Archi W. Bechlenberg / 31.10.2017 / 15:10 / Foto: Danbu14 / 4 / Seite ausdrucken

Männeken Puigdemont

Dass ein Land, an dessen Anfang ein gewisser Wilfried der Haarige und ein ebenso gewisser Karl der Kahle standen, früher oder später Ärger macht, dürfte niemanden verwundern. Auf sie geht die Gründung Kataloniens zurück, und mit dem Land beschäftigt sich Europa derzeit, wenn es sonst keine Probleme gibt.

Ganz Europa? Jein. Ein von galligen Flamen bevölkertes Land hat nun einen Katalanen am Hals, der momentan aufgehört hat, den Iberern Widerstand zu leisten. Dabei ist das Leben in Gallia Belgica auch ohne den Puigisten aus Barcelona nicht leicht für die Menschen in Aduatuca Tungrorum, Leodicus und anderen Vici zwischen Arlon, Ostende, Knokke, Antwerpen und Eupen. Separatistische Bestrebungen machen in dem 1830 zusammen gefrickelten Land schon lange die Runde. Dass Flamen, Wallonen und Ostbelgier überhaupt bis heute zusammen gehalten haben, ist einzig der Monarchie zu verdanken, an der, bis auf unvermeidliche Republikaner, alle Volksgruppen ja irgendwie hängen.

Doch auch eine solche Institution ist kein Garant für Stabilität, wie man jetzt südlich der Pyrenäen sehen kann. Die katalanischen Separatisten lassen sich von König Felipe VI. und Gattin Laeticia nicht besänftigen; in ihren Reihen findet man dafür so souveräne Aktivistinnen wie Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau und deren Kommunikations-Chefin, eine Dame namens Águeda Bañón, die sich gern beim Pinkeln ablichten lässt.

Von Carles Puigdemont sind solche Natursektspiele nicht bekannt, sein Glück. Ansonsten wäre er im frommen und moralisch einwandfreien Belgien gewiss nicht willkommen. Ein „Bienvenido fugitivo!“ kann der Mann aber gut brauchen - die spanische Staatsanwaltschaft  hat Anklage gegen ihn  und weitere Angehörige der abgesetzten Regierung erhoben. Rebellion, Auflehnung gegen die Staatsgewalt und Unterschlagung öffentlicher Gelder  - das könnte hässliche Folgen für die Beschuldigten haben, auch wenn Verantwortliche für vermasselte Politik ja eher ungeschoren davon kommen; im Fall der Fälle ist man so froh, sie los zu sein, dass man sie ziehen lässt, Hauptsache weg.

541 Tage höchst vorbildlich überhaupt keine Regierung

Offiziell heißt es, Puigdemonts Reise nach Belgien habe nichts mit der Hoffnung auf Asyl zu tun. Das ist keineswegs unglaubwürdig. Wo gibt es bessere Pommes frites als in Großfritannien? Wo gibt es köstlichere Biere als im Land zwischen Schelde, Maas und Meer? Und wo werden schlonzigere Pralinen kreiert? Katalonien hat nichts dergleichen. Da muss man sich mit einer faden Crema Catalana begnügen, der müde Kopie einer Crème brûlée. Und was sind schon Gemüse-Gelatine-Streifen mit Holzkohlenöl aus einem der Labore von Ferran Adrià  gegenüber einer Portion Moules frites oder einem Teller Boulets liégeois sauce lapin oder einer Schüssel Gentse waterzooi? Das könnte sich  Carles Puigdemont durchaus gesagt haben, denn in Barcelona gibt es für ihn derzeit keine richtige Zukunft. Was hilft in solchen trüben Lebensphasen besser als gutes Essen und Trinken?

Dass sich Theo Francken, der belgische Staatssekretär für Asyl und Migration, in Sachen Puigdemont zu Wort gemeldet hat und darauf hinwies, politisch verfolgte Katalanen könnten in Belgien um Asyl ersuchen, muss nichts heißen. Francken ist Flame und gehört der Nieuw-Vlaamse Alliantie N-VA ein, einer Partei, die selber mit separatistischen Gedanken spielt. Dafür sieht er dann auch gerne darüber hinweg, dass seine national-konservative N-VA politisch mit der von linksextremen Kräften betriebenen Katalonienbewegung nicht das Geringste zu tun hat. Hauptsache, Separatismus ist ein Thema. Der Wallone Charles Michel, derzeitiger belgischer Ministerpräsident, hat dann auch gleich darauf hingewiesen, dass sich die Frage eines Asyls für Puigdemont gar nicht stelle.

Ich denke auch, der Mann ist wegen Bier und Fritten in Belgien abgetaucht. Mal ausspannen, mal nasse, kalte Luft durch die Nase wehen lassen, das macht den Kopf wieder frei. Außerdem gibt es in Brüssel so viele Hinterzimmer, wo es sich in Sachen Katalonien unauffällig verhandeln lässt. Und wenn das scheitert, hat Belgien noch ein As im Ärmel – da gab es ab April 2010 für 541 Tage höchst vorbildlich überhaupt keine Regierung. Was dem Chaos zwischen den verschiedenen Volksgruppen ganz und gar nicht nicht geschadet hat.

Leserpost (4)
Frank Hilgers / 01.11.2017

Ich finde, dass Belgien mehr als passend ist. Ist doch auch irgendwie ein failed State.

Dietmar Schmidt / 01.11.2017

Schon das Bild zum Thema, wie zu vielen anderen Themen” ist total originell. Ich hoffe der Spuk ist jetzt vorbei und die Medien haben wieder Platz für neues.

otto sundt / 31.10.2017

Der Reformationstag ist gerettet. Von der pinkelnden Aktivistin hätte man ruhig ein Bild bringen können. Glaubt sonst wieder kein Schwein.  Männeken Puigdemont passt aber auch gut in das Gender-Mainstreaming.

Uwe Manowsky / 31.10.2017

Es ist auch meine Hoffnung, dass die Sondierungsgespräche bzw. die Koalationsverhandlungen noch 4 Jahre dauern. Schaden wird das niemandem. Vielmehr wird vermutlich weniger Unheil angerichtet, als wenn eine neue Regierung im Amt wäre.

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