Wolfram Ackner / 21.10.2017 / 14:30 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 17 / Seite ausdrucken

Die Düsterwald-Saga

"Es ist schon wichtig klar zu sagen: Nicht die Ausländer sind das Problem. Sondern die Sachsen." Jakob Augstein

" Ohne die deutsche Einheit hätte die Welt wohl nie bestaunen dürfen, was es für spektakulär ignorante Asoziale in Sachsen gibt " Jan Böhmermann

"Tschechien, wie wär's: Wir nehmen euren Atommüll, ihr nehmt Sachsen?" Ansgar Meyer

"Es war ein Fehler, Dresden wieder aufzubauen. All die kuscheligen Pegidaversteher*...Merke: Nazis tätscheln macht Nazis groß" Jutta Ditfurth

"Höre, ich solle Ostdeutsche Ernst nehmen. Ihr kamt 1990 mit nem Trabi angeknattert und wählt heute AfD – wie soll ich euch Ernst nehmen?" Hasnaim Kazim

Es verursacht mir als Sachsen seelische Pein und Schuldgefühle, dass unser archaischer Stamm hochmoralische, weltoffene Menschen dazu provoziert, sich selbst vor der ganzen Welt mit hässlichen Tweets zu besudeln ... und es lässt mich wieder fiebrig träumen ...

Es war Sonntag, der 01. Oktober 2017. Wie jeden Sonntag pünktlich um 13 Uhr hatte sich Familie Helbing zum Mittagessen im Wohnzimmer ihrer 4-Raum-Altbauwohnung in der Silbermannstraße versammelt. Es war ein milder, wechselhafter Tag. Eine sanfte Brise wehte in südöstlicher Richtung und wie eine Herde gemächlich über eine blaue Alm trottender Schafe zogen unzählige bauschige Wölkchen über das Erzgebirgsvorland hinweg, unter sich fußballfeldgroße Schatten über die liebevoll restaurierten alten Häuser und verwinkelten Gassen der Freiberger Innenstadt werfend. Die Zwillinge, Helene und Elisabeth, diskutierten mampfend die Für und Wider möglicher Studienorte, die nach dem im nächsten Sommer – hoffentlich – bestandenem Abitur in Frage kämen.

In kurzen, unregelmäßigen Abständen sagte die grelle Sonne auch in der Wohnung der Helbings 'Hallo', den aufsteigenden Dampf von Klößen, Rotkohl und Sauerbraten in einen hellen Schein tauchend, bevor ohne Vorwarnung der nächste Schatten wie ein Radiergummi über die Szenerie huschte und alle kräftigen, fröhlichen Farben - die roten Rosen auf dem Tisch, das knallige Orange der Ikea-Couch, das zarte lindgrün und kobaltblau der guten Sonntagsteller – ihrer Strahlkraft beraubte

Günther Helbing, Professor für allgemeine und angewandte Mineralogie an der Bergakademie Freiberg, hatte sein übliches kurzes, freudloses Gestocher im Essen schon wieder beendet, saß mit einer Tasse Kaffee – dem Elixier, dass ihn in Wahrheit am Leben zu erhalten schien – auf seinem afrikanischem Holzstuhl und betrachtete durch die große Fensterfront beiläufig eine Gruppe lärmender Kinder, die sich erfolglos und emsig die Zeit damit vertrieben, auf dem Katzenkopfpflaster vor dem Schloss den Schatten hinterherzujagen, dabei unbewusst im Takt des Licht-Schatten-Rhythmus schmissig seine flache rechte Hand als Sonnenschutz vor die Augen haltend und wieder absetzend, was seine Frau nach kurzer Zeit zum glucksen brachte.

Günther, der wie so viele Universitätsdozenten seine Verachtung für Oberflächlichkeiten durch eine absolut grauenhafte Kleiderwahl ausdrücken zu wünschen schien, wirkte durch diese unbewusste Geste in seinem alten braunen Trainingsanzug, auf dem noch das Emblem des NVA-Armeesportverein 'Vorwärts' prangte, und seinem Dynamo-Dresden-Basecape wie eine Salutier-Parodie auf den ollen Armeegeneral Heinz Hoffmann, der in den letzten DDR-Jahren schon mal eine Kellnerin zum Stabsgefreiten beförderte, besoffen vom Stuhl fiel oder seine wichtigsten Offiziere nicht mehr erkannte.

Allerdings hielt es Elke Helbing, Mathe- und Physiklehrerin am direkt um die Ecke gelegenen Geschwister-Scholl-Gymnasium, nicht für nötig, ihren Mann, der sie fragend anschnaubte, auf den Grund ihrer leisen Heiterkeit hinzuweisen. Günther war selten auf den Mund gefallen und wusste ihrem sanften Spott oft genug mit beißenden Sarkasmus den Hals umzudrehen.

Auch wenn er in diesem Moment wahrlich nicht so aussah, gehörte Günther Helbing zu den Freiberger Stadthonoratioren und war ein in Kollegen- und Fachkreisen hoch angesehener Wissenschaftler mit unzähligen Veröffentlichungen und Einladungen zu weltweiten Kongressen. Zwar imponierte Elke der hohe soziale Status ihres Mannes und sie wusste es durchaus zu schätzen, dass Günther dazu auch noch handwerklich geschickt, pragmatisch, berechenbar und zuverlässig war, aber all das konnte sie trotzdem nicht völlig darüber hinwegtrösten, dass ihr Gatte ein kleiner 'Stoffel' war, wie man in Sachsen zu sagen pflegte – ihr gegenüber mundfaul, phlegmatisch, hoffnungslos unromantisch. Wobei unromantisch das falsche Wort war, wie sich gestern Abend mal wieder gezeigt hatte, als sie sich betont lasziv mit ihren nagelneuen 120-Euro-Dessous in den Türrahmen des ehelichen Schlafzimmers stellte.

Ein nicht interessierter unromantischer Mann hätte wenigstens die Höflichkeit besessen, auf ihre gegurrte Frage, was sie tun müsste, um sein Blut in Wallung zu bringen, mit einem überzeugend geschauspielerten Müdigkeitsanfall zu reagieren. Aber nur ein antiromantischer Mann wie Günther hatte es drauf, ohne auch nur hochzuschauen auf die beleuchtete Vitrine mit dem Prunkstück seiner Mineraliensammlung zu zeigen und mit gleichmütiger Stimme: „den Annabergit aus dem Fenster werfen!“ zu antworten.

Die Erinnerung trübte ihre bis dato sonnige Laune, absolut synchron mit dem nächsten Schatten, der durch die Küche flog und Günther dazu veranlasste, zackig die Salutierhand wieder abzusetzen. Mot-Schützen, Grenztruppen, Fallschirmjäger und Panzereinheiten waren offensichtlich schon durch, aber ein kurzer Blick zum Himmel überzeugte Elke, dass in etwa einer Minute eine Artillerie-Kompanie an Günthers Ehrentribüne vorbeiziehen würde.

Das Telefon klingelte.

Elke blickte auffordernd zu den Mädchen, die schnatternd so taten, als würden sie nichts mitkriegen, blickte zu ihrem Mann, der sich offensichtlich wieder einmal in einem seiner Paralleluniversen befand, seinen Körper als leere, starr glotzende Hülle zurücklassend, und stand schließlich leise seufzend auf.

„Ich habe zwar den weitesten Weg, aber gerne doch!“, sagte sie, nicht ernsthaft eine Reaktion erwartend.

„Familie Helbing“, sagte sie und lauschte.

„Für dich, Günther!“, sagte sie. „Es ist Jakob!“

„Ich kenne keinen Jakob.“

„Meine Güte!“, sagte Elke und schirmte mit der Hand das Mikrophon ab. „Jakob Grillparzer, dein berühmter Cousin aus Hamburg!“

„Cousin zweiten Grades!“, sagte Günther. Jacobs Mutter, Tante Heidrun, mittlerweile 81, war die Tochter von Rudolf Welser, und dieser wiederum war der Bruder von Günthers Großmutter Thea. Oma Theas Familie war damals nach dem Krieg im Osten gelandet, während es Onkel Rudolf mit seiner Sippe nach Hamburg verschlagen hatte.

Günther zog ungläubig die Augenbrauen hoch und lief zum Flur, wo Elke gerade mit den Worten „einen Augenblick bitte“ den Hörer ablegte. Grundgütiger, der große Jakob Grillparzer aus dem Tor zur Welt ruft bei der muckeligen Ost-Verwandschaft in der sächsischen Pampa an … da hätte Günther ja noch eher mit einem Anruf vom Papst gerechnet … dieses Telefonat konnte nur eines bedeuten.

„Jakob, ja das nenne ich mal eine Überraschung!“, sagte er, unter größter Anstrengung einen Hauch von Freude in die Stimme legend. „Was verschafft mir die Ehre … ??“

Elke beobachtete aus den Augenwinkeln, wie ihr Mann mit betroffenem Gesicht lauschte, während die Zwillinge aufgeregt auf sie einredeten. „Onkel Jakob“ war in den letzten Jahren zu einem Star der deutschen Medienszene aufgestiegen. Er verfasste allwöchentlich eine vielbeachtete und kontrovers diskutierte Kolumne in der ZEIT, war mit einer eigenen Politik-TV-Show auf einem Nachrichtensender am Start und demonstrierte der staunenden Medienszene jahrelang erfolgreich DAS Geheimrezept, wie man mit ambitionierten Qualitätsjournalismus zu Wohlstand kommt … man muss sagenhaften Reichtum erben und ein linkes Wochenblatt kaufen.

„Alles klar, wir sehen uns in zwei Tagen. Bis dann.“, hörte sie Günther schließlich sagen, bevor er den Hörer auflegte und in die Stube schlurfte, aschgrau im Gesicht, hängende Schultern. Er setzte sich auf seinen Stuhl, den er von einer Forschungsreise nach Malawi mitgebracht hatte, schenkte sich wortlos einen Aperitif ein, kippte ihn hinter, stumpf vor sich hinbrütend.

'Armer Günther', dachte Elke und griff liebevoll nach seiner Hand. Einerseits fand sie es zwar merkwürdig, dass ihn der Tod seines eigenen Vaters im Frühjahr seltsam unberührt gelassen hatte, während ihm das Ableben seiner ihm im Grunde völlig fremden Tante Heidrun so offensichtlich aus den Socken haute – anderseits war sie froh und erleichtert über jedes Ereignis, dass Günthers grauenhaft geradlinige Gemütslinie mal kurz zum ausschlagen brachte, egal in welche Richtung.

„Schatz, es tut mir so leid!“, sagte Elke.

Günther nickte kraftlos.

„Es sollte uns allen leidtun!“, sagte er und griff sich auch Elkes Aperitif.

„Was denn?“, fragten die Zwillinge.

Günther hatte sich schon wieder in seine innere Neandertalerhöhle zurückgezogen, so dass Elke für ihn antwortete.

„Tante Heidrun ist gestorben!“

„Ist sie?“, fragte Günther überrascht.

Elke zog die Augenbrauen hoch, hob in einer verwunderten, fragenden Geste die Hände und zeigte zum Telefon.

„Ist sie nicht?!“

„Was?“, sagte Günther. „Ach so! Das! Quatsch! Nein, es ist etwas wirklich schlimmes passiert. Jakob kommt uns in zwei Tagen besuchen und bleibt ein paar Tage, weil er einen großen Artikel in der ZEIT über Sachsen plant!“

„Achsooo!“, sagte Elke.

Alles klar. Seit bei der Bundestagswahl vor einer Woche die AfD äußerst knapp stärkste Partei in hiesigen Gefilden geworden war, litt die Qualitätspresse unter Schnappatmung und feuerte aus allen Rohren auf Sachsen, diesem enfant terrible unter den 16 Bundesländern … und wenn man dann als Topjournalist wie Jakob Grillparzer entfernte Verwandtschaft in Mittelsachsen besaß, wo die AfD nicht knapp, sondern weit vor der zweitplatzierten CDU ins Ziel kam - was lag da näher als ein persönlicher Besuch im Herzen der Finsternis … ?? Zumal Jakob bekanntermaßen seine Karriere als Kriegsberichterstatter gestartet hatte.

„Du nimmst dieser Schreiberlinge immer so gleichmütig hin!“, schnaubte Elke. „Ich hätte bei manchen Artikel der letzten Tage die Zeitung am liebsten zusammengerollt und den Verfassern um die Ohren geknallt. Gibt es denn nichts, was dich aus der Reserve locken kann?!“

„Du weißt schon.“, sagte Günther und nickte in Richtung des Annabergit.

„Ach so?!“, sagte Elke schnippisch. „Und wie passt dann deine ostentativ vorgetragene Gelassenheit zu deinem Beinahe-Zusammenbruch, wenn dein berühmter Journalistencousin hier auftauchen will, um in dieselbe Kerbe zu hauen?“

„Das will er doch gar nicht!“, brüllte Günther und kämpfte mit den Tränen. „Begreift ihr dass nicht?! Jakob kommt her, um Sachsen zu rehabilitieren!“

Die Zwillinge rissen entsetzt die Augen auf und Elke ließ vor Schreck das Messer fallen. Ei verbibbsch! Jetzt war guter Rat teuer

Bis zum Nachmittag diskutierten sich Günther und Elke – die Mädels hatten sich inzwischen verabschiedet – die Köpfe heiß, wie man mit dieser völlig unerwarteten Bedrohung umgehen sollte. Elke verwies ein ums andere Mal darauf, dass ein Autor wie Jakob - dessen herablassend-bösartige Einstellung gegenüber Ostdeutschland und den Osteuropäern durch hunderte Twitter-Tweets, Facebook-Postings, Artikel und Interviews gut belegt war - vielleicht tatsächlich einmal den Wunsch verspürte, wider den Stachel zu löcken, statt immer nur so zu tun und stattdessen in Revoluzzerpose sperrangelweit offene Türen einzutreten ... aber letztendlich dazu einfach nicht in der Lage war.

Sie verwies auf die unzähligen Artikel und Politikerreden der letzten 24 Monate, die in der Einleitung säuselnd von 'den Gräben' sprachen, die 'sich in der Gesellschaft aufgetan' haben; davon, dass man in der Vergangenheit vielleicht 'zu schnell Andersdenkende ausgegrenzt' oder 'zu Unrecht in die rechtsradikale Ecke' gestellt hat … und die sich nach zwei Absätzen voller Verständnisgeheuchel mit dem obligatorischem ABER eine Schaufel schnappten und die Gräben flugs noch drei Meter tiefer aushoben. Doch Günther hatte eine Arbeitshypothese, die sie schließlich als logisch akzeptierte. Es ging für Jakob diesmal nicht um Weltanschauung, um Gut & Böse, Richtig & Falsch. Es ging einzig und allein um den einen Fakt, den Kanzlerin Merkel in ihrer gewohnt bräsigen Schnoddrigkeit so ausgedrückt hatte: „Es ist mir egal, ob ich Schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin – nun sind sie halt da!“

Ja! Jetzt waren sie da, stauten sich in Metropolen wie Berlin oder Hamburg, wo vor lauter Platznot selbst in den Nobelvierteln wie Harvestehude oder Blankenese Asylbewerberheime entstehen sollten … und weigerten sich, nach Sachsen zu gehen, weil ihnen die öffentliche Berichterstattung einen Schrecken einjagte. Es war gar nicht so, dass Jakob über Nacht intellektuelle Redlichkeit für sich entdeckt hatte … es gab einen nachvollziehbaren Grund, den Sound der Berichterstattung zu ändern. Und Jakob war nicht irgendwer.

So wie es am Himmel mit Nordstern, großem Wagen, Kassiopeia hell funkelnde Gestirne gab, die wirklich jeder Mensch kannte, genauso gab es am deutschem Intellektuellen-Himmel einige wenige funkelnde Namen, an denen sich die Unteroffiziere und Decksmatrosen der schreibenden Zunft orientierten wie die Seefahrer des Frühmittelalters am Polarstern. Schmidt, Nannen, Nonnenmacher, Schirrmacher, Springer, lauteten diese Namen … und eben Grillparzer – auch wenn dieser Ruf durch Jakobs verstorbenem Adoptivvater Heinz aufgebaut wurde, Verleger, Buchautor, ehemaliger Chefredakteur der ZEIT, und Jakob mit seinen teils wirren, immer übermotivierten Einlassungen dafür sorgte, dass immer mehr Journalisten hinter vorgehaltener Hand feixend das böse Wort Grillpatzer in den Mund nahmen. Was absolut nichts daran änderte, dass Jakob einer der mächtigsten Meinungsbildner des Landes war und ein positiver Sachsen-Artikel aus seiner Feder ein allgemeines umschwenken der deutschen Presse einleiten konnte.

Elke und Günther entschieden, dass diese Bedrohung nicht alleine zu schultern war und Günther griff zum Telefon, um sein persönliches Netzwerk zusammenzutrommeln.

Eine Stunde später hatten sich alle, auf die es ankam, bei Helbings in der Wohnung versammelt. Ulrich Martin, Polizeioberkommissar und Lutz Deckert, der Chef der freiwilligen Feuerwehr,  freundschaftlich verbundene Schulfreunde von Günther. Dazu sein bester Freund Richard Kretschmann, der seit 30 Jahren die berühmte Filmtierschule 'Super Owl' betrieb, die sich mittlerweile vor Aufträgen kaum retten konnte und selbst für Hollywood-Produktionen gebucht wurde. Was auch kein Wunder war, schließlich hatte Hollywood schon seit Jahren die Schönheit Ostdeutschlands für sich entdeckt und drehte einen Blockbuster nach dem anderen in Görlitz, in der nahe gelegenen sächsischen Schweiz, im Harz, oder in Naumburg, Merseburg oder Halberstadt, den alten Bischofssitzen. Außerdem waren Helene und Elisabeth mit ihren Freunden da, Robert und Ufuk, zwei angehenden Informatik-Ingenieuren im fünften beziehungsweise viertem Semester, die sich im Stadtteil Friedeburg, weit vor der Altstadt, gleich an der Kleingartensiedlung Waldfrieden eine 3-Zimmer-Altneubau-Wohnung als WG teilten.

Günther machte die Runde mit der Lage vertraut, gemeinsam diskutierten sie hin und her, bis sich langsam in groben Umrissen eine Marschrichtung abzuzeichnen begann. Doch wie war dieser Plan konkret auszugestalten … ?? Günther trommelte beim grübeln mit den Fingern auf den Tisch. Als erstes mussten sie raus aus dieser riesigen Wohnung mit Stuck, Eichenparkett, atemberaubenden Blick auf Schloss Freudenstein, Dom und Untermarkt. Fünf Minuten später war mit Ufuk und Robert ein vorübergehender Wohnungstausch vereinbart.

„Jakob sollte nicht über die 101 nach Freiberg reinkommen!“, sagte Günther. „Die Straße ist fast wie eine Autobahn, außerdem gibt sie einen Blick auf die Altstadt frei.“

„Wir könnten ihn hinter der Autobahnabfahrt mit einer Straßensperre abfangen und über Deutschenbora von hinten über Wald und Dörfer nach Friedeburg leiten!“, sagte Ulrich.

„Perfekt!“, sagte Günther. „Jakob war mal Kriegsberichterstatter, Kosovo und Afghanistan. Ständig geht er mit der Geschichte hausieren, wie er im Afghanistan-Krieg als 'eingebetteter Journalist' bei der Erstürmung des Höhlensystems von Tora Bora dabei war. Damals, als die Amis um ein Haar Osama bin Laden schnappten. Bei jeder Party geht die Leier auf's neue los. Tora Bora hier, Tora Bora dort. Tod! Leid! Schreie! Jakob! Dabei habe ich bei einem dieser Anlässe einen Sergeant kennengelernt, der zu den Jakob zugeteilten Soldaten gehörte. Der erzählte mir, dass Grillparzer der Grund war, warum alle involvierten Soldaten drei Wörter Deutsch lernten: 'Du kleinä Muschi!'“

Die Runde lachte über den übertrieben breiten amerikanischen Akzent, doch Günther schnitt sie mit einer Handbewegung ab.

„Wenn er im tiefsten, dunkelsten Sachsen den Ortsnamen 'Deutschenbora' zu Gesicht kriegt, denkt er doch an sonst was. Wir brauchen Drama.“

 Er wandte sich an Richard.

„Da kommt mir ein Idee. Im Wald vor Deutschenbora dreht Spielberg doch gerade diesen Märchenfilm, für den ich letzten Dienstag ein paar Minerale aufbaute. Deine Stunteule sah beeindruckend aus. Hat die den Trick mit der Prinzessin noch drauf?“

„Du, die Tiere trainieren seit einem halben Jahr nichts anderes. Es ist alles noch da. Die Eule, die Hasen, die Wolfshunde - selbst die Requisiten stehen noch rum, weil die Dreharbeiten nicht abgeschlossen sind. Wir haben nur keinen Zutritt, weil die Straße für die Dauer der Dreharbeiten gesperrt ist.“

„Das lass mal meine Sorge sein.“, meldete sich Polizeioberkommissar Martin zu Wort.

„Kann ich deine großartigen Kinder in die Szene einbauen?“, fragte Günther.

„Klar!“, sagte Richard. „Macken-Mina und das Füchslein lieben Drama!“

„Du bist ein Schatz!“, sagte Günther und küsste seinen Freund auf den Kopf. Und Wort für Wort, Satz für Satz entspann sich im Generalstab bis tief in die Nacht das Drehbuch für die 'Operation Schwatzwutz', welche 54 Stunden später mit einer erhobenen Polizeikelle starten sollte.

Es war Mittwochfrüh 00:13 Uhr, kurz hinter der Abfahrt Nossen Ost der A 14. Der Polizist lief mit erhobener Kelle auf den Lexus-Hybrid mit Hamburger Nummernschild zu.

„Unfall!“, sagte er und wies auf die beiden Polizeiautos, welche die B101 komplett absperrten.

„Wo?“, fragte Jakob Grillparzer erstaunt, der nichts erkennen konnte.

„Direkt hinter der Kurve!“, sagte er. „Wir haben eine Vollsperrung eingerichtet. Sie müssen wenden und der Umleitung Richtung Freiberg folgen.“

Jakob nickte, wendete sein Auto und folgte den Zeichen, die ihn immer tiefer von der Zivilisation wegzuführen schienen. Nach etwa zehn Minuten hatte er mehrere kleine, heruntergekommen Dörfer und Flecken passiert und fuhr durch eine schmale kurvige Bergstraße, die rechts von abgeernteten Feldern und links von einem undurchdringlich wirkenden Wald umgeben war. Er fuhr um eine Kurve und bremste abrupt zum völligen Stillstand, weil quer über der Straße Strohballen lagen, die ein Bauer beim Transport verloren haben musste. Gerade wollte er durch eine Lücke weiterfahren, die breit genug für ein Auto erschien, als etwas merkwürdiges passierte.

Acht große Feldhasen wetzten in Zweierreihe um die Kurve und rasten in absoluter Symmetrie auf ihn zu. Erst jetzt erkannte Jakob, dass die Hasen als Achtspänner vor ein güldenschimmerndes Kütschlein gespannt waren, in der ein winziges blondes Mädchen saß. In diesem Moment zirkelte eine gewaltige Schnee-Eule mit weit ausgebreiteten Schwingen in Schräglage um die Kurve, exakt im Tiefflug der Mittellinie der Straße folgend. Ohne einen Flügelschlag nahm die Eule Kurs auf die Kutsche.

Jakob schrie vor Schreck laut auf und hielt sich die Ohren zu, jeden Moment dieses grauenhaft hackende TAK-TAK-TAK-TAK-TAK erwartend, mit dem damals im Jugoslawienkrieg die gefürchtete A10 'Warthog' der Amerikaner wie aus dem Nichts im Tiefflug durch die Schluchten des Balkan jagte und uniformierte serbische Leichen auf dem blutgetränkten Boden des Kosovo zurück ließ. In einer eindrucksvollen Bewegung – wie Graf Dracula, der seine Opfer unter dem Sichtschutz des aufgefächerten Mantels seine Zähne in den Hals schlagen will, bremste die Eule durch eine sichelförmige nach-vorn-Bewegung der Flügel direkt über der winzigen Kutsche, packte das kleine Mädchen an den Beinen und setze seinen Weg fort, direkt einen halben Meter über der Straße auf Jacob zusteuernd.

Jakob kreischte und blendete panisch das Fernlicht auf. Schlagartig wirkte es, als hätte er einen Filmprojektor angeschmissen. An den Rändern der Leinwand undurchdringliche Schwärze, während in der Mitte des Bildes diese gigantische, schlohweiß strahlende Schnee-Eule das Kind am Fuß gepackt über den Boden schleifte und Jakob unverwandt durch ihre grausamen, bernsteingelben Augen anstarrte. Jakob hielt sich zitternd am Sitz fest und erwartete den Angriff des Vogels, doch im letzten Sekundenbruchteil fächerte die Eule ihre Flügel auf und zog steil nach oben. Der Kopf des Kindes knallte gegen die Scheibe. Die Eule verlor den Griff, das Mädchen purzelte auf die Motorhaube und fiel von dort auf die Straße, wo es sich dreimal überschlug und reglos liegen blieb.

Jakob sprang aus dem Auto und stürmte auf das Kind zu, es behutsam hochnehmend. Erleichtert seufzte er auf. Es war eine Puppe. Jakob schaltete Motor und Licht aus, in der Dunkelheit vergeblich nach Hasen und Eule Ausschau haltend.  Erst jetzt bemerkte er auf dem Feld neben ihm das knisternde Lagerfeuer vor dem großen dunklen Schatten, an dem zwei Menschen saßen. Er überwand sein Unbehagen und lief hinüber, in der Jackentasche nach seiner taktischen Taschenlampe mit Stroboskop-Funktion tastend. Der große Umriss stellte sich zu seiner Verblüffung als ausgebrannter, auf der Seite liegender amerikanischer WK II-Panzer vom Typ Sherman heraus, in dessen Windschutz zwei etwa zehnjährige Mädchen ein  Feuerchen gemacht hatten. Das eine Mädchen hatte auffällig lange, rote Haare, schwarzgeschminkte Augen, war in ein grobes grünes Baumwollgewand gehüllt und summte vor sich hin, während dass andere nur in ein Schaffell gehüllt war und mit starren Blick Jakob anschaute, der sich ihr mit seiner Puppe im Arm näherte.

„Willst du die Puppe?“, fragte Jakob.

Das Mädchen sah ihn sekundenlang starr an und schüttelte schließlich in Zeitlupe den Kopf.

„Schabba abba Hunngga!“

Jakob schaute sie ratlos an.

„Sag mal, frierst du nicht?“ sagte er, um irgendetwas zu sagen, und tippte dem Mädchen auf ihren nackten Oberschenkel. „Du hast doch schon Gänsehaut.

„RRRRRRRRRRRHHHHHHHHHHHH“, knurrte das rothaarige Mädchen, zog die Lefzen hoch und zeigte Jakob die Zähne.

„Schon gut, schon gut!“, sagte Jakob und hob die Hände. „Ich wollte nur wissen, ob dir kalt ist.“

„Nay!“ sagte das Mädchen und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Abba schabba Hunngga!“

Verzweifelt hob Jakob die Hände, um zu signalisieren, dass er kein Wort verstand. Das Mädchen rollte urplötzlich die Augäpfel nach oben, dass nur noch das Weiße zu sehen war und zeigte mit Zeige- und Mittelfinger in ihren weit geöffneten Mund.

Jakob atmete auf. Gott, diese armen Kreaturen schienen ein altes Rudimentär-Deutsch zu sprechen, dass man mit etwas Mühe durchaus verstand. 'Nein, aber ich habe Hunger', dass war doch gar nicht so schwer. Na, zum Glück hatte er etwas dabei, um sich bei diesen merkwürdigen Kindern beliebt zu machen. Jakob beugte seinen Oberkörper nach vorn, ging langsam rückwärts, während er mit einer winkenden put-put-put-Handbewegung die Kinder zum folgen aufforderte.

„Ich habe Süßigkeiten, ihr hübschen kleinen Mädchen. Der gute Onkel hat Schokolade im Kofferraum!“

Das rothaarige Mädchen stieß einen gellenden, ohrenbetäubenden Schrei aus, während sich das nackte Mädchen im Schaffell einen derben Knotenstock nahm und auf Jakob zumarschierte. Dieser quieckte erschrocken auf, machte kehrt und stolperte über das Feld zu seinem Auto. Er warf die Puppe wütend auf die Straße, stieg ein und verrammelte die Tür. Da klingelte das Telefon.

„Wo bist du?“, fragte Günther. „Du müsstest längst hier sein!“

„Da war eine Vollsperrung!“, sagte Jakob. „Warte, da vorne scheint ein Schild zu sein!“

Er leuchtete mit seiner Taschenlampe hin.

„Deutschenbora!“, las er stockend vor. Das klopfen im Telefon verriet ihm, dass sein Cousin die Muschel abdeckte, aber er verstand trotzdem gedämpft, was Günther zu seiner Frau ('Else?' 'Elfriede?' ) sagte.

„Jakob ist in den Stammesgebieten!“, und ihr darauf folgendes, erschrockenes „Oh!“

Jakob schloss die Augen und sah sich mit einem orangenem Overall und auf den Rücken verbundenen Armen auf dem Boden eines kahlen Bergrückens neben einen Knallerbsenstrauch knien, während hinter ihm ein schwarzer, vermummter Mann mit einen Schlachtermesser in der Hand stand und „wolln'merdann'mal?“ fragte. Zu allen Überfluss ertönte in diesem Moment aus dem Wald ein langgezogenes Wolfsgeheul. Jakob war den Tränen nah. Er hatte in seiner Hamburger Redaktionsstube zwar so manch glühenden Pro-Artikel über die Wiederansiedlung der Wölfe in Sachsen geschrieben, aber in Hamburg fühlte es sich das halt so völlig anders an, Isegrimm wieder in Sachsen zu wissen, als hier vor Ort in Sächsisch-Düsterwald … und tatsächlich - vor ihm trat in diesem Moment ein siebenköpfiges Wolfsrudel auf die Straße.

Jakob war wie betäubt. Unfähig, auf die fragenden „Jakob?“, „Jaaakob … ??“-Rufe seines Cousins zu reagieren.

Die Wölfe versammelten sich im Halbkreis um die Puppe, wo sie schweigend eine Minute verharrten. Schließlich jaulte das Alphatier, packte sie vorsichtig, geradezu liebevoll an den Kleidern, um mit ihr im Dunkel des Waldes zu verschwinden. Die anderen Wölfe drehten sich zu Jakob um, verneigten sich majestätisch und folgten ihrem Anführer.

„Haaallooo Jakob!?! Haaaaaallooooooo!?““

„JA!“, brüllte Jakob. „JA! JA! JA!“

„Warum antwortest du nicht, verdammt nochmal? Du bist nicht mehr weit, aber du solltest einfach fahren. Einfach fahren! Nicht halten, und die Türen verschließen. Du bist mitten im … ähm ... Tollwutgebiet.“

Jakob startete den Motor und raste davon, nur kurz an die zurückgelassenen Mädchen denkend. Diese waren eine Gefahr, mit der die Wölfe einfach zurechtkommen mussten.

Dreißig Minuten später öffnete ihm sein Cousin, gekleidet mit Nachthemd und Schlafmütze, die Tür zu einer einfachen, sauberen Neubauwohnung am Rande der Stadt, begrüßte ihn mit schmatzenden Bruderkuss rechts und links, während seine Frau ('Helga?' ) ihm knicksend Zwiebel, Brot, Speck und Wodka reichte, was er dankend ablehnte. Jakob, immer noch glühend vor Aufregung, trug seinen Koffer in das zugewiesene Zimmer und kam zurück in die Stube, ein fünfzehn Quadratmeter-Verschlag, in der es neben einem Spiegel, einer großen Couch, einem Fernseher mit Playstation und einer 400 Euro-Schrankwand nur noch dieses große Portrait von Bundespräsident Steinmeier im weißen Anzug zu geben schien.

„Du, es ist nachts um eins, lass uns morgen reden.“, sagte Günther. „Elke ist schon wieder im Bett verschwunden.“

„Aber … !“, hob Jakob aufgeregt zu reden an und besann sich plötzlich eines Besseren.

„Ja?“, fragte Günther. „Du wolltest etwas sagen?“

„Ach, lieber nicht!“, sagte Jacob. „Am Ende hältst du mich noch für verrückt. Nur eine Sache - gibt es in Sachsen Schneeeulen?“

„Natürlich.“, sagte Günther. „Im Erzgebirge gibt es eine der größten Schneeeulenpopulationen westlich des Urals. Es redet nur niemand darüber, um die Tiere zu schützen. Und es ist eine Katastrophe für die anderen Eulen.“

„Warum das denn?“, sagte Jakob.

„Was glaubst du denn, wo du bist?“, sagte Günther. „Die Jäger erschießen die dunklen Eulen, damit sie sich nicht mit den weißen Eulen paaren!“

„Allmächtiger!“, schrie Jakob. „Das muss man verhindern! Ich treffe am Wochenende den Bundespräsidenten und werde mit ihm reden.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet der etwas dagegen hat!“, sagte Günther.

„Wie kommst du denn darauf?“, sagte Jakob.

„Du weißt schon!“, sagte Günther und nickt hinüber zum Steinmeier-Portrait, mit einem leisen „schuhu“ den Raum verlassend.

Jakob griff das angebotene Glas Wodka und kippte es hinter. Diese Sachsen waren einfach so unfassbar schräg!!

„Und, wie willst du ihn morgen dorthin stupsen, wo du ihn haben willst?“, flüsterte Elke im Bett nebenan.

„Mach dir keine Sorgen.“, wisperte Günther. „Ich habe Jakob in Hamburg noch nie irgend etwas anderes als irgendwelche Edel-Carpaccios bestellen sehen. Das klappt schon!“

Und mit einem heißen Verschwörer-Kuss wünschten sich Elke und Günther 'Gute-Nacht' und schliefen schließlich ein.

Jakob gähnte herzhaft, schaute auf seine schicke blaue Rolex Submariner und erschrak. Meine Güte, schon um zehn. Warum um alles in der Welt hatte ihn Günther so lange schlafen lassen?! Er ging ins Bad, machte sich frisch, zog sich einen neuen Anzug an und ging in die kleine Küche, wo Elke und Günther schon mit dem Frühstück auf ihn warteten - daumenbreiten grauen Brotstuppen mit einem zerlaufenem Rohmilchkäse, der einen üblen, durchdringenden Geruch verbreitete.

„Was ist das denn?“, sagte Jakob entsetzt.

„Harzer Stinkekäse!“, sagte Elke.

„Der Echte!“, sagte Günther. „Mit Rotschmiere und Kümmel! Wir wollten dir eine ostdeutsche Käse-Spezialität bieten, die du in Hamburg nicht kaufen kannst.“

„Danke, nein!“, sagte Jakob. „Mir reicht ein Kaffee!“

Elke schenkte ein. Jakob dankte, führte die Tasse zum Mund … und spie den Inhalt über den Tisch.

„Was ist das denn?“

„Muckefuck.“, sagte Günther.

„Wir trinken nichts anderes!“, sagte Elke.

Jakob sagte nichts, aber es war nicht allzu schwer, ihm seine Gedanken und Gefühle aus dem Gesicht abzulesen.

„Tut mir leid.“, sagte Günther. „Ich komme ja, wie du weißt, auch ein bisschen rum und weiß natürlich, dass wir hier hinter den sieben Bergen leben. Aber ich habe mir heute frei genommen, um dir die Stadt zu zeigen. Außerdem würde ich dir gerne zeigen, dass Mittelsachsen keineswegs eine ausländerfreie Zone ist, sondern dass sich auch hier Ausländer niederlassen, Firmen und Geschäfte eröffnen, Sachsen in Lohn und Brot bringen. Hast du vielleicht Lust auf 'Karpatşio-Spezialitäten'? Wir zwei könnten zu Ion gehen. Dort gibt es auch echten Kaffee!“

„Bohnenkaffee!“, sagte Elke, fächelte sich Luft hoch und strahlte. „Mhhm!“

„Und ob ich Appetit auf Carpaccio-Spezialitäten habe!“, sagte Jakob, innerlich den Kopf darüber schüttelnd, dass es in Sachsen noch nicht einmal die Professoren schafften, einfache englische Wörter korrekt auszusprechen. „Lass uns zu John gehen!“

Nach einer zehnminütigen Autofahrt durch graue, schmucklose Straßen kamen sie an einem zweistöckigen Gebäude zum Halten, von dem schon der Putz bröckelte. Unter dem alten, mittlerweile verblichenem Schriftzug `HO-Gaststätte Grüner Baum' hing eine große Tafel.

'Karpatşio-Spezialität' – Inhaber Ion Ionescu'.

Mit großen Augen betrat Jakob hinter Günther die Gaststätte.

„Bună ziua!”

Ein hünenhafter Mann mit einer Schaffell-Mütze trat auf sie zu, herzte Günther rechts und links, herzte Jakob rechts und links und zeigte in den Schankraum.

„Bun venit. Ihr euch setz. Schon băutură?”

„Ich ein schönes starkes Bier.”, sagte Günther. „Ich habe schon gefühstückt.”

„Foame?”, sagte Ion und blickte Jakob an. „Hunger?”

„Ein wenig.”, sagte Jakob und zeigte mit Daumen und Zeigefinger das international gültige Zeichen für 'klein'.

„Du kleine Muşchi?”, sagte Ion.

Wie von der Tarantel gestochen sprang Jakob hoch.

„Was bildest du dir ein?!”, zischte er. „Glaube ja nicht, wen du vor dir hast!”

„Wohoho!”, sagte Günther, stand ebenfalls auf und fasste Jakob beruhigend auf den Arm. „Ion spricht einfach sehr schlecht Deutsch. Er hat dich gefragt, ob du eine kleine Portion Bratfilet möchtest.

„Oh, Entschuldigung!”, sagte Jakob. Er setzte sich.

„Nici o problemă”, sagte Ion

„Ich wollte die Carpaccio-Spezialität.”, sagte Jakob.

Ion nickte und verschwand in der Küche.

„Puh, du solltest aufpassen, was du redest!”, sagte Günther. „Ion wird in Rumänien wegen des Mordes an drei Zigeunern gesucht. Er hat sie beim Schafdiebstahl erwischt und einfach von seinen Hunden zerfleischen lassen. Sachsen liefert ihn nur deswegen nicht aus, weil in Rumänien noch heimlich die Todesstrafe vollstreckt wird.”

Jakob traten die Augäpfel so weit aus den Höhlen, das Günther das Gefühl hatte, er könnte sie mit der Handkante abschlagen.

„Und hier schleppst du mich hin?”

„Wo ist das Problem?”, sagte Günther. „Ich meine ... es waren Zigeuner!”

Jakob versuchte, sich das kalte Grausen nicht anmerken zu lassen. Sicher, er hatte schon immer gewusst, dass Günther ein kleiner Gimpel war, aber zumindest hatte er bis jetzt auf ihn ein halbwegs gebildeten und zivilisierten Eindruck gemacht. Zumindest für einen Sachsen. Tja, man konnte in die Menschen halt nicht hineinschauen!

Zwei Minuten später flog die Tür auf, Ion kam mit einem tiefen Teller hinein und stellte ihn vor Jakob.

„Was ist das?”, fragte Jacob.

„Karpatşio-Spezialität!”, strahlte Ion. „Ciorba de burta!”

„Kutteln!”, übersetzte Günther. „Auch als 'Flecke' bekannt".

„Bun Appetit!”, sagte Ion und blickte Jakob streng an.

„Das muss ein Irrt...!” sagte Jakob angeekelt und wurde von Günther unterbrochen, der ihm unter dem Tisch sanft gegen das Schienbein trat.

„Hmm?!”, knurrte Ion und kratzte sich am Hintern. „Problemă?!”

„Nix Problema!”, sagte Jakob und führte genussvoll schlürfend den Löffel zum Mund. „Bun, bun!”

„Du musst das schaffen, sonst kommen wir in Teufels Küche!”, flüsterte Günther und nickte dezent in Ions Richtung, der sich hinter dem Tresen verzogen hatte, 1-Liter-Bierhumpen polierte und dabei mit unverhohlenem Misstrauen in Jakobs Richtung stierte.

„Bun, bun!”, sagte Jakob mit einem aufgesetztem Lächeln und reckte den Daumen in Höhe.

„Mulțumesc!”, brummte Ion, legte die linke Hand auf's Herz und führte mit der rechten Hand auffordernd einen imaginären Löffel immer und immer wieder zum Mund, während Jakob eilfertig lächelnd diese Ermunterung umsetzte.

Günther schmunzelt zufrieden. Hach, was tat man nicht alles, um liebe Gäste glücklich zu machen und seine Heimat ins rechte Licht zu rücken.

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (17)
Jochen Brühl / 21.10.2017

Schöne Story, ich habe herzhaft gelacht. Ich selbst bin Wessi und lebe gut und gerne in Dunkeldeutschland.

Wulfrad Schmid / 21.10.2017

Grandios! Dieser Text macht mir die ob ihrer doch sähr mergwürdschn Sproche bislang eher dubiosen Saggsn mit einem Schlag absolut sympathisch!

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