Martin Lewis, Gastautor / 08.12.2018 / 10:00 / Foto: Pixabay / 3 / Seite ausdrucken

Die Andersgrünen: Der Mythos vom edlen Wilden (5)

Von Martin Lewis.

Nachdem meine romantischen Vorstellungen über die Menschheitsgeschichte sich verflüchtigt hatten, begann ich auch meine Ideen über die Zukunft zu überdenken. Ich habe eingesehen, dass keine der Vorhersagen zur ökologischen Apokalypse, an die ich so fest glaubte, tatsächlich eintrafen. Paul Ehrlich hatte uns überzeugend dargelegt, dass die 1980er Jahre ein Jahrzehnt massiver Hungersnöte und damit einhergehender gesellschaftlicher Katastrophen werden würden. Stattdessen zeigten sich selbst „hoffnungslose Fälle“ wie Indien immer deutlicher in der Lage, ihre eigene Bevölkerung zu ernähren. In den Vereinigten Staaten stiegen die Erträge trotz der Tatsache, dass die Landwirte doch angeblich den Boden durch Monokulturen und chemische Mittel zerstörten.

Die Stagnation bei steigenden Preisen in den 1970er Jahren sollte sich doch verschärfen, da die Energie- und Rohstoffvorräte erschöpft waren – man musste sich nur die Daten anschauen, die der Club of Rome in seinen Grenzen des Wachstums präsentiert. Stattdessen sanken die Treibstoffpreise, und die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung. Trotz allem blieben die Untergangspropheten ungerührt, sie verschoben den jüngsten Tag lediglich um wenige Jahre.

Zwischen den Stühlen

Im Sommer 1990 begann ich mit den Arbeiten an dem, was einmal mein Buch Green Delusions: An Environmentalist Critique of Radical Environmentalism werden würde. Green Delusions vereinte meine Erfahrungen auf den Philippinen mit meiner Neubewertung der konventionellen Umweltschutzbewegung nach meiner Rückkehr. Während die Umweltschutzideologie uns die indigenen Völker als Bewahrer der Natur anpreist und die modernen Gesellschaften dagegen als ihre Zerstörer geißelt, behauptete ich das Gegenteil. Frühe menschliche Gesellschaften veränderten ganze Landschaften für den Erhalt eines Lebens, das meist scheußlich, brutal und kurz war. Wachsende Bevölkerungszahlen und Reichtum führten zu stärkeren menschlichen Auswirkungen auf die Umwelt, aber moderne Gesellschaften ermöglichen einen wesentlich höheren Lebensstandard mit geringeren Auswirkungen pro Kopf. Während der idyllische Umweltschutzgedanke für eine Rückkehr zu einer vorindustriellen Lebensweise und eine engere Bindung zur Natur wirbt, sprach ich mich dafür aus, zur Lösung unserer gegenwärtigen Umweltschutzprobleme auf mehr Modernisierung und Technologie zu setzen statt auf weniger.

Nach der Veröffentlichung von Green Delusions 1992 wurde mir vorgeworfen, ich böte dem Gegner Schützenhilfe, indem ich die Grundsätze der Bewegung angreife. Um eine gründliche akademische Beurteilung der vielen Zweige der grünen Ideologien zu bieten, beschrieb ich mit großer Sorgfalt die unterschiedlichen Varianten des Ökoradikalismus und verfolgte ihre intellektuellen Ursprünge zurück. Dafür beschuldigte man mich des Erschaffens von Strohmännern – portraitierte ich doch angeblich die abwegigsten Ideen von Ökoextremisten, als wären sie Repräsentanten des ökologischen Mainstreams. Nicolas Wade, Wissenschaftsredakteur der New York Times, behauptete hingegen, ich jagte Ketzer und wollte die Randfiguren zum Schweigen bringen, um die Umweltschutzorthodoxie zu stärken.

Auch wenn konventionelle Umweltschützer und radikale Ökologisten sich nicht auf die genaue Art meiner Sünde einigen konnten, so war das doch letztlich egal. Schließlich betrachten sogar gemäßigte Naturschützer die Ökoradikalen nachsichtig, als wären sie missratene Kinder, die nichtsdestoweniger als prophetische Stimmen in der und für die Natur auftreten. Nachdem ich von der Times falsch ausgelegt und von den Umweltschutzaktivisten und der akademischen Linken angeprangert worden war, fand ich an einem der ungewöhnlichsten und unbequemsten Orte Unterstützung. David Horowitz, der zur neokonservativen Geißel avancierte frühere radikale Linke aus den 1960er Jahren, lud mich in seine Radiosendung ein. Es fing ganz gut an, bis Horowitz klar wurde, dass ich, obwohl ich die Umweltschützer kritisierte, eigentlich die Umwelt schützen wollte.

Engstirnige Reduktionisten

Ich erhielt ein Dankschreiben von Norman Levitt, Koautor des damals noch zu veröffentlichenden Buches Higher Superstitions: The Academic Left and Its Quarrels with Science und mutmaßlicher Souffleur der Sokal-Affäre. Als Mathematiker mit sozialistischer Neigung betrachtete Levitt die postmoderne Attacke auf die wissenschaftliche Vernunft als reaktionären Verrat an den historisch fundierten Prinzipien der Linken. Ich wurde eingeladen, mich an einer Konferenz und an einem Sammelband zum Thema „Flucht vor Vernunft und Wissenschaft“ zu beteiligen. Aber schnell wurde deutlich, dass viele der Beteiligten engstirnige Reduktionisten waren, die nur streng naturwissenschaftliche Forschung als ernsthaft ansahen. Als historischer Geograph, der eher mit interpretierenden Methoden vertraut ist, passte ich dort nicht hin.

Es ist klar, dass die Grünen nicht an der Art von Selbstkritik interessiert waren, wie sie in Green Delusions steht. Ihre Kritiker hingegen wollten mein Buch nutzen, um Punktsiege zu erzielen, anstatt darüber nachzudenken, was eine pragmatische, unideologische Umweltpolitik bieten könnte. Ermüdet von Debatten mit Umweltschützern und ihren Kritikern verlegte ich meine Arbeit weg von geographischen Studien und dem Umweltschutzdiskurs.

Die diametral gegensätzlichen Rezeptionen von Green Delusions durch Linke und Rechte prägte meine Arbeit jedoch in einer wesentlichen Hinsicht. Der linken Sicht auf die westliche Gesellschaft als Quell allen Übels entspricht spiegelbildlich das Schlüsselkonzept der Konservativen, das den Westen als Ursprung alles Fortschrittlichen in der Welt betrachtet. Ob nun in der positiven oder der negativen Variante, ein solcher Eurozentrismus kann nur durch ein sehr selektives Lesen der Geschichtsbücher aufrechterhalten werden.

Lesen Sie morgen in der letzten Folge: Junge Grüne sind pragmatischer als die Hippies

Martin Lewis ist Dozent für Geschichte an der Stanford University. Bei dieser Serie handelt es sich um eine Übersetzung eines Artikels bei The Breakthrough.

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Foto: Pixabay

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Dr. Gerhard Giesemann / 08.12.2018

Also im Klartext: Ihr könnt weiter karnickeln, bis euch die Schwarte kracht, der club of rome hat sich geirrt. Geht’s noch?

toni Keller / 08.12.2018

Es ist ein alter. philosophischer Grundsatz, dass jede Wirkung eine Ursache hat, und daher jede Tat ihre Wirkung. Meiner Ansicht nach, hat man das einfach vergessen, und es ist völlig klar, sofern man nachdenkt, dass das was wir als “Natur” bezeichnen., also, Feld, Wald, und Wiese auch schon überprägte Natur ist, weil die Natur anundfürsich, ist dem Menschen feindlich gesinnt, der Mensch muss die Natur verändern, wenn er überleben will. Und das tut der Mensch schon immer nachhaltig, weil täte er es nicht, gäbe es keine prähistorischen Funde, die man eindeutig dem Menschen zuschreiben könnte. Eigentlich sind das Binsenweisheiten, aber die technischen Möglichkeiten sind so immens, dass der Mensch wohl dem Zauberlehrling gleicht, den es plötzlich graust, vor dem, was er entfesselt hat. Nur ist der moderne Mensch nicht mehr in der Lage nach dem Herrn und Meister zu rufen, sondern er ist gerade in der Phase wo er versucht den Besen zu zerstören.  Sehr zutreffendes Gedicht dieser Zauberlehrling, schade dass man es nicht mehr in der Schule lehrt.

Timm Koppentrath / 08.12.2018

Wenn andere anderen Unwissenschaftlichkeit vorwerfen und dann meinen Umweltschutz wird wegen den nicht eintretende Umweltapokalypsen viel zu hoch gehängt und dabei vermutlich sehr absichtlich unterlassen zu erwähnen, dass zwischenzeitlich bzw. über Jahrzehnte Maßnahmen unternommen worden, die zu veränderten oder ggfs. auch verbesserten Bedingungen beitragen. Vielleicht wäre der Wald gestorben, wenn immer noch die gleiche Anzahl an Dreckschleudern fahren würden, vielleicht auch nicht.

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