Matthias Heitmann, Gastautor / 30.12.2017 / 12:00 / 1 / Seite ausdrucken

Der Wochen-Wahnsinn: 2017 – das Jahr zwischen den Jahren

Zum Jahreswechsel sprechen Zeitgeisterjäger Matthias Heitmann und Antenne-Frankfurt-Moderator Tim Lauth in ihrer Radiokolumne „Der WochenWahnsinn“ über den Sinn der Redewendung „zwischen den Jahren“. Eigentlich sei das komplette Jahr 2017 ein „Jahr zwischen den Jahren gewesen“, sagt Heitmann: „Ein Blick auf die westliche Welt zeigt: Wir leben in einer Phase des Übergangs, in der Altes über den Haufen geworfen wird, aber noch nicht durch etwas wirklich Neues und Sinnmachendes ersetzt wird. Dennoch gibt es viele Gründe für Optimismus, denn solange Dinge unklar sind, sind sie auch veränderbar. Daher wäre Besinnung wirklich gut, aber nicht im Sinne von „Besinnlichkeit“ oder von „Rückbesinnung“ auf alte Wahrheiten, sondern Besinnung auf menschliche Stärken, auf die zukunftsorientierten Werte der Moderne, auf gesellschaftlichen und technischen Fortschritt und darauf, dass wir uns alle weiterentwickeln können, wenn wir es wollen.“

Zum Podcast geht’s hier entlang.

Tim Lauth: Herzlich Willkommen zu einer neuen Ausgabe des WochenWahnsinns! Mein Name ist Tim Lauth, und ich gehe wieder auf Zeitgeisterjagd mit dem Mann, der das gleichnamige Hardcoverbuch und E-Book geschrieben hat: Matthias Heitmann. Matthias, zum Jahresende habe ich mal ’ne ganz grundsätzliche Frage an Dich: Warum nennt man die Zeit zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen eigentlich „zwischen den Jahren“? Das ist doch eigentlich völlig daneben, oder?

Matthias Heitmann: Das ist eine wirklich gute Frage, und ich habe darauf keine Antwort.

Lauth: Der FreiHeitmann ohne Antwort! Hammerhart, dass ich das noch erleben darf! Unfassbar…!

Heitmann: Ja, gell, aber das gibt’s durchaus. Ich vermute aber, dass die Redewendung „zwischen den Jahren“ vom Streit über den Geburtstermin von Jesus herrührt. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass man in der Zeit bis zum 6. Januar innehalten und sich besinnen soll. Aber irgendwie passt dieses „zwischen den Jahren“ ja auf das komplette Jahr 2017.

Lauth: Wie meinst Du das?

Heitmann: Wir leben in einer Phase des Übergangs, in der Altes über den Haufen geworfen wird, aber noch nicht durch etwas wirklich Neues und Sinnmachendes ersetzt wird. Guck Dich mal in Europa um: Die Briten zwingen ihre orientierungslose Regierung zum Brexit wider Willen, die Franzosen haben gleich ihr komplettes System über den Haufen geworfen, Spanien kann seinen Laden kaum noch zusammenhalten. Dazu stellen sich Polen und Ungarn offen gegen Anweisungen aus Brüssel. Währenddessen zerlegt US-Präsident Trump wie eine Abrissbirne viele notdürftig renovierte Lügengebäude und Moral-Heucheleien des Westens. Und in Deutschland tut man alles, um den Erdrutsch notdürftig wieder einzubetonieren – eben weil niemand genau weiß, wohin die Reise gehen soll.

Lauth: Ja, da hast Du Recht, wir erleben wirklich gerade ziemlich krasse Umbrüche. Deswegen sind die Leute auch unzufrieden und verunsichert. Aber auf der anderen Seite ist es doch ein positives Signal, dass mit Emmanuel Macron in Frankreich und Sebastian Kurz in Österreich junge Leute nach oben kommen, oder?

Heitmann: Wenn sie auch etwas Neues und Mutiges zu sagen hätten, wäre das wirklich gut. Sowohl Macron als auch Kurz haben alte politische Zöpfe abgeschnitten, was auch dringend nötig war. Aber letztlich haben auch die Beiden wenige neue Ideen anzubieten. Bei Macron bröckelt die Beliebtheit ja auch schon. Trump hat auch keine Idee. Vielleicht ist das in einer Phase zwischen den Jahren aber auch noch zu viel verlangt.

Lauth: Aber wenn alles so unklar und unausgegoren ist, wie sollen wir das neue Jahr dann angehen, Matthias?

Heitmann: Ich gehe es mit viel Optimismus an, denn solange Dinge unklar sind, sind sie auch veränderbar, und das ist eine gute Sache. Sehr lange schien alles wie in Stein gemeißelt zu sein, doch nun führt die Wirklichkeit den alten Glauben an die Alternativlosigkeit ad absurdum. Und obwohl jeder irgendwo weiß, dass es nicht weitergehen kann wie bisher, wird noch immer versucht, diese grundlegenden Veränderungen abzuwürgen und die Welt wieder tiefzufrieren. Das wird aber auf Dauer nicht gelingen. Daher wäre Besinnung wirklich gut, aber nicht im Sinne von „Besinnlichkeit“ oder von „Rückbesinnung“ auf alte Wahrheiten, sondern Besinnung auf menschliche Stärken, auf die zukunftsorientierten Werte der Moderne, auf gesellschaftlichen und technischen Fortschritt und darauf, dass wir uns alle weiterentwickeln können, wenn wir es wollen.

Lauth: Ja, das wünsche ich uns allen, Matthias. Und selbst wenn 2018 auch wieder so ein Jahr zwischen den Jahren werden sollte, denken Sie immer daran: Pessimismus ist nichts anderes als ein wohlklingendes Ersatzwort für: „bequeme Feigheit“. Auch im nächsten Jahr werde ich mit Matthias Heitmann auf Zeitgeisterjagd gehen, hier im Radio im WochenWahnsinn, aber auch in unserer gemeinsamen Bühnenshow „Zeitgeisterstunde“ am 21. Januar 2018 im Frankfurter Kabarett-Theater „Die Schmiere“. Bis dahin: Machen Sie es gut – und besser!

Nach den ausverkauften Vorstellungen im Oktober und November stehen die nächsten Termine für das Bühnenprojekt „Zeitgeisterstunde“ von Matthias Heitmann und Tim Lauth bereits fest. Am 21. Januar und am 11. März 2018 laden die beiden in das Frankfurter Kabarett „Die Schmiere“ und liefern, was man heute kaum noch gewohnt ist: gute Gründe für Optimismus. Karten für diese Vorstellungen und weitere Infos unter: zeitgeisterstunde.de.

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Leserpost (1)
Karla Kuhn / 30.12.2017

: Ja, das wünsche ich uns allen, Matthias. Und selbst wenn 2018 auch wieder so ein Jahr zwischen den Jahren werden sollte, denken Sie immer daran: Pessimismus ist nichts anderes als ein wohlklingendes Ersatzwort für: „bequeme Feigheit“. Klasse Dialog, ganz besonders treffend, die “bequeme Feigheit.”

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