Thilo Sarrazin, Gastautor / 13.06.2016 / 19:00 / Foto: Coyau / 8 / Seite ausdrucken

Die CDU stürzt ab, die Sozialhilfe hebt ab

CDU und CSU streiten sich, immer noch und schon wieder. Die CSU möchte in Bayern den Aufstieg der AfD bremsen und nicht in den demoskopischen Abwind der CDU hineingezogen werden. Damit hat sie auch begrenzten Erfolg, aber nur um den Preis eines Spagats, der sie fast auseinanderreißt und mit der Zeit politisch ermüdet. Viele in den beiden Schwesterparteien sind des Streits müde, aber die Positionen von Merkel und  Seehofer zur Flüchtlingsfrage und zur künftigen Einwanderungspolitik sind eben im Kern konträr, da wird die Einigkeit nur durch immer neue Formelkompromisse hergestellt. Einen neuen Tiefpunkt erreichte der Streit kürzlich, als Merkel und Seehofer sich nicht einmal über den Tagungsort für eine  Klausur der beiden Parteiführungen einigen konnten.

Bundesweit sind die beiden Unionsparteien von stolzen 42 Prozent im Sommer 2015 auf jetzt noch 30 Prozent gefallen. Aber dieses Bild ist unvollständig. Die CSU hält sich in Bayern bei 45 Prozent und stützt so bundesweit das Ergebnis der Union. Für sich genommen erreicht die CDU in den übrigen 15 Bundesländern nur noch 27 Prozent und nähert sich so immer mehr den schmählichen 20 Prozent der SPD.

Nur kurzfristig waren sich Merkel und Seehofer vor einigen Tagen einig, als sie gleichzeitig den stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland kritisierten. Dieser hatte wenige Tage vor der Fußball-Europameisterschaft den blödsinnigen Ausspruch getan, die Leute fänden Jerome Boateng (Sohn eines Ghanaesen und einer Deutschen) zwar als Fußballspieler gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben. Merkel nannte diese Äußerung „traurig und niederträchtig“, Seehofer fand sie „erbärmlich“. Erneut begrub die sowohl berechtigte als auch wohlfeile Empörung das eigentliche Problem: Welche Einwanderung wollen wir, und was bedeutet sie für die deutsche Identität und die deutsche Zukunft?

Eine Antwort auf diese Frage gab stattdessen der Dalai Lama, der zufällig zu einem Besuch in Deutschland weilte. Angesprochen auf die Flüchtlingsfrage,  sagte er in einem Interview, mittlerweile seien es zu viele. „Deutschland kann kein arabisches Land werden. Deutschland ist Deutschland.“ Man versteht jetzt besser, weshalb Angela Merkel vor einiger Zeit den Dalai Lama nicht empfangen wollte. Es geht nicht nur um die Rücksicht auf China, er ist einfach kein kongenialer Geist.

Noch über die Worte des Dalai Lama nachdenkend, machte ich mich auf den Weg zu einer Lesung nach Düsseldorf und schritt durch mein grünes Vorstadtviertel zur S-Bahn-Station Heerstraße. Es war Mittag, und nur wenige Fahrgäste warteten auf die Bahn. Ich stand neben zwei jungen Frauen in Kopftüchern, die sich auf türkisch unterhielten. Die eine hatte einen Kinderwagen, beide zeigten durch ihre sanften Rundungen künftigen Kindersegen an.

In der S-Bahn saß ich neben zwei weiteren jungen Frauen mit Kopftüchern, diesmal sprachen sie arabisch. Beide waren schwanger, beide hatten ein Kleinkind  im Kinderwagen, die eine zusätzlich eine Tochter von etwa drei Jahren. So reiste ich in Gesellschaft von vier werdenden Müttern in Kopftüchern und vier kleinen Kindern die vier Stationen bis Berlin-Spandau, wo ich den ICE nach Düsseldorf bestieg.

Während  vor dem Zugfenster das grüne leere Brandenburg vorbei flog, sann ich  während der ersten Viertelstunde darüber nach, dass nach meinem subjektiven Eindruck ca. 80 Prozent der schwangeren Frauen oder Mütter mit Kleinkindern, denen ich in Berlin begegne, ein Kopftuch tragen. Gerne würde ich dazu die offiziellen Statistiken befragen. Aber bei der amtlichen Geburtenstatistik werden in Deutschland weder der ethnische Hintergrund noch die Religion erhoben.

Mir fiel eine aktuelle Untersuchung zu den türkischstämmigen Mitbürgern in Deutschland ein. Auch 50 Jahre nach dem großen Gastarbeiterzuzug hat die Mehrheit unter ihnen keinen beruflichen Abschluss, liegt ihr Einkommen deutlich unter und ihr Bezug von Sozialtransfers deutlich über dem Durchschnitt. Ich versuchte mir die Familienverhältnisse und Einkommensquellen der jungen Mütter vorzustellen, mit denen ich einige Stationen gereist war. Dann vertiefte ich mich in meine Reiselektüre, die Mohammed-Biografie von Hamed Abdel-Samad. Koranverse, die vor anderthalbtausend Jahren in der arabischen Wüste ersonnen wurden, bestimmen heute noch die abhängige Rolle, die niedrige Bildung und den Kinderreichtum muslimischer Frauen.

In Düsseldorf erwischte mich zu Beginn der Lesung in einer Buchhandlung ein junger Autonomer mit einem Tortenwurf, er und seine Kumpane brüllten etwas von Nazi und Rassist, ehe sie von Sicherheitskräften überwältigt und aus dem Saal geführt wurden.

Nach einer oberflächlichen Reinigung wurde ich vom Chefredakteur einer westdeutschen Regionalzeitung moderiert. Er wollte mir meine vergleichenden Zahlen zur Verteilung der Bildungsleistung in der Welt nicht glauben und unterstellte mir Rassismus. Schließlich wurde er vom Publikum ausgebuht. Ich erklärte meinen Zuhörern, sie sollten dankbar sein, so könnten sie den deutschen Medien-Mainstream mal life erleben.

Am Morgen las ich dann beim Hotelfrühstück in der Regionalzeitung dieses Chefredakteurs. Zwei Nachrichten stachen mir ins Auge:

  • Der Innenminister Jäger von Nordrhein-Westfalen hatte eine Pressekonferenz zur Prävention bei jugendlichen Intensivtätern gegeben. Zwei Drittel dieser Intensivtäter, so teilte er mit, haben einen Migrationshintergrund. Eine Prävention sei unbedingt nötig. Die finanziellen Kosten, die solch ein Intensivtäter bis zu seinem 25sten Lebensjahr verursacht, belaufen sich nach Angaben des Innenministers auf knapp 1,7 Millionen Euro, über die Kosten danach schwieg er sich aus.
  • Jedes siebte Kind in Deutschland ist abhängig von Sozialhilfe. In Berlin und  Bremen sind es sogar 31,5 Prozent, in Bayern dagegen nur 6,5 Prozent. Keine Auskunft gibt die Statistik darüber, wie hoch der Anteil der Mütter mit Kopftuch bei den von Sozialhilfe abhängigen Kindern ist.

Auch ich verzichte an dieser Stelle auf eine Antwort. Meine Befürchtung ist: Als Gesellschaft werden wir uns vor unangenehmen Fragen solange wegducken, bis es zu spät ist. Es ist ermüdend, ständig zu warnen und zu mahnen, wenn zu wenige hören wollen.

Zuerst erschienen in der Züricher Weltwoche

Leserpost (8)
Stefan Zander / 15.06.2016

Ach Herr Sarazin, nicht nur ihr Beitrag ist erhellend, das waren viele in den letzten 18 Monaten. Die besten davon hatte ich auf den sozialen Netzwerken geteilt. Entweder wurden sie nicht verstanden (“das ist mir zu hoch”) oder man traute sich nicht, dazu Stellung zu nehmen. Letztlich hat Tomas Spahn bei Tichy den Nagel auf den Kopf getroffen. Unsere Zeit ist abgelaufen, die Zeit der Barbarei ist nicht mehr zu verhindern. Derartige Veränderungen finden nicht innerhalb von 10 Jahren statt, aber in 50 Jahren wird man den Unterschied sehen. Da sind wir beide längst unter der Erde, meine Kinder allerdings noch nicht, meine noch nicht vorhandenen Enkel werden die Suppe dann letztlich löffeln, die eine unfähige Politikerkaste unter der Prämisse PC ihnen eingebrockt hat (sorry für den Schachtelsatz). Und seien Sie beruhigt: Auch ich war in jungen Jahren ein Tortenschmeisser, der politische Idealismus ist mir regelrecht aus der Unterhose getrieft. Es ist leicht ein Weltverbesserer zu sein, wenn man keine persönliche Verantwortung trägt. Es ist leicht, von Teilen zu reden, wenn man noch keine Lebensinvestitionen getätigt hat (Kinder, Haus/Wohnung, etc.). Dumm nur, dass das Erwachen dann deutlich zu spät kommt.

Bob Frei / 14.06.2016

Sehr geehrter Herr Sarrazin, bitte werden Sie nicht müde. Mahnen Sie weiter. Mit bedauern stelle ich fest, dass Sie einer der wenigen ernstzunehmenden Personen mit medialen Einfluss sind, welche sich nicht vor der unangenehmen Wahrheit wegducken. So fügt sich auch die akutell einzige alternativ wählbare Partei durch dümmliche Äußerungen Einzelner (siehe Gauland) erheblichen Schaden zu. Bis zur Wahl 2017 werden sicherlich noch einige Skandale gegenüber der AFD heraufbeschworen. Mal sehen, wie diese sich schlägt. Trotzdem verstehe ich nicht, wie unserer polit. Führung jeglicher gesunder Menschenverstand abhanden gekommen ist? Ich lese das Wahlprogramm der CDU von 2002 und wundere mich, wie eine Partei (und eine Kanzlerin) wider besseren Wissens so einen “Bullshit” anstellen kann. Und dann stellen sich diese Witzfiguren vor die Kamera und erzählen tatsächlich, dass diese Zuwanderer von heute gebraucht werden, um die Renten für morgen zu bezahlen (übrigens auch die Renten der ganzen AFD-Wähler)....langsam befürchte ich, die sind wirklich so dumm und glauben das. Neulich war ich bei Verwandten in Altenburg und danach noch in Meißen. Es hat mir sehr gefallen. Dort kann man tatsächlich gefahrlos auf gut besuchte Veranstaltungen/Volksfeste gehen, ohne beklaut/missbraucht zu werden. Man fühlt sich richtig wohl und sicher (so schlimm ist der Dialekt gar nicht). Ich habe sogar meiner Tochter (14) erlaubt, allein mit ihrer Großcousine (13) länger auf dem Fest zu bleiben. Das würde ich zu Hause (Mannheim) nicht gestatten. Auch im Freibad war es richtig schön, ohne das Gepose und die Provokationen bestimmter Jugendgruppen. Vielleicht ziehen wir mal gen Osten, wenn unsere Tochter aus der Schule ist. Mein derzeitiges Wohnumfeld verändert sich leider durch gescheiterte Zuwanderungspolitik der Vergangenheit zunehmend negativ. Wenn sich dann das Scheitern der aktuellen Zuwanderungspolitik noch offenbart, wird es ganz schlimm.

Mike Scholz / 14.06.2016

Bei allem Respekt Herr Sarazin,  es hat mir mehr den Anschein,  das die Debatte über die realen Probleme von größeren Teilen der Bevölkerung zwar geführt werden möchte, aber von Medien und Politik abgewürgt wird. Entweder aus nackter Angst, das deren Phrasen und Fehler öffentlich werden,  oder weil deren Zielsetzung gerade im zerstören der gesellschaftlichen Strukturen liegt, um das neue Utopia zu erschaffen. Letztes will mir mehr einleuchten,  da andere Maßnahmen in diesem Zusammenhang (welche sonst kaum erklärlich scheinen ) plötzlich einen Sinn ergeben. Das den Herrschaften die Sache aus dem Ruder läuft,  scheinen diese nur noch als Bestätigung ihrer Handlungen zu deuten. Besonders die Jugend in Deutschland und Europa wird es hart treffen,  wenn sie feststellt, das die “bunte Zukunft” mit ihrer Entrechtung im eigenen Haus einhergeht und die Visionen ihrer links grünen Lehrer sich als Wunschdenken herausstellen. Sie werden die Folgen ihrer widerspruchslosen Indoktrination bis zur Neige auskosten dürfen.  Im Moment werden Fakten geschaffen,  die eine spätere Korrektur kaum mehr möglich machen. Auch wenn Sie es ermüdend finden,  ihr Sachverstand und ihre klare Analytik ist dringend erforderlich. PS: Ihre SPD sucht doch verzweifelt einen Bundespräsidenden, wäre das nichts für einen gestandenen Sozialdemokraten wie Sie?  Beste Grüße.

Matthias Bernhard / 14.06.2016

Habe ähnliche Eindrücke und noch schlimmere persönliche Erfahrungen gemacht - . Nur die Einordnung von Gaulands vorgeblicher Äußerung irritiert. Hier ist Sorge um die FAZ angebracht.

Bärbel Schneider / 14.06.2016

Die Folgen der ungesteuerten Massenimmigration und des falschen Umgangs mit bestimmten Minderheiten, welche die Merkel-Regierung zu verantworten hat, lassen sich – anders als der verfehlte Umgang mit der Euro-Rettung - nicht aussitzen, weil immer mehr Menschen in ihrem persönlichen Umfeld davon direkt betroffen sind. Insofern wächst auch die Zahl der Menschen, die Ihre Warnungen hören, immer schneller an. Das zeigen schon die Verkaufszahlen Ihrer Bücher und die Resonanz auf Ihre öffentlichen Auftritte. Ich habe sehr großen Respekt vor Ihnen und all denen, die nicht müde werden, vor gesellschaftlichen Fehlentwicklungen warnen. Nur die Tapfersten sind in der Lage, die Verfolgung durch die Mainstream-Vertreter und ihrer Antifa-Vollstrecker auszuhalten. Die Bedeutung, die Sie und Ihresgleichen für Menschen wie mich haben, ist gar nicht zu überschätzen. Sie zeigen mir, dass mein Unbehagen mit der gegenwärtigen Situation nicht aus krankhaften „diffusen Ängsten“ herrührt, sondern auf nachweisbaren Fakten beruht und durchaus gerechtfertigt ist. Die inakzeptable Aggressivität, mit der gegen Sie und andere vorgegangen wird, rührt meines Erachtens daher, dass die Inhaber der linksgrünen Noch-Meinungshoheit sehr wohl wissen, dass ihre Zeit abgelaufen ist und das Pendel wieder zurückschwingt. Es ist nicht zu spät, so lange unser Land noch die Macht über seine Armee und Polizei hat. Aber selbst wenn die Lage hoffnungslos wäre, sollte man weiterkämpfen. Zwei Sprüche sind es, die mir immer wieder Mut geben: Hölderlins „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ und ein Satz unbekannter Herkunft „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“.

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