Peter Grimm / 16.12.2016 / 06:16 / 7 / Seite ausdrucken

Berlin und seine Schulen: Anerkanntes Schlusslicht

Dass das Land Berlin in Sachen Staatsversagen in Deutschland eine gewisse Vorreiterrolle einnimmt, ist hinlänglich bekannt. Dass die Hauptstadt nicht in der Lage ist, einen Flughafen zu bauen, sich aber das Scheitern des Projekts Summen kosten lässt, mit denen andernorts wahrscheinlich schon fünf Airports entstanden wären, regt kaum noch einen Steuerzahler auf, so sehr hat man sich daran schon gewöhnt. Auch der beklagenswerte Zustand der Infrastruktur ist nicht neu.

Dass der Schienenverkehr zusammenbricht, wichtige Straßenverbindungen langfristig gesperrt bleiben und Schulen verfallen, müsste die Bürger empören, aber allzu langanhaltende Empörung erschlafft irgendwann wegen Ermüdung. Dass auch der Bildungserfolg an Berliner Schulen nur noch fürs Schlusslicht in Deutschland reicht, ist da nur ein Punkt unter vielen. Die neue Landesregierung wird daran wenig ändern. Die Aufstockung der Zahl der Staatssekretäre und ein paar neue Verbote und Gängeleien für die Bürger werden vermutlich die einzigen spürbaren Veränderungen sein.

Die Berliner haben sich mehrheitlich scheinbar mit diesem Berg an Missständen abgefunden, doch außerhalb der Hauptstadt scheint die Versagenstoleranz noch nicht überall gleichermaßen ausgeprägt zu sein. So fordert Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands „anspruchsvolle Bundesländer” wie Bayern auf, Abiturzeugnisse „anspruchsloser Bundesländer” wie Berlin nicht mehr anzuerkennen. Kraus beklagt eine „Inflation” guter Schul- und Abiturnoten. Allein in Berlin habe sich die Zahl der Abiturzeugnisse mit einem Notendurchschnitt von 1,0 innerhalb von zehn Jahren vervierzehnfacht, was aber nicht auf eine Verbesserung der Schüler, sondern auf ein Nachlassen der Anforderungen schließen lasse. Der Verbandschef warnt: Zeugnisse dürften„nicht zu ungedeckten Schecks werden”.

Ein Berliner Abitur ist ein ungedeckter Scheck

Dort wo sie bereits ungedeckten Scheck gleichen, könnte man sie auch als solche behandeln. Das ist eine logische Schlussfolgerung, die den Präsidenten des Lehrerverbands zu der eingangs erwähnten brachten. Aus dem Abitur müsse wieder „ein Attest für Studienbefähigung und nicht für Studienberechtigung werden”, sagte Kraus der „Bild”-Zeitung.

Würden die „anspruchsvollen“ Länder der Forderung folgen wäre ein Berliner Abitur für den weiteren Lebensweg recht wenig wert. Daher ist es kein Wunder, dass der Berliner Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) empört reagiert: „Die Aussage von Josef Kraus entspricht einer rückwärtsgewandten Bildungspolitik ”, erklärte GEW-Landeschef Tom Erdmann, die Forderung sei nichts als Populismus.

Nun ist es sicher richtig, dass es eine bundeseinheitliche Anerkennung von Schulabschlüssen geben sollte. Doch wenn es als rückwärtsgewandt gilt, wenn sich die Länder, die mehr Wert auf Bildung legen, nicht am Schlusslicht orientieren, dann möchte man nicht ausprobieren, wohin das Vorwärtsgehen führen würde.

Der Lehrerverbandspräsident hat jedenfalls auch einen konstruktiven Vorschlag: Die Prüfungsformen beim Abitur müssten vereinheitlicht werden. „Es kann nicht sein, dass ein Prüfling in Bayern seine mündliche Aufgabe 30 Minuten vor der Prüfung gestellt bekommt, in Hamburg für eine mündliche Prüfung in Form einer Präsentation zwei Wochen Zeit hat.” Das zu berücksichtigen müsste eigentlich auch in Berlin möglich sein. Das geht viel schneller, als einen Flughafen zu bauen. Man muss es nur wollen.

Quelle bz-berlin hier

Zuerst erschienen auf Peter Grimms Blog Sichtplatz hier.

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Leserpost (7)
Andreas Dornow / 16.12.2016

Tja. Wenn Berlin “vorwärtsgewandt” ist, kann man sich eigentlich nur noch in die gegenteilige Richtung orientieren.

Hermann Martin / 16.12.2016

Das ist nicht verwunderlich für die, welche das Buch “Hexenjagd” von der Lehrerin Ursula Sarrazin (ja, die Frau des…) gelesen haben. Ma mag von der sehr persönlichen Darstellung der Autorin halten, was man will, aber die Grundmisere unseres Bildungssystems wird darin erschreckend deutlich.

Lutz Muelbredt / 16.12.2016

Berlin ist ein großes Labor. Viele Zutaten, viele Köche. Große, kleine. Damit es auch so bleibt, braucht Berlin einen kleinen Bürgermeister und große Schulden. Große Schulden führen zur hässlichen Kaltverformung der Stadt. Und Infrastruktur heißt der Hebel, den keiner recht bedienen will (darf, kann). Der Senat ist eine Serenade, zum Mondschein wiegt er diese bezaubernde und fiebernde Stadt in einen bittersüßen Schlaf.

Karla Kuhn / 16.12.2016

Berlin wird ja jetzt von Rot-Rot-Grün regiert, da kann doch nur ALLES besser werden. Herr Holm ist schon ein Beweis dafür. Oh mein Gott.

Stefan Fischer / 16.12.2016

Nein, man muss es nicht “nur wollen”, man muss es auch können. Die Berliner Bildungspolitik richtete auch große Verheerungen in der Lehrerschaft an. Um zB das Niveau Bayerns zu erreichen bräuchte man erst einmal Lehrer die selbst das Niveau erreichen und die sind in der Breite nicht mehr da. Dem Berliner Lehrerverband bleibt gar nichts anderes übrig als empört zu sein. Das Niveau stark anzuheben ist jedenfalls keine Option wenn man dazu gar nicht in der Lage ist.

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