Gunnar Heinsohn / 28.08.2012 / 14:18 / 0 / Seite ausdrucken

Genozidangst der Alawiten

Die Möglichkeit eines Völkermords an Syriens 2,2 Millionen Alawiten, deren Elite in Damaskus herrscht, erwächst keineswegs automatisch daraus, dass sie einer anderen Religion angehören als die 15 Millionen Sunniten im Land. Für das Nähren der alawitischen Angst vor Auslöschung - oder zumindest Beraubung und Vertreibung - reicht der Blick in Länder, wo selbst religiöse Einheitlichkeit Megatötungen nicht verhindert. So bringen sich im islamischen Algerien, dessen Diplomat Lakhdar Brahimi in Syrien jetzt Frieden bringen soll, zwischen 1991 und 2002 rund 200.000 Menschen gegenseitig um. Da sich beide Seiten als gläubige Sunniten bekennen, kann das Eliminieren nur deshalb als Religionskrieg exekutiert werden, weil eine Seite sich für besonders gottesfürchtig hält, wodurch die normale Frömmigkeit des Gegners als Gottlosigkeit erscheint und seine Austilgung hinreichend rechtfertigt.  Syriens Alawiten können aber auch über Afghanistan die Nerven verlieren, weil dort - zeitgleich mit ihrem eigenen Bürgerkrieg - Sunniten anderen Sunniten die Köpfe abschneiden, weil man sie für das Anhören von Musik des Verrats am Propheten zeihen kann.

Auch Sunniten in Syrien, die keinerlei Ausrottungsabsichten gegen Alawiten hegen und wie diese ihren Töchtern eine unverschleierte Erziehung ermöglichen, können am damaligen Algerien und am heutigen Afghanistan lernen, dass sie von den Aufständischen daheim nicht schon deshalb verschont werden, weil sie mit ihnen das Bekenntnis teilen. Alawiten wiederum können an den noch zu ihnen haltenden Sunniten begreifen, dass es nicht deren Religion ist, die eine Gefahr darstellt. Als die Alawiten ihre 1920 beginnende Autonomie 1936 zugunsten der Vereinigung mit Syrien aufgeben, tun sie das ja ebenfalls ohne Angst vor Sunniten.

Allerdings hat Syrien seinerzeit gerade mal 2,2 Millionen Einwohner. Heute sind es mit 22 Millionen zehnmal so viele. Dieser wuchtige Unterschied gilt den Syrienbeobachtern als so nebensächlich, dass sie ihn nicht einmal erwähnen. Und doch hat man Mühe, einen Faktor zu benennen, der stärker zum aktuellen Massakrieren beiträgt als Syriens viele Jahrzehnte währende Geburtenexplosion. Dieses etwas barbarisch anmutende Argument kann man übrigens auch in der Gegenrichtung befahren. Fragt man etwa zu Algerien, was in diesem Maghrebstaat vor dem Ausbruch des Tötens anders ist als nach seinem Abflauen, so stößt man unvermeidlich auf den Rückgang der Kinderzahlen pro Frau von 7,4 im Jahre 1971 auf 1,7 heute. Hat Algerien 1991 einen Bruderkriegsindex (Verhältnis von 15-19-jährigen zu 55-59-jährigen Männern)  von 5, so wird er 2015 nur noch bei 2 liegen.

Afghanistan dagegen hat seit 43 Jahren und auch heute noch immer einen Bruderkriegsindex von 6. Um eine frei werdende Position müssen sechs zornige Jünglinge den Kampf aufnehmen. Deshalb kann man am Hindukusch die Millionenverluste gegen die beiden mächtigsten Kriegsmaschinen der Geschichte – also gegen den Warschauer Pakt (1979-1989) und die NATO (seit 2001) – nicht nur ausgleichen, sondern seine Bevölkerung während beider Kriege (sowie des Bürgerkriegs von 1989 bis 2001) sogar von 13 auf 30 Millionen hochtreiben. Amerika – mit Bruderkriegsindex 1,2 gegenüber 0,8 beim deutschen Partner – flieht erst so spät aus Afghanistan, weil Präsident Obama von den militärischen Auswirkungen eines youth bulge bei seiner Erhöhung der US-Truppen um 30.000 Mann im Dezember 2009 noch nichts versteht.

Während der Blick auf das Algerien von 2012 Syriens Alawiten durchaus beruhigen darf, kann Afghanistan ihre Panik nur steigern. Gleichwohl ist ihre Lage – bei Syriens Bruderkriegsindex von 4 (bei den Alewiten weniger) – nicht ganz so prekär wie die afghanische mit 6 oder etwa diejenige Südisraels, das dem Gazastreifen mit ebenfalls 6 gegenüber steht. Sie ähnelt eher dem Algerien von 1995, als man nicht einmal die Hälfte des Tötens hinter sich hat, die Kinderzahl pro Frau mit 3 aber schon weit weg ist von den 7,4 der 1971er Jahrgangs, der 1991 zwanzig wird und sich für die Schlachten ab 1992 warmläuft. Syrien hingegen liegt 1995 noch bei fast fünf Kindern pro Frau und geht erst 2005 herunter auf drei. Der Jahrgang 1995 erreicht erst 2015 das optimale Kampfalter von 20 Jahren. Die Fähigkeit der syrischen Rebellen zur Absorption von Verlusten nimmt mithin immer weiter zu. Hinter knapp einer Million junger Männer, die 2010 zwischen 20 und 24 Jahre alt sind, folgen 1,2 Millionen 15-19-Jährige, 1,25 Millionen 10-14-Jährige und 1,34 Millionen 5-9-Jährige. Erst danach werden die Zahlen zurückgehen.

Schlägt sich diese Bevölkerungsdynamik bereits in den Methoden der Kriegsführung bereits? Soweit man überhaupt etwas sehen kann, ermorden die Aufständischen vorerst eher gestandene Anhänger des Regimes, also ältere Männer, deren Positionen als Lohn für den jugendlichen Heldenmut winken. Bei den Morden des Regimes hingegen scheint es vorrangig um das Verringern gegnerischer Rekruten zu gehen. So sollen unter den bis zu 320 Opfern vom 25 und 26. August im sunnitischen Damaskus-Vorort Daraya die meisten “junge Männer im besten Kampfalter gewesen sein” (reuters, 26-08-2012). Auch diese uralte Dezimierungspraxis – in Europa zuletzt 1995 in Srebrenica von orthodoxen Serben gegen 8.000 wehrfähige Muslime aus Bosnien vollzogen – gehört zu den Delikten des Völkermords.

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