Gastautor / 07.12.2018 / 10:00 / Foto: Pixabay / 0 / Seite ausdrucken

Die Andersgrünen: Der Mythos vom edlen Wilden (4)

Von Martin Lewis.

Als ich mich in die örtliche Geschichte vertiefte, entdeckte ich, dass die Kommerzorientierung Buguias’ eigentlich nicht neu war. Schon vor dem Krieg lebten die meisten Menschen vor allem von dem, was sie anbauten. Doch die Dorfelite, jene, die die Gesellschaft gänzlich dominierten, waren schon immer durch und durch Händler gewesen. Sie betrieben finanziell anspruchsvollen Handel über große Distanzen hinweg. Sie transportierten Eisenwerkzeuge und Kupferkochgeschirr von örtlichen Werkstätten bis in die entlegenen Weiler des Nebelwaldes am Hauptkamm der Kordilleren, wo sie gegen die in den Eichenwäldern gemästeten Schweine eingetauscht wurden. Die Schweine wiederum wurden in die Goldgräberdörfer an der anderen Seite von Buguias heruntergeführt. Die Bergleute hatten eine große Nachfrage nach Schweinefleisch, zum einen, weil sie keine eigenen Lebensmittel produzierten, zum anderen, weil sie mit dem Opfer von Hochlandschweinen (Tiere aus dem Tiefland genügen nicht) ihre Ahnen ehrten, wenn sie einen bedeutenden Fund machten. Sie hatten auch schon Zugang zu Bargeld, da sie ihr Gold im Tiefland verkauften.

Die Handelsbarone von Buguias waren somit umfänglich mit Geld versorgt, das meiste davon gaben sie für die eigenen prestigeträchtigen Festmahle aus. Als in der veränderten philippinischen Wirtschaft der Nachkriegszeit kommerzielle Anbaumöglichkeiten auftauchten, waren sie eifrig mit dabei. Zu dieser Zeit entstanden neue Vermögen, vor allem bei denen, die die Bauern mit dem versorgten, was sie zum Anbau brauchten, wie Saatgut, Dünger und Pestizide. Die Dorfelite verlieh auch Geld an die gemeinen Dorfbewohner, damit auch sie den neuen Lebensstil annehmen konnten.

Dennoch blieben das Geldverdienen und die Festmahle eng miteinander verbunden. Die größte Zeremonie, der ich beiwohnte, kostete zehntausende Dollar und verköstigte über einige Tage hinweg tausende von Leuten. Sie wurde in einer nahegelegenen Markstadt von einem Paar abgehalten, das den örtlichen Coca-Cola-Vertrieb führte und einen „Rastplatz mit Disko und einen Hahnenkampfplatz“ besaß.

Schulden als Leim der Gesellschaft

Trotz ihrer beträchtlichen Ausgaben profitierte die lokale Elite vielfach von den prestigeträchtigen Festmahlen. Dasselbe Ritualsystem forderte von der Mittelschicht jedoch einen hohen Tribut. Jeder, der eine respektable Position behaupten wollte, musste gelegentlich eine Zeremonie abhalten, und diejenigen, die sie nicht bezahlen konnten, wurden in die Schuldnerschaft gezwungen. Meine eigenen Nachbarn, beide bescheiden bezahlte Schullehrer, wurden von ihrem eigenen kleinen Fest fast ruiniert.

Der Ausstieg aus dem Prestigesystem war für die meisten keine Option. Die Religionsführer, so stellte sich heraus, waren auch die wichtigsten Geldverleiher. So konnten sie die Gemeinschaft kontrollieren. Die Aussteiger verloren ihren Zugang zu Krediten, eine Entwicklung, die für sie wegen des äußerst schwankenden Gemüsemarktes potenziell ruinös war. Niedrige Preise konnten eine Ernte nahezu wertlos machen. Ohne die Fähigkeit, sich Geld zu leihen, um die Kosten für die Investitionen der nächsten Saison zu decken, konnten nur wenige den Zorn der Stammesältesten riskieren.

Die Preisschwankungen des Gemüses, genauso wie das entschiedene Bekenntnis zur Erhaltung der Traditionen, bildeten das Grundgerüst des gesamten Systems, wie sich herausstellte. Für den Gläubigen waren die Marktpreise das Reich der Vorfahren, eine gespenstische Form der unsichtbaren Hand. Daher galt es, die Ahnen zu ehren und mit regelmäßigen Festmahlen zu besänftigen.

Die heidnischen Philosophen der Gemeinde entwickelten – was kaum überrascht – eine Theorie, nach der die Schulden einen essenziellen Leim der Gesellschaft darstellen. Sie mokierten sich ständig über junge Männer, die mit dem Schleppen von vierzig Kilogramm schweren Gemüsesäcken innerhalb weniger Stunden genug Geld verdienen konnten, um den Rest des Tages in Muße zu verbringen. Der einzige Weg, aus ihnen verantwortungsvolle Erwachsene zu machen, so wurde mir immer wieder erzählt, sei der Zwang zur Heirat, bei der die Hochzeit so teuer würde, dass sie noch Jahre später ihre Schulden abzubezahlen hätten.

Praktisch alles wurde gejagt und verschlungen

Über den Machterhalt der Elite hinaus hatte das Ritualsystem Buguias verheerende Folgen für die Umwelt. Gaben die Vorfahren ein gutes Omen, gewöhnlich geweissagt durch eine Leberschau, dann wurden riskante Anbaustrategien unternommen, wie zum Beispiel Karotten an einem erdrutschgefährdeten Steilhang zu pflanzen. Wie in vielen animistischen Religionen üblich, glaubte man an Geister, die bestimmte Stellen bewachten, vor allem Quellen und Bäche. Aber wie sich herausstellte, konnten diese übernatürlichen Wesen einfach bestochen werden. Man konnte einen ganzen nebelwaldbewachsenen Gipfel einfach planieren und dabei einige von Geistern bewachte Plätze demolieren, wenn man nur ein paar Hühner opferte (und danach aß). Heilige Quellen konnten dazu benutzt werden, Rückenspritzen für Fungizide auszuwaschen, so lange man nur ein kurzes Gebet sprach (in der Regenzeit wurden Fungizide recht sorglos alle paar Tage angewendet). Die Wildtiere genossen dagegen keinerlei spirituellen „Schutz“. Praktisch alles wurde gejagt und verschlungen, vor allem von den jungen Gemüseträgern, die gerne Leckerbissen mit starkem Geschmack mochten, während sie billigen Alkohol tranken (Wasserkäfer und Kaulquappen waren besonders beliebt).

Ich war versucht, meine verstörenden Entdeckungen als Ausnahmen abzuschreiben. Nur weil diese bestimmte Form des Animismus umweltzerstörendes Verhalten ermutigte, bedeutete das nicht, dass der Animismus im Allgemeinen – und noch weniger die eigentliche Natur der Stammesgesellschaften – dafür verantwortlich gemacht werden könnten. Das Problem war, dass schon eine kleine Abweichung meine Weltsicht herausforderte. Vorher hatte ich die moderne westliche Gesellschaft als einzigartig gierig, der Umwelt gegenüber gleichgültig und ökologisch destruktiv angesehen. Das konnte ich nun nicht mehr.

Je mehr ich las, umso klarer wurde mir, dass die Praktiken und Einstellungen, die man mit anderen traditionellen Kulturen, wie der antiken chinesischen, in Verbindung bringt, ganz genauso zerstörerisch auf die Umwelt wirken können wie die europäische und deren Ableger. Genauso wie man indigene Kulturen nicht als intrinsisch naturverbunden betrachten kann, kann man auch nichts einzigartig Destruktives am Westen finden. Plötzlich erschienen mir meine abwertenden Ansichten zur Moderne fad und nicht mehr tragbar. Die Ureinwohner Nordluzons wollten schließlich auch nichts mehr, als zu ihren eigenen Bedingungen zur modernen Welt dazuzugehören. Dadurch wurde mir klar, dass viele andere Menschen aus Stammesgesellschaften auf der ganzen Welt genauso denken.

Morgen lesen Sie in der nächsten Folge: Zerrieben zwischen linker Zivilisationskritik und neoliberalem Konsumkult

Martin Lewis ist Dozent für Geschichte an der Stanford University. Bei dieser Serie handelt es sich um eine Übersetzung eines Artikels bei The Breakthrough.

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Foto: Pixabay

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