Wolfram Ackner / 26.07.2017 / 06:00 / Foto: Gerhard Pietsch / 15 / Seite ausdrucken

I had a dream

Je näher der Wahltag rückt, umso mehr plagen mich konfuse, bonbonfarbene Träume. Mein letzter Traum spielte in Bonn. Es war das Jahr 1959. Mein Name war Klaus-Diether Hoffmann. Ich war ein biederer 52-jähriger Familienvater, der in einem biederen Einfamilienhaus wohnte, einen biederen VW Käfer fuhr, mit einem biederem Weib namens Heike verheiratet war. Unsere drei Jungs, 14, 17, 21, sahen aus wie ich. Wohlstandsspeck, rosige Wangen, die blonden Haare zum Seitenscheitel gekämmt, Hosenträger.

Der VW Käfer war unser ganzer Stolz. Er lief und lief und lief. Wir fuhren bei jeder sich bietenden Gelegenheit kreuz und quer durch unser wunderschönes Land. Von den Alpen nach Westerland, von der Vulkaneifel in den Harz. Nichts konnte uns ein vergleichbares Gefühl von Freiheit vermitteln wie diese kleinen Alltagsfluchten mit dem Auto.

Ende 59 bemerkten wir zum ersten Mal diese riesigen Plakate, die sich sehr schnell wie wuchernder Giersch im ganzen Land verbreiteten. Auf den Plakaten war eine gute Fee zu sehen, die eine Raute formte. Die orangene Überschrift verkündete: GRIT STOP - BEI UNS IST IHR AUTO IN GUTEN HÄNDEN".

Der GRIT STOP schien tatsächlich etwas auf dem Kasten zu haben, denn innerhalb kürzester Zeit schlossen alle anderen Autowerkstätten oder wurden von der guten Fee übernommen. Aber das störte uns nicht, denn Grit, die gute Fee, flößte uns Vertrauen ein. Wenn die Grit aus der Tür trat, ihre Raute formte und ihre unnachahmlichen Sätze sprach, war es um uns geschehen. Es war Magie!

"Wir müssen heute schon die Chancen der Zukunft beherzigen, denn überall stoßen wir auf ein denken, dass kein Morgen kennt, Doch wenn wir uns nur trauen, und ich vertrauen ihrer Fähigkeit zu trauen genauso, wie sie meiner Fähigkeit zu trauen vertrauen dürfen, können wir auch morgen noch unsere Freiheit und unsere Möglichkeiten ausschöpfen, aber nicht nur diese, sondern, im sich rapide ändernden Umfeld, auch jene Möglichkeiten, für die man kämpfen muss. Wir schaffen das"

Oft verstanden wir gar nicht, was Grit uns eigentlich sagen wollte, weil eine süße Schläfrigkeit von uns Besitz ergriff, aber instinktiv liebten und verehrten wir sie. Die Grit strömte eine nahezu göttliche Biederkeit aus, in der wir uns selbst wiederfanden.

Die ersten Jahre mit der guten Fee vergingen wie im Rausch. Grit war wie eine gütige Mutti, wir waren glücklich. Gut, es war vielleicht unnötig, dass sie bei jeder Durchsicht ungefragt allen möglichen technischen Schnick und angeblich umweltschonenden Schnack zu gepfefferten Preisen gleich mit einbaute ... aber hey ... es waren die Wirtschaftswunderjahre. Wir waren verrückt nach Fortschritt und der Rubel rollte.

Aber mit der Zeit fing ich schon an, mich etwas zu ärgern. Wenn ich einen Ölwechsel in Auftrag gab, stellte sie das Ventilspiel ein, worauf prompt der Motor klingelte wie ein Fahrradkurier in einer Fußgängerzone. Wenn ich sie bat, die Lampe zu tauschen, nahm sie das Getriebe auseinander, worauf sich jeder Gangwechsel anfühlte, als würde man mit einem Stock im Brotteig rühren ... und vorne rechts brannte natürlich immer noch kein Licht. Nicht einmal den Scheibenwischer konnte sie wechseln, ohne sich ungebeten um den kleinen Kratzer an der Fahrertür zu kümmern - indem sie meinen mattschwarzen Käfer in schillernden Regenbogenfarben neu lackierte.

Kopfschüttelnd wendete ich mich mit einen Gebet an Gott: "Herr, es ist schlimm. Doch ich will nicht undankbar sein. Es könnte noch schlimmer kommen"

Ein Donnerknall ertönte und mein Wunsch wurde erhört.

Das knubbelige Dach unseres Käfers wurde durch ein Spitzdach ersetzt, die runden Scheinwerfer durch LED-Schlitze. Kaum hatten wir uns von diesem Schock erholt, wurde unser Auto zum Dreirad umgebaut. Und wehe, wir wagten einzuwenden, dass unser VW nicht mehr wie ein Käfer aussah. Da formte die gute Fee mit ihren Hände die Raute und wie aus dem Nichts tauchte ein kleines zotteliges Männlein auf, dass um uns herumtanzte, wüste Schimpfkanonaden abfeuerte und uns mit einem spitzen Federkiel piesackte. Dieses Männlein war im ganzen Land als 'der Hüter der Wahrheit' oder auch schlicht als 'das Medium' bekannt, wir jedoch nannten ihn 'den Federkielstrolch'. Natürlich nur, wenn wir unter uns waren.

Denn der Federkielstrolch war sehr empfindlich, wenn wir "bornierten Arschgeigen" ihm gegenüber "unsachlich" wurden. Schnell war dann im weinerlichen Tonfall von "billiger Mediumschelte" die Rede. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis wir herausfanden, wie man diesen Attacken entgehen konnte. Zuerst versuchten wir, mit Mund halten&nicken seinen Tiraden zu entgehen. Dies stellte sich als unzureichend heraus. Doch wir begriffen rasch den Unterschied zwischen passiver Toleranz und aktiver Akzeptanz. Wenn wir enthusiastisch jubelten, wie sicher, modern und umweltschonend unser Auto geworden war, ließ man uns in unserem Haus in Frieden. Auf Ausflüge mit dem Auto war uns sowieso schon lange die Lust vergangen. Wir benutzten es nur noch für die allernotwendigsten Wege

Als wir kurz vor Weihnachten unseren Käfer von der Motorgeneralüberholung aus dem GRIT-STOP abholten, quollen uns vor Entsetzen die Augen aus den Höhlen. Auf der Rückbank saßen fünf in Robbenfelle gekleidete Eskimos, die mit syrischen Pässen wedelten und nicht zum aussteigen zu bewegen waren.

„Was soll das?“, wagte ich mit leiser Stimme zu fragen, als es plötzlich mit einem hochfrequenten summen hell wurde. Der alte, große, hölzerne, vierfüßige Fernseher, den ich bis jetzt für Dekoration gehalten hatte, war zu Leben erwacht und marschierte auf mich zu. Auf dem Bildschirm war Anja Reschke zu sehen, die mit sich steigernder Lautstärke schrie:

„Hetzer! HETZER! HEETTZZEERR!“

Die Grit zog den Stecker, der Fernseher wurde dunkel, blieb direkt vor mir stehen.

"Es ist mir egal, ob die Syrer wegen mir in Ihrem Auto sitzen“, sagte die gute Fee. „Aber jetzt sind sie nun mal da. Außerdem vergeben sich ihre Jungs doch nichts, wenn sie sich mal ein paar Schritte an der frischen Luft bewegen! Wir kommen als Gesellschaft mit dieser dumpfen Abwehrhaltung nicht weiter. Man muss auch mal bereit sein, sich auf etwas Neues zu freuen!"

Seufzend gaben wir unseren Jungs das Geld für den Bus und fuhren nach Hause. Über die im Auto verteilten Gräten, Fischköpfe und Schuppen verloren wir lieber kein Wort. Nur zu gut war uns in Erinnerung geblieben, wie uns der Federkielstrolch bei unserer letzten "Respektlosigkeit gegenüber anderen Kulturen" malträtiert hatte. Die demolierte Rückbank ließ uns jedoch keine Wahl. So konnte unser Auwehkäfer nicht bleiben.

"Ich möchte die Grit mit der Reparatur beauftragen" sagte ich und griff zum Telefon. Meine Frau nickte.

Wer sollte es schließlich sonst machen??

Foto: Gerhard Pietsch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (15)
michael hofmann / 26.07.2017

Lieber Herr Ackner Großartige Schilderung Den Traum kenne ich und fürchte täglich ,daß, das Murmeltier grüßt. LG Michael Hofmann

Horst Lange / 26.07.2017

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte…. schauderlich. Alternativen? In einer Sage heißt es “Fährmann, hol über” und die alten Könige und Kaiser kommen, um die deutschen Lande aus größter Not zu retten.

Peter Kastner / 26.07.2017

Daumen hoch (für den Beitrag). Für Grit den Daumen runter. Grüße

B.Klingemann / 26.07.2017

Herrlicher, schrecklicher Traum! Jeder, der ein Auto hat, sollte sich insbesondere vor der Wahl fragen: Wie weit weg kann es mich und meine Liebsten fahren?

Sonja Brand / 26.07.2017

Schon im Mittelalter wurden Wahrheiten in märchenhafte, satirische Form verpackt, weil ein offenes Aussprechen den “Tod” bedeutet hätte. Was wäre ein fürstlicher oder königlicher Hof ohne seine Hofnarren gewesen? Also hier ein ebenbürtiges Revival. Genial!!!

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