Alexander Wendt / 10.07.2012 / 21:11 / 0 / Seite ausdrucken

Mach meinen Diktator nicht an (1)*

Zu den häßlichsten Auswüchsen des sogenannten liberalen Westens zählt zweifellos die Diktatorendiskriminierung und Massenmöderherabwürdigung. Gut, dass sich immer wieder auch andere Stimmen erheben, und sich für den aquarellierenden Vegetarier einsetzen, der sich hinter dem Medienzerrbild verbirgt, den „Familienvater“ würdigen (der WDR über Osama Bin Laden), oder einfach den „stillen, nachdenklichen Mann“ zu Wort kommen lassen (Jürgen Todenhöfer über Baschar al-Assad). Beziehungsweise postum den „sehr klugen Mann“ beschreiben (Helga Picht in der taz über Kim Il Sung).

„Der syrische Präsident ist anders als all die Diktatoren, die ich in meinem politischen Leben kennenlernen musste. Er ist ein stiller, nachdenklicher Mann. Im Interview spricht er so leise,dass ich Mühe habe, ihn zu verstehen.“

    Jürgen Todenhöfer über Assad in der BILD vom 9. 7. 2012

„taz: Kim Il Sung war ein Diktator ..., der politische Gegner in Lagern internieren ließ. Inwiefern fanden Sie ihn klug?

Helga Picht: Ich sehe seine Klugheit vor allem darin, dass er an der Spitze einer Entwicklungsdiktatur den Nordkoreanern für etwa 25 Jahre bescheidenen, aber ständig wachsenden Wohlstand gesichert hat. Ansonsten rede ich nur über Dinge, die ich selbst gesehen oder erlebt habe. Ich aber habe keines der nordkoreanischen Lager besucht, über die heute so gern gesprochen wird.

taz: Glauben Sie denn, dass es diese Lager, von denen nordkoreanische Flüchtlinge berichten, gar nicht gibt?

Helga Picht: Doch, es gibt sie sicher, aber ich bin misstrauisch gegen die Aussagen der Flüchtlinge, weil man nicht nachprüfen kann, was sie erlebt haben und aus welchen Gründen sie wirklich aus Nordkorea geflohen sind.“

taz-Kulturteil vom 7./8. Juli 2012

Schwer zu entscheiden, wer von den beiden, Todenhöfer und Picht, das tiefgreifendere, ja abgefeimtere Gesamtverständnis aufbringt. Die Waage neigt sich etwas zu Helga Picht, der einstigen Koreanischdolmetscherin Erich Honeckers. Auf ihre Argumentationsfigur: ‚ich rede nur über Konzentrationslager, die ich persönlich besichtigt habe’ hätte sich sogar der spätverheiratete Vegetarier mit Souterrainwohnung in Berlin berufen können.   

* Ende 2012 wählt die Achse des Guten die überzeugendste Respekterbietung gegenüber einem Diktator (tot oder lebendig) aus. Vorschläge werden gern entgegengenommen. Achtung:  Die Exempel müssen aus dem Westen stammen. Es handelt sich um keinen Amateur- sondern um einen Proficontest.

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