Markus Somm, Gastautor / 26.06.2017 / 06:17 / Foto: Pdpics / 8 / Seite ausdrucken

Die Kohl-Stunde

Vor gut einer Woche ist Helmut Kohl gestorben, ein Titan der deutschen Geschichte ohne Frage, und seither sind zahlreiche Nachrufe erschienen, wo seine Verdienste um die deutsche Einheit, sein Beitrag zur europäischen Integration, aber auch dunklere Seiten wie seine Rolle in der - historisch betrachtet - wohl lächerlichen Spendenaffäre beleuchtet wurden. Oft strichen die Grabredner heraus, wie wichtig die Europäische Gemeinschaft für ihn gewesen sei, wie sehr er an «Europa» geglaubt habe, – ein Mann und Historiker, der den Zweiten Weltkrieg und die Herrschaft der Nazis noch selbst, wenn auch als Kind, erlebt hatte, – und schliesslich wie sehr die europäische «Solidarität» die deutsche Einheit ermöglicht haben soll.

Mit anderen Worten, im Nachhinein bemüht man sich, auch der EU, der wankenden, einen Beitrag an die deutsche Wiedervereinigung zuzumessen. Dass Kohl, der mit dem deutschen Establishment seit Jahren über Kreuz lag, nicht in Deutschland mit einem Staatsakt in Berlin gewürdigt wird, was er sich verbat, sondern im französischen Strassburg, womit er nicht rechnete und deshalb nicht unterband – diese betont europäische Symbolik scheint alles zu bestätigen: War er nicht in erster Linie ein guter Europäer – und erst dann ein Deutscher? Ohne Europa keine deutsche Einheit, dafür steht Strassburg, die Stadt, die Deutschland 1918 aus eigenem Verschulden verloren hat.

Das ist ironisch. Denn wäre es 1989 nach den damals mächtigsten europäischen Politikern ausserhalb Deutschlands gegangen, gäbe es die DDR noch heute, vielleicht hiesse das Land wieder Preussen oder Ostdeutschland, aber zur Bundesrepublik hätte dieses Gebiet eigentlich nicht stossen sollen. Keiner war begeistert, alle plagte Angst, manche hintertrieben die Wiedervereinigung, solange sie konnten, und als sie sich als unabwendbar erwies, verlangten sie von Deutschland ein hohen politischen Preis: den Euro. Ein Blick zurück mag Legenden vorbeugen, die gegenwärtig im Zusammenhang mit Kohls Tod verbreitet werden. Niemand wühlte dabei mehr gegen die deutsche Wiedervereinigung als Kohls angeblicher Freund, François Mitterrand, der Präsident der französischen Republik, ein schlauer, zuweilen bösartiger Mensch.

Entsetzen in Kiew

Im Dezember 1989, die Berliner Mauer war eben gefallen, flog Mitterrand nach Kiew, in die damals noch bestehende Sowjetunion, um Michail Gorbatschow zu treffen, den damals noch herrschenden Chef des kommunistischen Grossreiches. Beide waren sehr besorgt, nein: bestürzt und entsetzt – sie rochen Krieg. Ohne sie zu fragen oder ins Bild zu setzen, hatte eine Woche zuvor Helmut Kohl, der deutsche Bundeskanzler, ein Zehn-Punkte-Programm vorgetragen, das den Weg zur deutschen Wiedervereinigung festlegte. Alle waren überrascht, selbst in Deutschland waren nur wenige eingeweiht, das Weisse Haus erhielt den Text kurz vorher, als in Washington noch Nacht war.

Wenn dieses Programm sogleich als Sensation oder je nach Standpunkt als Provokation galt, dann aus zwei Gründen: Kohl setzte die deutsche Einheit als Ziel fest – zu einem Zeitpunkt, da dies für die meisten keineswegs ausgemacht war –, und er tat es mit einer Entschlossenheit, die auffiel, weil er niemanden dafür um Erlaubnis gebeten hatte. Es war ein Akt der Souveränität seines Landes, wie er seit 1945 eigentlich gar nicht mehr vorgesehen gewesen war; es war ein mutiger, kühner, vielleicht tödlicher Schritt. Nur wenige Tage, nachdem die DDR-Behörden in einer Mischung von bürokratischer Unfähigkeit und dramatischem Machtzerfall die Mauer in Berlin geöffnet hatten, war Kohl vorangestürmt – in einen Abgrund oder in die Unsterblichkeit? Niemand wusste das so genau.

Mitterrand und Gorbatschow glaubten an das Erstere. In ihrem Gespräch, das sorgfältig transkribiert wurde und wir deshalb kennen, beratschlagten sie darüber, was zu tun sei – und das Gespräch wirkt, als ob es den Kalten Krieg nie gegeben hätte, als ob Frankreich und Russland nach wie vor so enge Verbündete wären wie 1914. Wir zitieren es in Auszügen.

Gorbatschow, schwer verärgert, sagte: «Ihr Freund Kohl, Ihr Partner, ist ein Bauerntölpel vom Land. In Russland denkt selbst der bescheidenste Provinzpolitiker sechs Züge voraus – nur Kohl nicht!»

Mitterrand: «In Deutschland sind wir mit einem Widerspruch konfrontiert. Es ist schwer, den breiten Willen der Bevölkerung zu übergehen ... auf der anderen Seite will niemand grössere Veränderungen in Europa sehen wegen der Wiedervereinigung, bevor wir nicht einige Massnahmen ergriffen haben. ... Wir müssen Fortschritte in der europäischen Einigung machen, damit das deutsche Problem verringert wird. ... Alle Europäer sind sich einig, dass das deutsche Problem zu schnell aufgekommen ist. Kohls Rede hat die Dinge auf den Kopf gestellt, und das war falsch.»

Gorbatschow: «Ich bin völlig einverstanden. Das Zehn-Punkte-Programm wirkt wie ein Elefant im Porzellanladen. Helfen Sie mir, die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern! Wenn Sie das nicht tun, werde ich von einem Militärregime gestürzt, dann werden Sie die Verantwortung dafür tragen, wenn ein Krieg ausbricht. Was ist das Interesse des Westens? Ich habe gestern Genscher gesagt (deutscher Aussenminister), dass dieser Zehn-Punkte-Plan ein Diktat sei ... und Schewardnadse (sowjetischer Aussenminister) teilte ihm mit, nicht einmal Hitler habe je diese Art von Sprache gewählt!»

Mitterrand widersprach offenbar nicht – und reiste nach Paris zurück, um jene Politik der europäischen Umarmung voranzutreiben, von der er sprach. Wenn man Deutschland schon nicht davon abhalten konnte, sich zu vereinen, dann sollte es in der Europäischen Union aufgehen, einem Begriff, der erst in diesen Tagen aufkam. Im irrigen Glauben, Frankreich litte unter der Übermacht der deutschen Mark, drängte Mitterrand vor allem auf die Währungsunion, was die Deutschen, insbesondere deren stolze, bislang unabhängige Bundesbank, immer kategorisch abgelehnt hatten.

Panik in London und Paris

Margaret Thatcher war die zweite, mächtige Europäerin, die mit der deutschen nationalen Trunkenheit in Berlin wenig anfangen konnte. Genauso wie Mitterrand geprägt von den Erfahrungen des deutschen Expansionsdrangs früherer Zeiten – sie hatte die Bombardierung der englischen Städte als Mädchen mitangesehen – fürchtete sie eine neue Vorherrschaft der Deutschen auf dem Kontinent. Nachdem Kohl erste Zugeständnisse gemacht und die Bereitschaft angedeutet hatte, über eine gemeinsame Währung immerhin nachzudenken, trafen sich Thatcher und Mitterrand am Rande einer der vielen Konferenzen. Auch dieses Gespräch ist überliefert. Es fand ebenfalls im Dezember 1989 statt.

Thatcher: «Kohl hat keine Ahnung von den Widerständen, die es in Europa gegen eine Wiedervereinigung gibt. Deutschland ist geteilt, weil die Deutschen uns schreckliche Kriege auferlegt haben. Tag für Tag wächst die Macht Deutschlands.»

Mitterrand: «Kohl zählt auf die natürlichen Instinkte der Deutschen. Er möchte jener sein, der sie dazu ermuntert hat. Gibt es viele Deutsche, die dem widerstehen können? Sie haben nie ihre Grenzen festgelegt.»

Jetzt griff Thatcher zu ihrer Handtasche und nahm eine Europa-Karte heraus, wo Deutschland in den Grenzen vor dem Zweiten Weltkrieg dargestellt war: «Sie werden alles das wieder nehmen», und dabei zeigte sie auf Ostpreussen, Schlesien und Pommern, einst deutsche Gebiete, die heute alle zu Polen gehören.

Mitterrand: «Wie sich das alles beschleunigt, ist wirklich gefährlich!»

Thatcher: «Und die Amerikaner wollen das nicht einmal aufhalten. Es gibt eine sehr starke pro-deutsche Lobby in Amerika.»

Mitterrand: «Wir haben nicht länger die Mittel, um Gewalt anzuwenden gegen Deutschland. Wir sind in der gleichen Lage wie die Führer Frankreichs und Britanniens vor dem Zweiten Weltkrieg, als diese es versäumten, etwas zu unternehmen. Wir dürfen keinesfalls wieder in die Situation von München geraten!»

In München liessen sich 1938 Briten und Franzosen von Hitler täuschen, indem sie dem deutschen Diktator im Austausch für «Frieden» die deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei auslieferten. Mitterrand und Thatcher, zwei intelligente Politiker, befürchteten also 1989 tatsächlich, sie befänden sich in der gleichen Situation wie vor dem Zweiten Weltkrieg.

Thatcher: «Wenn die DDR etwa 15 Jahre lang eine Demokratie gewesen ist, dann kann man wieder über die Wiedervereinigung reden.»

Mitterrand: «Wir sollten die Entente zwischen Frankreich und Grossbritannien wieder ins Leben rufen, wie 1913 und 1938 ...»

Dazu kam es nicht. Es gehört vielleicht zu den grössten historischen Leistungen von Kohl, dass er in diesem flüchtigen Moment der Weltgeschichte, auf den er sich nie hatte vorbereiten können, alles richtig machte, indem er beides zugleich war: rücksichtslos, brutal, arrogant und felsenfest überzeugt – und doch geschmeidig und spendabel genug, womit ihm gelang, die Europäer aus ihrer Schockstarre zu befreien.

Man darf Mitterrand und Thatcher, zwei der besten Politiker ihrer Generation, ein Linker und eine Rechte, nämlich nicht mit Spott oder Mitleid beurteilen, keinesfalls waren sie Dinosaurier aus einer vergangenen Zeit: Ihre Paranoia war real, und die meisten Europäer teilten sie, was verständlich ist nach zwei deutschen Weltkriegen. Umso höher gilt zu bewerten, was Kohl vollbracht hat. Mitterrand und Thatcher, auch Gorbatschow, das waren formidable Gegner – und keine Freunde Deutschlands –, und dennoch spielte er sie aus, er überzeugte sie, beruhigte sie, er gab etwas nach und setzte sich am Ende durch.

Freunde in Washington

Im Nachhinein wirkt atemberaubend, wie schnell dieser riesige, schwerfällig wirkende Gargantua sich bewegte: Kaum war die Mauer in sich zusammengestürzt, drängte er Richtung Einheit, wir haben die Bestürzung und den Widerwillen seiner Kollegen aufgezeigt (was immer ein gutes Zeichen ist). Kaum hatte er die Gelegenheit erkannt, ergriff er sie und vollendete ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, woran selbst die Deutschen nie mehr geglaubt hatten: die Wiedervereinigung Deutschlands, ohne dafür einen Krieg führen zu müssen.

Dabei halfen ihm nicht die Europäer und ihre Gemeinschaft, sondern die Amerikaner, einen besseren und loyaleren Freund als Amerika besassen die Deutschen nicht. Ohne die stille, konsequente, nie schwankende Unterstützung von George Bush, dem Präsidenten der USA, hätte Helmut Kohl keinen Erfolg gehabt – und die DDR gäbe es vielleicht noch heute. Auch das wurde in den Nachrufen sehr selten erwähnt.

Helmut Kohl, ein grosser Europäer? Mag sein. Vor allen Dingen war er ein grosser deutscher Kanzler.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

Leserpost (8)
Jürgen F. Matthes / 26.06.2017

Die Wiedervereinigung war das Ergebnis des CDU-Kanzlers Kohl, der sich auf Amerika verlassen konnte, weil dort der Republikaner   Georg Bush Präsident war. Man stelle sich nur vor, damals wären in Deutschland Schulz Kanzler, in Amerika Obama und in der Sowjetunion Putin Präsidenten gewesen.

Wilfried Cremer / 26.06.2017

Herr Kohl wurde von den Erwartungen in den neu zu bildenden Bundesländern förmlich getragen. Er vollführte einen Schwebeakt, dem von außen keine Gewichte angehängt werden konnten.

Roland Müller / 26.06.2017

Ironie des Schicksals?  Ich könnte nachempfinden, wenn, vor dem Hintergrund der Masseninvasion und der erfolgreichen Änderung des Wirtschaftssystems, z.B. in China und Vietnam,  es einige Ossis bedauern, dass der Kelch der Wiedervereinigung nicht an ihnen vorüberging.

Hubert Bauer / 26.06.2017

Ein sehr interessanter Artikel. Selbst wenn Kohl die Wiedervereinigung einfach so vor die Füße gefallen sein sollte, musste er sie dennoch aufheben. Ich denke, wir haben (damals wie heute) Politiker, die selbst zum aufheben zu unfähig sind. Kurz und einige Balkanstaaten haben für Merkel die Balkanroute geschlossen. Aber Merkel hat dieses Geschenk nicht aufgehoben, sonder stattdessen einen dubiosen Deal mit dem noch dubioseren Erdogan geschlossen. Warum macht sie lieber einen Deal mit einem außereuropäischen Despoten, statt einer Lösung mit den Europäern (incl. Nicht-EU-Mitgliedern) zuzustimmen? Was wäre 1989/1990 gewesen, wenn Genscher - von Kohl unwidersprochen - vor (!) dem Mauerfall Bush einen “Hassprediger” genannt hätte? Was wäre gewesen, wenn Kohl vor (!) dem Mauerfall Thatcher so herumkommandiert hätte, wie Merkel es heute mit May macht? Was wäre gewesen, wenn Kohl vor (!) dem Mauerfall mit Gorbatschow so umgegangen wäre, wie Merkel mit Putin umgeht? Ich denke, es ist der entscheidende Verdienst von Kohl, dass er immer Respekt vor allen (!) fremden Staat- und Regierungschefs hatte, auch wenn er grundsätzlich andere Werte und Anschauungen hatte. Um die Lobhudelei aber nicht zu einseitig werden zu lassen; nach meiner Einschätzung hat Kohl das Scheckbuch der BRD auf internationalen Parkett zu schnell und zu häufig gezückt.

Anna Barbara Zahn / 26.06.2017

Die “Basler Zeitung” sehr geehrter Herr Somm ist für mich - neben natürlich der “Achse” und “Tichys Einblick” so etwas wie für meine Eltern die BBC in Kriegszeiten oder für die DDR-Bürger das Westfernsehen. Ihre Analyse über Kohl war das beste, was ich über den ehem. Kanzler gelesen habe.

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