Fred Viebahn / 07.12.2014 / 12:37 / 1 / Seite ausdrucken

Wertzuwachs durch Handarbeit, oder: Die guten Mittel segnen den Zweck

“Zum ersten, zum zweiten, zum dr….”

In diesem Moment fuchtelt einer der halben Dutzend Auktionshausangestellten, die klobige schwarze Telefone ans Ohr gepreßt entlang der Saalseite stehen, mit der freien Hand, was bedeutet, daß die Stimme am anderen Ende der Leitung noch einen Tausender drauflegt auf das Angebot eines persönlich im Raum hockenden Bieters. Dessen numeriertes Versteigerungsschild, einem Tischtennisschläger ähnlich, nur ovaler, zuckt aber gleich wieder hoch. Jetzt geht’s fünftausenderweise. Bei achtzig Grand endlich kehrt Stille ein, und der Auktionär haut sein zierliches Silberhämmerchen aufs Pult für den unumstrittenen Superstar des Abends—Philip Roths Roman “American Pastoral” aus dem Jahr 1997.

Vor zwei Jahren kamen der Londoner Bücherantiquar Rick Gekoski und seine Frau Belinda Kitchin, leidenschaftliche Unterstützer des PEN-Clubs und vor allem seines Einsatzes für verfolgte Schriftsteller und die Freiheit des Wortes, auf die genial einfache—und einfach geniale—Idee, populäre zeitgenössische britische Autoren zu bitten, Erstausgaben ihrer Werke handschriftlich zu annotieren, also nach Herzenslust darin rumzukritzeln, zu ändern, zu streichen, zu illustrieren, sich selbst zu kritisieren oder zu parodieren und die daraus resultierenden Unikate zugunsten des englischen PEN versteigern zu lassen. Gekoski überzeugte das Auktionshaus Sotheby’s, seine Dienste kostenlos zur Verfügung zu stellen und keine Prozente zu kassieren, und so brachten die beteiligten 51 britischen Autoren und ihre Bücher unter der Schlagzeile “First Editions / Second Thoughts” im Mai 2013 dem Londoner Gründerzentrum des PEN 439.200 Pfund Sterling in die Schatulle—wobei allein J.K. Rowling mit ihrem Erstlingswerk “Harry Potter and the Sorcerer’s Stone” einem Fan (oder Spekulanten?) glatte 150.000 wert war.

Dieser Erfolg beflügelte den mit knapp 4000 Mitgliedern weltweit größten PEN, das PEN American Center in New York, sich an den Engländern ein Vorbild zu nehmen und ihre eigene Versteigerung sogar noch eine Nummer größer anzusetzen, wieder mithilfe von Rick Gekoski und Belinda Kitchin. 61 überwiegend amerikanische Autoren und 14 bildende Künstler erklärten sich zum “Verschandeln” ihrer Erstausgaben bereit—von Woody Allen bis Tobias Wolff fein alphabetisch im Katalog aufgelistet, darunter auch das geheftete dünne Erstlingswerkchen “Ten Poems” meiner Frau Rita Dove aus dem Jahr 1977. Nach der Großzügigkeit von Sotheby’s wollte sich natürlich das führende amerikanische Auktionshaus Christie’s nicht lumpen lassen; es stellte nicht nur seine sämtlichen Dienste unentgeltlich zur Verfügung, es druckte auch auf seine Kappe einen luxuriösen Farbkatalog, schmiß einen bourbonbeflügelten Cocktailempfang unmittelbar vor dem überfüllten Hauptereignis (ob so bei den Büchernarren die Dollars lockerer gemacht werden sollten?) und servierte anschließend ein “intimes Dinner” in seinem üppigen Hauptquartier im Rockefeller Center.

Beim Cocktailempfang empfahl uns Rick Gekoski, uns so weit wie möglich hinten im Raum einen Platz zu suchen, weil man von dort das taktische Gerangel der Bieter besser beobachten kann. Rita war eine von vierzehn anwesenden Autor(inn)en, darunter auch Paul Auster, Michael Cunningham, Louise Erdrich, Jay McInerney und Paul Muldoon. Natürlich ließ sich von den Versteigerungsergebnissen kein literarischer Wert ableiten, dazu waren die Kritzelbeiträge zu unterschiedlich und die Kriterien zu subjektiv; aber vor allem bei den “teuersten” Büchern trafen die vorher in amerikanischen Medien wie der New York Times getroffenen Prognosen zu: Philip Roth, auch wenn er, vermutlich zu seinem Leidwesen, nicht mal annähernd J.K. Rowlings Rekordsumme erreichte, gab in New York den fettesten Dukatenesel her, gefolgt von Don DeLillo, dessen besonders kräftig handbearbeiteter Roman “Underworld” im Duell dicker Brieftaschen auf 57.000 Dollar kletterte. Dagegen erreichten die einzigen Bücher im Raum, die sich rühmen konnten,  von Nobelpreisträgern geschrieben worden zu sein, Toni Morrisons “Beloved” und Orhan Pamuks “Snow”, zwar respektable 19.000 und 13.000 Dollar, aber an Bestsellerautoren du jour wie Jennifer Egan und Marilyn Robinson—beider Romane bei je 24.000 Dollar kulminierend—kamen sie bei diesem freundlichen Wetthüpfen nicht ran. Ein paarmal fragte ich mich, ob da wohl der eine oder andere selbstwertbesessene Schreiberling per Telefon- oder Online-Prokura selber mitbot, um seinen Ruf mittels des guten Zwecks in luftige Höhen zu treiben. Bei der Londoner Veranstaltung soll es übrigens tatsächlich passiert sein, daß jemand sein eigenes Werk ersteigerte.

Das schmale Heftchen meiner Frau brachte immerhin auch ohne Zündschnur unsererseits respektable 3.000 Dollar—doppelt so viel wie Joyce Carol Oates und Yoko Ono, ein bisserl mehr gar als Sam Shepard und nur einen lumpigen Tausender weniger als Woody Allen und Alice Walker. Ganz befreien von den Vergleichsspielchen in eitlen Dichterköpfen kann sich bei solch willkürlicher Wertzumesserei wohl niemand. Im ganzen kamen schließlich immerhin 918.000 Dollar zusammen, die ein anonymer Spender auf eine runde Million aufstockte, wie Peter Godwin, Präsident des amerikanischen PEN, beim spätabendlichen Festessen stolz verkündete.

Auf dem Weg zum Schmaus in Christie’s oberen Räumen geriet ich zufällig mit einer älteren Dame ins Gespräch. (Naja, was heißt älter: Sie ist meinem unfassbarerweise auf die Siebzig zutaumelnden Jahrgang nahe.) “Na, haben Sie eines der Bücher ersteigert?” fragte ich forsch. “Nein nein”, erwiderte sie. “Ich bin hier nur, weil übermorgen ein paar Sachen meines Mannes versteigert werden; heute war die offizielle Präsentation.”

Später, auf dem Weg zur Garderobe mit den Bäuchen voll vom Feinsten, hatten Rita und ich kurz Gelegenheit, uns die in einer Glasvitrine ruhenden “paar Sachen” anzuschauen. Da schimmerte die goldene Nobelpreismedaille von James D. Watson, 1962 in Stockholm als einer der Entdecker der Doppelhelixstruktur der DNA geehrt; separat gesichert lagen daneben Watsons Notizen für seine Dankesrede und das Manuskript seiner Nobelvorlesung. Am Donnerstagabend, zwei Tage nach der PEN-Million, grabschte sich ein anonymer Bieter im Duell mit einem Widersacher die schwedische Goldmedaille für mehr als das vierfache (4.1 Millionen) dessen, was die Unikate von fünfundsiebzig führenden Autoren und Künstlern erbracht hatten; ach ja, Watsons Notizen und das Manuskript spielten übrigens zusätzliche 610.000 Dollar ein. Da hält nichtmal Harry Potter mit.

Womit Literatur wieder in ihre Trödelschranken verwiesen wäre.

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Hier sind einige Bonus-Videos, die ich in New York aufnahm:
1) Ein paar Schnappschüsse von der Auktion: https://www.youtube.com/watch?v=2grq2e1xGss
2) Am Nachmittag desselben Tages, ein Spaziergang entlang den feiertäglich geschmückten Schaufenstern von Saks Fifth Avenue, nur wenige Meter vom Rockefeller Center und Christie’s entfernt: https://www.youtube.com/watch?v=QybziapRyP0
3) Das Video, das ich vor drei Jahren, Dezember 2011, im Kaufhaus Macy’s auf der 34th Street als Feiertagsgruß für Freunde und Familie aufnahm. Es dürfte dort in diesem Jahr ähnlich sein. Einschließlich des Wetters draußen. https://www.youtube.com/watch?v=WA5p1V_XBxA

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Leserpost (1)
Martin Lahnstein / 08.12.2014

Martin Shubik, Fach: Spieltheorie, Sozialwissenschaften, berichtete 1971 von sog. Dollar-Versteigerungen: auf Parties wurden 1-$-Scheine versteigert, die dann für durchschnittlich $ 3,40 in den Besitz von Shubik, dem Erfinder des “Dollarspiels”, übergingen.  Mehr nicht!, da die Scheine nicht von Prominenten signiert waren. (Die aufgedruckte Signatur des Secretary of Treasury bringt nichts).

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