalonien solle sich nach dem Vorbild  der DDR (Beitritt zur Bundesrepublik nach Art. 23 GG anno 1990) einfach an das Fürstentum Andorra – immerhin keine Republik – anschließen, womit ihm der ganze Ärger mit der EU erspart bliebe. Auch Macron als Co-Staatspräsident des Zwergstaates könne sich diesem "Anschluss" schwer verschließen...

Uns – uns allen – bleibt die Hoffnung auf den Sieg der Vernunft – auf beiden Seiten.  Dass Madrid auf dem Buchstaben der Verfassung beharrt und  die staatliche Souveränität – notfalls mit Gewalt ? – durchzusetzen gedenkt, erscheint  nicht nur als  staatstheoretisch interessante Frage. Es ist faszinierender politischer Anschauungsunterricht, knapp achtzig Jahre nach dem Ende der zweiten Spanischen Republik.

Dass wir in Merkels Republik längst nicht mehr auf einer Insel der Seligen – der Wohlhabenden, der multikulturell Bereicherten  und der lupenreinen Demokraten – leben, ist nicht erst seit dem Einzug der AfD im Bundestag manifest geworden. Wer von den – nach Merkels Belieben auch auf  Monate auszudehnenden –  Verhandlungen auf ein glückliches "Jamaika" in grüner Idylle  hofft, könnte noch enttäuscht werden.

Für den kritischen, engagierten, demokratisch besorgten (und dergleichen) Bürger bleibt zu hoffen, dass uns das grüne Merkel-Paradies – durch ein Platzen der Verhandlungen – erspart bleibt. Vielleicht kommt´s am Ende gar zu Neuwahlen, wie soeben vom gescheiterten Merkel-Herausforderer Schulz verlangt. Spekulationen über den Fortgang der Dinge – gar über Neuwahlen – sind erlaubt, vorerst leider müßig.

Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. In den 1980er Jahren engagierte er sich in der damaligen Friedensbewegung. Er ist insbesondere mit dem Buch „Die Linke und die nationale Frage“ bekannt geworden, das er zusammen mit Peter Brandt herausgab. Ammon ist Mitgründer und Mitglied im Kuratorium der Deutschen Gesellschaft e. V.. Sein Blog „Unz(w)eitgemäße Betrachtungen“ erscheint als Kolumne in „Globkult“.

Leserpost (5)
Rupert Drachtmann / 29.10.2017

Der Kampf gegen den Nationalismus wird zum Scheitern des europäischen Grundgedankens führen und alles Erreichte mit sich reißen.  Der Ansatz eines Europas der Nationen ist vergessen und verdrängt von den machtgierigen Eliten in Brüssel. Die Bevölkerung von immer mehr demokratischen Staaten lassen sich ihre berechtigten nationalen Interessen und Identitäten nicht mehr verbieten. Und das ist gut so. Glück auf !

otto sundt / 29.10.2017

Den politischen Anschauungsunterricht könnte man auch ganz mit der Lektüre des GG Art. 31 und Art. 37 gestalten und sich vorstellen das diese Artikel einmal umgesetzt werden sollten. Wer es aufregender mag, kann sich auch überlegen wie oft und für wie lange London die Autonomie Ulsters aufgehoben hat. Warum wird auch von deutschen Intellektuellen Katalonien als Nation gesehen, aber Spanien nicht? Was sind eigentlich die Kriterien nach denen sich ein Landesteil als Nation definieren kann? Sind es Sprachgewohnheiten sie sich hauptsächlich wegen des bis vor hundert Jahren vorherrschenden Analphabetismus in klösterlichen Kreisen erhalten haben; sind es einige Essgewohnheiten die sich nur in Nuancen vorn denen anderer Spanier und je nach Höhenlage unterscheiden; oder sind es Einzelstücke eines speziellen Baustils der vom europäischen Jugendstil etwas abweicht? Wird man vielleicht dann zur Nation, wenn man der Landesfahne noch einen roten Stern auf einem dreieckigen Ausschnitt der Fahne hinzufügt hinter der dann Fanatiker hinterherlaufen? Wenn man den Begriff Nation für Deutschland rehabilitieren möchte und in Europa Geltung verschaffen möchte, sollte man nicht Katalonien als Nation sehen.

Klaus Dittrich / 29.10.2017

Interessant ist, dass offenbar in allen Medien vergessen(?) wird, dass vor fast genau 3 Jahren bereits ein Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien stattfand - zumindest ein Indiz, dass dieses Problem schon lange schwelt.

Dirk Jäckel / 29.10.2017

“Macron als Co-Staatspräsident des Zwergstaates” Nur eine kleine Korrektur: Da Andorra, wie richtig bemerkt, ein Fürstentum ist, ist Macron natürlich dort nicht Präsident, sondern - staatsrechtlich zweifellos eine Kuriosität - einer von zwei Fürsten (wobei “prince” hier oft falsch mit “Prinz” übersetzt wird). Im Übrigen halte ich es mit meinem alten akademischen Lehrer: Nation ist, was eine Nation sein will.

Wolfgang Kaufmann / 29.10.2017

Auf der ganzen Welt interessiert es keinen mehr, was Merkel oder Juncker sagen. Die Weltpolitiker ignorieren sie bestenfalls oder zeigen ihnen unmissverständlich die kalte Schulter. Die EU in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf? Oder doch schon eher die Insel der letzten Loser?

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