Quentin Quencher / 07.02.2018 / 14:30 / Foto: Helperdz / 1 / Seite ausdrucken

Die Konferenz der Münzen

Münzen tragen ihr Wappen mit Stolz, früher waren oft Feldherren oder gar Könige eingeprägt. Ja, ihre Prägung ist es, was ihren Wert im Alltag ausmacht, ihren Gebrauchswert anzeigt. Aus was sie besteht, aus welchem Material ihr Körper, ihre Eigenschaften und ihr Charakter sind, darüber machen sich die wenigsten, welche die Münze benutzten, wirklich Gedanken.

Früher schon, da schien ihr Charakter wichtiger als ihre Prägung. Manchmal wurden nämlich, wenn der alte König gestürzt oder umgebracht war, Münzen einfach umgeprägt. Substanz zählte mehr als Oberfläche; war es Gold, war es Silber, unbedingt rein sollte es sein. Wurde daran manipuliert, wurde das Metall verfälscht, aus dem der Rohling gegossen wurde, dann nützte die schönste Prägung nichts mehr, kein wichtiger Kopf, kein Kaiser oder König konnte die Münze aufwerten; sie war wertlos geworden.

Heute, so scheint es, spielt die Substanz, die Eigenschaften und der Charakter der Münze im Alltag keine Rolle mehr, nur die Prägung zählt. Menschen vertrauen auf diese Oberflächlichkeiten, und Münzen wissen, dass sie ohne Menschen keine Bedeutung haben. Sie nennen es Münzenkultur oder so, was sie als prägend für sich selbst betrachten und vergessen dabei, dass der Entstehungsprozess einer Münze bereits mit der Auswahl der Metalle und Zusatzstoffe beginnt.

Doch auf Kongressen sprechen sie dann darüber, wobei diejenigen Münzen, die nur aus Gold oder Silber bestehen, höchstens mal eine Eröffnungs- oder Schlussrede halten können, zu abgehoben und zu elitär wirken sie auf das allgemeine klimpernde Fußvolk. Außerdem wissen sie nicht viel von der Lebenswirklichkeit im Geldbeutel der Menschen; sie wurden noch nie durch einen Zählapparat gejagt oder gerollt und verpackt in einer Schublade verstaut.

Manche meinen, es hätte mit Bildung zu tun

Am Rande einer solchen Konferenz – ein paar Kupferpfennige unterhielten sich mit einer Nickelmünze und einem DDR-Alu-Groschen – wurde dann schon mal die Verwünschung geäußert, dass aus diesem schwätzenden blinkenden Goldtaler hoffentlich bald Zahngold gemacht wird. Der Alu-Groschen brach in schallendes Gelächter aus: „Früher wurde das bei uns 'Bewährung in der Produktion' genannt!“

Aber von diesen Stammtisch- oder Bargesprächen mal abgesehen, kommen auf diesen Konferenzen der Münzen immer auch verschiedene seriöse Fachgruppen zusammen. Mit Spezialisten, die in Metallurgie machen, oder solchen, die sich hauptsächlich mit den Prägungen beschäftigen. Zwischen diesen beiden Fachgruppen gibt es allerdings regelmäßig Streit darüber, was denn wirklich den Wert einer Münze ausmacht.

Und es gibt noch die Fachgruppen, die sich mit der Lehre vom Menschen befassen. Gerade die wären froh, könnten sie eine so klare Unterscheidung zwischen Substanz und Prägung an ihren Untersuchungsobjekten vornehmen. Bei Menschen sind weder Unterschiede in ihrer elektrischen Leitfähigkeit messbar, noch in ihrem Magnetismus. Die Substanz scheint überall die gleiche zu sein, offensichtlich laufen alle Unterschiede auf ihre Prägungen hinaus.

Nur wie diese Prägungen geschehen, davon hat auch keiner eine klare Vorstellung. Manche meinen, es hätte mit Bildung zu tun, schon das Wort drücke ja aus, dass ein Bild aufgeprägt wird; andere wenden ein, die Bildungsprägung könne nur an der Oberfläche wirken, an der Substanz würde die ja nichts ändern, eine Prägung müsse zwangsläufig immer oberflächlich bleiben.

Münzen wissen, Menschen verhalten sich ganz unterschiedlich ihnen gegenüber. Schwaben beispielsweise – so konnte in einer Studie nachgewiesen werden – hätten den Kupferdraht erfunden, weil sie einen Pfennig so lange in der Hand gedreht hätten, bis daraus ein Draht wurde. „Ja, das stimmt“, meinte der Alu-Groschen dazu, auch der Grand Canyon wäre entstanden, weil ein Schwabe dort ein Zehnerle verloren hätte, nach dem er dann so lange suchte und grub, bis er ihn wieder hatte.

Münzen kommen viel herum

Der Kupferpfennig, den die rassistischen und herablassenden Äußerungen – solche, die immer eine unterschwellige Minderwertigkeit des Pfennigs ausdrücken – mal wieder zur Weißglut gebracht hatte, meinte zum Alu-Groschen: „Deinetwegen hätte der Schwabe bestimmt nicht gegraben, sich wahrscheinlich nicht mal gebückt. Außerdem, wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert!“ Die anderen wollten noch ein paar unschickliche Bemerkungen machen, beispielsweise über den Pfennigfuchser, verkniffen es sich dann aber, als sie sahen, dass der Pfennig bereits rot glühte.

Sie konnten auf dieser Konferenz keine Einigung über die Menschen erzielen und mussten feststellen, dass hier noch weiterer Forschungsbedarf besteht. Sicher ist nur, sie sind verschieden, die Menschen. Münzen kommen viel herum, deshalb wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, welche Berichte über die verschiedenen Verhaltensweisen der Menschen sammeln und untersuchen soll. Ein anfangs etwas belächelter Silberdollar älterer Prägung sprach von unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen, ohne es genauer erläutern zu können.

„Was soll denn das sein“, fragt der arabische Dirham, „Kann man das wiegen oder messen?“ Keiner hatte eine Antwort. Eine Vermutung ist, es müsse was mit den ureigenen Eigenschaften des Menschen zu tun haben, mit seiner Substanz. Etwas also, was sich auch nicht durch eine Umprägung verändern ließe. Als diese Vermutung geäußert wurde, verließen einige Pädagogen, meist Euros, den Raum. Sie sind überzeugt davon, dass die Bildungsprägung bis hinein in die Substanz wirkt, ja diese sich der Prägung anpasst. Der Silberdollar, ehemals ein hochgeachteter Metallurg, bezeichnete dies als Voodoo, und das hätte nichts mit Wissenschaft zu tun. Mit voller Wucht brachen die alten Gräben auf.

Zu einer Schlussrede kam es auf dieser Konferenz nicht mehr, alles ging im allgemeinen Tohuwabohu unter. Immer wieder setzte der Goldtaler zu seiner Rede an, als er dann aber sah, wie sich vor allem die niederen Münzen gegenseitig an die Gurgel gingen – kämpfen können die nämlich, das lernen die schon wegen des ständigen Gerangels im Geldbeutel –, bekam er Angst um seine Unversehrtheit und verließ, so schnell er es eben konnte, das Podium.

Ob oder wann es wieder eine Konferenz der Münzen geben wird, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.

Dieser Beitrag erschien auch auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser.

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Leserpost (1)
Bernd Bauer / 07.02.2018

Was soll das für ein Beitrag sein?

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