Dirk Maxeiner / 11.06.2017 / 06:15 / Foto: Alexander Baxevanis / 2 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Nach Osten, immer geradeaus (1)

Autoreisen verhelfen der Reflektion zu besserer Bodenhaftung. Wer wissen will, was er an Europa hat, muss sich eigentlich nur hinters Steuer seines Autos setzen und losfahren. Vielleicht auch ein bisschen über Europa hinaus. Nach Süden geht das schlecht, da müsste man einen Schwimmwagen haben. Also bleibt nur der Osten. Ich habe vor ein paar Jahren eine Einladung ins russische Kaluga angenommen. Volkswagen hatte dort ein neues Werk gebaut und es wurde Einweihung gefeiert. Die Distanz ist mit dem Flugzeug recht schnell überbrückt. Ich habe damals aber kurzerhand beschlossen: Da fährst Du mit dem Auto hin, im Flugzeug siehst Du nix und mit der Bahn kannst Du nicht mal anhalten und Dir eine Cola kaufen. Ein Roadtrip ist der beste Nachhilfeunterricht für den, der verstehen will, wofür Freizügigkeit, freier Handel und ein geeintes Europa gut ist.

Meine Strasse der Erkenntnis führte dabei von Hamburg über Warschau, Minsk und Moskau nach Kaluga. Hamburg ist Hafenstadt, Kaluga in gewisser Weise auch, denn die russische Raumfahrt hat hier ein Zentrum – und ein Kosmonauten-Museum. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren Hamburg und Kaluga weiter von einander weg als die Erde und der Mond. Heute beträgt die Entfernung laut ADAC-Routenplaner exakt 2047 Kilometer oder rund 22 Stunden Fahrzeit.

Mein Navigationsgerät kennt den Zielort Kaluga nicht. Warschau akzeptiert es. Die Route ist leicht zu merken: Nach Osten und dann immer geradeaus. In der Nähe von Wittenberge lag der ehemalige Grenzkontrollpunkt. Vor dem Mauerfall  begann hier das Gebiet des kommunistischen Deutschland, mit Mauern, Grenzstreifen, Scheinwerfern, Stacheldraht, LKW-Sperren und Schießbefehl. Die Einreise löste immer beklemmende Gefühle aus. Am 30. Juni 1990 um 24 Uhr wurden die Kontrollen eingestellt. Heute wächst allmählich Gras über die Anlagen und viele Autofahrer wissen gar nicht mehr, welchen Ort sie gerade passieren.  Das ist schade, weil sie sich deshalb nicht darüber freuen können, dass er Vergangenheit ist. Früher fing hier der Osten an. Jetzt ist es einfach die Autobahn nach Berlin.

Zwischen Windrädern und Flachbildschirmen

Die Frage, wo denn jetzt eigentlich der Osten anfängt, wird mich bis Kaluga begleiten. Der Schriftsteller Wolfgang Büscher, der zu Fuß von Berlin nach Moskau gegangen ist, hat es einmal so formuliert:

„Hatte ich in Brandenburg gefragt, wo der Osten anfange, war die Antwort gewesen, drüben in Polen natürlich. In Polen hieß es: Der Osten fängt in Warschau an...Östlich von Warschau stand die Antwort wiederum außer Zweifel: Einfach die Strasse nach Bialystok hoch... In Belarus sollte es wiederum von vorne losgehen. Der Osten wurde weiter und weiter gereicht, von Berlin bis Moskau. Bis kurz vorher um genau zu sein, den Moskau ist wieder Westen.“

Da ich nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto unterwegs bin schieben ich den Osten gleichsam mit Tempo 130 vor mir her. Wer als Beifahrer ein Nickerchen macht und danach aufwacht, kann beim Blick aus dem Autofenster oft gar nicht sagen, in welchem Land er sich gerade befindet. Stunde um Stunde ziehen sich weite Felder, lichte Kiefern- und Birkenwälder hin. Die Autobahn, die Raststätten und Tankstellen sehen gleich aus. Sogar die Autoflotte ist längst gut europäisch. Lada und Moskwitch rutschen zusehends auf die rote Liste der bedrohten Arten. Auf der E 30 verkehrt ein munterer polnisch-deutsch-russischer Mix von Auto-Kennzeichen - egal wo man sich zwischen Berlin und Warschau gerade befindet. Die Suche nach dem Osten erinnert so an das Rennen Hase gegen Igel: Der Westen ist immer schon da. Und wer in umgekehrter Richtung fährt und den Westen sucht, der wird feststellen: Der Osten ist auch immer schon da.

Am Abend erreiche ich Warschau ohne ein einziges mal einen Pass benötigt zu haben. Es gibt nichts Schöneres als Grenzen, die keine mehr sind. Theoretisch könnte ich von Sizilien gekommen sein ohne einen Schlagbaum zu sehen. Hinter der Hotelbar hängt ein großer Flachbildschirm, auf dem eine Spiel-Show gezeigt wird. Ich lasse den Tag Revue passieren und überlege, was mir so aufgefallen ist.

Zum Beispiel dies: In Brandenburg wachsen die Windräder zu ganzen Wäldern heran. Hinter Berlin werden sie dann wieder seltener um schließlich ganz zu verschwinden. Und in dem Maße, wie die Windräder verschwinden, tauchen in Tankstellen und Restaurants immer mehr große Flachbildfernseher auf. Falls ein Außerirdischer irgendwo auf unserer Route ausgesetzt werden sollte, kann er sich im Prinzip ganz einfach orientieren. Sieht er ein oder gar mehrere  Windräder, dann ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland. Eine zunehmende Dichte von riesigen Flachbildschirmen weist hingegen nach Osten. Und soviel sei ebenfalls schon verraten: Betritt er ein sehr gutes Restaurant, in dem gleich drei Flachbildschirme Dienst tun, dann könnte dies in Kaluga sein.

Wisent und Weihnachtsmann

Bevor es weiter nach Osten geht, besuchen ich kurz Warschaus Kulturpalast. Im Kommunismus wurde die Religion durch die Kultur ersetzt. Und deshalb sieht der Kulturpalast aus wie eine riesige Kathedrale. Die Polen blieben trotzdem lieber katholisch. Auf dem Weg zur weißrussischen Grenze begleiten mich hübsche und oft frisch renovierte Kirchen. Die geduckten kleinen Holzhäuser nehmen allmählich zu, das sieht dann schon sehr russisch aus.

Wer kann, leistet sich aber ein neues Haus, es wird viel gebaut in Polen. Alle haben ihre Dächer neu gedeckt. Und einen gewissen farblichen Nachholbedarf. Ich sehe glänzende Dachziegel in blau, grün und rosa. Rechts und links der Strasse nach Weißrussland haben sich die internationalen Speditionen mit großen Logistik-Zentren angesiedelt. Von Ostdeutschland sind sie nach Polen vorgerückt  und – sollte politisch mal wieder reine Luft sein – weiter auf dem Sprung nach Osten.

Die junge weißrussische Demokratie hat 1994 einen Präsidenten gewählt, der nichts Besseres zu tun hatte, als die Demokratie sogleich wieder abzuschaffen. Das ist nicht gut fürs Investitionsklima. Achtzig Prozent der belarussischen Wirtschaft sind in Staatsbesitz. Der Grenzübergang Terespol ist gesichert wie einst Helmstedt-Marienborn – und die Zöllner genauso schroff.

Nicht weit von der Grenze liegt der zum UNESCO-Weltnaturerbe zählende Nationalpark Beloweshskaja Pustscha. In dem alleine auf der weißrussischen Seite 160 000 Hektar großen Urwald leben Wisente und Wölfe, Bären und Luchse. Und mittendrin traut der Besucher seinen Augen nicht: Er stößt auf ein ganzjährig geöffnetes skurriles Weihnachtsdorf mit Märchenfiguren und blinkenden Lichterketten - als sei es ein Stück von Disneyland. Die Weißrussen lieben ihr „Home of Santa Claus“. Und der im Dienst befindliche Weihnachtsmann liebt Fußball: Jedenfalls weiß er wie Bayern München am Wochenende in der Bundesliga gespielt hat. Hier pflegten früher die Zaren und später das Moskauer Politbüro zu jagen.  Im Dezember 1991 traf man sich allerdings aus einem anderen Grund im Gästehaus der Regierung: Die Sowjetunion wurde an diesem Ort aufgelöst. Danach wurde es für die Menschen in den ehemaligen Republiken wirtschaftlich erst einmal schlimmer, bevor es wieder besser kam. Und seit einiger Zeit wird es wieder schlechter.

Um sich zu unterhalten, geht man gerne in laute Kneipen

Am historischen Ort wird heute ein Hotel und ein Restaurant betrieben, klassischer Beton, so ähnlich wie Lukaschenko. Das Restaurant besuchen auch viele Leute aus Minsk. Zwei junge Burschen feiern den Kauf ihres neuen Taxis, ein bisschen Privatwirtschaft darf nämlich sein. Die Leute sind sehr trinkfest. Durchs Restaurant fließt ein imitierter Gebirgsbach. Und über den führt eine kleine Brücke ohne Geländer. Wer auf die Toilette will muss über diesen Steg. Die beiden Jungs sind inzwischen so voll wie eine Haubitze der roten Armee und das Unheil nimmt seinen Lauf. Obwohl sie sich gegenseitig stützen, fallen sie in den Bach. Große Erheiterung im Publikum. Der Wodka fließt in Strömen. Vorgewarnt, meide ich den Steg und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Der Gang kommt mir sehr eng vor und ich stütze mich mit den Armen abwechselnd an der rechten und linken Wand ab. Meine Kammer ist hellgrün und hat die Ausstattung einer Arrestzelle. Ich erwarte ständig den Wärter zur nächtlichen Einschließung. Er kommt aber nicht.

Auf der weißrussischen Autobahn fahren viele Ladas und Moskwitchs. Und Fahrräder. Nicht zu vergessen die Holztransporter. Gern auch Nachts und unbeleuchtet. Ein Drittel des Landes besteht aus Wald. Forst- und Landwirtschaft sind wichtige Arbeitgeber. Auf dem Weg nach Minsk könnte der Autofahrer manchmal denken, er befände sich irgendwo in den USA auf den Great Plains. Sieht aus als könne jeden Moment eine Herde Wisente herangaloppieren. Weizenfelder erstrecken sich bis an den Horizont. Die Zweimillionen-Stadt Minsk ist im Krieg fast ganz zerstört worden. Wohnblocks und stalinistische Prachtbauten aus der Sowjetzeit prägen das Stadtbild.

Die Belarussen galten als die „Schwaben“ der Sowjetunion. Eine ganze Armada von Straßenkehrern reinigt ununterbrochen Wege und Plätze. Trotz der politisch erschwerten Bedingungen schaffen die Weißrussen sich einen wachsenden Wohlstand. Am Abend in einer lauten Bierschwemme treffe ich einen jungen Mann, der bereits in Stuttgart gearbeitet hat. Um sich zu unterhalten, geht man in Minsk gerne in solch laute Kneipen, weil der Nachbar dann nicht verstht, was Du redest.

In Minsk werden unter anderem  Baumaschinen, Traktoren und Autos produziert. Einer der größten Betriebe ist MAZ, das Minsker Automobilwerk, das die Sowjetunion mit robusten Lastwagen versorgte. Sie haben den Ruf unkaputtbar zu sein. Und leicht zu reparieren. Ihr Markenzeichen ist der Wisent. Vor dem Werk steht der legendäre MAZ 200 auf einem Denkmalsockel. Er  wurde ab 1947 gebaut und verrichtet vielerorts heute noch seinen Dienst. Drinnen gibt es ein Werksmuseum, in dem die Sowjetzeit geronnen scheint. Eine freundliche Dame mit einem strengen Zeigestock erläutert die Exponate und weist auf die herausragende Rolle von Josef Stalin hin. Dessen Portrait schaut von der Wand auf mich herab. Mir kommt vor, als hätte ich mich im Jahrhundert geirrt. Wenn bei russichen Militärparaden irgendwelche Intercontinentalraketen vorbeidefilieren, dann ist das Trägerfahrzeug meist ein MAZ. Inzwischen werden in Minsk in Zusammenarbeit mit MAN auch moderne Lastwagen produziert.

In Erinnerung bleibt mir auch der Besuch der Staatsbibliothek in Minsk. Der vollkommen überdimensionierte Prachtbau ist der ganze Stolz der weißrussischen Nomenklatura. Wie mit einem Sessellift gleiten Bücher an der Decke entlang. Das scheint mir eine Endlosschleife zu sein, weil ich niemand entdecken kann, der ein Buch ausleiht. Aber vielleicht ist es auch zu früh am Morgen. Es sind aber schon Schulklassen da, die diese supermoderne Bibliothek für einen Klassenausflug nutzen. Mit der Meinungs- und Pressfreiheit hat Alexander Lukaschenko ja wohl eher nichts am Hut, aber er hat offenbar einen besonderen Humor: Statt Bücher zu verbrennen, lässt er sie an der Decke kreisen.

Nächste Woche fährt der Sonntagsfahrer über Moskau weiter nach Kaluga.

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Leserpost (2)
Andreas Rochow / 11.06.2017

Vielen Dank, dass Sie Ihre Ost-Erfahrung mit den Lesern teilen. Eine Reise in die Geschichte mit allen Sinnen, abseits der Standardtouren. Schön dass es weitergeht.

Hans Meier / 11.06.2017

Schöner Reisebericht, Danke.

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