Archi W. Bechlenberg / 02.03.2016 / 06:30 / Foto: Beckilee / 2 / Seite ausdrucken

Hasskommentare: Wenn zwei das Gleiche tun

Aus Facebook: „Das Testament vom Führer. Möge die Bevölkerung vom Islam und die Anhänger Allahs und auch ihre Kinder verbrennen und verrecken. Sieg. Das sage ich.“ Widerlich, nicht wahr? So ein Schmier zeigt, was in den asozialen Medien an Hetze verbreitet wird. Natürlich wurde dieser in jeder Beziehung unterirdische Hasskommentar von etlichen FB-Mitgliedern umgehend gemeldet und durch das Netzwerk entfernt. So und nicht anders darf es sein; viel zu lange wurde mit Konsequenzen gewartet. Leider erst seit kurzem ist das anders, inzwischen weiß man von Regierungssprechern und aus Presse, Funk und Fernsehen, dass gegen derartige rechte, rassistische und menschenverachtende Einträge auf Anordnung der deutschen Sicherheitsorgane rigoros vorgegangen wird.

Es gibt allerdings einen Schönheitsfehler an dieser Nachricht. Sie ist erfunden. Wenn auch nur zur Hälfte. Das Originalzitat lautet nämlich so: „Das Testament von Gaddafi. Möge die Bevölkerung von die NATO Staaten und die Verbündeten von Amerika und auch ihre Kinder verbrennen und verrecken. Inshallah. Ein Zitat von mir selbst.“

Geschrieben von einem schon lange in Deutschland lebenden Facebookmitglied mit Migrationshintergrund. Name und Screenshot von Schreiber und Nachricht habe ich vorliegen. Er hat weitere Einträge ähnlicher Diktion auf dem Kasten; so zum Beispiel die Bezeichnung von „Islamhasser“ als „Vieh“. Auch Frauen gegenüber nimmt er klare Worte in den Mund: „Du kleine deutsche Hure ich ficke deine Mutter du Schweine Kind“ und „Was willst du denn du Polacken Hure du kleine Schlampe Alter hoffentlich machst du einen Unfall du  kleine Hure“.  Noch ein Nachschlag? „ich kacke deine mutter in die Fresse“ Schreibt Herr M. R. aus D., der beruflich nach eigener Angabe „bei Allah gearbeitet“ hat und zu dessen Linktipps die Facebookgruppe „Botschaft des Islam“ gehört. Der ist ja bekanntlich die Religion des Friedens.

Widerlich, nicht wahr? Doch noch widerlicher wird das Ganze, wenn man weiß, dass der Schreiber tatsächlich mehrfach bei Facebook wegen dieser und ähnlicher Einträge gemeldet wurde und das Netzwerk den Beschwerdeführern darauf so antwortet: „Wir haben den von dir wegen Hassbotschaften oder -symbole gemeldeten Beitrag geprüft und festgestellt, dass er nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt.“ Es bedarf keiner nennenswerten Fantasie, um sich vorzustellen, dass, falls vorhanden, ähnliche Kommentare von Rassisten in einem derartigen Nullkommanix entfernt würden, dass es gleich noch für einige Artikel in der Qualitätspresse reichen würde; auch nehme ich an, dass einem solchen Schreiber mehr drohen dürfte als nur die temporäre oder anhaltende Stillegung bei Facebook.

Ich weiß nicht, was von rechtsradikaler Seite bei Facebook so alles abgelaicht wird; sollte es ähnliches geben, ist das ebenso zu verurteilen und zu ahnden. Der eigentliche Skandal liegt aber natürlich darin, dass das asoziale Zuckerwerk offensichtlich nur dagegen vorgeht, wenn es aus der Ecke der „Unholde“ kommt und nicht aus islamischem Umfeld. Dabei gäbe es so vieles mehr zu entfernen, wäre denn Facebook tatsächlich daran gelegen, den Laden einigermaßen sauber zu halten. Nach eigenem Bekunden sieht man schließlich im Melden derartiger Abartigkeiten „einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit auf Facebook“, die „zu einer einladenden Umgebung beitragen“.

Berechtigt die Frage: Warum ist man da überhaupt? Ist die Welt ohne FB ein Irrtum? Wie hat die Menschheit, seitdem ihre Vorfahren die Ozeane verlassen haben, überhaupt überleben können? Ich habe mich das bereits mehrfach gefragt und mich zwei oder dreimal bei FB abgemeldet. Allerdings dann doch wieder angemeldet, da ich dort mit einigen, mir sehr lieben Leuten Kontakt halte, die ich ansonsten gar nicht kennengelernt hätte oder aus den Augen verlieren würde. Denn zwar ist jeder Wirrkopf bei Facebook, aber nicht jeder bei Facebook ist ein Wirrkopf. Was dem Zuckerwerk dann doch eine gewisse Berechtigung gibt.

Zwangsläufig gerät man bei Facebook durch Verlinkungen immer mal wieder in Diskussionen. Das ist unschön, aber auch nicht ganz unnütz. Wohl kaum anderswo kann man so konzentriert Studien betreiben, die den Charakter „guter“ Menschen enttarnen. Was soll man von jemandem halten, der, wie einst die Bauern gegen Dr. Frankenstein ihre Mistgabeln, ihre saubere Gesinnung vor sich her trägt? Diese Leute regen sich über jede Äußerung aus dem Wörterbuch des Unmenschen auf, lassen aber gleichzeitig Sätze wie diese los (von mir nicht rechtschreibbereinigt): „[…] Richtig. Verbrechen sind auch Menschen. Dieser Pöbel waren auch keine Verbrechen, sondern Tiere. Ekelhafter, ungebildeter Abschaum. Dreckspack.“ Tiere also. Wenn das mal bloß kein Veganer gelesen hat; die können es, bezogen auf ihr Kernthema, nämlich genau so gut. Das wäre spannend geworden. Ich habe dann aber ganz schnell wieder weggeklickt. Bei den „Tieren“ ging es übrigens um die zwar unappetitlichen, aber dennoch eindeutig zweibeinigen Schreihälse von Clausnitz.

Wer sich über üble verbale Entgleisungen gegenüber der Migrationskrise und ihrer Auswirkungen ereifert, sich aber der selben Sprache bedient, ist nicht gut und mitmenschlich. Die Überzeugung, auf der „richtigen Seite“ zu stehen, gibt niemandem das Recht, alles das von sich zu geben, was man dem auf der „falschen Seite“ abspricht. Der Fanatismus von beiden Seiten steht auf der selben Stufe.

Wie ausgeprägt der „gute“ Fanatismus ist, lässt sich bei Facebook leicht beobachten. Was soll man von einem Eintrag halten, in dem es (von mir nicht rechtschreibbereinigt) heißt: „Also ich würde mich lieber von 200-mal von Asylanten vergewaltigen lassen, als das Afd & Co an die Macht kommen“. Was soll man davon halten, dass grundsätzlich jeder, der kritische Fragen zur Migrationswelle stellt, sofort als „Nazi“ definiert wird (was ich übrigens für eine ungeheuerliche Verharmlosung des Nazitums halte), während bei gemeldeten Übergriffen seitens Asylbewerbern erst einmal alles infrage gestellt wird und sofort nach genauen Untersuchungen und wochenlang zusammengetragenen Beweisen gerufen wird? Was soll man davon halten, wenn man bei einer kritischen Zwischenfrage („Was macht Merkel denn richtig?“) als Antwort kurz und knapp zur „Amöbe“ erklärt wird?

Ich mag das Wort „Gutmensch“ nicht. Nicht, weil es angeblich aus der Nazisprache stammt. Sondern weil es verharmlost. Es sollte durch „Bessermensch“ ersetzt werden. Der Bessermensch tut nämlich in seinen Augen nicht nur Gutes, er tut zugleich „Besseres“. Dass er das tut, haut er allen um die Ohren, die „Böses“ tun, wie zum Beispiel Fleisch essen oder in Federbetten schlafen. Oder kritische Fragen zur aktuellen Politik stellen. Dass die Bessermenschen sich dabei meist der selben Sprache bedienen wie die, denen sie Nazitum bescheinigen, stört sie nicht weiter. Schließlich sind sie die Guten, pardon, die Besseren. Die dürfen das.

Mehr vom Autor finden Sie auch auf seinem Blog "Herrenzimmer"

Leserpost (2)
Max Wedell / 03.03.2016

Es ist schön, einmal einen Hinweis auf die Tatsache zu lesen, daß der “Haß”, der jetzt in aller Munde ist, nicht nur von angeblichen oder tatsächlichen sog. “Rechten” ausgeht, was in der öffentlichen Diskussion gern mal unterschlagen wird. Anders als der Autor bin ich aber gegen Löschungen, egal bei wem. Ich halte sie für überflüssig. Daß solche Haßpostings andere Menschen in größerer Anzahl überzeugen und zu einer Meinung verführen können, die sie ohne diese Postings nicht hätten, daran glaube ich nicht. Das könnte allenfalls nur bei sehr dummen Menschen funktionieren. Es wäre besser, die Energie statt in Löschungen lieber darein zu stecken, im kritischen Denken extrem eingeschränkte Menschen zu mündigen Bürgern zu machen. Das vernünftige Kontra auf die Haßpostings wäre ein Mittel dazu, welches bei Löschung nicht mehr möglich ist. Klar ist das mühsamer als die Löschung, aber das Resultat, ein Stückweit besser immunisierte Bürger, ist auch viel wertvoller. Bleibt noch die “Störung” beim vernünftigen Bürger, wenn er so was liest. Diese ist aber auch ohne Löschung leicht zu vermeiden… einfach mit dem Lesen aufhören. Aber etwas mal aushalten zu können, was den Anschein des Unaushaltbaren abgibt, ist auch eine nützliche Charaktereigenschaft… wer es nicht kann, kann es lernen. Ansonsten erlauben solche Postings auch interessante Diagnosen, was es so an verschrobenen Ideen, Weltbildern und Befindlichkeiten gibt, welche bei Sofortlöschungen nicht mehr möglich sind, sodaß sich die Gesellschaft am Ende auch selber täuscht. Broder hatte einmal auf seiner Homepage genau das Gegenteil von Löschungen unternommen… er hat antisemitische, haßerfüllte oder sonstwie absonderliche Briefe, die er erhielt, veröffentlicht, die ohne diese Veröffentlichung der Öffentlichkeit ja unbekannt geblieben wären. Klasse, sag ich da nur, das war doch Aufklärungsarbeit! Löschungen sind nunmal auch Vertuschungen.

Klaus Richter / 02.03.2016

Sie schreiben: “Ich mag das Wort „Gutmensch“ nicht. Nicht, weil es angeblich aus der Nazisprache stammt. Sondern weil es verharmlost. Es sollte durch „Bessermensch“ ersetzt werden. “ Ein Vorschlag: Ich würde die Bezeichnung “Pharisäer” wählen ... die Heuchler und die Selbstgerechten. Denn genau das sind die “Gutmenschen” (oder “Bessermenschen”) - sie sind nicht “gut” oder “besser” - sie sind selbstgerechte Heuchler.

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