Maxeiner & Miersch / 20.10.2012 / 10:51 / 0 / Seite ausdrucken

Erfolg mit Handicap

Deutschland geht es gut. Die Strompreise schießen in die Höhe und die Energiewende ist ins Stocken geraten. Dennoch steht unser Land im internationalen Vergleich bestens da. Man muss nicht nach Griechenland oder Burkina Faso reisen, um zu bemerken, dass hierzulande auf hohem Niveau gejammert wird. Auch Amerikaner, Franzosen und Engländer haben schlimmere Probleme.

Es ist an der Zeit, dass wir ewig nörgelnden Kolumnisten Selbstkritik üben. Seit Jahr und Tag schreiben wir hier und anderswo, dass es nicht so weitergehen kann mit dem Zukunftspessimismus. Dass eine Kultur der Ängstlichkeit, die überall Risiken wittert, und diese gern ins Riesenhafte aufbläst, unweigerlich zurückfällt und irgendwann den Anschluss verpasst. Wir brechen Lanzen für grüne Gentechnik, für Stammzellenforschung und andere Fortschritte, die für viele unserer Landsleute Teufelswerk sind. Doch die Wirtschaft floriert, auch unter Verzicht auf manche Innovationen und mit den teuersten Formen der Stromgewinnung.

Vielleicht jedoch ist alles ganz anders. Womöglich sind gerade die Bremser und Blockierer die Hefe im deutschen Kuchenteig. Auf diese Hypothese brachte uns eine wissenschaftliche Arbeit zweier israelischer Biologen aus dem Jahre 1975. Amotz und Avishag Zahavi entdeckten damals das Handicap-Prinzip. Es besagt, dass ein Tier, welches sich ein Handicap leisten kann, gerade dadurch im Wettbewerb mit seinen Konkurrenten erfolgreich ist, und als sexuell besonders attraktiv wahrgenommen wird.

Damit kann man die Mähne des Löwen, unter der er in der Hitze der Savanne unnötig schwitzt, ebenso erklären, wie den schweren Federschwanz des Pfaus, der seine Flucht vorm Leoparden behindert. Dem überdimensionalen Geweih des Hirschs verleiht das Handicap-Prinzip Sinn, und auch dem kräftezehrenden Steigflug der Lerche. Solche Energieverschwendung demonstriert potenziellen Paarungspartnern, Konkurrenten und Feinden: Ich habe Reserven, ich kann es mir leisten. Oder, wie der Volksmund sagt: Wer kann der kann. Auch erfolgreiche Männchen der Gattung Homo sapiens investieren ja nicht alles in produktive Anlagen, sondern schmücken sich auch mal gern mit Rolex und Porsche.

Übertragen auf Deutschland werden ineffiziente Luxustechnologien wie Solarstrom oder Biolandbau plötzlich sinnvoll: Wir zeigen damit der globalen Konkurrenz, wie überaus robust unsere Wirtschaft ist.

Erschienen in DIE WELT am 19.10.2012

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