Gastautor / 05.12.2018 / 11:00 / Foto: Pixabay / 0 / Seite ausdrucken

Die Andersgrünen: Der Mythos vom edlen Wilden (2)

Von Martin Lewis.

Auch wenn die historischen Grundfesten meiner idyllischen Philosophie durch meine Erfahrungen am College erschüttert waren, blieb ich dennoch bei der Überzeugung, dass das moderne Wirtschaftssystem auf seinen Untergang zusteuerte. Von daher kam mir die Idee, Karriere zu machen, nie in den Sinn. Nach meinem Collegeabschluss 1979 beschloss ich, dem ersten Teil meiner Maxime „Spalte Holz, nicht Atome“ zu folgen. Ein Freund aus der Highschool fand für mich in Calaveras einen Grundstücksbesitzer, der sein Land zum Teil roden lassen wollte. Er war bereit, Kettensägen zu stellen und klafterweise zu zahlen.

Meiner Meinung nach war das zweifach umweltbewusst. Wir halfen nicht nur den Menschen bei der ökologischen und regionalen Beheizung, sondern durch das Entfernen der Strauchvegetation erledigten wir auch die Aufgabe, die ursprünglich von Mammuts, Riesenfaultieren und Glyptodonten übernommen worden war. Doch als wir erst einmal bei der Arbeit waren, zeigte sich, dass es sich kaum lohnte, den weitläufigen Bewuchs zu entfernen; ohne hydraulischen Spalter bestand die einzige Möglichkeit zur Existenzsicherung darin, lange, relativ gerade Bäume zu fällen. Aber auch hier war das Einkommen gering und die Arbeit erschöpfend.

Im Spätsommer erzielten wir unseren einzigen profitablen Tag, indem wir zwei großartige Schwarznussbäume zu Brennholz verarbeiteten. Die Stelle schien kahl ohne die beiden Bäume und die Einsicht, dass zwei solch spektakuläre Bäume im Kamin enden sollten, verhöhnte meinen jugendlichen Idealismus.

Ich verließ das Brennholzgeschäft und versuchte mich als Arbeiter auf den örtlichen Baustellen, bevor ich gewissermaßen in ein einträglicheres Geschäft stolperte. Die Hippies, die sich in den Wäldern des Calaveras County in den frühen 1970er Jahren angesiedelt hatten, bauten nun Premiumhanf an. Sie waren gerne bereit, jungen Leuten, die ihnen bei der Verarbeitung ihres Produktes halfen, hohe Löhne zu zahlen. Doch als ein enger Freund, der sich etwas zu sehr in die Untergrundökonomie vorgewagt hatte, wegen Cannabisanbaus zu einem Jahr im Bezirksgefängnis verurteilt wurde, sah ich ein, dass das Risiko zu hoch war.

Ökologie in der Wissenschaft

Nachdem ich jede andere Alternative zu einer geregelten Arbeit in der kapitalistischen Wirtschaft ausgeschöpft hatte, nahm ich 1980 den einzigen alternativen Pfad, der mir doch verblieben war: Ich bewarb mich für ein Aufbaustudium. Als ich im Herbst des Jahres 1981 in Berkeley eintraf, um Geographie zu studieren, fand ich eine Fakultät vor, die in zwei sich bekriegende Lager gespalten war. Die Fakultät wurde seit Langem mit Carl O. Sauer (1889–1975) identifiziert. Diese überragende Figur hatte die destruktive Ausbeutung der Natur durch den Menschen schon lange verdammt, bevor es Mode wurde.

Erst kürzlich war die Fakultät das Zuhause für eine bedeutende Gruppe von marxistischen Gesellschaftstheoretikern geworden, für die die Geographie eher bequemes Heim als dauerhafte Leidenschaft war. Man tolerierte sich, zumindest solange sich beide Gruppen auf ihre gemeinsame Ablehnung der kapitalistischen Moderne fokussierten. Doch in meinem dritten Jahr wendeten sich die Dinge zum Schlechteren, als mein Studienberater Bernard Q. Nietschmann während des Sommers eine Forschungsreise nach Ostnicaragua unternahm und zu Beginn des Herbstsemesters nicht erschien.

Nietschmann war ein Kulturökologe, der sich den Rechten der Ureinwohner verschrieben hatte, ein Romantiker, der glaubte, die indigenen Völker lebten im Einklang mit der Natur: mit weniger Bedürfnissen und weniger Zerstörung in einem Reich von ursprünglicher Fülle. Statt sich mit „Selbstversorgung zu begnügen“, so behauptete er, würden sich die Stammesbauern, Jäger und Sammler bei der „Selbstversorgung vergnügen“. Denn sie arbeiteten, wenn man das so nennen darf, nur wenige Stunden am Tag und widmeten den Rest des Tages der erquickenden Muße und gemeinschaftsstärkenden Aktivitäten. Solch ein idyllisches Leben, so deutete er an, sei unser Geburtsrecht, wenn wir es doch nur wieder zurückerlangen könnten.

Nietschmann forschte vor allem bei den Miskito. Sie rebellierten, aufgebracht durch Landbeschlagnahme und den Zwang, Spanisch sprechen zu müssen, gegen die marxistischen Sandinisten, die das Land regierten. Durch die Fakultät gingen Gerüchte, dass Nietschmann Waffen an die Rebellen liefere. Als er fünf Wochen nach Semesterbeginn zurückkehrte, beschuldigten ihn die örtlichen Marxisten als Konterrevolutionär und CIA-Strohmann. Als ein Kommilitone und ich versuchten, ihn in einem Artikel zu verteidigen, wurden auch wir geschmäht.

Martin Lewis ist Dozent für Geschichte an der Stanford University. Bei dieser Serie handelt es sich um eine Übersetzung eines Artikels bei The Breakthrough.

Lesen Sie morgen: Trotz des rasanten Bevölkerungswachstums geht der Ressourcengebrauch oft zurück

Teil 1

Teil 3

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