Gastautor / 29.07.2008 / 10:49 / 0 / Seite ausdrucken

Rüdiger Lentz: „Tu allen gut und niemand weh!“

Kein Zweifel Obamas Rede vor der Siegessäule in Berlin war nicht nur eine glänzende rhetorische Leistung, sondern auch ein politisches Großereignis besonderer Qualität.  Die Bilder von über 200.000 begeisterter Teilnehmer,vor allem Jugendlicher, sind ein eindrucksvolles Zeugnis für seine politische Attraktivität.  Obama verkörpert eine neue Qualität von Politik und Botschaft, mit der auch seine politischen Gegner in den USA rechnen müssen.  Aber wird seine Rede die globale Wirkung entfalten, die er mit seiner „Botschaft an die Welt“ suggeriert hat?  Und hat sie die Auswirkungen auf den amerikanischen Wahlkampf, die seine Redenschreiber und er selbst sich davon erhofft haben?

Ich glaube beides ist nicht der Fall.

Was die globale Botschaft betrifft so enthielt seine Rede nur Elemente, denen jeder „gut meinende Weltbürger“ nur zustimmen kann: die Notwendigkeit, den Hunger zu bekämpfen, der Kampf für die Nichtweiterverbreitung von Atom- waffen, der Aufruf, Brücken zwischen Nationen und Religionen zu bauen, die Verbesserung der transatlantischen Beziehungen und den Stolz auf das, was man schon gemeinsam als Alliierte geleistet hat etc., etc., etc.  Der Inhalt war mehr idealistische Wunschvorstellung als Substanz, mehr „Disney“ (David Brooks, New York Times) als „Realpolitik“.

Der von ihm im Wahlkampf immer wieder beschworene „Wandel“ in der Politik blieb eher nebulös und vage.  Selbst da, wo man klare Worte erwartet hätte, blieben sie aus.  Statt der Aufforderung an die Deutschen, mehr Truppen auch für den Süden Afghanistans bereitzustellen, die allgemeine diplomatische Formu- lierung: „Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und ihre Truppen“, statt einem Aktionsplan für den Irak, die allgemeine Aufforderung „die Millionen von Irakis bei ihrem Wiederaufbau- doch bitte -zu unterstützen!“

Der Inhalt dieser Rede ,in weiten Teilen getreu dem deutschen Motto: „Tu allen gut und niemand weh!“ hätte auch von Präsident Busch stammen können.  Der Unterschied: Niemand hätte zugehört!  Kein Zweifel, diese Rede war rhetorisch hervorragend und brillant vorgetragen.  Aber warum all die Aufregung?

Der entscheidende Grund für das Phänomen und die Ausstrahlung von Barack Obama liegt in der fast schon mesmerisierenden Wirkung auf seine Zuhörer.  Und an seiner Fähigkeit, vor allem jüngere Leute davon zu überzeugen, an ihn, seine Person und seine Botschaft zu glauben.  Dies unterscheidet ihn vom herkömmlichen Politkertypus, in der amerikanischen Geschichte vielleicht nur vergleichbar mit Bobby Kennedy, dessen Auftritte und Botschaften zu seiner Zeit ähnliche Begeisterungsstürme auslösten.

Das ist die neue Qualität von Barack Obama, und das macht ihn als Präsidentschaftskandidat so wenig vergleichbar mit seinen Vorgängern.  Er wirkt glaub- würdiger und gleichzeitig sehr viel sympathischer als jeder andere Politiker.  Und deshalb zählt der Inhalt seiner politischen Botschaft weniger als der Effekt seiner Auftritte.

Aber reicht das, um als 44. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt zu werden?  In Europa – so viel ist seit seinen Auftritten in Berlin, London und Paris sicher – würde er mit einer überwältigenden Mehrheit ins Amt gewählt werden.  Aber hier, in den Vereinigten Staaten, ist die Realität eine andere.  Selbst nach seiner erfolgreichen, außenpolitischen Tour durch Afghanistan, den Nahen Osten und Europa liegt er in den verschiedenen nationalen Umfragen entweder fast gleichauf oder nur knapp vor seinem republikanischen Kontrahenten McCain.  Und in einigen für die Präsidentschaftswahlen entscheidenden so genannten „swing states“ hat McCain sogar den Abstand verringert.  Fast scheint es so, als ob selbst die Bilder vom Strahlemann Obama- händeschüttelnd mit König Abdullah, im Gespräch mit Israels Präsident Simon Perez, beim Mittagessen mit Präsident Karzai in Afghanistan und in brüderlicher Umarmung mit Frankreichs Präsident Sarkozy- den amerikanischen „John Doe“, vergleichbar dem deutschen Otto Normalverbraucher, seltsam unberührt lassen.  Sicherlich, auch die Amerikaner sehen es gerne, wenn einem politischen Repräsentanten ihres Landes in anderen Ländern Sympathie entgegen gebracht wird.  Aber so viel Rummel um einen Präsidentschaftskandidaten?  Selbst Hillary Clintons Vorwürfe aus dem Vorwahlkampf, Obama sei zu abgehoben, zu elitär und hätte die Bodenhaftung zu Normalbürgern verloren, erhalten durch Obamas sorgfältig orchestrierte und in Szene gesetzte TV-Auftritte eher erneute Nahrung. 

Und McCain?  Von ihm sah man zur gleichen Zeit Bilder beim Einkaufen mit einer mehrköpfigen Familie im Supermarkt, um auf die wachsenden Lebensmittelpreise hinzuweisen, Bürgerdiskussionen unter offenem Himmel und Familienbesuche.  McCains„underdog“ Image wird inzwischen von seiner Kampagne ganz bewusst ausgeschlachtet: Hier der aufrechte Kämpfer für die Interessen des kleinen Mannes, der Vietnam Veteran mit Blessuren, dort der strahlende Darling der Weltpresse mit sorgfältig orchestrierten Massenveranstaltungen á la Siegessäule.

Eines ist ganz sicher: Diese Wahl ist noch längst nicht entschieden.  Auch wenn manche europäische und deutsche Kommentatoren in Obama schon den 44. Präsidenten der USA begrüßt haben.  Auch „underdogs“ können gewinnen, dafür gibt es historische Beispiele genug.  Das berühmteste sind die Wahlen von 1948, als Dewey klar vorne lag und von Zeitungen schon zum Sieger erklärt wurde.  Gewonnen hat die Präsidentschaft Harry Truman, der „underdog“.

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