Matthias Heitmann, Gastautor / 20.10.2017 / 16:00 / Foto: Asanagi / 6 / Seite ausdrucken

Die konsensorientierte Hosenscheißer-Demokratie

„Diese Pseudo-Logik, in der Not müsse man Parteiinteressen hinter dem Interesse der Nation zurückstellen und gemeinsam regieren, die teile ich nicht“, sagt Zeitgeisterjäger Matthias Heitmann im Gespräch mit TV- und Radiomoderator Tim Lauth in der aktuellen Ausgabe der Radiokolumne „Der WochenWahnsinn“: „Zum einen sind wir nicht in der Not, sondern in einer Demokratie, und Demokratie lebt nicht vom Konsens, sondern vom Widerspruch und von inhaltlichem Unterschied. Und zum anderen schadet man der Demokratie und der Nation, wenn man diese Unterschiede wegwischt und sich selbst verleugnet. Und gegen diese konsensorientierte Hosenscheißer-Demokratie sollten wir alle in die Opposition gehen!“

Zum Podcast geht’s hier entlang.

Tim Lauth: Herzlich Willkommen zu einer neuen Ausgabe des WochenWahnsinns! Mein Name ist Tim Lauth, und ich gehe wieder auf Zeitgeisterjagd mit dem Mann, der das gleichnamige Hardcoverbuch und E-Book geschrieben hat: Matthias Heitmann. Sag mal Matthias, glaubst Du eigentlich wirklich daran, dass wir in Zukunft von einer Jamaika-Koalition regiert werden.

Matthias Heitmann: Ja, ich befürchte es. Denn schließlich betonen ja alle immerzu, dass Demokraten im Notfall miteinander koalieren können sollten. Meine Frage ist aber: Warum soll das eigentlich so sein? Warum müssen Demokraten automatisch zusammenarbeiten können?

Lauth: Naja, vielleicht, weil sie eine gemeinsame Basis haben und so Schlimmeres verhindern können?

Heitmann: Aber ganz ehrlich: Meine Übereinstimmung mit den Bündnisgrünen ist so minimal, dass daraus keine Zusammenarbeit werden kann. Bedeutet das also dann, dass ich kein Demokrat bin?! Ich halte diese Logik für völlig daneben. Unsere Gesellschaft leidet doch gerade darunter, dass Politiker seit Jahren alle mehr oder minder einer Meinung waren. Große Koalitionen, jeder regiert irgendwo mit jedem, alle Ecken und Kanten werden abgeschliffen. Und jetzt bricht dieser Konsens endlich mal auf, und das einzige was denen einfällt ist, dass jetzt auch noch die letzten Unterschiede weggebügelt werden und alle miteinander regieren sollen! Das nennt man dann: Schlimmeres verhindern? Nein, das ist das Schlimmere!

Lauth: Ja, aber was stellst Du Dir vor, dass regiert werden kann?

Heitmann: Ich bin wirklich kein Sozialdemokrat, aber die Entscheidung, in die Opposition zu gehen, halte ich für klug. Und diese Pseudo-Logik, in der Not müsse man Parteiinteressen hinter dem Interesse der Nation zurückstellen und gemeinsam regieren, die teile ich nicht. Zum einen sind wir nicht in der Not, sondern in einer Demokratie, und Demokratie lebt nicht vom Konsens, sondern vom Widerspruch und von inhaltlichen Unterschieden. Und zum anderen schadet man der Demokratie und der Nation, wenn man diese Unterschiede wegwischt und sich selbst verleugnet. Und gegen diese konsensorientierte Hosenscheißer-Demokratie sollten wir alle in die Opposition gehen!

Lauth: Aber nochmal für alle: Wie soll denn regiert werden in Berlin? Wie soll das funktionieren?

Heitmann: Ich nehme mir die Freiheit, mir nicht den Kopf von Angela Merkel zu zerbrechen. Wirkliche Veränderungen sind weder mit dem alten Personal noch mit den alten Parteien zu bewerkstelligen. Welche Konstellation in Berlin auch gefunden wird: Sie wird nicht meine sein, und sie wird nichts an der Notwendigkeit ändern, Demokratie von unten neu zu erfinden und selbst zu denken. Damit sollten wir nicht auf Berlin warten. Oder wie man es in Bayern sagen würde: Was i wuil? Ja mei, ka Koalition!

Lauth: Ja, das ist definitiv einmal ein optimistischer Ausblick. Und wahrscheinlich fehlt uns auch genau dieser Optimismus heute. Ich bin jedenfalls auf gute weitere Gründe für Optimismus und auf die nächste Folge des WochenWahnsinn mit Matthias Heitmann. Bis dahin: Machen Sie‘s gut – und besser!

Hinweis:

Anfang Oktober feierte das Bühnenprojekt „Zeitgeisterstunde“ von Matthias Heitmann und Tim Lauth eine stimmungsvolle Premiere im Frankfurter Kabarett „Die Schmiere“. Das Stück lieferte „ein Fitnessprogramm für den Verstand und einen „Würg-Shop“ für den zynischen Mainstream, denn es brachte, was man heute kaum noch gewohnt ist: gute Gründe für Optimismus. Die nächste Zeitgeisterstunde steigt am Freitag, den 3. November. Weitere Infos und Karten hier

Alte Ausgaben des „WochenWahnsinn“ im Archiv hier.

Leserpost (6)
wilhelm schlatter / 20.10.2017

als schweizer muss ich natürlich schmunzeln, wie die suche nach konsens von einem deutschen intellektuellen so nieder und als notverordnung lächerlich gemacht wird. konsens und kante zeigen funktioniert in der schweiz seit jahrzehnten, seit jahrzehnten gibt es bei uns eidgenossen verordnete groko. wir nennen unsere rechten nicht pack oder nazis sondern schweizerische volkspartei und fallen nicht in heuchlerische ohnmacht, wenn sie 30 prozent der stimmbürger für sich gewinnen können. es gibt dann immer noch 70 prozent andere. das oppositionssystem mit dem systemimmanente und prinzipiellen schlechtreden des politischen gegners auch bei guten leistungen ermüdet hingegen und hinterlässt eine verständliche politikverdrossenheit beim wähler. meiner meinung nach schadet das aggressive politische haudraufsystem einer dualistischen ja/nein-logik, die ja nichts als die digitalisierung der ideologie ist, der deutschen politik enorm. ich sehe darin überhaupt keinen demokratischen gewinn, sondern nur den kampf gigantischer narzissten auf kosten der demokratie, weil kaum ohne korrekturmöglichkeit ausser alle paar jahre bei der wahl. wer konsensfindung lächerlich macht zementiert poltische rechthaberei. die spiegelt sich dann in der presse, in der alternative ansichten eben so schnell diffamiert werden, zum beispiel als rechtsextrem usw., was dann von den lesern zu recht als lüge (man müsste sagen: verordnete einseitigikeit) empfunden wird.

Andreas Keppel / 20.10.2017

Vielleicht wenn Sie gesagt hätten: CDU ,ohne Merkel, zusammen mit FDP und AFD ( die sich als saubere Demokraten zu bewähren hätten), die zusammen immerhin 57 Prozent auf die Waage bringen. Wenn Sie ferner gesagt hätten, die FDP bekam nur deshalb 10 Prozent plus, weil sie AfD-Trittbrett gefahren ist und sich so als Alternative zur Alternative präsentierte. Und faselt,jetzt was über den Soli als “Vorbedingung”. Was wäre dann gewesen? Ich persönlich hätte Sie dann definitiv aus dem erlauchten Kreis der “Hosenscheißer” für mich rausnehmen können. Mal ehrlich: Was von oppurtunistischer Konensdemokratie faseln, sich selbst aber in feste Bahnen bewegen, ohne sich auch nur zwei cm aus dem Fenster lehnend etwas zu riskieren?! Wie passt das zusammen? Jamaika-Garnicht!!

Paul / 20.10.2017

Danke, Herr Heitmann. Ganz in meinem Sinne.

Hartmut Laun / 20.10.2017

Jamaika schon, aber nur ohne Merkel. Der Grund ist einfach, denn wer will schon unter Merkel in der Regierung sitzen und für den von ihr verursachten riesigen Scherbenhaufen an schwersten Rechtsbrüchen mit den bekannten Folgen für die innere Sicherheit und den finanziellen Zusatzbelastungen mitverantwortlich sein?  Jeder da mitmacht kann nur zum Verlierer werden.

Marie-Jeanne Decourroux / 20.10.2017

» Denn schließlich betonen ja alle immerzu, dass Demokraten im Notfall miteinander koalieren können sollten.« ... halten sich dann aber selbst nicht daran, indem sie die AfD - die vielleicht vieles, aber auf keinen Fall undemokratisch ist - als Koalitionspartner von vorneherein kategorisch ausschließen. Warum eigentlich ...? Die ÖVP macht der CDU vor, wie Politik Handlungsspielräume gewinnt

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