Archi W. Bechlenberg / 19.11.2017 / 06:25 / 4 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Fest in jüdischer Hand

Ich muss etwas gestehen: Ich trage gerne Jogginghosen. Natürlich nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur im Haus oder höchstens mal im Garten. So wie auch kniefreie Hosen, schließlich bin ich ein erwachsener Mann. Jetzt zum Beispiel, da ich dies schreibe, habe ich eine superbequeme Hose aus dieser Kategorie an, sie hat einen stufenlos verstellbaren Bund, zwickt nicht im Schritt und ist aus hautsympathischer Baumwolle. Und schwarz, was ja optisch stets noch ein wenig schlanker macht. Da mich das „Jogging“ im Gattungsbegriff stört – es impliziert einen Hang zu übermäßiger körperlicher Bewegung – nenne ich sie für mich auch lieber Haushose. Wie sie im Laden hieß, weiß ich nicht mehr, ich kaufe sie meist im Dutzend und habe dann für sehr lange Zeit Ruhe.

Dennoch, egal wie ich sie namentlich umschreibe, ist mir klar, sie ist letztlich das, was Karl Lagerfeld meinte, als er sagte: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Ich war dem spillerigen Zopf- und Ringträger aus Paris deswegen lange Zeit gram und verwies gerne darauf, dass jemand, der in seinem Alter noch Ringe aus dem Grufti- und Gothiczubehörshop trägt, sich mit Äußerungen zur Bekleidung anderer Leute ganz bedeckt halten solle.

Doch seit dieser Woche ist alles anders. Wird es womöglich demnächst auf dem internationalen Jogginghosenmarkt eine neue, eine edle Marke geben? Campfield würde sie heißen, und vom ersten Tag an wäre sie ein sensationeller Erfolg. Nur nicht für den Mastermind dahinter, denn das wäre Karl Lagerfeld, über Nacht vor die Türe gesetzt von der haute volée, der er seit Jahrzehnten edle Tuche auf unvergleichliche Weise an die Leiber schneiderte und dem nun, zwecks Erhalt seines gewohnten Lebensstils, nichts anderes übrig bliebe als eben das Schneidern von Beinkleidern für Leute, von deren Existenz er bis dahin noch nicht einmal gewusst hatte.

GEWAGT. MERKEL. ANGREIFEN! Hilfe!

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte der Liebling aller Ästheten, ja sogar der Deutschen so ins Schlingern geraten? Nun, Sie werden es verfolgt haben. Er tat etwas, das so ungeheuerlich ist wie die Vorstellung eines joggenden Peter Altmaier. Knackig auf den Punkt brachte es RTL. Der in einer hauseigenen Doku noch als „der einsame König“ gefeierte Modeschöpfer hat in einer Sendung im französischen Fernsehen, „gewagt“, so die seit meiner frühen Kindheit beim Sender tätige Ansagerin Frauke Ludowig, „Merkel anzugreifen“. GEWAGT. MERKEL. ANGREIFEN! Hilfe!

Empörung allenthalben. Wie ich hörte, will Bundestags-Vize Claudia Roth nun doch nicht auf Chanel umsteigen, sondern ihre Garderobe weiterhin beim Sonne-Mond & Sterne-Zirkusbedarf in Auftrag geben. Und die französische Rundfunkaufsicht sei bereits in höchster Alarmbereitschaft und habe „Starmoderator Thierry Ardisson“  ins Visier genommen, in dessen Sendung KL es gewagt habe etc. etc. etc.. Sollte der Starmoderator bei Facebook sein, sehe ich für ihn auch ziemlich schwarz. Eine 30-tägige Sperrung dürfte das Mindeste sein. Und als sei das alles noch nicht genug, meldete sich zuverlässig wie stets in solchen Fällen ein Herr Todenhöfer zu Wort. Zu dem würde Lagerfeld allerdings wohl nur „Ich kenne den nicht und außderm sollte er jemanden finden, der ihm bessere Hosen schneidert“, einfallen.

So wäre es denn also um ein Haar dazu gekommen, dass es sich für KL auschanelt hätte und er fortan als Jogginghosenschneider … aber nein! Karl der Zopfige hatte natürlich mit voller Rückendeckung gegen die Mutter aller Schlachten seinen Angriff vollzogen, arbeitet er doch für eine Firma, die „fest in jüdischer Hand“ (RTL) ist, also konnte er sein pro-jüdisches Statement in der französischen TV Runde ohne Sorge um seinen Arbeitsplatz abgeben. Schließlich arbeitet er für die Familie Wertheimer, die mit fester, jüdischer Hand etc. etc.

Von Fuß bis Kopf genüßlich visuell abgetastet

Genug der Kanalisation aus der Modewelt; auch im Intellektuellenmillieu gab es vor wenigen Tagen einen, wenn auch nur kleinen Aufreger. Verona Pooth-Bohlen-Feldbusch, die sympathische Moderatorin („Peep!“),  Sängerin („La Ola“), Schauspielerin („Traue keinem, mit dem du schläfst!“), Werbe-Ikone („Wann macht er denn endlich ‚Blubb‘?“ ) und Synchronsprecherin („Susi Schnatter“), klagte in einer Talkshow über Sexismus im Berufsleben und wurde dabei von Fuß bis Kopf genüßlich visuell abgetastet . Der verantwortliche Kameramensch verkauft seit dem Abend wahrscheinlich Jogginghosen auf dem Polenmarkt.

Es war aber auch ein starkes Stück. Jeder weiß, dass Frau Pooth seinerzeit durch ihre Arbeit zu Rilkes Duiner Elegien  („Das Versmaß des Distichons sowie Blankverse in der Zusammenführung der traditionellen Formen von Hymne und Elegie“) dem anderen Lyriktitan des 20. Jahrhunderts - Dieter Bohlen - so auffiel, dass er sie auf der Stelle ehelichte.

Ja, sogar der Titantitan des intellektuellen Millieus in Deutschland, Harald Schmidt, lud Verona (damals noch Bohlen) in seine Show ein und sprach mit ihr ausführlich über die Krise der Harmonie in Wunsch und Wirklichkeit zum Ende des Jahrtausends, und wenn ihm dabei etwas nicht aus den Augen sprang, dann war es der Gedanke an sexuelle Belästigung. Und nun das! Verona als Sexobjekt für alle die, denen Anne Will ins abendliche Wohnzimmer strahlen darf. Vergleichen Sie selbst mit damals; die heutige Verwahrlosung im Kameramensch-Wesen könnte nicht krasser sein.

Zwei Musikalben fest in jüdischer Hand

Kommen wir zum kulturellen Teil des heutigen Antidepressivums. Fest in jüdischer Hand sind zwei schöne, neu erschienene Musikalben, die zu hören ich Ihnen ans Ohr legen möchte. KLEZTORY kommen aus Kanada; dort ist im Frühjahr 2017 bereits das fünfte Album erschienen, und es wurde Zeit, die Gruppe endlich auch in Europa einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Dafür sorgt lobenswerter Weise das Münchner Label GLM, das bereits mehrfach mit seinen Produktionen in meiner Kolumne vorgestellt wurde.

Die fünf Musiker haben eine eigenwillige Variante der Klezmermusik entwickelt, gebildet aus Einflüssen und Elementen von Klassik über Jazz und Folk bis zum Blues. So ensteht eine spannende und unterhaltsame Mischung aus Eigenkompositionen mit  Liedern aus dem reichen Klezmer-Repertoire Osteuropas, die sich harmonisch und Herz erfrischend zusammenfügen.

KLEZTORYs Album NIGUN, die jetzt auch in Europa veröffentlichte CD, nimmt den Hörer mit in die Tiefe des Klezmer, souverän und wie selbstverständlich klingend zwischen Tradition und Moderne. Elvira Misbakhova (Violine), Airat Ichmouratov (Klarinette, Bassklarinette, Duclar, Tambourin, Vocals), Dany Nicolas (Gitarre), Mark Peetsma (Kontrabass) und Mélanie Bergeron (Akkordeon) – Sie erkennen schon an den Namen, dass hier mehrere Kulturen zusammen spielen -  begeistern durch ihre Virtuosität und die Originalität ihrer Musik auch auf der Bühne, wovon Sie sich in zwei Videos hier und hier überzeugen können.

Ebenfalls bei GLM erschienen ist KLEZMEYERS neues Album „MORAVICA“, eine Weiterführung des vorigen Albums „Emilias Lächeln“. Auch Klezmeyers greifen traditionelle und weltmusikalische Einflüsse auf. Die vor 20 Jahren von Franziska Orso gegründeten Gruppe bleibt sich auch auf ihrem neuen Album treu: untreu zu sein gegenüber jeglicher musikalischer Konvention. Franziska Orso (Clarinet), Robert Keßler (Guitars, Mandolin, Percussion) und David Hagen (Double Bass) schöpfen ihre vom Klezmer geprägten Eigenkompositionen aus weiteren musikalischen Komponenten wie Jazz, Blues, Flamenco und Brasil.

Ein wahrlich breites Spektrum, das kompositorisch wie interpretatorisch von den Dreien überzeugend präsentiert wird. Zum Titel des Albums sagt die Gruppe: „Moravica – so heißt der Fluss, der im Geburtsort eines für die Band besonderen Menschen in Rumänien entspringt.“ Und weiter: „Moravica ist der Versuch, das Leben als eine Reise zu verstehen, zu Orten und zu Menschen. So erklären sich auch die vielfältigen musikalischen Komponenten. Eben noch an der Wolga versetzt uns das Album an den Zuckerhut, der Strom Moravica fließt plötzlich durch die Provence, ein Blues erklingt an seinem Ufer und das spanische Dorf Ronda scheint plötzlich versetzt an die grüne Küste Irlands.“

Mein Tipp: Lassen Sie sich von den drei Berliner Klezmeyers auf diese Reise mit Moravica mitnehmen. Herz und Ohren werden es Ihnen danken. Live können Sie die Gruppe im kommenden Jahr hier erleben: 24.02.2018 Thalhaus, Wiesbaden / 25.05.2018 Salzgitter, Klezmerfestival / 21.07.2018 Rheingau Musikfestival / 22.07.2018 Rheingau Musikfestival

Video: Making of Moravica

P.S. Zur festen jüdischen Hand hat Henryk M. Broder 2014 alles weitere gesagt.

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Leserpost (4)
Marc Blenk / 19.11.2017

Ein wunderbar herzerwärmender Artikel, wie gemacht für einen Spätherbstnachmittag am Kamin, bei Butterkuchen, Tee und schöner Musik. Nur ach: War es denn nötig den Namen dieses Mannes zu erwähnen, bei dessen Nennung in mir unvermittelt Bilder von abgehackten (Toden)köpfen aufkommen? Islamistische Schreckensbilder einerTodesmystik tun sich da auf,  wo dieser Mann auf einem Leichenhaufen kopfloser Hingerichteter steht, einen Kopf unterm Arm der Weltenkamera verkündend, dass daran allein der Westen und die Juden schuld wären. Bilder von Freisprechung moralischer und sonstiger (Selbst)Verantworung eines ganzen Kulturkreises. Redeweisen dieses Herrn von islamistischer Volksverhetzung und einer beängstigenden Pervertierung von Wahrheit und Moral.  Die Namen solcher Figuren bitte nur noch Montags erwähnen. Ansonsten vollstes Einverständnis mit den vorgetragenen Gedanken.

Günter Schaumburg / 19.11.2017

Brillant, Herr Blechenberg. Genüsslicher, zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln anregender Beitrag. Obendrein gleich noch CD bestellt, diese Musik verführt und verzaubert.

Archi W. Bechlenberg / 19.11.2017

Ehe Tausende von klugen Achgut-Lesern die Leserpost stürmen:  Es sind natürlich die “Duineser Elegien”. Mein Korrekturlesen ist weiterhin so mangelhaft wie meine Garderobe.

Manfred Haferburg / 19.11.2017

Archi und der Wochenwahnsinn mit Kulturbeilage - herrlich. Gibt es auch Schannell-Jogginghosen? Muss gleich mal hinjoggen, vielleicht treffe ich den Altmaier mit der flotten Claudia bei ihrer Jamaika-Kifferpause.

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