Fred Viebahn / 15.09.2013 / 10:27 / 3 / Seite ausdrucken

Birmingham Sunday

Heute, am 15. September, jährt sich zum fünfzigsten Mal der Bombenanschlag auf die 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, bei dem vier Mädchen im Alter von elf bis vierzehn Jahren, während sie ihre Sonntagsschule besuchten, von Dynamit in Stücke gerissen wurden; einige weitere Kinder und Erwachsene wurden schwer verletzt. Damals, im Sommer 1963, herrschten in weiten Teilen des Südens der USA Ku Klux Klan-Banden und andere rassistische Verbrecher im Einvernehmen mit der Amtsträgerkaste und ihrem Wahlvolk, das damals noch praktisch gesamtweiß war, da Schwarzen in den Südstaaten seit Ende des 19. Jahrhunderts verfassungswidrig das Wahlrecht verweigert wurde.
An diesem 15. September 1963, also keine drei Wochen nach dem Marsch auf Washington, bei dem Martin Luther King seine großartige “I Have A Dream”-Rede hielt, nahmen rassistische Terroristen des Klan ihren Staatsgouverneur George Wallace beim Wort; eine Woche zuvor hatte der erklärt, Alabama bräuchte “ein paar erstklassige Begräbnisse”, um die von einem Bundesgericht angeordnete Integration der Schulen zu stoppen, während der Polizei- und Feuerwehrchef Birminghams, Bull Connor, seine Knobelstiefelmeute mit Hochdruckwasserschläuchen und scharfen Schäferhunden auf Bürgerrechtsdemonstranten hetzte. Als die von den Apartheidverfechtern verhaßte Bundesregierung unter John F. Kennedy am 9. und 10. September die Integrierung der öffentlichen Schulen Alabamas unter dem Schutz von Bundestruppen durchsetzte, kochte der arische Aberwitz, dessen Ideologie der Nazigesinnung so widerwärtig nah verwandt war, über; hatte Chefideologe Wallace doch noch kürzlich verkündet: “Im Namen des großartigsten Volkes, das jemals auf dieser Erde gewandelt, ziehe ich einen Strich im Staub und werfe der Tyrannei den Fehdehandschuh vor die Füße, und ich sage Rassentrennung jetzt, Rassentrennung morgen, Rassentrennung für immer.”
Trotz Zeugen, die Ku Klux Klan-Mitglied Robert Chambliss Minuten vor dem Anschlag am Tatort gesehen hatten, und trotz überwältigender Indizien (zum Beispiel wurde im Auto von Chambliss eine Riesenmenge Dynamit gefunden), wurde er stark drei Wochen nach den Morden von einem örtlichen Gericht für unschuldig befunden. So war das nun mal in den “guten alten Zeiten” im Süden, bevor die Bürgerrechtsgesetze von 1965 Justitia auch in den ehemals abtrünnigen Sklavenhalterstaaten die Binde von den Augen und die Fesseln von Händen und Füßen nahmen und für solche Fälle die Möglichkeit schufen, rassistische Vergehen vor Bundesgerichten zu verhandeln. Erst 1971, unter einem neuen Justizminister Alabamas, Bill Baxley, wurden die Beweismittel gegen Chambliss wieder aus der Schublade geholt, und er wurde 1977 wegen vierfachen Mordes und einer Reihe separater Brandanschläge zu lebenslänglich verurteilt; das Klan-Mitglied starb 1985 ohne ein Wort der Reue im Knast. Erst fünfzehn Jahre nach dem Tod dieses Killers, im Jahr 2000, kamen archivierte Akten des FBI wieder ans Licht, die die Mittäterschaft von drei weiteren Ku Klux Klan-Verbrechern belegten, dem 1994 verstorbenen Herman Cash und seinen Genossen Thomas Blanton and Bobby Frank Cherry. Diese Unterlagen waren in den Sechzigern auf Anordnung des übermächtigen und, wie wir heute wissen, in vielerlei Hinsicht perversen FBI-Direktors J. Edgar Hoover vor der Staatsanwaltschaft versteckt worden. Blanton und Cherry wurden siebenundreißig Jahre nach der Tat, siebenunddreißig Jahre, während derer sie sich, wie bei der Gerichtsverhandlung herauskam, vor Freunden und Verwandten mit den Morden gebrüstet hatten, ebenfalls zu lebenslänglich verknackt.
Am 24. Mai dieses Jahres unterschrieb Präsident Obama im Weißen Haus ein Gesetz, das die vier in den Tod gebombten Mädchen - Denise McNair, Cynthia Wesley, Carole Robertson und Addie Mae Collins - posthum mit der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika ehrte, der Congressional Medal in Gold. Und am vergangenen Dienstag, den 10. September, genau fünfzig Jahre nach der Rassenintegration der Schulen von Birmingham, fand im Kongreß die eigentliche Verleihungszeremonie statt.
1963 war ich sechzehn Jahre alt. Als von Politik faszinierter Jüngling (zu der Zeit diskutierte ich öfters mit Henryk Broder das Weltgeschehen im Kölner Politischen Arbeitskreis Oberschulen) erinnere ich mich ziemlich detailliert an die Berichte in der deutschen Presse und im Fernsehen über die für mich, dem die fotografischen und filmischen Bilder der Nazigräuel aus gar nicht so tiefer Vergangenheit damals öfter die Ruhe raubten, schwer faßlichen Übertragungen aus dem Land, das uns von opportunistischen Lehrern der Horst Wessel-Generation unqualifiziert als Paradies der Demokratie gepriesen wurde. Was den “Birmingham Sunday” jedoch letztendlich tiefer in meiner Erinnerung verwurzelte, ihn auch emotional verankerte, war ein Lied des tatsächlich demokratisch und antirassistisch passionierten Amerika: Richard Farina, ein mexikanisch-amerikanischer Jungdichter und Freund von Bob Dylan, hatte es unter dem Eindruck des monströsen Unrechts geschrieben, und die Schwester seiner Frau Mimi nahm es auf eine Schallplatte auf, die ich mir sofort, nachdem ich sie im Radio gehört hatte, kaufte: “Birmingham Sunday”, gesungen von der einzigartigen Joan Baez. Zum 50. Jahrestag der Haßmorde an den vier Mädchen habe ich zu dem Song, der glücklicher- und dankenswerterweise auf YouTube weltweit (noch) frei abgespielt werden kann, eine Fotomontage geladen. Hoffentlich schiebt die GEMA dem in Deutschland nicht plötzlich einen Riegel vor. Das wäre gerade heute ein übler Witz.
Also, anstelle einer stillen Gedenkminute erklingt hier eine der schönsten Stimmen der Bürgerrechtsbewegung: 
http://www.youtube.com/watch?v=LZnN0YiymLg

Leserpost (3)
Dr. Katharina Kellmann / 16.09.2013

Es ging der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung darum, verfassungswidrige Ungleichbehandlungen zu beseitigen. Sie versuchte, durch zivilgesellschaftliches Engagement Druck auf den Staat auszuüben, damit diese Benachteiligungen in Bussen, öffentlichen Schulen und bei der Wahlregistrierung beseitigt würden. Was das mit dem “zwanghafte(n) Vermischen unterschiedlicher Bevölkerungsteile” zu tun hat, ist mir schleierhaft.

Alexander Bertram / 15.09.2013

Eine äußerst befremdliche Antwort, Frau Konietzko! Was für Gedanken auf diesem Blog? Fordern Sie Ghetto-Bildung? Die Afrikaner damals kamen nicht freiwillig nach Amerika. Nachdem sie da waren, sollten sie auch die gleichen Rechte (und Pflichten) haben, hat ja immerhin lange genug gedauert. Btw. man lernt nicht vom Gleichen, sondern vom Anderen. Herr Viebahn, schöner Song und gut, dass Sie erinnern. Wir vergessen viel zuviel. Nur dass es Medaillen gibt, verstehe ich nicht. Man muss doch was für eine Medaille getan haben, dachte ich immer. Den Familien Geld, Job und Ausbildung zu geben, hätte wahrscheinlich mehr geholfen (mglw. ist das auch passiert).

Maria-Anna Konietzko / 15.09.2013

Ein befremdlicher Text. Selbst der deutsche Schäferhund wird bemüht. Aber bei aller Trauer um den brutalen Tod der Mädchen: zwanghaftes Vermischen unterschiedlicher Bevölkerungsteile geht selten gut. Menschen werden sich immer eher mit ihnen ähnlichen Menschen umgeben wollen, das sollte man auch Kindern zugestehen. Angeordnete Integration, das Verbringen von Schülern in weit entfernte Schulen, nur um die Ideologie einer gleichen Gesellschaft zu erzwingen, wurde ja auch als Unsinn erkannt und wieder aufgegeben.

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