Walter Krämer / 31.10.2019 / 10:00 / Foto: Pixabay / 7 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Klimapaket und Flugticket-Preise

Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Prognose, dass Inlandsflüge durch das Klimapaket der Bundesregierung deutlich verteuert würden. Mehrere Medien dramatisieren die angekündigte Erhöhung der Luftverkehrssteuer. Beispielsweise schreibt die Berliner Morgenpost, Flüge würden wohl „spürbar teurer“, die BILD-Zeitung titelt: „Steuer um 76 Prozent rauf – GroKo macht Flugtickets noch mal teurer!“ und auch ein Nachrichtenbeitrag auf dem Netzwerk LinkedIn prognostiziert: „Inlandsflüge werden wohl deutlich teurer“. 

In allen genannten Beiträgen wird argumentiert, dass die Erhöhung der Steuer auf Inlandsflüge von derzeit 7,50 Euro auf 13,03 Euro einer Steigerung um 76 Prozent entspricht. Bei Auslandsflügen sei immerhin eine Steigerung von 41 Prozent (von 42,18 Euro auf 59,43 Euro) vorgesehen. Dabei fällt unter den Tisch, dass sich die absoluten Erhöhungen auf gerade einmal 5,53 Euro beziehungsweise 17,25 Euro belaufen – und sich am Ende in Form weitaus geringerer relativer Erhöhungen auf die Ticketpreise auswirken werden. Besonders irreführend ist deshalb die Schlussfolgerung der Berliner Morgenpost, die in unmittelbarer Nähe zu den Prozentangaben zu finden ist: „Da die Fluggesellschaften die Abgaben in der Regel komplett an die Kunden weiterreichen, dürften die Steuererhöhungen ab dem Frühjahr 1:1 auf die Ticketpreise durchschlagen.“

Kein enormer Preisanstieg durch Klimapaket zu erwarten

Eine kurze illustrative Recherche soll dies an drei innerdeutschen Flugzielen demonstrieren: dem Flughafen Berlin-Tegel, der von einer Billigfluglinie angeflogen wird, dem großen und hoch frequentierten Flughafen Hamburg und dem kleineren Flughafen Saarbrücken mit einem Oligopol weniger Fluglinien. Für jeden Flughafen haben wir einen morgendlichen Hinflug von München und einen Rückflug am selben Abend recherchiert – einmal kurzfristig mit einem Tag Vorlauf, einmal langfristig für den kommenden Monat.

Nach Berlin kosten die billigsten Tickets für den kurzfristig anberaumten Hin- und Rückflug rund 135 Euro, für den langfristig anberaumten Flug rund 65 Euro. Diese Flüge würden sich um rund 4,1 Prozent bis rund 8,5 Prozent verteuern. Für einen Flug nach Hamburg müsste man kurzfristig 390 Euro auf den Tisch legen, mit etwas Vorlauf noch 160 Euro. Die Verteuerung durch die Steuer beträgt rechnerisch 1,4 Prozent bis 3,5 Prozent. Nach Saarbrücken zu fliegen, kostet bei einem Flug am übernächsten Tag satte 830 Euro, in einem Monat immerhin noch 570 Euro. Hier schlägt die Steuererhöhung mit gerade einmal 0,7 Prozent bis knapp 1 Prozent durch.

„Spürbar“, aber kaum „deutlich“ wäre die Erhöhung wohl nur im ersten Fall, beim Billigflug nach Berlin. Allerdings sehen es Pläne des Verkehrs- und Wirtschaftsministeriums zudem vor, den Billigfluganbietern per Verordnung zu untersagen, ihre Tickets unter den Kosten von Steuern, Entgelten und Zuschlägen anzubieten. Schon deshalb wird sich der Effekt der Steuererhöhung weiter reduzieren, weil der Ausgangspreis von 66 Euro unter diesen Vorgaben kaum zu halten sein dürfte.

Auch wenn die Berechnung der prozentualen Steuererhöhungen mathematisch nicht zu kritisieren ist, so ist es doch die implizite, dramatisierende Botschaft an den Leser, die aus einer Mücke einen Elefanten macht. Umso erfreulicher sind Positiv-Beispiele wie der Artikel auf ZEIT online, der auf die Angabe prozentualer Veränderungen verzichtet und die Steuererhöhung als das bezeichnet, was sie ist – relativ klein.

 

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer sowie Katharina Schüller, Chefin der statistischen Beratungsfirma Stat-Up in München, jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de

Foto: Pixabay

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Leserpost

netiquette:

H. Schmidt / 31.10.2019

Die Preise wurden vorher auch schon erhöht durch Kerosin-Abgaben, Sicherheitsgebühren usw.. Nun werden sie nochmal erhöht wegen CO2. Das Nächste mal wegen “Dummfugsteuer” noch einmal. Und nicht vergessen! In der Regel zahlt man zweimal. Für Hin- und für den Rückflug auch nochmal, was wieder einmal unterschlagen wird. Und wozu das Ganze? Weil sich Deutschland wieder in die Hosen macht wo andere sich deswegen nicht einmal die Hosen anziehen. Nicht mehr ganz dicht was in diesem Land abläuft.

Gereon Stupp / 31.10.2019

Natürlich wird die Erhöhung größer gemacht, als sie ist. Denn die Fluggesellschaften werden natürlich die Erhöhung nutzen, um auch ihren Anteil, sprich den Grundpreis anzupassen. Wer steht schon am Terminal mit Block, Stift und Taschenrechner und kalkuliert das auf Heller und Pfennig nach? Und wenn der Kunde von merklichen Erhöhungen ausgeht, kann man ihm auch eine solche unterjubeln. Das ist klassisches Handwerk der Preispolitik und diese Medien prostituieren sich für jeden, der zahlt.

Gerd Steimer / 31.10.2019

Das einzige, was dadurch verändert wird, ist das Steueraufkommen, so kommt man billig zu Mehreinnahmen, die man dann als Großtat für den Klimaschutz hinstellen und sich feiern lassen kann. Einfach nur albern, wäre es nicht so traurig

T.Resias / 31.10.2019

Das ganze Klimapaket ist doch nichts anderes als eine Flüchtlingssteuer durch die Hintertür.

Claudius Pappe / 31.10.2019

Man muss hier nicht jeden Schwachsinn veröffentlichen. Eine Steigerung von 7,50 Euro auf 13,03 Euro sind 76% Erhöhung ?  Dann geht alle Freitags mal wieder zur Schule. Was seit ihr-Journalisten, Psychologen, Statistiker, RWI-Vizepräsident und Chefin einer statistischen Beratungsfirma ?  Könnt ihr nicht rechnen ? Schämt euch. Bittet euren Chef euch zu entlassen.  Ganz, ganz schwach-Mathe:  6 Minus. Sowas traut sich noch ohne nachzurechnen, Werte öffentlich ins Netz zu stellen ? Es sind 73,73 % Erhöhung. Absolut sind es ja” nur” 5,53 Euro——-H IV Empfänger würden sich über 5,53 Euro jeden Tag freuen…..Oh Gott….

Gerd Quallo / 31.10.2019

Dadurch wird der Mumpitz aber keinen Deut besser!

Gerhard Rachor / 31.10.2019

Was soll dieser Artikel? Wenn diese Erhöhungen so klein sind wie beschrieben, warum werden sie dann durchgeführt? Soll diese CO2 Steuer nun den Ausstoß senken oder nur abkassieren? Diese Frage hätte sich der Autor stellen sollen. So fällt der Artikel für mich in Kategorie „Unartikel des Monats“.

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