Quentin Quencher / 22.03.2022 / 15:00 / Foto: Tomaschoff / 7 / Seite ausdrucken

Propaganda und Alltagssprache

Diejenigen, die den Menschen vorschreiben wollen, wie und was sie sagen dürfen, oder sollen, und es als Bestätigung empfinden, wenn ihnen Mitläufer nachplappern, werden die Veränderung erst erkennen, wenn es zu spät ist.

Ich habe den Eindruck, die Gespräche verändern sich. Heute morgen unterhielt ich mich mit einem Nachbarn, der ist schon etwas älter, über achtzig, am Gartenzaun. Und der benutzte Wörter, die ich früher nie von ihm hörte. Beispielsweise „Pressezensur“ und dass man keinen Verlautbarungen mehr glauben könne. Vielleicht ist er aufgewacht, weil seine Frau auch Corona erwischt hat, obwohl beide dreimal geimpft sind. Egal, mir fiel auf, dass sich seine Ausdrucksweise verändert hat und ich habe einen Moment darüber nachgedacht, was eine Veränderung in der Alltagssprache aussagt.

In jeder Gesellschaft kursieren aus den vorherrschenden Ideologien hervorgehende Propagandaworte, in der DDR waren das beispielsweise Völkerfreundschaft, Klassenfeind oder Volkseigentum und jede Menge weitere. Im Alltagssprachgebrauch kamen diese Worte allerdings nicht vor, wer sie dennoch verwendete, machte sich lächerlich. Selbst Mitläufer und Opportunisten gebrauchten sie nur zu solchen Anlässen, bei denen es von ihnen erwartet wurde.

Ähnlich verhält es sich nun auch in der Bundesrepublik, hier sei insbesondere die Gendersprache genannt, im Alltagssprachgebrauch kommt sie praktisch nicht vor und nur dann, wenn Mitläufer nicht in einen Verdacht kommen wollen, benutzen sie diese Wörter. Etwas anders verhält es sich aber bei Begriffen wie Nachhaltigkeit, ökologisches Gleichgewicht, Klimawandel und dergleichen.

Propagandaworte verschwinden schnell, Ideologien langsam

Bei diesen, die grünen Ideologien transportierenden Wörtern, ist die Scham, sie im Alltagssprachgebrauch zu benutzen, deutlich geringer. Was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass die ideologische Durchdringung der Gesellschaft hier deutlich weiter fortgeschritten ist, zumindest was grüne Ideologien betrifft; weniger betroffen sind die sozialen Bereiche, die sind mehr die Spielwiese der Linken oder Sozis und werden im Alltagssprachgebrauch nach wie vor gemieden, wohl weil sie als Propaganda erkannt werden.

Wie tief Ideologien im Volk verwurzelt sind, lässt sich gut daran erkennen, welche Propagandaworte es in den Alltagssprachgebrauch geschafft haben und welche nicht. Ändern sich die politischen (Macht)-Verhältnisse in einem Staat oder einer Gesellschaft, dann verschwinden die Propagandaworte so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Die Ideologien allerdings, die es geschafft haben, ihre Begriffe in der Alltagssprache zu verankern, die verschwinden nicht so einfach, das wird ein langsamer und schmerzhafter Prozess werden. Erst wenn es erkennbar wird, dass diese Ideologien in den wirtschaftlichen Ruin führen, wenn das deutlich zu spüren ist, wird es zu einer Umkehr kommen. Erkennbar sind die Anfänge einer solchen Umkehr auch in der Alltagssprache, bisher unbeachtete oder auch neue Formulierungen finden ihren Weg hinein.

Wer solche Veränderungen rechtzeitig erkennen möchte, vielleicht um sie für eigene Machtpositionen zu nutzen, der muss dem Volk aufs Maul schauen, wie es so schön heißt. Diejenigen, die den Menschen vorschreiben wollen, wie und was sie sagen dürfen oder sollen, und es als Bestätigung empfinden, wenn ihnen Mitläufer nachplappern, werden die Veränderung erst erkennen, wenn es zu spät ist.

Der Beitrag ist ebenfalls auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser erschienen.

Foto: Tomaschoff

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Leserpost

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Horst Kruse / 22.03.2022

Heiner Geissler wusste schon :  ” Wer die Begriffe besetzt , besetzt auch die Köpfe . “

Jörg Themlitz / 22.03.2022

Über die interessante Beobachtung der Worte - Ideologie Verknüpfung hinaus, die Bedeutung der einzelnen Wörter verschwimmt, vergraut. Ich verstehe nicht, warum mir Leute in einer e-mail irgendwelche Grafiksimpelchen an einen Satz hängen. Smiley genannt. Selbst wenn der Smiley heult oder kotzt, heißt er Smiley. Die Frage, sind die nicht in der Lage wohlgesetzte, den Sachverhalt beschreibende oder persönliche Worte zu finden oder haben die Angst, ich würde den Sinn der Worte nicht verstehen? Ich bin das halbe Jahr in der CZ. Ich habe mir in 3Sat ein Stück einer deutschen CZ Reportage angesehen. Über das was die junge Braut da sachlich falsch vermittelte, Schwamm drüber. Erschreckend, mit wie wenig unterschiedlichen Worten die auskam, wohl im Leben auskommen muss. Darüber hinaus beobachte ich ein SMS Syndrom. (in meinem Leben erst ca. 20 vom Niveau, okay, ja, nein eingetippt) Der Begrenzung der Zeichenanzahl folgt nach meiner Beobachtung, eine limitierte Auffassung, unzureichende Kenntnisnahme, geringe gedankliche Durchdringung minimal längerer Texte. (SMS wurde mal für technische Zwecke, Techniker entwickelt) Wenn ich drei Fragen in einer e-mail oder in einer anderen Form versende, wird die erste Frage beantwortet. Die anderen Fragen erst nach Aufforderung. “Ach ja, hab ich übersehen” Zwei Drittel vom Text!? Ich schreibe hier von Menschen mit Abitur aufwärts. Früher hieß es mal, ´mündlich niemals drei Aufgaben geben.`; Die erste Aufgabe wird erfüllt, die zweite Aufgabe zum Teil und die dritte Aufgabe gar nicht, die wird komplett vergessen, selbst nach Erinnerung. Jetzt sind wir beim Schriftlichem soweit.

Daniel Kirchner / 22.03.2022

Klimawandel klingt deutlich normaler als “Klimaschutz”. Mit Klimaschutz ist ja nicht Schutz vor dem Klima gemeint, sondern dass ich das Klima schützen muss, z.B. vor einer Erwärmung. Im Alltag höre ich das selten.

b. stein / 22.03.2022

Viele denken seit Jahren, dass die Wiedervereinigung zum Ziel hatte DDR Bürgern für immer zur Freiheit zu verhelfen. Aber selbst wenn man heute nicht auf alle Details achtet fällt auf, dass es anders herum ist. Die Ossis haben das schnell erkannt. Viele Wessis staunen noch. Ok, es is auch sauschwer sich in Sachen reinzudenken die man sich einfach nicht vorstellen kann weil man noch nie gegängelt leben musste. I

T. Merkens / 22.03.2022

Hallo Herr Rolf Mainz, leben Sie im Ausland? Geben Sie doch einmal das Wort “Impfung” oder “Impfen” (neuerdings geht alternativ auch “Frieren”) zusammen mit “Freiheit” in eine Suchmaschine ein. Bitte denken Sie sich an dieser Stelle ein freundliches Smiley für Sie, und das Gegenteil für Ihre Suchergebnisse.

Rolf Mainz / 22.03.2022

Vor allem ist erstaunlich, dass bestimmte Worte inzwischen fast verschwunden zu sein scheinen. Beispiel “Freiheit”. Wann hat man dieses Wort von Politikern und Presse zuletzt gehört?

Karsten Dörre / 22.03.2022

Kollektiv, solidarisch, wir (“vom Ich zum Wir”), neuer Mensch. Alles noch gar nicht so lange her, zumindest in Ostdeutschland. Vermutlich kommt sowas erst 80 Jahre später in Gesamtdeutschland an. Oder die DDR war nur ein westdeutsches Pilotprojekt. Jetzt kann man sowas in ganz Deutschland einführen.

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