Wolfgang Röhl / 29.02.2008 / 17:50 / 0 / Seite ausdrucken

Generation Steckdose

Vor fünf Jahren wurde das AKW Stade abgeschaltet; das erste, das dem so genannten Atomausstieg-Konsens zum Opfer fiel. Gebaut 1972, war es das älteste der Republik, nach Meinung seiner Ingenieure und Mitarbeiter aber keineswegs ein „Schrottreaktor“, wie AKW-Gegner zu behaupten nicht müde wurden. Wie auch immer, die Abschaltung war politisch ausgehandelt worden und wäre durch kein Gutachten der Welt mehr zu stoppen gewesen. In der Folge der Kraftwerkschließung kollabierte eine Reihe von Betrieben, die günstigen Strom oder Wärme vom AKW bezogen hatten. Zahlreiche Zulieferbetriebe gerieten ins Trudeln…

Bereits damals war vorgesehen, anstelle des AKW ein Braunkohlekraftwerk mit derselben Leistung zu bauen, unweit des abgestellten Reaktors. Die Pläne konkretisieren sich nun. Der belgische Energiekonzern Electrabel will in Bützflethersand an der Unterelbe ein großes Kraftwerk bauen, das mit einem Wirkungsgrad von 46 Prozent und moderner Feinstaubfiltertechnik State of the art ist. Und sofort sind wieder alle auf der Barrikade, die schon dem AKW das Sterbeglöcklein läuteten. Nicht nur die Anrainer, die durch ein Kraftwerk in ihrer Nähe gewisse Belästigungen ertragen müssten (wie alle Menschen, die in Städten oder Industriezonen wohnen). Vor allem jene, die prinzipiell keine Kraftwerke wollen, spielen in Stade wieder mal ihre grünen Spielchen mit den Ängsten der Leute. Und es gibt viele Stades. Landauf landab gehen Menschen neuerdings gegen konventionelle Kraftwerke auf die Straße. Ein Inder, durch ständige nervige Blackouts in seinem Land Leid geprüft, würde sich die Augen reiben. Spinnen die alle, die Germanen?

Kraftwerkebetreiber sind Idioten, PR-technisch besehen. Noch nie haben sie es geschafft, ein positives Umfeld für ihr Produkte zu schaffen, eigentlich die nützlichsten Waren der Welt: Wärme und Licht. An einen einzigen witzigen Sticker erinnere ich, den die Industrie zur Brokdorf-Zeit verbreitete: „Warum Atomkraft? Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose.“ Leider ging der Slogan voll in die Hose. Der AKW-nein-danke!-Bewegung nachgewachsen ist tatsächlich die Generation Steckdose; eine, die wie verrückt Strom verbraucht, aber sich nicht die Bohne darum schert, wo er herkommt. Die nie durch den Umgang mit dem Kosmos-Baukasten „Der kleine Elektromann“ spielerisch gelernt hat, dass man Strom nicht speichern kann, nicht in Mengen. Die ernsthaft der Propaganda von Subventionsabsahnern glaubt, man könne eine hoch entwickelte Industriegesellschaft, deren Lebensadern die Stromleitungen sind, aus Windrädern und Solarpaneln versorgen.

Wahr ist leider: der ganz normale deutsche Energie-Ignorant würde allenfalls dann aus seinem Tran erwachen, wenn ein langer, flächendeckender Blackout dieses Land ins Chaos stürzte. Wenn alle Systeme, jedwede Ökonomie auf einmal zusammen krachte. Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen inklusive, wie sie überall grassieren, wo nur für ein paar Stunden der Strom ausfällt.  Die Schock-Therapie ist leider zu gruselig, um sie zu wünschen.

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