Wolfgang Röhl / 06.09.2016 / 06:25 / Foto: Friedrich Böhringer / 7 / Seite ausdrucken

„Critical Mass“: Verkehrsinfarkt als Massenspaß

Jeden Freitagnachmittag ist Schicht auf Hamburgs Straßen. Hundertausende Arbeitnehmer strömen ins Wochenende, viele von ihnen nach außerhalb. Darunter 320.000 sogenannte Einpendler (arbeiten in der Stadt, wohnen im Umland) und 100.000 Auspendler (andersherum). Ferner sind da Zehntausende Handwerker/Lieferanten/Monteure aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, ohne die der Wirtschaftsmotor der Boomstadt nicht derart brummen würde. Auch sie wollen am Freitagnachmittag nur eines: so schnell wie möglich heim zu ihren Familien.

Doch so einfach läuft das nicht. Nicht an jedem letzten Freitag im Monat. Dann schlägt die Verkehrsguerilla zu. Radler, die clever ausgeheckt haben, wie man durch massenhaftes Blockieren bestimmter Knotenpunkte den Berufsverkehr weiträumig zusammenbrechen lassen kann. Die Aktion nennt sich „Critical Mass“ und beruft sich auf Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung, wonach mehr als 15 Radler eine Straße „als Verband“ nutzen dürfen. Die Polizei bestreitet das, weil in diesem Fall immer nur jeweils zwei Radler nebeneinander fahren dürften. Bei der „Critical Mass“ okkupieren Radler jedoch die gesamte Fahrbahnbreite, damit Autofahrer keine Chance haben, den Staukolonnen zu entkommen. Obwohl „Critical Mass“ offenbar rechtswidrig ist, werden die Blockierer von der Polizei geduldet, sogar von Motorradpolizisten eskortiert. So will es die Politik, heißt hier: die rot-grüne Koalition des Stadtstaates.

Die Teilnehmer des Flashmobs - im Sommer mehrere tausend, im Winter manchmal nur einige hundert - bestehen auch aus den üblichen Verdächtigen, aber beileibe nicht nur aus ihnen. Klar, da sind die Mitglieder der von den Grünen gehätschelten Radlerlobby („Wir blockieren nicht den Verkehr – wir sind der Verkehr“). Ökosinnige Schüler, Studis und Lehrkräfte sind ebenso dabei wie die in Hamburg zahlreichen, meist auf irgendeine Weise per Staatsknete alimentierten Umweltapostel, Atomkraftgegner, Wind- und Solarkraftenthusiasten, Fracking-Feinde, Klima-Apokalyptiker.

Fahrradläden-Kollektive und andere sektenähnliche Sozietäten

Mit von der Blockadeparty sind auch Hardcore-Pedaltreter wie die Liegeradler, tendenziell suizidale Zeitgenossen. Manche Teilnehmer werden durch die Massensause dermaßen euphorisiert, dass sie ineinander brettern und dabei schon mal, wie es in einem Hamburger Volkslied heißt, mit dem Dassel gegen den Kantstein rasseln. Worauf sie schwerverletzt im Hospital landen, so zuletzt passiert vor einem Monat.

Dann sind da die zu Verkehrsrowdytum, pöbelhaftem Gebölk und physischer Gewalttätigkeit neigenden Radkuriere sowie Angehörige von Fahrradläden-Kollektiven und anderen sektenähnlichen Sozietäten, in denen alles ums Radfahren kreist. Welches ihnen als Erlösung nicht nur von der Geißel des motorisierten Verkehrs gilt, sondern vom Fluch des kapitalistischen Seins und Wirtschaftens überhaupt.

Wieder andere „Critical Mass“-Guerilleros gehören zur Fraktion der CO2-Vermeidungsfanatiker, die sich moralisch porentief rein vorkommen und davon das Recht ableiten, jeden Betreiber eines Verbrennungsmotors zu terrorisieren. Was diesen Typus umtreibt, habe ich unter dem Titel „Die Radlerpest“ vor zwei Jahrzehnten im „Stern“ aufgeschrieben (hier der gescannte Text).

Freilich, ein guter Teil des Mobs besteht aus gänzlich unpolitischen Gestalten. Sie genießen es schlichten Gemüts, in der Masse mit zu schwimmen, dabei schicke Räder, scheußliche Radlerklamotten und – manchmal - durchtrainierte Körper auszustellen. Sie haben gewöhnlich viel Freizeit und sind immer auf der Suche nach einem Thrill. Vielen genügt es schon, in den öffentlichen Verkehr einzugreifen, ohne Strafe fürchten zu müssen. Dieser Menschenschlag firmiert im Polizeijargon unter „erlebnisorientiert“.

Wir sind aus unserem Kuhdorf, wo nie was los ist, mit dem Auto gen HH gebrettert

Auf der Facebook-Seite von „Critical Mass“ Hamburg begeisterte sich ein beispielhaftes Mitglied dieser Spezies namens Sven-Olaf N. wie folgt: „Hallo, war super, das erste Mal mit Töchterchen. Da wir von auswärts sind und das Auto am Startpunkt abgestellt hatten, waren es nachher 44 km bis wir wieder am Auto waren. Aber die Kleine hat sich tapfer gehalten. Wir kommen wieder.“

Lies: Wir sind aus unserem Kuhdorf, wo nie was los ist, mit dem Auto gen HH gebrettert. Dort die Räder von Wagendach geholt, aufgesessen und Malocher genervt. Dann mit der Stinkekarre wieder heim in unser Kaff und vor den Fernseher. In der Hoffnung, uns bei einem - selbstredend sympathisierenden - NDR-Fernsehbericht über die „Critical Mass“ betrachten zu dürfen. So macht Umweltschutz Spaß!

„Critical Mass“ wurde in San Francisco erfunden, wo auch sonst. Die mit der Mob-Aktion ebenfalls sympathisierende deutsche Wikipedia schreibt dazu: „Critical Mass ist eine weltweite Bewegung in Form der direkten Aktion, bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Fahrten durch Innenstädte (...) auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen. (...) Darüber hinaus geht es der CM-Bewegung laut ‚Die Zeit’ auch um ‚...die Frage, ob öffentlicher Raum nicht dem Verkehr entzogen und ganz anders genutzt werden sollte.’“

Was treibt die Radler auf die Straße? Ist Hamburg ein radlerfeindliches Pflaster, wo Drahteselreiter drangsaliert und ausgegrenzt werden? Mitnichten. Hamburg hat das vergleichsweise längste Radwegenetz der Republik, sage und schreibe 560 Kilometer lang. Selbst der Radfahrerverein ADFC lobt: „Das Radverkehrsnetz der Stadt verbindet alle Wohngebiete und wichtigen Zielorte ohne Umwege. Die Strecken sind angenehm, sicher und zügig zu befahren.“

Aversion des Grünmenschen gegen das Kraftfahrzeug per se

Die Hansestadt pumpt jedes Jahr Millionen in Erhalt und Neubau von Radwegen. Vielerorts wird den Autofahrern Straßenraum weggenommen, werden darauf Radwege eingerichtet. Das Fahrradleihsystem „Stadrad“ ist mittlerweile auf mehr als 170 Stationen angeschwollen und verschlingt viel öffentliches Geld. Es stimmt zwar, dass der eine oder andere Radweg in keinem guten Zustand ist. Aber das gilt genauso für viele Autostraßen der Hansestadt.

Der wahre Treiber für „Critical Mass“ ist die grundsätzliche Aversion des Grünmenschen gegen das Kraftfahrzeug per se. Träume von der „autofreien Stadt“, in der Menschen sich allein per Beinkraft oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen, die Steuerquellen dennoch sprudeln wie isländische Geysire, sind so alt wie der Ökofimmel eines wohlhabenden Teils der Hamburger. Die Grünen holten bei den letzten Wahlen 14,7 Prozent und bekleiden in Gestalt eines ulkigen Milchmädchens den gutdotierten Posten des zweiten Bürgermeisters.

Folgerichtig laufen alle Rechnungen dieser Szene seit langem darauf hinaus, möglichst viele neue Tempo 30-Zonen zu schaffen, um das Autofahren zu Qual zu machen. ADFC und Grüne fordern gar Tempo 30 für den gesamten Stadtstaat, der immerhin 755 Quadratkilometer umfaßt. Das wäre ein hübscher Schritt auf dem Weg zur ersehnten De-Industrialisierung der Hansestadt und zu ihrer Transformation in eine Großbaustelle für grüne Wolkenkuckucksheimprojekte.

Nun wäre es ziemlich sinnlos, Rad-Romantikern die tatsächliche, nämlich marginale Bedeutung des Pedalrittertums in einer globalisierten Wirtschaft verklickern zu wollen. Dass Radeln selbst in einer weitgehend platten Stadt wie Hamburg nicht viel mehr als eine saisonale Fortbewegungsform für fünf bis zehn Prozent zumeist jüngere, sportliche Leute ist, kann man recht gut an einem Fahrradzähler ablesen, der an der Hamburger Außenalster in Höhe der Gurlittinsel steht und die Steuerzahler 31.384 Euro gekostet hat.

Ein Fahrradzähler für 31.384 Euro

An warmen Sommertagen verzeichnet sein Display manchmal 10.000 und mehr passierende Radler. Herrscht aber, wie das halbe Jahr lang, jenes bundesweit bekannte Hamburger Schietwetter, so fällt die gemessene Radlertageszahl abrupt auf 2000 und weniger zurück. Nicht zu reden von Tagen mit Glatteis, Schneematsch usw. Wobei man noch anmerken muss, dass der Zähler möglicherweise von Anbeginn defekt war, jedenfalls nach Berichten von aufmerksamen Radlern sowieso viel zu viel Radverkehr anzeigt.

Die Vorstellung, ausgerechnet die Radelei stelle „den Verkehr“ in der Elbmetropole dar oder könne das irgendwann mal leisten, ist so herrlich einfältig, dass man besser nicht dran rührt. Ihre Träger sind vermutlich Menschen, denen die kleinprinzliche Kalenderweisheit „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ noch immer Tränen in die Augen zu treiben vermag. In diese rosarote Kinderwelt sollte man keinesfalls graue Fakten streuen.

Was die „Critical Mass“ betrifft, so handelt es sich um einen Begriff aus der Kernphysik, welcher auch in die Spieltheorie eingegangen ist. Danach muss nicht die gesamte Gruppe von einer Strategie überzeugt werden. Es genügt, wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen hinter ihr steht, damit sich die Strategie „selbsttragend“ durchsetzt. Frei übersetzt: sogar eine kleine Minderheit, sagen wir zehn Prozent oder so, kann eine kritische Masse bilden und eine Gesellschaft tiefgreifend verändern. Wenn auch nicht zwingend zu deren Vorteil.

Theorie ist das keineswegs. Auch nicht bloß ein Spiel. Sondern kampferprobte Realität. Der Bogen reicht über 50 Jahre. Von „Mehr Demokratie wagen“ über „Bunte Republik Deutschland“ bis hin zu „Wir schaffen das!“.

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Leserpost (7)
Wolfgang Richter / 08.09.2016

Da nicht nur die eine Seite sdie Möglichkeit hat, sich per Internet zu organisieren, könnte dies die andere auch tun, z. B. für den auf Fahrradblockade folgenden Wochenanfang den Weg in die Stadt nach Krankmeldung vermeiden. Vielleicht bringt das die in der Stadt die Fäden spinnenden dann zu der Erkenntnis, an den bestehenden Zuständen doch etwas zu ändern, wenn für diese wirtschaftlich negative Folgen spürbar werden. Es gab eine Zeit, da war es üblich, die Invasion aus dem Nachbardorf zum Schützenfest, verbunden mit den entsprechenden Provokationen und Störungen im Festablauf, kurz und knapp, aber nachhaltig mittels handfestem Auftritt zu beenden.

Kai Kotzian / 08.09.2016

Ach gut, ach ja! Hallo Herr Röhl. Was soll ich jetzt sagen als Person mit Abitur und FH-Hochschuldiplom, unterwegs in der Bio und ÖKo-Szene. Engagiert bei Transition Town, BUND und VCD. Was ist radfahren? Eine von vielen Fortbewegungsmittel, eine die taugt die CO2 Bilanz marginal zu beeinflussen. Aber radfahren tut mir gut, bringt mich vom Schreibtisch weg, bringt meinen Körper in Wallung. Endlich merkt er mal dass er sich noch bewegen kann und nicht nur mein Skelett im Bürostuhl halten muss. Was kritisieren Sie denn jetzt eigentlich? Das zig Milliarden für den Ausbau des Radverkehrswegenetzes ausgegeben werden? Oder dass auch der neue Bundesverkehrswegeplan, trotz Vorschlägen von ADFC, BUND und VCD, nur ein Auto und Autobahnplan ist und weder Fussverkehr noch Radverkehr plant? Wenn es §27 der StVO nicht gebe würde, wollen Sie dann ernsthaft kritisieren, dass sich Radfahren treffen und damit auf eine Situation hinweisen möchten, die sicher nicht das Fahrradparadies ist? Wollen Sie dass die Polizei einschreitet und den Radfahren Knöllchen verteilt wegen ungebührlichen Benehmens im Straßenverkehr, eventuell sie sogar kurzzeitg festnimmt um sie an der Teilnahme eines spontanen Fahradausfluges teilzunehmen. Ich könnte jetzt polemisch fragen, was ist mit den 1000 Lieferfahrzeugen von 4 Paketdiensten, die immer in zweiter Reihe halten und den Verkehrsfluß behindern? Aber das führt zu nix. Auch ich fliege diesen Freitag abend nach Berlin und fahre Sonntag abend mit dem Fernbuss zurück. Bin ich jetzt schizophren oder ein verlogener ÖKo-Aktivist? Ich weis es nicht. Können Sie mir es sagen? Und dann noch das: “Der wahre Treiber ... ist die grundsätzliche Aversion des Grünmenschen gegen das Kraftfahrzeug per se.” - Grundsätzliche Aversion; Ja! Grundsätzlich bin ich dagegen, dass Automobile gefördert werden, da sie a umweltschädlich und b eine Gefahr für Kinder, Fußgänger und Radfahrer darstellen. Grundsätzlich bin ich auch dagegen, dass die Bundesregierung akzeptiert, dass Abgaswerte bei Autos berechnet und unter manipulierten Bedingungen auf Meßstation getestet werden. Grünmenschen sind per se gegen Kraftfahrzeuge; Ja! Weil Grünmenschen erkannt haben, dass es so nicht weiter gehen kann! Optimierung von Busslinien auf denen dann Nachts nur noch alle 35 Minuten ein Bus fährt. Jährlich Anpassung der Busticketpreise, da die Kosten gestiegen sind. Glück für die Autofahrer dass der Benzinpreis gerade ziemlich unten ist. Ehrlich gesagt ich könnte jetzt noch mehr Gründe aufführen warum ich grundsätzlich gegen die Förderung und Previligierung einer Klasse von Fahrzeugen bin, aber das bringt nichts. Ein Rätsel geben Sie mir aber noch auf. Sie sagen, es fahren eh nur junge Menschen und sportliche Typen und die anderen wenigen nur bei gutem Wetter. Echt jetzt? Das soll ein Argument für ihre Position sein. Das ist doch eher ein Argument für die Gegenseite die mehr Radwege und bessere Infrastruktur fordert. Das war wohl ein Eigentor.

Andreas Hartig-Tauber / 08.09.2016

Es ist bekanntlich so, dass in einem -relativ kleinen- hochproduktiven Wirtschaftssektor das Geld erwirtschaftet wird. Wer in diesem Bereich mal gearbeitet hat, weiß, dass man genau an diesen Stellen nicht nur auf Zack sein, sondern sich harten Fakten und Gegebenheiten stellen und folgen muss. Weltverbesserische, sprich realitätsverneinende Attitüden führen da sehr schnell ins Abseits. Ohne Diskussionen übrigens! Bekanntlich wird weit über 50 Prozent der Bevölkerung daraus alimentiert. So auch die fahrradfahrende Lehrerschaft und die linksalternativen Berufsdenker mit der Besoldung A12/C2/W1 aufwärts, die im pädagogisch-akademischen Freizeitpark so ihre eigenen Gedanken machen können, fernab jeder Realität. 50 Jahre spannt der Bogen dieser unseligen Entwicklung, schreiben Sie. Richtig. Noch etwas älter ist der Ausspruch Adenauers:  Alles, was die Sozialisten vom Geld verstehen, ist die Tatsache, dass sie es von anderen haben wollen. Es ist Helmut Kohls Versäumnis, dass in den 80ern und vor allem 90er Jahren keine ideologisch-gestalterische Politik betrieben wurde, die zumindest den   degenerativen Auswüchsen des “Marsches durch die Institutionen” hätte entgegenwirken müssen. So wurde aus dem linken Gesinnungs-Antifaschismus mehr oder weniger Staatsräson, die nachwachsenden Generationen (so ab Jahrgang 1980) -neben anderen degenerativen Wohlstandsfaktoren- zu realitätsfernen Refugee-Welcome-Klatschern umerzogen. Die Veggy-Day- oder diese von Ihnen beschriebene Critical-Mass-Bicycle-Day-Scheisse (mit Verlaub) ist da nur ein Symptom von vielen.  Ärgerlich, aber nicht wirklich gefährlich… Gefährlich ist da die Flüchtlingskrise mit dem (Millionen-)Heer an Analphabeten (bis zu 80 %) mit fraglicher Integrationsfähigkeit und -willigkeit. 30% übrigens sollen gar nicht erwerbsfähig sein. Auch dies geht maßgeblich auf das Konto dieser Klientel. Gut möglich, dass uns diese Refugee-Geschichte als erstes um die Ohren fliegen wird, noch vor einem Börsen-, Wirtschafts- und/oder Eurocrash über den in Fachkreisen ja auch kräftig geunkt wird.

Ulrich Berg / 07.09.2016

Die verdrehte Welt eines hasserfüllten Autofahrers Ein ernüchternd rückwärts gewandter Artikel, der mit großer Abneigung den Bogen vom Unverständnis über die Critical Mass hin zum blanken Hass auf Radfahrer schlägt. Herr Röhl, Sie sollten sich vielleicht erst einmal selbst in Hamburg auf den Sattel schwingen, bevor sie die Hamburger Radinfrastruktur in den Himmel loben und dies auch noch mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten des ADFC zu untermauern. “Das Radverkehrsnetz der Stadt verbindet alle Wohngebiete und wichtigen Zielorte ohne Umwege. Die Strecken sind angenehm, sicher und zügig zu befahren.” steht nämlich im Verkehrspolitischen Leitbild des ADFC Hamburg unter der Überschrift “Vorfahrt fürs Rad – 
Unsere Vision einer modernen Mobilität” und bezieht sich mitnichten auf die aktuelle Situation in Hamburg sondern beschreibt das Ziel, das der ADFC verfolgt. Die Quantität von statistisch 560 km Radwegen sagt leider auch überhaupt nichts über deren Qualität aus. Die ist nämlich in weiten Teilen unterirdisch. Zu schmal, von Frost- und Wurzelaufbrüchen übersät, zugewuchert, zugeparkt, eingequetscht zwischen fahrenden oder geparkten Autos und Fußgängern. Und selbst wenn die Stadt Millionen für Radwege ausgibt, fließt doch ein vielfaches in Erhaltung und Erweiterung von (Auto-)Straßen. Ich stimme zu, dass man über die Critical Mass geteilter Meinung sein kann. Wenn man den Hamburger Verkehr kennt, muss man aber auch anerkennen, dass es überhaupt keiner CM bedarf um den Verkehr zusammen brechen zu lassen. Im Grunde bricht er wochentäglich zwei mal zusammen. Ganz ohne “Verkehrsguerilla”. Absolut erschütternd, wenn zwölf mal im Jahr durch “die Mitglieder der von den Grünen gehätschelten Radlerlobby… Ökosinnige Schüler, Studis und Lehrkräfte ... per Staatsknete alimentierten Umweltapostel, Atomkraftgegner, Wind- und Solarkraftenthusiasten, Fracking-Feinde, Klima-Apokalyptiker” der Verkehr noch ein kleines bisschen zäher fließt. Sie haben keine Voruteile, Herr Röhl, nicht wahr? Eine Metropole, die nicht im Verkehrskollaps ersticken will, braucht moderne Mobilität. Die Städte wachsen und mit ihnen wächst das Mobilitätsbedürfnis. Mehr motorisierter Individualverkehr kann für dieses Bedürfnis kaum die Lösung sein. Die Fahrbahnen sind doch jetzt schon überfüllt mit Autos, in denen meist nur eine Person sitzt. Breitere Straßen kann man nicht bauen. Der vorhandene Platz ist ausgereizt. Das bekommen zumindest die Radfahrer immer zu hören, wenn sie etwas mehr Platz für sich fordern. Versuchen Sie doch mal ein kleines Gedankenexperiment. Stellen sie sich vor, jeder Radfahrer, den Sie sehen säße in einem Auto vor Ihnen im Stau. Moderne Mobilität kann nicht bedeuten, dass lediglich der Verbrennungsmotor durch Elektroantriebe ersetzt wird. Das löst - wenn überhaupt - lediglich ein Problem, das der MIV in Städten verursacht. Die Luftverschmutzung. Moderne Mobilität ist nur mit ÖPNV, Fahrrad und ja, auch dem Auto möglich. Dafür ist es aber auch notwendig, die Jahrzehntelange Bevorzugung eines einzelnen Verkehrsträgers zu beenden und zu korrigieren. Das Auto ist als Hauptverkehrsträger eine Sackgasse. Es wird vielleicht Ihr Weltbild erschüttern aber ich gehöre zu keiner der von Ihnen meist abfällig bezeichneten Personengruppen, die Sie für Radfahrer halten. Ich bin ein ganz normaler Bürger. Ich arbeite recht erfolgreich selbstständig und bezahle einen ganzen Haufen Steuern. In meiner Tiefgarage steht unvernünftigerweise ein übermotorisiertes Auto. Da steht es aber tatsächlich fast immer. Weil es einfach meist viel schlauer, günstiger und oft auch schneller ist, mit dem Rad zu fahren oder den ÖPNV zu benutzen. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass ich mit Rücksicht auf meine Mitmenschen nicht falsch parke. Mich kostet parken also meist Geld und Fußwege. Die zentrale Frage ist doch, für wen die Stadt “da” sein soll. Für den Autoverkehr? Für die Wirtschaft? NEIN! Für die Menschen, die in ihr leben und arbeiten. Natürlich braucht es dafür eine funktionierende Wirtschaft. Und natürlich braucht es dafür auf absehbare Zeit auch den MIV. Aber nichts davon ist Selbstzweck, nur dazu da, den Menschen zu dienen. Es dient den Menschen aber nicht, wenn die Stadt in verpesteter Luft, Schmutz, Lärm und Blech erstickt. Hamburg hat mit der City Nord die Vision einer autogerechten Stadt auf die Spitze getrieben. Sieht so für Sie eine lebenswerte Stadt aus? Die Ihrer Meinung nach “marginale Bedeutung des Pedalrittertums in einer globalisierten Wirtschaft” ist viel größer als es Ihnen möglich erscheint. Natürlich darf ich es nicht wagen, Kopenhagen oder Amsterdam anzusprechen. Also sage ich lieber New York City, London und Paris. Auch dort wird der MIV zurück gedrängt und der Radverkehr gefördert. Aus gutem Grund.

Ralf Lehmann / 07.09.2016

Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Endlich sagt’s mal jemand: Diese Liegeradler sind der Untergang des Abendlandes!!!11elf

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