Wolfram Weimer / 27.10.2017 / 13:41 / Foto: GalejbAB / 13 / Seite ausdrucken

Schäuble, der Jupp Heynckes der deutschen Politik

Wolfgang Schäuble ist als neuer Bundestagspräsident protokollarisch fortan die Nummer zwei im Staat – hinter dem Bundespräsidenten und noch vor der Kanzlerin. Machtpolitisch war er bislang schon die Nummer zwei in Deutschland – als omnipotenter Finanzminister, Europapolitiker und Schlüsselfigur von CDU wie Bundesregierung.

Angela Merkel hatte vor Schäuble nicht nur Respekt, sie hatte immer auch ein wenig Angst vor ihm. Denn Schäuble war eine permanente Kanzleroption, und je schwächer ihre Rolle in der Migrationskrise wurde, desto stärker wuchs seine in Partei und Fraktion. Im Jahr 2016 stand er kurz davor, sie im Kanzleramt abzulösen. Merkel freut sich darum auf ganz besondere Weise, dass Schäuble nun aus dem Zentrum der Macht in ein mehr repräsentatives Amt gewichen ist und der politische Druck auf sie nachlässt. Doch darin könnte sie sich täuschen.

Als neuer Bundestagspräsident erfährt der ehemalige Finanzminister schon jetzt ungewöhnlich viel Zuspruch. Aus dem Bundestag erreichen “den großen Demokraten” Huldigungen aus mehreren Fraktionen, im Ausland wird er als “Gigant” (so die IWF-Chefin Christine Lagarde) gewürdigt, Leitartikel loben ihn als lebende Legende der deutschen Politik, als graue Eminenz, zu Fleisch gewordene Bundesrepublik und der ARD-Deutschlandtrend zeigt ihn als beliebtesten Politiker Deutschlands. Schäuble ist eine Art Jupp Heynckes der deutschen Politik. Je älter desto besser.

Er strahlt in der biegsamen Berliner Szenerie des politisch korrekten Opportunismus eine selten kantige Authentizität aus. Er verkörpert eine preußisch-knarrende Staatsauffassung von ausgeglichenen Haushalten, Recht, Ordnung und geschützten Grenzen. Die schwarze Null ist zu seinem Markenzeichen und damit zu einer Institution der deutschen Politik, einem Sinnbild für Seriosität geworden. Genau das lässt ihn auch in Zukunft ein Schattenkanzler bleiben.

“Vati” gerufen, der “Mutti” jederzeit ablösen könne

Denn Schäuble verkörpert auch als Bundestagspräsident eine sichere Alternative in unruhigen Zeiten, ein immer denkbarer Ersatz für Merkel, darum wird er in der Unionsfraktion zuweilen “Vati” gerufen, der “Mutti” jederzeit ablösen könne – vor allem wenn die Jamaika-Regierung platzen würde. Schon jetzt raunen CDU-Abgeordnete: Sollte in dieser Legislatur ein Krisenkanzler gebraucht werden, sollte die politische Architektur der Republik auf dem Spiel stehen, dann wäre er der natürliche Achsen-Schmied der Stabilität. “Wenn Jamaika platzt, dann kann Schäuble mit der SPD eine neue Regierung formieren. Ihn würden sie als Übergangskanzler akzeptieren”, heißt es aus der Fraktion.

In jedem Fall wird Schäuble der politisch mächtigste Parlamentspräsident, den die Bundesrepublik je hatte. Seine Macht liegt nicht nur in seiner außergewöhnlichen Beliebtheit, seinem Rückhalt in der Fraktion, seiner Erfahrung und seinem Netzwerk. Sie liegt in seiner Autorität und dem Gegenbild zu Merkel. Bislang war nur Rita Süssmuth in den 90er Jahren ein direktes Gegengewicht zum Dauerkanzler Helmut Kohl, Schäuble könnte dieses Rollenspiel nun völlig neu aufladen.

Die Republik wird sich jedenfalls darauf gefasst machen können, dass er aus dem Amt etwas macht, was man bisher nicht kannte. Denn Schäuble ist ein offensiver Meister der politischen Grenzerprobung. Der 19. Deutsche Bundestag bekommt einen Präsidenten mit unglaublichen 45 Jahren Parlamentsmitgliedschaft. Der dienstälteste Abgeordnete in der Geschichte des Bundestags. Ein perfekter Haus- und Zuchtmeister eines hochpolarisierten Hauses. Er wird die Würde des Bundestags wahren und zugleich wird man sich freuen können auf seine geistige Originalität, die der blitzgescheit-bissige Schäuble nicht zügeln wird.

Seine moralische Autorität hat er auch dadurch gewonnen, dass er selbst in Merkels dunkelster Stunde keinen politischen Dolch im Gewande führte. Er war ihr gegenüber loyal, obwohl er von Griechenland- bis Migrationskrise stark unterschiedliche Auffassungen hatte. Er hätte 2016 putschen und er hätte ihre abermalige Kanzlerkandidatur verhindern können – aber er hat es nicht getan. Es gehört zu den seltsamen Wendungen seines Lebens, dass er neben Kohl wie neben Merkel Beinahekanzler geworden ist. Doch seine Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European hier.

Foto: GalejbAB via Wikimedia Commons

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Leserpost (13)
Dietrich Herrmann / 27.10.2017

Schäuble und moralische Autorität??? Schon vergessen: Geldkoffer???

Eugen Karl / 27.10.2017

Dieser Vergleich tut mir für Jupp Heynckes leid.

Rudi Möllner / 27.10.2017

War das nicht dieser hier hochgejubelte Schäuble, der seinen Mitarbeiter, Herrn Ommer, vor versammelter Presselandschaft heruntergeputzt - und kurz darauf gefeuert - hat, bloss weil ein paar Papiere nicht rechtzeitig an die Journalisten ausgeteilt worden waren? Gehört es sich unter zivilisierten Menschen nicht, so etwas - bei allem möglicherweise berechtigten Groll - unter Ausschluß der Öffentlichkeit mit dem Untergebenen zu besprechen, und eine für beide Seiten gesichtswahrende Lösung zu suchen? Für meine Begriffe ist Schäuble ein affektinkontinenter Greis, der abseits seiner Charaktermängel zudem ein unglaublich schlechter Finanzminister war. Bei den Riesensteuereinnahmen in den vergangenen Jahren hat er es nicht geschafft, auch nur die kleinste Steuersenkung zugunsten der geschröpften Mittel- und Unterschicht hinzukriegen. Der von mir hochgeschätzte Autor liegt her meines Erachtens völlig falsch.

Dr. Bredereck, Hartmut / 27.10.2017

Wolfgang Schäuble ist meines Erachtens ein total überschätzter Politiker. Deshalb ist der Lobgesang des Autors auf ihn völlig unangebracht. Schäuble hat die unangemessene Flüchtlingspolitik der Kanzlerin mitgetragen und sich sogar dazu verstiegen, zu behaupten, dass die “Abschottung uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren liesse”. In der Griechenlandpolitik hat er als Finanzminister häufig eine grosse Lippe riskiert, aber sich immer wieder der Kanzlerin unterworfen. Er ist verantwortlich für die permanente Verletzung des No-Bail-out-Prinzips. Schliesslich hat er vor 17 Jahren in der CDU-Spendenaffäre gelogen und betrogen. Seine “moralische Autorität und Loyalität” dienten einzig und allein dem politischen Selbsterhalt. Unter Schäuble als Bundeskanzler würde sich nichts ändern !

Ralf Schmode / 27.10.2017

Sehr geehrter Herr Weimer, nur zu gerne würde ich an Schäuble als jemanden glauben, der die CDU bzw. die Union nach Merkel wieder auf einen Kurs bringen kann, der eine AfD überflüssig macht. Mir fehlt allerdings (noch) der Glaube daran. Prinzipienfestigkeit, die der Beitrag Schäuble attestiert, passt nicht zur Loyalität gegenüber einer Kanzlerin, die wie kaum eine zweite Person auf der politischen Bühne allumfassende Prinzipienlosigkeit verkörpert. Schäubles Verhalten in der “Flüchtlings"debatte hat ein deutliches Zeichen gesetzt, für was er steht und wofür nicht: Mit seiner Bemerkung, ein sich “abschottendes” Europa würde “in Inzucht degenerieren”, hat er klargemacht, dass mit ihm bei der Bekämpfung der verhängnisvollen “No Border!”-Ideologie einstweilen nicht zu rechnen ist. In der vermutlich bedeutendsten Zukunftsfrage der Nation so eindeutig die Position des Mainstreams zu beziehen disqualifiziert Schäuble auch dann - oder gerade dann - als Kanzleralternative, (Betonung auf “Alternative”) wenn er die Äußerung wider besseren Wissens getätigt haben sollte. Eher schon wird Frau Merkel froh sein, im Falle des Scheiterns von “Jamaika” nach ihrem dann unausweichlichen Rücktritt jemanden auf der Kronprinzenposition zu wissen, der der Weiterführung der linksgrünen Linie der CDU zumindest keinen aktiven Widerstand entgegensetzen wird. Die Tatsache, dass in diesem Fall eine Mehrheit nur noch mit einer immer weiter nach links rückenden SPD zu haben ist, dürfte den Weg zu einem Kurswechsel der Union noch mehr verbauen. Falls Jamaika scheitert, werden die Wochen danach zeigen, wieviel Leben noch in der CDU ist. Wird dann wirklich “Mutti” durch “Papi” ersetzt, egal in welcher Mehrheitskonstellation, holt 2021 die AfD 25 % und wird stärkste Partei. Insbesondere die ostdeutschen Landesverbände wie auch die CSU haben diese Gefahr erkannt und begehren auf gegen eine Politik, für die auch Schäuble steht. Ich halte es für keineswegs ausgemacht, dass die Partei Frau Merkel nach einem schlechten Wahlergebnis und möglicherweise geplatzten Koalitionsverhandlungen zugestehen wird, sich ihren Nachfolger selbst auszusuchen.

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