Gunnar Heinsohn / 18.11.2012 / 04:32 / 0 / Seite ausdrucken

Muße ohne Ende – für das Tunnelgraben, für das Bauen und für das Zünden der Raketen

Wenn sich Deutschland von 1950 bis 2012 vermehrt hätte wie Gaza (200.000 auf 1,6 Millionen), hätte es nicht 82, sondern 550 Millionen Einwohner (1950: 68 Millionen). Darunter wären 80 Millionen junge Männer im besten Kampfalter von 19 bis 29 Jahren. Würden die zehnmal mehr Pazifismus in die Welt tragen als die rund acht Millionen, die man wirklich hat? Oder würde Berlin die Linie Palästinas fahren? Das sieht sich gern als schuldloses Opfer deutscher Politik, obwohl sein Führer, Mufti al-Husseini, ab 1941 direkt aus Hitlers Berlin an der Vernichtung der europäischen Juden mitgewirkt hat.

Die progressive deutsche Jugend, so bekäme die Welt zu hören,  dürfe doch nicht für die – unstrittig furchtbaren – Verbrechen der Nazis bestraft werden. Weit über den rechtsextremen Rand hinaus klängen die Choräle „Breslau, Danzig und Stettin sind deutsche Städte wie Berlin“.  Nicht nur 12.000 Raketen wie aus dem kleinen Gaza gegen Israel, sondern viele Millionen Projektile würden nach Straßburg und Eger oder nach Bozen und Marburg an der Drau gefeuert. Ganz Westpolen läge unter Beschuss und dazu die Ostseeküste hoch bis nach Königsberg und Memel. Da die Nachbarn sich handfest wehren würden, müssten sie nicht endende Berliner UNO-Demarchen über ihre „Kriegsverbrechen“ und „Menschenrechtsverletzungen“ hinnehmen. Vor allem aber würden sie mit Grauen auf die stetig wachsenden Mega-Armeen deutscher Jünglinge schauen.

Eine fortschrittliche Partei gäbe es auch. Sie würde die Verbrechen der Nazis verurteilen und zur Belohnung die Sozialistische Internationale als Mitglied zieren.  Niemals wieder wolle man bis zum Ural siedeln und dafür die Slawen austilgen oder ins sibirische Eis treiben - obwohl man die Leute dafür eigentlich hätte. Das seien unverzeihliche genozidale Aktionen gewesen, von denen man sich vor jedem denkbaren Gremium vollen Herzens distanziere.

Man wisse, dass die Vernichtungsmelodien aus Gaza jetzt auch hier gesungen würden. Aber, mit Verlaub,  der Refrain ginge immer noch auf Wotan und nicht auf Allah. Das sei einem zwar peinlich, aber am Vertreibungsunrecht leidende Landsleute seien auch sie, weshalb man sie von der linken Friedensflottille nicht ausschließen könne. Auch könne man die rassistische Germanophobie nicht billigen, die allenthalben in der Verteuflung dieser Gottheit zum Ausdruck komme. Gleichwohl wolle man lediglich die verlorenen Gebiete zurück, weil es bei einer halben Milliarde Menschen zwischen Rhein und Oder nun einmal unerträglich eng geworden sei. Da gehe es einem in der Tat ähnlich wie in Gaza. Auf ferne Siedlungsräume von Wolgadeutschen oder Donauschwaben werde man hingegen ganz verzichten, obwohl es unter deren zahllosen Nachfahren Heißsporne gebe, die einen dafür liquidieren könnten. Das Recht auf Rückkehr fordere man nur für die zehn Millionen Flüchtlinge – und natürlich für ihre 100 Millionen Nachkommen. Das könne unblutig verlaufen durch die Abreise der jetzt dort Lebenden in ihre alten Heimatgebiete, wo auf Grund des Geburtenrückgangs doch jede Menge Platz sei. 

Die Bundesrepublik ist kein Gaza, sondern lebt auch deshalb in einer nachbarlich entspannenden Vergreisung, weil nach 1945 den Deutschen niemand versprochen hat, dass sie und alle ihre Nachkommen auf unvorhersehbare Zeiten von der Weltgemeinschaft als Flüchtlinge behaust, beschult, ernährt und entlohnt würden. Doch für Gaza wird diese Garantie aus Berlin und Washington oder aus Stockholm und Den Haag regelmäßig erneuert. Das vierte Kind der ersten Frau und auch das dritte der vierten erhält eine menschwürdige Bezahlung aus deutschen und anderen Kassen. Deshalb glänzt seine Jugend unter den Arabern – außer den israelischen – mit der besten Qualifikation. Sie hat Muße ohne Ende – für das Tunnelgraben, für das Bauen und für das Zünden der Raketen. Die Clans habe eigene Abschussrampen. Und ihr westlich gefördertes Familienleben sorgt dafür, dass alle paar Jahre ein mittlerer Krieg ausgehalten und dennoch die Zahl der Rekruten wuchtig erhöht werden kann.

1993 hätten in Oslo zwei Beschlüsse durchgesetzt werden müssen: Israel baut keine Siedlungen mehr und die Palästinenser kommen für ihre Familien ebenso auf wie etwa ihre Nachbarn im Libanon. Dort hat man nicht fünf bis sechs, sondern ein bis zwei Kinder. Die nach 1993 in Gaza geborenen Jungen wären dann die einzigen Söhne ihrer Eltern gewesen und hätten eine Perspektive. Jetzt müssen sie gegen zwei oder drei Brüder konkurrieren und sie würden sich noch heftiger – Fatah gegen Hamas - gegenseitig eliminieren, wenn der Hass nicht nach außen gerichtet werden könnte.  Würde man Gaza den Weg der Selbstversorgung wenigsten ab 2013 eröffnen, könnte es dort bereits 2033 ruhiger zugehen. Beginnt man damit erst 2023, dauert es eben bis 2043.

(Eine Kurzfassung dieses Textes erschien am 17.11. in der WELT)

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gunnar Heinsohn / 16.07.2019 / 06:24 / 67

Deutschland im Afrikakrieg

„Ihr werdet zehn von uns töten, wir werden einen von euch töten, aber schließlich werdet ihr zuerst aufgeben!" 1946 vernimmt Paris diese Botschaft des Vietminh-Führers…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 05.05.2019 / 12:00 / 28

Was Europa Japan nicht nachmachen kann – aber sollte

Drei Jahrzehnte, so heißt es oft, habe Japan verloren nach dem Nikkei-Höchststand von knapp 39.000 am 29. Dezember 1989. Mit anschließender Nullzinspolitik sowie dem Ankauf von…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 12.04.2019 / 14:00 / 18

Qualitätsmedien: Gut und böse, zwei Jahre danach

Der Standard in Österreich berichtete vorgestern, am 10. April 2019: US-Justizminister will „Spionage" Obamas gegen Trump nachgehen Vorwurf: Ex-Präsident soll Kampagne zugunsten von Trump-Konkurrentin Clinton überwacht…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 21.03.2019 / 14:00 / 27

Christchurch, Verblendung und Wirklichkeit

Brenton Tarrants Attentat in Neuseeland sei, so ist seinem "Manifest" zu entnehmen, für die Versklavung von Millionen Europäern durch Muslime über Jahrhunderte hinweg. Doch was zeigt…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 14.03.2019 / 06:27 / 37

China: Mit Zweikind-Politik unschlagbar

Nationen, deren Bevölkerungsmehrheiten nur durch Siege in der Konkurrenz auf Arbeitsmärkten an Positionen gelangen, tendieren bei den Geburtenraten Richtung null. Die Befreiung von Familienlasten bringt…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 02.03.2019 / 17:00 / 11

Somalier für den Wiederaufbau nach Hause? Vergesst es!

Mindestens 800.000 Somalier leben im Ausland, über 21.000 davon in Dänemark. Rund 1.000 Illegale will Kopenhagen abschieben, notfalls mit Polizeigewalt. Sie sollen „das Land, aus dem…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 31.01.2019 / 06:29 / 18

Was bringt ein Glücksministerium?

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro verkündet am 24. Oktober 2013 den Aufbau eines Viceministerio para la Suprema Felicidad Social del Pueblo: „Ich habe es nach unserem Kommandanten [Hugo]…/ mehr

Gunnar Heinsohn / 22.01.2019 / 14:00 / 13

Sterben für Afrika?

Somalias Al-Shabaab tötet Gäste im Dusit-Hotel von Kenias Hauptstadt Nairobi. Zehn UN-Friedenswächter aus dem Tschad werden von Al Qaeda-Kriegern in Mali umgebracht, wo man den…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com