Gastautor / 26.08.2016 / 12:00 / Foto: Alexf / 5 / Seite ausdrucken

„Burkini-Verbot“: High Noon in Nizza

Von Manfred Gillner.

Am Strand von Nizza verpassten Polizisten am Dienstag einer Frau einen Strafzettel, weil sie gegen das „Burkini-Verbot“ verstoßen hatte. Der Vorgang schlug große Wellen in den internationalen Medien, weil behauptet wurde, die Beamten hätten die Frau gezwungen, sich auszuziehen.

In französischen Medien wird der Ablauf jedoch anders geschildert. Christian Estrosi, der Bürgermeister von Nizza, stellte klar, dass die Frau von sich aus ihr türkisfarbenes Kopftuch und ein gleichfalls türkisfarbenes Oberteil ablegte, um zu zeigen, dass sie darunter Badekleidung trug. Diese bestand offenbar aus einem weiteren, ärmellosen schwarzen Oberteil und schwarzen Leggins bis zu den Knöcheln. Ein Burkini ist auf den Bildern nicht zu sehen. Die Beamten akzeptierten  die Leggins nicht und stellten die Frau vor die Wahl, entweder zulässige Badekleidung zu tragen oder den Strand zu verlassen und erhoben ein Bußgeld von 38 Euro. Die Frau verließ danach den Strand.

Der Bürgermeister behauptete außerdem, der Vorfall sei inszeniert gewesen. Der sozialistische Politiker Julien Dray sieht das ebenfalls so. Die Bilder wurden nicht etwa zufällig aufgenommen, sondern von einem Profifotografen, der dazu ein Teleobjektiv benutzte. Er begann bereits Fotos zu schießen, als die Beamten noch nicht bei der Frau angelangt waren. Die Bildrechte erwarb dann die Agentur „Best Image“. Deren Chefredakteur bestritt zwar gegenüber der Zeitung „nice-matin“, dass die Szene gestellt gewesen sei, räumte aber ein, dass der Fotograf derzeit an dem Thema „Burkini-Verbot“ arbeite. Er habe die Polizisten kommen sehen und sei daraufhin zum Strand hinabgegangen.

Ein „spontaner“ Vorfall mit bestellten Fotografen?

Julien Dray warf außerdem die Frage auf, warum die Frau trotz des Verbots ausgerechnet in der Nähe eines Polizeipostens in dieser Kleidung den Strand aufgesucht habe. Sie hatte kein Badetuch bei sich und lag auf dem harten Kieselstrand, als würde sie dösen. Auf den Fotos sind viele andere Badegäste in ihrer Nähe zu sehen, alle tragen korrekte Badekleidung. Der Stadtstrand von Nizza verläuft entlang der Promenade des Anglais, jener Straße, auf der im Juli bei einem islamistischen Anschlag 86 Menschen starben.

Das Attentat, das mindestens ein Jahr lang von einer Gruppe von Terroristen vorbereitet worden war, führte in etwa 30 französischen Gemeinden zu den „Burkini-Erlassen“. Strandbesucher müssen angemessen und entsprechend den Grundsätzen der Laizität bekleidet sein, Hygienevorschriften und Sicherheitsaspekte müssen beachtet werden. Man will damit weiteren Spannungen und Ängsten in der Bevölkerung vorbeugen. In Nizza hat das Verwaltungsgericht bereits Klagen gegen den Erlass abgewiesen. Gestern musste sich das höchste französische Verwaltungsgericht damit befassen, ein Urteil wird für heute, Freitag, erwartet.

Besonders engagiert gehen Verbände wie die Französische Liga für Menschenrechte, der islamische Dachverband CFCM und die Vereinigung gegen Islamophobie in Frankreich CCIF rechtlich und politisch sowie medial gegen das Burkini-Verbot vor. Unter dem Druck der internationalen Medien hat Innenminister Bernard Cazeneuve (Parti Socialiste) nun gefordert, derartige Dekrete dürften nicht dazu führen, dass Muslime „stigmatisiert“ würden. Es müsse streng auf die Verhältnismäßigkeit geachtet werden. Wie er sich das konkret vorstellt, teilte er nicht mit.

Die Quellen hier und hier und hier und hier.
 

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Leserpost

netiquette:

Wieland Schmied / 27.08.2016

@ Caroline Neufert Bravo, mit solcher einer ‘Lebenseinstellung’ behält man sicher seinen Kopf. Unter allen Umständen und in jeder Lebenslage. So sei auch jeglicher ‘Gott’ weiterhin mit Ihnen.

Johann Busch / 26.08.2016

Wieder mal ein Beispiel für den Niedergang journalistischer Standards in den Massenmedien. Die DW spricht von ‘Polizeigewalt’,  ‘Frau muss Burkini ausziehen’. Auch Ulf Poschardt, stellvertr.  Chefredakteur bei der ‘Welt’, greift in einem Kommentar zu denselben Worten: “Der französische Weg eines militanten Laizismus, der Frauen am Strand mit Polizeigewalt zwingt, ihren Burkini auszuziehen, ist es nicht.” Muss das sein? Bei der Wahrheit sollte man schon bleiben.

Uta-Marie Assmann / 26.08.2016

Frau Caroline Neufert hat offensichtlich nichts verstanden - vielleicht sollte sie sich einmal damit beschäftigen, was Laïzismus eigentlich ist und warum er mit gutem Grund fest bei uns in Frankreich verankert ist. ‘Den Vogel zeigen’ ??? Sie glauben wirklich, dass dies 27 EU-Staaten getan hätten ? Dann ist wohl einiges an Ihnen unbemerkt vorbei gegangen, z. B. Burkaverbote in Belgien und den Niederlanden. ‘Den Vogel zeigen’ gerade die anderen EU-Mitglieder Ihrer Kanzlerin, die durch ihre verantwortungslose Politik Europa in diese missliche Situation gebracht hat.

Caroline Neufert / 26.08.2016

In letzter Minute bevor sich die Grande Nation mit ihrem angedachten “Burkini-Verbot” der weltweiten Lächerlichkeit preisgegeben hätte, siegte das Denken. Es ist auch ein Sieg für den Laizismus ! “Strandbesucher müssen angemessen und entsprechend den Grundsätzen der Laizität bekleidet sein”. Sie schreiben dies (ab) und empören sich über mglw. gestellte Fotos ?  Dass Sie sich dieses Mists annehmen, zeigt welch Geistes Kind Sie sind. Es ist völlig wurscht, ob gestellt oder nicht. Ein Staat unter dem Deckmantel des Laizismus hatte vor, seiner Bevölkerung - und Gästen vorzuschreiben, was Badebekleidung ist. Ob lange Hosen, Neopren-Anzüge, Latex oder Wintermäntel Burkini-like sind, oder nur Femen-Mädels und Fettbäuche sich ziemen. Wie lächerlich und peinlich - und gefährlich. Den 26 anderen europäischen Staaten bleibt glücklicherweise erspart, Frankreich einen Vogel zu zeigen.

Christine Maack / 26.08.2016

Ich kann die Situation in Frankreich nach langjähriger Erfahrung etwas beurteilen. Tatsache ist, dass sich muslimische Mädchen in frz. Schulen noch NIE für irgendeine Art von Sport interessiert haben. Und zwar nicht nur, weil die Eltern es verboten haben, sondern, weil die Mädchen selbst keinerlei Beziehung und auch keine Lust dazu haben, zu schwitzen, zu rennen oder sich auf der Tartanbahn oder auf der Schwimmbad-Bahn abzurackern. Bei den obligatorischen frz. Schulausflügen ans Meer und ins Gebirge haben sie nie irgendein Interesse für Wassersport, Skifahren oder geologisches Steinesammeln gezeigt, sondern erbaten sich immer eine Extrawurst (in der Jugendherberge bleiben, in eine Creperie gehen etc) , obwohl es an Ausstattung nicht fehlte (Skizubehör,, Neopren-Anzüge wurden gestellt). Auch der Ehrgeiz, überhaupt Schwimmen zu lernen, bestand in keinem mir bekannten Fall, obwohl die Eltern die Mädchen durchaus am Schimmunterricht teilnehmen ließen. Und nun sollen die Musliminnen plötzlich ganz erpicht darauf sein, am Strand zu hocken und ins Wasser zu gehen, obwohl die meisten gar nicht schwimmen können.  Das kann nur daran liegen, dass es wohl hauptsächlich darum geht,  uns mit ihren komischen Anzügen auf den Wecker gehen zu wollen. Die Polizei sollte die Burkini-Damen doch mal auffordern, eine Runde zu schwimmen, wenn ihnen schon so viel daran liegt.  Das geht aber nur,  wenn der Lebensretter daneben steht…

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