Wolfgang Röhl / 12.04.2016 / 08:20 / Foto: Michael E. Cumpston / 6 / Seite ausdrucken

Es war einmal ein Adler, der hatte viele Tadler

Haben Sie die Meldung gelesen? In Norddeutschland, wo seit langem Konzerne umstrittene Pläne für Energieförderung durchzupeitschen versuchen („Fracking“) wurde am 10. Februar ein in seinem Horst erschossener Seeadler gefunden. Der Seeadler zählt zu den bedrohten Tierarten, die in Deutschland und Europa streng geschützt sind. Es war bereits der fünfte Fall in der Region, „bei dem Seeadler vorsätzlich durch Gift oder Schusswaffen ums Leben gekommen sind“, wie der NDR berichtete. Lange gab es keine Hinweise auf Täter. Doch das änderte sich nach dem letzten Fall, der hohe Wellen schlug.

Nachdem eine Belohnung von weit über 10.000 Euro für Hinweise auf den Schützen ausgelobt worden war (der Löwenanteil davon kam dankenswerterweise vom „Nabu“), konnte die Staatsanwaltschaft Stade im März einen Tatverdächtigen präsentieren. Es handele sich, wie Oberstaatsanwalt Kai Thomas B. bekannt gab, um einen 65jährigen Jagdscheininhaber aus der Gemeinde Balje-Hörne. Er sei Ende Januar von Zeugen beobachtet worden, als er „in der Nähe des Adlerhorstes in den Wald“ ging, so das „Hamburger Abendblatt“. Kurze Zeit später hätte die Zeugen einen Schuss vernommen.

Das Motiv des Tatverdächtigen, so der Staatsanwalt, sei möglicherweise finanzieller Art. Einem nahen Verwandten des Beschuldigten, welcher sich inzwischen von einer Anwältin vertreten lässt und bislang zu den Vorwürfen schweigt, gehöre Grundbesitz in der Nähe des Adlerhorstes. Der potenzielle Wert dieses Grundstücks, sagen Anwohner, hätte durch die unbotmäßige Anwesenheit von Seeadlern sinken können, da die Gegend für Energiekonzerne hoch attraktiv ist. Langfristige Planungen für die Aufstellung von hohen Türmen zur Energieförderung hätten durch die Existenz der seltenen, besonders geschützten Seeadler in diesem Gebiet durchkreuzt werden können. Denn solche Anlagen müssen erhebliche Abstände zu den Brutplätzen von Seeadlern aufweisen.

Der mutmaßlich aus Profitgier erfolgte Kill an einem Seeadler hat bundesweit für Entrüstung gesorgt. Medien wie „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ berichteten darüber in großer Aufmachung. Zumal Umweltschutzorganisationen wie der „Bund“ Mahnwachen vor den Geschäftszentralen der Energieunternehmen organisierten und „Greenpeace“-Aktivisten auf dem Dach von „Exxon Mobile“ eine riesige Banderole mit der Aufschrift „Fracking tötet - auch den Seeadler!“ angebracht hatten (die „Tagesschau“ berichtete). Der beschuldigte Jäger, dessen Name sich über soziale Netzwerke blitzartig verbreitete, steht inzwischen unter Polizeischutz, weil ihn radikale Tierschützer bedrohen („Wir wissen, wo du wohnst...“).

Wie? Sie, lieber Leser, haben von all dem gar nichts mitgekriegt? Entschuldigung. Ich habe da wohl was vertüdelt. Der Fall, den ich geschildert habe, stimmt zwar. Aber nur im Prinzip. Also, der Seeadler wurde erschossen, der Nabu hat vorbildlich reagiert, der Stader Oberstaatsanwalt ebenfalls.

Den Rest habe ich jetzt mal erfunden. Denn die Chose hat - außer an der Nordseeküste -  natürlich nur kleine Wellen geschlagen. Und auch die sind längst verebbt. Den großen Medien, im Bedarfsfall mit jedem Juchtenkäfer solidarisch („Stuttgart 21“) ging das Ganze am Arsch vorbei. Unnötig nachzutragen: Es gab im Fall des erschossenen Seeadlers mitnichten Greenpeace-Aktionen, auch keine Bund-Mahnwachen. Und radikale Tierschützer haben bekanntlich andere Aktionsfelder. Zum Beispiel bei der Firma Wiesenhof.

Ahnen Sie, warum? Bingo!

Bei den Energiekonzernen, die jeden Landwirt auf der Einkaufsliste führen, dessen Grundstücke für ihre Fördertürme attraktiv sind, handelt es sich in unserem Fall selbstredend nicht um die Fracking-Lobby. Sondern um Windpark-Kapitalisten, die im Zuge des „Repowering“ die Kulturlandschaften mit immer mächtigeren Beton- und Stahlmonstern zustellen. Derzeit sind Höhen von über 200 Meter am profitabelsten. Aber da ist noch viel Luft nach oben.

Außer, es flattern irgendwelche blöden Seeadler in der Gegend rum. Knallt man die Viecher nicht rechtzeitig ab, vermehren sie sich auch noch. Das kann juristischen Stress vor den Verwaltungsgerichten bedeuten. „Es war einmal ein Adler, der hatte viele Tadler“ (B. Brecht, „Kinderverse“). Ein exemplarisch anmutender Fall wie der in Balje – wann hat man schon mal eine derartige Steilvorlage vom Staatsanwalt - wäre natürlich unschwer aufzudröseln.

Er wäre für Profis, zum Beispiel öffentlich-rechtlich alimentierte Funk- und Fernsehjournalisten mit viel Zeit und einem hübschen Spesenkonto, wunderbares Recherchenfutter. Würde allerdings tief in die hässlichen Eingeweide jener Deals führen, welche beim ökologisch-industriellen Komplex seit Jahrzehnten laufen. Schmutzige Deals, die Dörfer spalten und Gemeinschaften vergiften. Wo hernach ein paar Gewinner leben und ganz viele Verlierer.

Ein Tipp vom Landbewohner, liebe Kollegen: Norddeutsche Dörfer sind beileibe nicht von Mauern des Schweigens umgeben. Diese gibt es nur in doofen NDR-Fernsehkrimis mit Maria Furtwängler. Werden irgendwo ein paar Hühner misshandelt, schickt dann der NDR nicht ein Reporterteam an den Ort des Grauens und wird sogleich fündig?

Auch im Baljer Fall gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Vielleicht hat sich einfach nur ein Schuss gelöst, als der hobbyjagende Bauer zufällig um den Horst des Seeadlers strich, um eine Prise Nordseeluft zu schnuppern? Und die Seeadlerfamilie, die vor knapp einem Jahr in Dithmarschen, dem Zentrum des nordischen Windradwahns, rätselhaft verstarb (sie hatte sich an einem mit Gift präpariertem Ferkelbein gelabt), hätte die nicht verdammt noch mal besser aufpassen können?

Sicher ist nur dies: mit dem investigativen Eifer der Vierten Gewalt ist es Sense, sobald die Schurken nicht ins erneuerbare Weltbild passen.

Wie schön ist da doch Panama!

Leserpost (6)
Andreas Rochow / 14.04.2016

Das wäre doch klassischer Stoff für einen politisch unkorrekten Umweltkrimi, wie sie leider nur selten zu finden sind. Dass der Vorfall aber nicht einmal regional für Aufsehen gesorgt hat, zeigt nur zu deutlich, wie die freiwillige Kanonisierung der Medien mit dem Erneuerbare-Energien-Wahn und den in Bewegung geratenen irrsinnigen Geldströmen fortgeschritten ist. Genau das ist es, was den Klimaalarmisten vorzuwerfen ist: Sie beanspruchen für sich die “höhere Moral” und leiten daraus Geldverschwendung, Ressourcenvergeudung und und eine “andere” Zerstörung der Natur als “dringend notwendig” ab. - Vielen Dank für die ausführlichen Informationen über den Seeadler, von der ich anderenorts nicht in der Presse oder im Fernsehen (Empfangsbereich NDR3/Niedersachsen) erfahren habe. Der Fall wirft ein deutliches Licht auf die Umweltverbände.

Wolfgang Richter / 13.04.2016

Wir brauchen noch reichlich beflügelte Spargel in den norddeutschen Tiefebenen und Mittelgebirgs-Wäldern, damit die Bewohner der uns umgebenden Staaten auch in Zukunft noch in den Genuß des von uns subventionierten, im Überfluß nutzlos produzierten Stroms kommen, dort preiswert zu haben, weil wir die freundlicherweise zur Vermeidung des hiesigen Netzkollapses vorgenommene Abnahme auch noch zahlen. Insofern wäre es eine schöne Pointe, wenn der den Seeadler Jagende z. B.  einen polnischen oder tschechischen Nachnamen hätte. Und wenn die Spargel erst mal stehen, erschlagen sie zum Erhalt des eigens benötigten freien Luftraumes ohnehin das eine oder andere fliegende Zeugs, das den Kreisel des Propellers nicht respektiert. Alles für eine schöne ökologisch grüne Welt.

Waltraud Plarre / 12.04.2016

Wen sollen wir nun tadeln? Den Bauern aus Balje, der auch mal das ganz große Geld machen wollte oder die, die mit ihrer unsozialen Energiepolitik den Grundstein für Profitgier, soziale Verwerfungen, stärkere Verarmung der Bevölkerung und für Bestechung und Korruption gelegt haben? Sie sind die eigentlichen Verbrecher, da sie den Vertrauensvorschuss ihrer Wähler aufgebraucht haben. Sie tun alles, um der ungerechtfertigten Bereicherung Einzelner (Windkraftinvestoren, Projektierer, Windparkbetreiber) mit dem Geld auch des Ärmsten der Armen und auf Kosten der Natur und deren hilflosen Kreaturen den Weg zu ebnen. Ihren Lohn sehen sie in der Macht. Augen auf bei der nächsten Wahl und versäumt nicht, Eure Volksvertreter von Beginn an zu kontrollieren. denn sie wissen sonst bald nicht mehr, was sie tun! W. Plarre, Brandenburg

Thomas Weidner / 12.04.2016

Warum um den heißen Brei herumreden? Bis dato diente der Naturschutz, so wie ihn die Grünen veranstaltet haben ja nur dazu, die Republik unregierbar zu machen. Seit Merkel den Grünen ihren Willen erfüllt hat, ist der Naturschutz obsolet geworden. Für Windradbau und die Straßen zum Hintransport der Bauteile wird selbst Wald in Naturschutzgebieten rigoros abgeholzt. Ob Windräder Vögel oder Fledermäuse schreddern, spielt auch keine Rolle mehr. Der Tieffrequente Windradlärm? Darf es noch ein bißchen mehr sein - ist ja schließlich kein verdammenswerter Straßenverkehr. Und, und, und…

Waldemar Undig / 12.04.2016

Oh ja, Panama. Da gibt es Bananen und keine Windräder.

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