Bernhard Lassahn / 10.10.2011 / 08:40 / 0 / Seite ausdrucken

Piraten in anderen Umständen

Da ich einige Piratengeschichten geschrieben habe, liegt die Vermutung nahe, dass ich allein schon deshalb die Piraten-Partei gewählt habe und nun aktuell - quasi als Insider - etwas zu dem Vorwurf sagen kann, die Partei sei frauenfeindlich, weil sie keine Quote kennt. Das kann ich auch.

Doch dazu muss ich zunächst den Unterschied zwischen Freibeutern und Piraten erklären. Es geht schnell. Francis Drake zum Beispiel war ein Freibeuter, er handelte im Auftrag der Queen und segelte unter der Flagge des Empires, sein Schiff hatte das Kennzeichen HMS, „Her Majesty’s Ship“. Ein Kaperbrief ermächtigte ihn zu seinen Raubzügen, er griff nur Schiffe an, die gerade mit seiner Schutzmacht verfeindet waren, und nahm lediglich eine Prise. Ein normales Handelsschiff konnte eine Begegnung mit der ‚Golden Hind’ überstehen.

Eine Begegnung mit Piraten nicht. Die segelten unter falscher Flagge und hissten erst im letzten Moment ihre eigene - den gefürchteten Jolly Roger, der irgendein Todessymbol enthielt: Knochen, Schädel, Stundenuhr, Blutstropfen. Jeder Pirat hatte sein eigenes Markenzeichen. Nun gab es Tote. Die Schiffe wurden ausgeraubt und zerstört. Piraten mussten radikal sein; für sie gab es keine Schutzmacht, sie hatten nur Feinde, sie hatten Probleme, Zwischenhändler zu finden oder ihre Beute sicher zu verstecken. Sie waren eine furchtbare Plage, sie überfielen schutzlose Hafenstädte und kleine Fischerboote. Ihre Grausamkeit ist legendär.

Frauen waren besonders schlimm. Mary Reed zum Beispiel oder die berühmte Ann Bonny, die zweitweise mit Edward Teach (oder Thach), genannt ‚Blackbeard’, zusammen unterwegs war. Die Chinesin Cheng (oder so ähnlich – auch sie hatte verschiedene Namen) galt als Top-Terroristin, sie war weltweit die Größte ihrer Branche, ihr werden bis zu 1000 Schiffe zugeschrieben. Die Seeräuber waren schrecklich. Edel waren sie nur in der Verklärung. Im Angesicht ihrer Opfer rissen sich die weiblichen Piraten die Bluse auf und entblößten ihre Brüste, um den Sterbenden zu verhöhnen: Sieh an, es ist eine Frau, die dich getötet hat.

Das ist lange her. Mit dem Piraten-Pardon des Jahres 1718 – einer Art Generalamnestie, die der englische König denen anbot, die künftig ein ehrliches Leben führen wollten – und mit dem gleichzeitigen Aufkommen der Dampfschiffe endete die „goldene Ära“ der Piraten, die nun im Halbdunkel der Kinos weiterlebt, in denen ‚Fluch der Karibik’ läuft. Da erfährt der verblüffte Zuschauer, dass Käpt’n Sparrow eigentlich eine Tunte war.

Auch die ‚Schatzinsel’ wurde neu verfilmt, diesmal mit einer Frauenfigur – mit der Tochter von Käpt’n Flint, von der die Welt bisher nichts wusste; sie schleicht sich als blinder Passagier an Bord und bewährt sich überraschend gut in Zweikämpfen. Ihre Brüste spielen eine zentrale Rolle im Film, die Schatzsuche tritt etwas in den Hintergrund. Dabei hatte Lloyd Osborne, der Sohn und „Co-Autor“ von Robert Louis Stevenson, dem ‚Treasure Island’ auch gewidmet ist, sich ausdrücklich eine Geschichte gewünscht, in dem es keinen „Weiberkram“ geben und in der auch nicht geflucht werden sollte. Nun haben wir den Fluch.

Der Pirat Simon Kowalewski bezeichnet sich als „Radikalfeminist“, und in einem frühen Text (den ich gerade nicht finde), beschreibt auch Alice Schwarzer die „Emanzen“, wie man sie damals nannte, treffsicher als „Piraten“. Stimmt so. Das Bild, das wir dabei sofort vor Augen haben, ist ein Gesicht mit Augenklappe. Damit ist ein starkes Symbol für die Frauenpolitik in die Welt gesetzt, die nämlich grundsätzlich auf einem Auge blind ist, sich ausschließlich für die Halbwelt der Frauen zuständig fühlt und schon bei der Wahrnehmung der Probleme nur die halbe Wahrheit (die eine ganze Lüge ist) in den Blick nimmt. Es ist nur eine aufgesetzte Halbblindheit. In Wirklichkeit sind die Aktivistinnen nicht einäugig. Sie tun nur so.

Doch es passt schon, wie man in Bayern sagt: Feministen sind keine Freibeuter, sie sind Piraten. Sie liefern ihre Beute nirgendwo ab. Sie steigen in bestehende Strukturen ein und zerstören die mit einer parasitären Politik „von Piraten für Piraten“. Für niemanden sonst. Sie sind brutal und räuberisch, weshalb Jürgen Elsässer den Feminismus von heute auch als „Raubtier-Kapitalismus“ bezeichnet. Sie halten sich nicht an Gesetze, sie machen ihre eigenen. Und! Sie bestimmen über Leben und Tod. 

Als Meilenstein in ihrer Erfolgsgeschichte sehen Feministen die Reform von § 218. Die gilt als point of no return. Darüber spricht man nicht mehr. Im Film ‚Doktor Schiwago’ konnten wir noch einen traurigen Mann sehen, der darunter litt, dass seine Geliebte das Kind, auf das er sich schon freute, abtreiben lässt. Auch das ist lange her, und Boris Pasternak ist tot. Das Thema ist out. Es geistert nur noch durch Männer-Blogs, die als „rechts“ gelten - wie die katholische Kirche und der Papst -, obwohl diese Frage jenseits der politischen Kategorien steht. So wie früher ist es auch nicht gedacht. Mit den Aufklebern „links“ oder „rechts“ ist heute „gut“ oder „böse“ gemeint.

Auch Karin Struck - eigentlich eine „Gute“ - war nach dem Höhepunkt ihrer Karriere gegen die Abtreibung, ihr spektakulär peinlicher Talksshow-Auftritt lebt nun fort in der digitalen Unendlichkeit auf you-tube: Sie gießt Angela Merkel Mineralwasser ins Gesicht, wirft mit Blumen und lupft ihr Kleid. So sieht Protest gegen Abtreibung aus. In Zürich demonstrierten jüngst einige wenige „für das Leben“ und wurden dabei lautstark von linken und autonomen Gruppen gestört. So eine Meinungsbekundung soll nicht sein. Nicht mal im Ansatz. Dabei handelt es sich um eine große moralische Frage wie die nach der Berechtigung von Sterbehilfe oder der Todesstrafe. Es geht immerhin um Leben oder Tod.

Und es geht um die Reichweite von Frauenrechten. Die Messlatte wurde hier so hoch wie möglich gelegt. Mit Erfolg. Für Frauen, die seither Tyrannen-Status haben und selbstherrlich über Leben und Tod verfügen können, ist alles andere nebensächlich. Das sind Kleinigkeiten. Selbstverständlich bestimmen sie nun auch über den Nachwuchs, über das Vermögen des Mannes und darüber, ob er überhaupt wissen darf, von wem das Kind ist. Außerdem legen sie fest, was alles als Gewalt, was als „positive“ und was als „nicht positive“ Diskriminierung gilt. Und sie dürfen sagen, wie viele von den Premium-Plätzen in der Gesellschaft man für sie anwärmen und freihalten soll.

Damit sind wir wieder bei der Quote. Dass die Piraten-Partei keine hat, ist ein Grund, sie zu wählen. Quoten sind undemokratisch und verfassungswidrig - was der SPD durchaus bewusst war, als sie die Quote ausdrücklich unter der Bedingung einer zeitlichen Begrenzung einführte. Bis 2013. Doch nun gilt sie „for ever“, die Begrenzung wurde aufgehoben, obwohl sich an der Verfassung und an den Bedenken gegen die Quote nichts geändert hat. Geändert hat sich das Demokratieverständnis der SPD.

Nun werden sie die Quote nicht mehr los. Die bleibt. Basta. Also soll die Piraten-Partei auch eine haben. Sie könnten ja, wenn sie zu wenige Frauen haben, kurzerhand welche „shanghaien“ – so nannte man das, wenn man früher an Bord um ein paar Leute „zu kurz“ war und dann schnell welche unter Alkohol setzte und entführte. So könnten auch die Piraten auf eine Quote kommen. Doch auf was für eine? Wie wäre es mit 30 Prozent? Mit 40? Mit 50? Es muss keine Zahl sein, die man leicht im Kopf ausrechnen kann. Heute hat jeder Pirat einen Taschenrechner.

Mein Tipp wäre eine Quote von 42%. Ich schätze mal, dass die jungen Helden der Piraten-Partei nicht etwa das Buch ‚Träum weiter Deutschland’ von Günter Ederer gelesen haben (was jeder tun sollte, der sich für Politik interessiert), dass sie aber ‚Per Anhalter durch die Galaxis’ von Douglas Adams kennen (was typisch wäre für diese Computer-Freaks). Da wird ein Superhirn befragt, was die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ist. Sie lautet: 42.

Doch ich fürchte, dass da nicht zu spaßen ist. Weder sind die echten Piraten für ihren Humor bekannt, noch die Befürworter der Quote. Solche Vorschläge gehen auch flott an den tatsächlichen - und den gefühlten - Machtverhältnissen vorbei. Eine Diskussion mit einer Frau über ein so läppisches Thema wie die Quote ist wie ein Smalltalk mit James Bond. Das kann ganz nett sein, und man kann Gin trinken, der nicht geschüttelt sondern gerührt ist. Doch es ist nie ein Gespräch auf Augenhöhe. Er hat die Lizenz zum Töten. Wir nicht. Es liegt an ihm, ob er davon Gebrauch macht oder nicht.

Frauen haben heute alle ein 007 als Anhängsel. Doch es gibt einen Unterschied zu James Bond - und zu Francis Drake: Frauen handeln nicht im Auftrag Ihrer Majestät. Sie sind ihre eigenen Majestäten. Sie haben auch keinen Gott, der über ihnen steht. So verkündet es jedenfalls die Bibelübersetzung in „gerechter Sprache“. Da wird Gott nicht mehr als „höheres Wesen“ gesehen, sondern als „Freundin“ von Frau Käßmann – wie sie in einem Interview gesagt hat. Damit rücken Frauen zu Gottgleichen auf.

Piraten kannten keinen Gott. Sie öffneten Gräber, fluchten, verstießen gegen das fünfte Gebot, raubten Kirchen aus und benutzen Mönche als lebende Schutzschilder. Man kann nicht sagen, dass sie – wie im Sprichwort – „weder Tod noch Teufel“ fürchteten. Sie waren selber die Teufel und fürchteten den Tod. Der Galgen war ihnen sicher, wenn sie geschnappt wurden. In ihrer Freizeit spielten sie – auch ohne Anleitung von Psychologen – immer wieder ihre Todesstunde in improvisierten Szenen durch, um so die Angst zu überwinden. Wenn sie nach kurzem Prozess an einer Schiffsrah aufgehängt wurden, war das noch ein vergleichsweise gnädiges Schicksal. Andere wurden vorher lange gequält, unter Bretter gelegt und von Steinen erdrückt, die nach und nach auf die Bretter geschichtet wurden. Da konnte jeder ihrer Verächter mitmachen und seinen kleinen Stein dazu beitragen.

Ann Bonny hat das Piraten-Pardon nicht genutzt und ihre Raubzüge fortgesetzt – ohne Erfolg. Sie wurde gefangen und hätte eigentlich am Galgen baumeln sollen. Doch sie war schwanger, sie durfte also nach damaligen moralischen Wertvorstellungen nicht gehängt werden und wurde deshalb vorläufig im Tower von London eingesperrt. Es ist immer noch ein Rätsel, wie es ihr gelang, aus diesem gut bewachten Verlies wieder zu entkommen, doch sie hat es geschafft.

So hat ausgerechnet das Verbot, ungeborenes Leben zu töten, ihr das Leben gerettet. Angeblich spukt ihr Geist immer noch in den Gemäuern des Towers. Doch das ist Legende. Seemannsgarn. Wenn man sich die Feministen von heute ansieht, weiß man: Ann Bonny lebt.

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