Gastautor / 06.04.2012 / 22:50 / 0 / Seite ausdrucken

Grassens Herkunfts-Wechsel

Gunnar Heinsohn

Seine „Herkunft“ habe ihn zögern lassen, gegen die Juden Israels vorzugehen, schreibt Günter Grass am 4. April 2012 in „Was gesagt werden muss“. In seiner Heimatstadt Danzig überrascht das, denn bis 2006 schätzt man ihn dort gerade aufgrund seiner westslawischen Verwandtschaft aus der Kaschubei. Deshalb kommt umgehend auch das Erstaunen über seine Behauptung wieder hoch, dass seine wahre Liebe gar nicht der SS, sondern den U-Booten gegolten habe.

Für mich klingt das erst einmal glaubwürdig. Noch als Zwölfjähriger habe ich Unterseeboote gemalt, sie im Querschnitt gezeichnet und die Namen und Abschusstonnagen deutscher und alliierter Offiziere auswendig hersagen können. Dass Grass 1943 für diese Waffengattung schwärmt, nehme ich im unbesehen ab. Damals flanieren die Kommandanten stolz auf Danzigs Straßen - darunter auch mein Vater (Jahrgang 1910), dessen U-438 am 1. Mai 1943 die britische Fregatte Pelican vor Neufundland versenkt. Da ich seinerzeit erst im 2. Fötalmonat stecke, bleibt mir die Unruhe von Mutter und Brüdern erspart.

Was mich allerdings bis heute überrascht, ist ein für Grass so ungemein wichtiger Vorgang, dass er ihn während seiner SS-Beichte im FAZ-Feuilleton vom 12. August 2006 gleich zweimal erwähnt. Bis zum Häuten der Zwiebel (2006) sei er vollkommen „vergessen“ gewesen. Es geht um seine frühreife Meldung als Fünfzehnjähriger bei der U-Bootswaffe und die schmerzliche Ablehnung dieses Begehrens mit der Begründung, dass die schon 1943 „niemanden mehr nahm“.

Eine enorme Geschichte. Ein Halbwüchsiger macht sich aus Langfuhr (heute: Wrzeszcz) auf den Weg zum Rekrutierungsbüro der Reichskriegsmarine. In welcher Straße liegt es? Wie heißt sie damals und wie nennen die Polen sie heute? Wie wirkt der Rekrutierungsoffizier, einschüchternd oder ermutigend? Und warum riskiert der gute Mann Kopf und Kragen sowie das Leben seiner Angehörigen, als er einem begeisterten Hitlerjungen mit Endsiegglauben schon 1943 ins Gesicht sagt, dass man bei den U-Booten niemanden mehr einstelle, weil der Krieg verloren sei? Warum lässt der junge Eiferer den vertrauensseligen Mann nicht hochgehen? Wie geht er mit seinem „zersetzenden“ Geheimnis um? Warum schweigt er eisern gegenüber Gestapo und Polizei, die doch überall auf Defätisten lauern und die zur NSDAP gerne auf Distanz gehende Marine hassen? Das wäre ein Stoff, wie ihn kaum jemand besser als Günter Grass beschreiben könnte und selbstverständlich auch ausfabulieren dürfte. Doch diesmal enttäuscht er seine Leser.

Hat er tatsächlich 63 Jahre lang nur etwas „vergessen“? Oder bleibt das Matrosengarn so karg und saftlos, weil es ein dazu gehörendes Erlebnis nie gegeben hat? Mit einem beliebigen Seekriegshandbuch lässt sich das schnell überprüfen. Im Jahre 1942 verliert die Marine 86 Boote, 1943 explodieren die Verluste auf 242 Schiffe. Das ist Grassens angebliches Meldejahr. Großadmiral Karl Dönitz braucht mehr Rekruten als je zuvor und seine Anwerbung junger Männer verläuft so erfolgreich, dass er 1944 sogar 252 U-Boote verlieren kann und dennoch der Einsatz im Atlantik nie unterbrochen werden muss. Noch in den ersten vier Monaten 1945 kehren sogar 120 Boote „von Feindfahrt nicht zurück“. Übers Jahr wären das 360 gewesen. Im Frühling 1945 erbeutet die Rote Armee allein in Danzig über 20 – teilweise noch nicht fertiggestellte – U-Boote, für die man bei Kriegsfortsetzung auch noch Mannschaft gefunden hätte.

Glaubwürdig bleibt vom gesamten Seestück allein Grassens Bewunderung der U-Boote, von deren 38.000 Männern über 33.000 fallen. Etwas dran sein mag auch an der frühreifen Meldung des Fünfzehnjährigen bei einer Organisation, die ihn dann schnöde ablehnt. Dabei kann es sich allerdings nicht um die Unterseewaffe gehandelt haben. Zumindest deren von Grass erinnerte Ablehnungsbegründung, dass sie schon 1943 niemanden mehr verwenden konnte, ist abwegig. Unstrittig bleibt lediglich, dass er ein Jahr später – im November 1944 – seinen Kriegsdienst zwar nicht bei der SS, aber immerhin bei der Waffen-SS bzw. der 10. SS-Panzer-Division Frundsberg beginnt.

Welche Organisation könnte den temperamentvollen Hitlerbewunderer 1943 abgewiesen haben? Hier kann auch ich nur imaginieren und den Nobelpreisträger einladen, auf diesem seinem ureigenen Feld ein Stück weit mitzugehen. 2006 und wohl bis heute ist ihm ja gerade an diesem Punkt vieles „undeutlich“ und nur „vielleicht“ auch wirklich vorgefallen. Er ist „nicht sicher, wie es war“. Mit zwei starken Hinweisen aber könnte er uns weiterhelfen. Einmal geht es um seine Verehrung der Waffen-SS als „Eliteeinheit, die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war“ (alle Zitate aus dem FAZ-Interview von 12-08-06). Gibt es im Jahre 1943 Gründe dafür, dass er gar keinen Umweg über die U-Boote macht, sondern sich gleich bei der Waffen-SS meldet, dann aber bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres warten muss?  Als sich die Panzerdivisionen der Wehrmacht im März 1943 vor der Roten Armee bei Charkow schon in heilloser Flucht befinden, sind es die Jünglinge der Waffen-SS, die den Sowjets – zumindest bis August 1943 - doch noch eine halbe Niederlage bereiten. Hitler applaudiert am 14. März: „Die jungen Leute schlagen sich fana¬tisch, die aus der Hitlerjugend stammen ... - junge deutsche Bur¬schen, zum Teil 16jährige. Diese Hitlerjungen kämpfen meist fana¬tischer als ihre älteren Kameraden” (G.H. Stein, Geschichte der Waffen-SS, Düsseldorf: Droste 1967, S.186). Solche Begeisterung seines Führers hat einen HJ-Jungen im Alter jener Panzersoldaten gewiss mitreißen können.

Grass legt aber eine noch dunklere Spur: Der Schrecken nämlich, den eine SS-Uniform verbreitet, ist ihm auch nach Kriegsende ganz unvorstellbar. Ein um seine Sicherheit besorgter Gefreiter bedrängt ihn, in eine Wehrmachtsuniform zu wechseln. Da schon ein gewöhnlicher Landser beim Erblicken des schwarzen Tuches erstarren konnte,  muss ein diesbezüglich gänzlich furchtloser Grass in einem außergewöhnlichen Milieu verkehrt haben. Nur wer in heilloser Bewunderung der SS aufwächst, kann sich bei ihrem Programm der Judenvernichtung und Slawenausrottung bis zum Ural nichts Böses gedacht haben

Hat Grass für das Jahr 1943 also etwas anderes als eine freiwillige Bewerbung bei den U-Booten vergessen, deren Scheitern erst zur ungewollten Waffen-SS geführt habe? Hat der knapp gewachsene und dunkelhaarige Junge mit kaschubisch-katholischer Oma vielleicht sogar direkt bei der SS und keineswegs bei der Waffen-SS angeklopft? Und könnte der Rekrutierungsoffizier ihn zwar für sein Korps als unpassend abgelehnt, aber – gerührt vom jugendlichen Fanatismus – die Waffen-SS als Lösung zweiter Klasse angeboten haben? Das wäre für einen jungen Mann mit höchster Anpassungs- und Mitmachbereitschaft bitter gewesen – auch gegenüber den leichter reüssierenden Kameraden. Hat Günter Grass hier womöglich selbst ein Stück Blondbestienrassismus zu spüren bekommen? Hat er sich ungeachtet allen Hasses auf Juden plötzlich selbst isoliert gefühlt? Hat er Totenkopf und schwarzes Tuch als Schutzmantel gesucht? Die Pläne für das Verschwinden der Kaschuben – einschließlich ihres Namens – durch Austilgung oder Eingemeindung der „als Deutsche Brauchbaren“ sind immerhin seit Himmlers Gedanken „über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten“ vom 15. Mai 1940 Programm der SS.

Für seine kaschubische Verwandtschaft muss Grass sich mithin nirgendwo schämen. Die verbietet im gar nichts. Deshalb setzt er sie als Dichter offensiv ein und erringt damit im Nachkriegspolen manch slawische Liebe. Vor 1945 jedoch ist er so grundstürzend deutsch, dass niemand davon wissen soll. Danach punktet er bis 2006 mit seiner nichtdeutschen Herkunft. Heute will er wieder Deutsche hinter sich bringen, von denen manche ja wirklich darunter leiden, dass man bei ihnen genauso schnell an Hitler denkt wie bei einem Mongolen an Dschingis Khan. Deshalb sucht er Schutz hinter einem Deutschtum, das völkischer ist, als er das zwischen 1945 und 2006 sein wollte. Schließlich hätte ihn nicht einmal die Süddeutsche gedruckt, hätte er als Grund für das Zurückhalten seiner infamen Jerusalem-Attacke nicht „meine Herkunft“ geschrieben, sondern „meine geliebte SS, die Israel auch verhindern sollte“ oder gar „meine kaschubische Großmutter“.

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