Wolfram Weimer / 07.06.2017 / 06:29 / Foto: Kalispera Dell / 14 / Seite ausdrucken

Katar: Volkswagen-Aktionär und Terrorpate

Der Emir von Katar wird von seinen arabischen Brüder- und Nachbarstaaten verstoßen wie ein aussätziger Krimineller. Die offizielle Begründung für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und die Schließung der Grenzen ist atemraubend: Katar sei ein kaltblütiger, islamistischer Terrorpate. Der Vorgang ist ein historischer Eklat. Ausgerechnet die bisherigen Verbündeten Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain, Jemen und die Vereinigten Arabischen Emirate erklären der Weltöffentlichkeit, Katar unterstütze den islamistischen Terror.

Dass es die Staatengruppe mit ihrem Bann bitterernst meint, zeigt der Embargokatalog: die Verkehrsverbindungen zur See und in der Luft nach Katar sind eingestellt. Diplomatisches Personal wird aus dem Emirat abgezogen. Alle Bürger aus Katar wiederum sollen binnen zwei Wochen Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen. Die Fluglinie Etihad Airways erklärte, dass alle Flüge in das Golfemirat gestrichen werden. Doha soll als internationales Verkehrsdrehkreuz getroffen werden.

Kurzum: In der Golfregion bricht schlagartig die schwerste diplomatische Krise seit Jahren aus, zumal Katar zwischen den Erbfeinden Iran und Saudi-Arabien lange eine Mittlerrolle eingenommen hat, die dem Emir nun negativ ausgelegt wird. Insbesondere dass der Emir dem reformorientierten iranischen Präsidenten Hassan Ruhani zu dessen Wiederwahl gratuliert hat, gilt in Riad als Hochverrat.

Die Terrorismus-Vorwürfe an Katar sind drastisch, doch sie decken sich mit den Erkenntnissen westlicher Geheimdienste, die seit Jahren vor einer tiefen Verstrickung Katars in den islamistischen Terrorismus warnen. Nun erklären auch Saudi-Arabien und seine Verbündete, dass Katar nicht nur die Muslimbruderschaften massiv unterstützt und viele Islamisten-Gruppen rund um den Erdball geheim finanziert. Saudi-Arabien verkündet zusätzlich, dass das Emirat auch den sogenannten Islamischen Staat und Al-Kaida finanziere und deren Propaganda verbreite. Katar wehrt sich gegen die Vorwürfe: “Diese Kampagne der Aufwiegelung fußt auf Lügen, die das Niveau vollständiger Erfindungen erreicht haben”, teilte das Außenministerium mit.

Möchtegern-Weltmacht und islamistischer Eroberer?

Tatsächlich dürften die Vorwürfe eher zutreffen. In weiten Teilen der arabischen Welt hat sich Katar mit seiner aggressiven Außenpolitik den Ruf einer Möchtegern-Weltmacht und eines islamistischen Eroberers erworben. Insbesondere Libyer und Ägypter machen den Emir für die Islamisierung ihrer Gesellschaften verantwortlich. Katar gilt als Hauptfinanzier der Muslimbrüder in diesen Ländern. Der islamistischen Regierung in Kairo hat das Emirat Kredite in Höhe von acht Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

Zugleich unterstützt der Emir systematisch die Taliban und insbesondere die anti-israelische Hamas mit großzügigen Geldgaben. Sowohl im Gaza-Streifen als auch im Libanon hat er mit seinen Millionen aus der Hamas einen verlängerten Arm seiner Terrorpolitik gemacht. Und als in Syrien der Bürgerkrieg ausbrach, sah er die Chance, ganz große Geopolitik zu gestalten. Schon kurz nach Beginn des Aufstands rief der Emir zum Sturz von Diktator Baschar al-Assad auf, wenig später forderte er eine Militärintervention in Syrien. Seither finanziert er die Aufständischen und rüstet sie auf. Der Großteil der Unterstützung geht an islamistische Rebellengruppen, die ein demokratisches Syrien und eine Gleichberechtigung der schiitischen und christlichen Minderheiten ablehnen. Ohne ihn wäre der Aufstieg des IS kaum möglich gewesen.

Doch während er finster am Netzwerk des Islamismus knüpft, sucht der Emir zugleich den Glanz der westlichen Vergnügungswelt. Er holt Großereignisse wie die Handball-WM 2015, die Rad-WM 2016 und die Fußball-WM 2022 an den Golf. Bis 2030, so sieht es der nationale Masterplan vor, soll Doha die Welthauptstadt des Sports werden. Der Emir selbst ist ein begeisterter Tennisspieler. Schon seit 2002 sitzt er im Internationalen Olympischen Komitee, damals war er gerade 22 Jahre alt.

Auch an Kulturförderung mangelt es nicht, er lässt Museen erbauen, die den Pariser Louvre in den Schatten stellen sollen und zeigt sich gerne mit westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsgrößen. Allenthalben versucht der neunfache Vater, sich Reputation gezielt zu erkaufen.

Das höchste Pro-Kopf-Einkommen weltweit

Und so wirkt das Emirat, dessen Bürger über das höchste Pro-Kopf-Einkommen weltweit verfügen, wie ein Zwergriesenstaat voller Widersprüche. Wie schon sein Vater wurde der Emir an der britischen Militärakademie in Sandhurst ausgebildet. Während er einerseits den Islamismus in aller Welt vorantreibt, sucht er andererseits den Schulterschluss mit den USA. In Katar liegt die Al Udeid Air Base, der größte Luftwaffenstützpunkt der US-Amerikaner in der Region, dort sind 10.000 US-Soldaten stationiert und ist das Regionalkommando der US-Streitkräfte beheimatet. Kein Wunder, dass US-Außenminister Rex Tillerson die Golfstaaten aufruft, ihren Streit rasch wieder beizulegen.

Das allerdings dürfte schwer werden, denn Katars Reputation ist schwer angeschlagen. Selbst der in politischen Fragen wenig sensible DFB geht bereits auf Distanz und sein Präsident Reinhard Grindel erklärt: “Die Fußballgemeinschaft sollte sich weltweit darauf verständigen, dass große Turniere nicht in Ländern gespielt werden können, die aktiv den Terror unterstützen.”

Was aber macht nun die deutsche Politik, die den Emir bislang höflich empfangen und als potenten Partner gesehen hat? Wie reagieren die großen deutschen Konzerne, bei denen Katar Kunde, Lieferant oder gar Aktionär ist? Insbesondere für Volkswagen und die Deutsche Bank ist die neue Lage heikel. Bei beiden Unternehmen ist der nunmehr als Terrorpate ausgerufene Staat Großaktionär. Das schadet der Reputation beider Unternehmen.

Und so kursiert bereits die Hoffnung, dass es womöglich einen Regentenwechsel in Katar geben könnte, dass die Saudis den Emir womöglich ins Exil treiben werden. Der saudische Groß-Mufti und das saudische Religionsministerium veröffentlichten jedenfalls einen Brief, in dem sie der herrschenden Al-Thani-Dynastie Katars jede religiöse Legitimität absprechen. Das wirkt in Arabien wie ein offener Aufruf zum Sturz – ein unter den arabischen royalen Herrscherdynastien bislang einmaliger Vorgang.

Immerhin: In Griechenland hätte der Emir – obwohl der jüngste Staatschef in der arabischen Welt – für so einen Fall bereits vorgesorgt. Nach einer Sommerfrische mit seiner Jacht “Al Mirqab” – in Deutschland gebaut und mit 133 Metern Länge eine der längsten Motorjachten der Welt – in den blauen Gewässern vor Ithaka, der mythischen Heimat des Odysseus, fiel der Blick des Emir auf eine liebliche Inselgruppe. Für fünf Millionen Euro erwarb er dann das Eiland Oxeia, mit 4,2 Quadratkilometern immerhin fast halb so groß wie das italienische Capri.

Die Griechen allerdings machten dem Emir den Bau einer Ferienimmobilien für sich und seinen Clan denkbar schwer und wollten ihm die 1000 Quadratmeter große Küche und ein Bad auf 250 Quadratmetern nicht genehmigen. Erst als Katar sich für Griechenland insgesamt großzügig zeigte, kam das Inselprojekt voran. 750 Millionen Euro investierte die königliche “Qatar Holding” für die Entwicklung zweier Goldminen und weitere 500 Millionen Euro in zwei griechische Banken. Als schließlich noch eine Milliarde Euro in einen Investitionsfonds für kleine und mittlere griechische Unternehmen einbezahlt wurde, kam die Baugenehmigung zustande. Mit seinem unermesslichen Reichtum schien er bislang vieles kaufen zu können. Das ist nun vorbei.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.

Leserpost (14)
Christian Raabe / 07.06.2017

Na wenn das man nicht die aktuelle Version von “Haltet den Dieb” ist

Steffen Kallinowsky / 07.06.2017

Sehr geehrter Herr Weimer, vielen Dank für die Hintergrund für Erinnerung daran, das die WM bei einem Terror-Paten stattfinden wird. Lieder kann kein vernünftiger Mensch mehr, den sogenannten “Kampf gegen den Terror” Ernst nehmen, wenn dessen Hauptfinanziers (voran Saudi-Arabien) ein “Zentrum gegen den Terror” errichten wollen. Ebensogut könnte man die Mafia als Kämpfer gegen das Verbrechen erheben.

Heidi Thiemann / 07.06.2017

Qatar ist - wie alle Staaten der Golf- Region ( Ausnahme Oman) ein Willkürstaat, unbestritten; wovon ich selbst als betroffenes Opfer dort ( fast vier Jahre in Qatar gelebt, bei Al Jazeera und der Qatarischen Fussball-Liga gearbeitet, unrechtmässig und menschenrechtswidrig im Zuge des dortigen ‘Kafala’-Systems fast zwei Jahre an der Ausreise gehindert und bis heute nicht meine Ansprüche bezahlt usw) mehr als nur e i n Lied singen kann. Was mir aber komplett gegen den Strich geht, ist die Heuchelei und das westliche Mitläufertum nun in Bezug auf den aktuellen Initiator des Boykotts gegen Qatar = Saudi Arabien, der grösste Staat am Golf mit der ‘lupenreinsten Weste, dem seit Jahrzehnten grössten sunnitisch- wahabitischen islamistischen/islamischen Jihad- Terrorismus- Exporteur -und Sponsor weltweit! Kein Wort seit Jahren darüber, ein US- Präsident, der mit einem 110 Milliarden- Waffendeal soeben mit Saudi Arabien paktiert und den saudischen Terrorismus und extremste tägliche Menschenrechtsverletzungen/Tötungen hinnimmt, um gegen den gemeinsam ( zufällig führte Trump seine Saudi- Arabien-Reise auch nach Israel, der dritte ‘Nicht-Freund’  des Iran)  verhassten Iran vorgehen zu ‘können’. Ein solches Szenario, unterstützt vom amtierenden US- Präsidenten, weil Qatar gegen den Iran im Weg ist, das nun einmal sich nicht nur ein Ölfeld mit Iran teilt, sondern auch historische Beziehungen mit dem Iran unterhält incl. ca 60% der heutigen qatarischen Bevölkerung mit persischen Wurzeln, die immer noch Farsi (privat) sprechen. Und nun gar das ‘Aufspringen’ auf den ’ Boykott’ Zug des DFB- Präsidenten Grindel, dass FIFA kusche wegen der Konsequenzen einer Fussball- WM- Stornierung. Wer hat denn - ausser Dr Zwanziger- in der Vergangenheit gekuscht? Keine Willkür, keine Menschenrechtsverletzung, Ausbeutung der Arbeiter, Hitze, keine Fussball-Nation usw war Grund genug, die WM in Qatar 2022 zu canceln! Dem ‘Mutigen’ und ‘Aufrechten’  gehört die Welt!.. Ach ja- und zur Erinnerung: Vielleicht findet ja am Ende gar die Fussball- WM 2022 in den USA statt… ? Schliesslich befanden sich die USA als nächste Konkurrenten hinter Qatar im Anbieter- Wettbewerb bis zur Vergabe 2010. P.S. Dass die Mitglieder der Al-Thani- Herrscherfamilie in allen Sport- / Kultur- und anderen Gremien des Landes mitmischen an oberster Stelle ist in Qatar ebenso üblich wie in den anderen autokratischen Golf-Staaten

JF Lupus / 07.06.2017

Ausgerechnet die Saudis, die für die weltweite Unterstützung des fundamentalen und damit radikalen Islam stehen… Wäre die Gemeinschaft freie Staaten sich einig und würde alle islamischen Länder politisch und wirtschaftlich isolieren (nein, wir brauchen kein Saudi-Öl!), den Islam in der freien Welt verbieten und jeden, der gegen das Verbot verstößt, sofort ausweisen, dann wäre der Moslemspuk rasch vorbei. Öl kann man nämlich eben so wenig trinken wie man Sand essen kann. Die Beteiligung islamischer Regime an deutschen Firmen ist ein Skandal.

A.Renz / 07.06.2017

Warum nicht Saudi Arabien selbst ächten? Was Qatar im Kleinen ist SA im Großen. Und wenn man mit Staatenbashing anfängt, dann doch gleich mal hier in Europa. Da gibt es doch auch “Emirate” - Zwergenstaaten die sich als Maden in unserem Speck reich fressen und von europäischer Solidarität bei Hummer, Kaviar und Champagner labern . Luxemburg, Kanalinseln, Malta, Vatikanstaat, San Remo, Liechtenstein, Belgien, Irland und und und.  Also kehren wir doch mal den Kehricht hier weg und dann im Rest der Welt

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Wolfram Weimer / 10.11.2017 / 06:15 / 14

Wehe, wer Merkel kritisiert

Sie nennen es bereits die „Kritikerpest“. Jeder ranghohe Unionspolitiker, der Angela Merkel in den vergangenen zwei Jahren kritisiert hat, wird selber siech. Die Fehler der…/ mehr

Wolfram Weimer / 03.11.2017 / 06:15 / 20

Jürgen Trittin, Jamaikas größter anzunehmender Unfall

Es ist ein politisches Comeback des Jahres. Jürgen Trittin war vor wenigen Wochen politisch so gestrig wie Hammer und Sichel. Doch nun schlägt und sticht…/ mehr

Wolfram Weimer / 27.10.2017 / 13:41 / 13

Schäuble, der Jupp Heynckes der deutschen Politik

Wolfgang Schäuble ist als neuer Bundestagspräsident protokollarisch fortan die Nummer zwei im Staat – hinter dem Bundespräsidenten und noch vor der Kanzlerin. Machtpolitisch war er…/ mehr

Wolfram Weimer / 26.10.2017 / 12:01 / 2

Die UNESCO ist korrupt und ideologisch

Der spektakuläre Austritt der USA und Israels stürzt die UNESCO in eine schwere Krise. Doch der Auslöser liegt nicht, wie jetzt gerne kolportiert wird, in…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com