Opfer der eigenen Propaganda

Der Tod stirbt aus Mangel an Gesellschaft. Gesellschaften, die auf diese Karte setzen, sollten gewarnt sein.

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Schlechte Manieren? Die Rache der guten.

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Alle Geselligkeit lebt von Distanz.

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Distanzunterschreitung hat zwei Gesichter: Sexualität und Gewalt. Der Mensch als Gott und als Vieh.

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Der Mensch ist das Tier, dem man auch aus der Distanz zu nahe treten kann. Behörden, die der Verordnungsrausch fortträgt, wecken das Tier im Menschen.

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Das menschliche Distanzversprechen ist brüchig. „Ich kann auch anders“ heißt: Hinter der Maske lauert das Raubtier. Eine Gesellschaft, die diese Symbolik öffentlich aktiviert, hat sich von Menschlichkeit, wie sie seit Jahrtausenden gelehrt wird, verabschiedet.

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Distanz: eine biologisch-soziale Größe. Das biologische Bedürfnis legt das Optimum vor, den Raum, in dem sich der Mensch wohlfühlt, die soziale Lenkung schafft gezielt Abstände, die zu überwinden schwer, wenn nicht unmöglich ist, sofern sie die Menschen nicht auf zu engem Raum zusammenpfercht und zum Tier herunterwürdigt, dem man die artgerechte Haltung vorenthält.

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Die mittlere Distanz ist die beste. Sie umreißt den Bezirk, in dem Menschen in Übereinstimmung mit sich selbst und ihresgleichen zu leben vermögen. Er reicht von der Zone, in der alle miteinander auskommen können, bis dorthin, wo die komplexen Riten der Annäherung über Wohl und Wehe des Einzelnen in der Gemeinschaft entscheiden.

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Hierarchisierung ist hauptsächlich die Schaffung von Distanzen.

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Abstand erzwingen jenseits der geltenden Abstandsregeln bedeutet, den Menschen kleinzumachen.

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Wenn die Macht sagt: „Halte dich fern!“, dann entgegnet die Schwäche: „Ich bin schon weg!“ und Ohnmacht beginnt zu klammern.

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Der ordinäre Mensch, kleingemacht und als Wächter über seinesgleichen gesetzt, ist der Tyrann des Alltags. Er ist der eigentliche Menschheitspeiniger, denn er bestimmt sein Einsatzgebiet selbst und gibt selten Ruhe.

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Verordnete Distanz schafft Willkür, weil sie gewählten Regierungen den Übergang zur ungebremsten Herrschaft erleichtert. Die Masse fühlt es aus den Maßnahmen heraus, die erlassen werden und keinen verlässlichen Sinn ergeben. Aber sie bleibt auf Sinn fixiert und weigert sich, den Mechanismus zu durchschauen.

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Die anonymisierte Form aller Diktatur ist der Sachzwang. Die personalisierte Form des Sachzwangs ist die Sache als Feind. Das nützliche an diesem Feind: Er muss geglaubt werden. Das Ding bündelt die Glaubensenergie einer verteilten Masse und macht sie lenkbarer.

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Zu einem Feind, den nur Auserwählte zu identifizieren imstande sind, kann man nicht auf Distanz gehen. Man soll es aber, also steckt man den Nächsten in seine Rolle. Er ist der Stellvertreter, dessen Opferung ansteht, sobald es soweit ist. So weit ist man dann schon. Gespaltene Zunge, gespaltenes Menschenrecht, gespaltenes Recht auf Dasein: Das ist die schlüpfrige Bahn, auf der es abwärts geht.

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Der Anblick verödeter Innenstädte, gerade noch Brennpunkte der Zivilisation, brennt sich ein. Alles, was sich einbrennt, hinterlässt Narben: Merkzeichen, dass es auch anders zugehen kann. Jemand muss es nur wollen. Gezeichnete sind Gefolgsleute in spe.

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Tyrannei mit männlichem Geschlechtszeichen beansprucht „die Zukunft“ für sich, weiblich konnotierte die nächste Zeit mit dem Versprechen, alles wieder zurechtzurücken, wenn erst der kleine Eingriff gelungen ist.

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Sobald eine Tyrannei auf dem Weg ist, melden sich die Wortführer aller nicht mehrheitsfähigen Anliegen und wollen auch bedient werden: aber presto! Es ist ihre Stunde, es ist ihre Welt. So meinen sie und vergessen dabei allzu leicht, dass sie bloß das Spektakel geben dürfen, das alle Welt ablenkt. „Nein, nicht die schon wieder!“ So ist es, in der Tat. Was nicht heißt, dass sie nicht gefördert würden. Brosamen vom Tisch der Macht heißen Errungenschaften.

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Gesunden Menschen einreden, sie stellten eine Gefahr für die Mitwelt dar: Auch so erzeugt man Wracks. Die einen stranden, die anderen gehen unter. Die Gestrandeten werden geplündert, die Untergegangenen überlässt man den Fischen.

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Zwanghaft gleichen Abstand verordnen, heißt den Ring um den Einzelnen schließen, dessen Opferung auf dem Altar der Sicherheit für alle ansteht. Das gilt im buchstäblichen wie im sprichwörtlichen Sinn. Da diese Art von Sicherheit nicht erreichbar ist, kommt irgendwann jeder dran. Das Spiel muss nur lange genug dauern. Jeder Mensch ist ein potenzieller Gefährder.

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Die gesellige Grundform der res publica ist das Fest, die Gussform der Diktatur ist die Quarantäne.

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Selbstisolierung ist die vornehme Form des Freiheitsentzugs. Man findet sie in allen Zusammenhängen, in denen die Ehre über Wohl und Wehe der Menschen entscheidet.

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Hindere Menschen über längere Zeit daran, spontan den ihnen gemäßen Abstand zu Menschen und Dingen einzunehmen, und du zerstörst ihre Fähigkeit, richtig, das heißt, mit Augenmaß zu denken. Man nennt diese Denkstörung Hysterie und hält sie für ein kollektives Phänomen. Richtig daran ist nur, dass es unter Menschen auftritt, deren Bedürfnis, sich unter ihresgleichen zu zerstreuen, mit Füßen getreten wird.

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Schärfe Menschen im Stunden- oder Minutentakt ein, zueinander Distanz zu halten, und du erzeugst Menschenfeinde mit der Tendenz zum Angstbeißertum.

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Distanzgebot und Denunziantentum wachsen auf einem Holz.

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Sprachregulierung: scheinbar harmlose Art, Distanz zur Wirklichkeit der sozialen Tatsachen zu schaffen. Wer sich ihrer bemächtigt, betreibt das Geschäft der Entfremdung: Er schafft Fremde im eigenen Haus. Diese künstlich geschaffenen Fremden sind in Wirklichkeit Entmündigte. Man hat ihnen das Wort aus dem Mund genommen und stopft ihnen Wörter hinein, mit denen sie nichts anfangen können, es sei denn, sie mechanisch herunterzurattern und sich dabei, je nach Geschicklichkeitsgrad, in Gewinner und Verlierer zu spalten.

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Amtliche Sprachverhunzung im Dienst irgendwelcher politischen Moden wirft den nicht unbeträchtlichen Bevölkerungsteil ohne Sprachkompetenz, die über die Beherrschung der objektzentrierten Sprache hinausginge, aus dem Kreis derer hinaus, die in der Gesellschaft mitreden. Ebenso den kleineren, der den Schwindel durchschaut und keine Lust hat, ihn mitzumachen.

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Politische Korrektheit, das heißt, die Agenda verordneter Selbstdistanzierung verwandelt die Muttersprache in ein Instrument fanatischer und fanatisierender Herrschaft. Das erste, was dabei verloren geht, ist der Sprachwitz, der Souveränitätsausweis der Gedrückten. Holen sie ihn sich wieder, ist das Ende der Tyrannei programmiert, selbst wenn es draußen noch auf sich warten lässt.

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Das beschwiegene Ziel der Distanzvergrößerung heißt Separation: Der weggeschlossene Mensch ist der fügsame. Jede Distanzvergrößerung enthält eine Wegschließung, die man nicht sieht, die aber erlitten wird.

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Man nennt die Schließung öffentlicher Orte, von der Eckkneipe bis zur Oper, „social distancing“ und entzieht den Menschen ihre Öffentlichkeit. Währenddessen braust die Wahnrede der Enthemmten auf allen Kanälen. Das ist der Kern aller „cancel culture“. So genannt wird sie erst dann, wenn auch die Gehätschelten des Betriebs zuhause bleiben können, weil „wir“ in unserer umfassenden Kenntnis des Wahren, Guten und Schönen gern auf ihre Dienste zu verzichten beschlossen haben.

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In den Opfern der eigenen Propaganda vollzieht sich eine ungewollte Distanzumkehr. Sie leben im Wahn, auf „die Menschen draußen“ zuzugehen; währenddessen treiben sie zwanghaft von ihnen fort und in nebelumhüllter Ferne kündigt sich bereits das Donnern der Fälle an.

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Eine hämische Form der Distanzverhängung besteht darin, Menschen das Gesicht zu nehmen. Primitive Hexer verwenden dazu einen Lappen, Zauberkünstler der gehobenen Sorte ein ganzes Instrumentarium von Gesten, die nichts weiter bezwecken als das Verschwindenlassen des Anderen.

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Ohne den Anderen existiert Gesellschaft nicht länger. Sie hat sich aufgelöst und wird so nicht wieder zusammenkommen. Ob das schade ist oder nicht, wissen die Beteiligten nicht. Sie spüren aber den Verlust und hängen die Schuld daran jedem an, der ihnen vor die Flinte kommt. Das heißt, an die Stelle der Gesellschaft tritt nicht das Nichts oder das „atomisierte bürgerliche Individuum“, vor dem die sozialistischen Klassiker nie auszuspucken vergaßen, sondern die opferkultische Gemeinde. Man sollte das wissen.

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Kinder lernen das Menschsein an Gesichtern. Nimm die Gesichter aus ihrer Umgebung heraus und du fügst ihnen Schäden zu, die nie mehr gutzumachen sind. Eine Gesellschaft, die zu schimärischen Zielen unterwegs ist, erkennt man daran, dass sie von Zeit zu Zeit ihre Kinder einfach vergisst oder, noch übler, nach ideologischem Belieben missbraucht, und sei es mit Worten.

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Wer die Schädigung von Kindern wissend in Kauf nimmt, ist nach den Regeln aller Kulturen, die diese Bezeichnung verdienen, ein Verbrecher.

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Politik hat kein Recht darauf, Gesellschaft keimfrei zu machen. Pasteurisierer gehören in die Produktion.

 

Ulrich Schödlbauers Blog, auf dem dieser Beitrag zuerst erschien: hier

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Leserpost

netiquette:

Dr. med. Jesko Matthes / 12.04.2021

Es gibt Dinge, zu denen wächst die Liebe mit dem Quadrat der Distanz. So wird der Begriff vom Vaterland zu einer Beleidigung meines Vaters, und der von Heimat zu jener meiner eigenen Person. * Die Sinnlosigkeit und die Boshaftigkeit organisatorischen Handlens führen zu innerer Kündigung. Jene des staatlichen Handelns führen zu innerer Emigration. * Die innere Emigration ist nicht zu unterschätzen. Sie ist die Grundlage der äußeren Emigration und des Widerstands, um den Preis des Zusammenbruchs des Gescheiterten. * Wer den Zusammenbruch des Gescheiterten predigt, ist konservativ. Wer die Auferstehung des Gescheiterten predigt, ist links.

Wieland Schmied / 12.04.2021

Herr Unger, ich sehe Ihr Resümee extremer: * Das Merkel-Regime will in diesen Tagen den Sack endgültig zu machen: Die seit 9/15 offen betriebene Beseitigung der Bundesrepublik Deutschland, vollenden.* Jenseits der Vorstellungen von Richtig und Falsch liegt ein Ort. Dort werden wir uns treffen. MfG

Thomas Taterka / 12.04.2021

Einige Zigarettenlängen in der Stille nehme ich gerne als Lektüre an.

K Bucher / 12.04.2021

Opfer der eigenen Propaganda???....ich habe schon lange aufgehört Irgendwelcher schwarz weiß Propaganda zu verfallen und Wer das nicht schafft ist eben selber schuld !!!.....und deswegen MEINE Zeitzeugen von längst vergangenen Zeiten die ich zum Überleben brauche und auch Nutze um nicht dem Totalem ALLGEMEIN VERORDNETEM (Corona) Wahnsinn anheim zu fallen .....und ja es wirkt .....wenn man es schafft sich darauf einzulassen ...... ... WAGNER KARAJAN [ISOLDE DEATH] Jessye Norman 1987 (+ General Probe)

Harald Unger / 12.04.2021

Ulrich Schödlbauer erinnert an die Kinder und Jugendlichen. Deren Zerstörung wir alten Säcke-äh Agegrouper auf der Achse, nicht so sehr auf dem Schirm haben. Zum vierten Mal in der Zeitgeschichte haben wir eine vom Regime missbrauchte Jugend. - - - Aber vielleicht markiert der heutige 12.04.‘21 einen Wendepunkt auf der Achse. Die anscheinend gemerkt hat, daß die bisher verordnete “heitere Zuversicht” mit ihrer verengenden Fixierung auf die Sammlung von anekdotenhaften Oberflächen des Geschehens, nicht länger aufrechterhalten werden kann. - - - Es gilt, diese selbstverschuldete Unmündigkeit, als direkte Folge des selbstauferlegten Sprech- und Denkverbots, wonach jeder Gedanke abseits der Oberfläche sogleich Verschwörungstheorie sei, zu überwinden. Wir müssen endlich anfangen, die heimtückische und zynische Absicht des Merkel-Regimes, in den sich inzwischen gellend aufdrängenden Zusammenhang zu bringen. Das Merkel-Regime will in diesen Tagen den Sack endgültig zu machen: Die seit 9/15 offen betriebene Beseitigung der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland, vollenden.

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