Thomas Deichmann / 21.09.2007 / 18:02 / 0 / Seite ausdrucken

Bienensterben durch zügellosen Fortschritt?

Der Massenexodus von Bienen in den USA hat nichts mit Mobilfunkstrahlen oder Gentechnik zu tun. Doch die deutsche Angstindustrie kümmert sich schon lange nicht mehr um wissenschaftliche Fakten.

„Der Bienenvater oder Imker gibt seinen Pfleglingen Bienenstöcke als Wohnung, und zwar werden bei uns meist Holzstätten verwendet, in denen bewegliche Rahmen hängen und deren Hinterwand abgenommen werden kann“. So rührig beschrieb der altehrwürdige Professor O. Schmeil in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die fürsorgliche Pflege der Honigbiene. Man könnte meinen, nichts habe sich seitdem geändert. Das metaphorische Vater-Kind-Verhältnis steht für den sanftmütigen Umgang der Imker mit einem der ältesten Haustiere. Der Deutsche Berufsimkerbund (DBIB) wirbt dafür mit der Weisheit des römischen Philosophen Seneca „Apes debemus imitari“ (Die Bienen müssen wir nachahmen).

Vergessen wird oft, dass erst mit den Fortschritten in den Naturwissenschaften die Möglichkeiten gereift sind, Bienenvölker nachhaltig zu schützen und sie zum Nutzen der Menschheit in großem Maßstab heranzuzüchten. Die Honigproduktion ist hierbei längst in den Hintergrund getreten. Beim großflächigen Bieneneinsatz geht es vielmehr um Nahrungspflanzen, die ohne Bestäubung nicht gedeihen können. Rund ein Drittel davon, darunter fast alle Obst- und viele Gemüsesorten sind auf die biologische Wunderleistung der kleinen Insekten angewiesen. Bienen gelten deshalb nach Rindern und Schweinen als unser drittwichtigstes Haustier. Um ihre Zucht und Nützlichkeit haben sich im Laufe der Jahrzehnte ganz neue Geschäftszweige herausgebildet. In den USA ziehen heute Imker mit bis zu 35.000 Bienenvölkern durch die Lande und verkaufen die Bestäubung als nachhaltig biologische Dienstleistung. Auch in Deutschland ist diese Praxis üblich.

Von den Problemen bei der Bienenzucht hört man in der Regel wenig. Dabei können Parasiten, Krankheiten und Schadinsekten ganze Stöcke binnen Kurzem ausrotten. Als größte Bienenplage gilt bis dato die Varroa-Milbe – kleinste Spinnentierchen, die die Insekten aussaugen. Vergangenen Herbst gab es jedoch berechtigten Grund zur Annahme, dass diese Parasiten alsbald von der Spitze der Bienenfeinde verdrängt würden. Es mehrten sich Schreckensmeldungen über ein Massensterben von Honigbienen in den USA. Gut ein Viertel der weit über zwei Millionen Bienenvölker in Nordamerika ist seither eingegangen, manche Imker haben Verluste von 90 Prozent zu beklagen. Die Diagnose des ungeklärten Massenexodus lautet „Colony Collapse Disorder“ (CCD): Bei erwachsenen Bienen versagt das Navigationsvermögen, sie verlassen den Korb auf Nimmerwiedersehen.

Im September 2007 gelang nun ein bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch, der die Chance bietet, bald auch an Gegenmaßnahmen forschen zu können. Wissenschaftler der Bundesforschungsanstalt des US-Agrarministeriums konnten eine der wahrscheinlichen Ursachen des Fehlverhaltens der Bienen aufklären. Beim Vergleich des genetischen Materials von Bienen mit und ohne Dysfunktionen entdeckten sie eine starke Korrelation mit dem Befall des „Israeli acute paralysis virus“ (IAPV). Dieser Virus wird von der Varroa-Milbe übertragen. Vermutet wird, dass der IAPV von Australien aus in die USA eingeschleppt worden ist. Erst dort entfaltet er in Verbindung mit anderen Faktoren seine tödliche Wirkung. Bei den an den Universitäten Pennsylvania und Columbia durchgeführten Untersuchungen kamen neueste biotechnologische Verfahren zum Einsatz, die hierzulande gerne verteufelt werden.

So hatte die Bildbeladenheit des Verhältnisses von Mensch und Biene auch das Augenmerk längst auf andere Fragen gelenkt. Das Bienensterben ist trotz der Forschungsforschritte bis heute für zahlreiche Umwelt- und Naturschutzgruppen nur eine weitere Projektionsfläche, um ihrem allgemeinen Missmut gegen das menschliche Hier und Jetzt Ausdruck zu verleihen. Die tief greifende Skepsis, wie es mit unserer Gesellschaft weitergehen soll, sitzt offenbar wie ein Stachel im Gemüt. Wissenschaft erscheint ihnen suspekt und als Quelle unkontrollierbarer Technologien. Ihr Selbstvertrauen in die Realisierung vernünftiger Zukunftsmodelle mit Wachstum und weiterem Fortschritt ist auf einen Nullpunkt gesunken.

„Die Honigbiene ist seit sehr alten Zeiten ein Haustier des Menschen, unter dessen Hand eine große Anzahl von Rassen entstanden ist“, verkündete Schmeil vor gut achtzig Jahren. Züchter vermehrten zunächst gezielt die Königinnen der Arten mit den nützlichsten Eigenschaften. Sie errichteten dafür Belegstellen, von denen andere Hautflügler ferngehalten wurden. Seit einigen Jahren kommen auch an dieser Stelle moderne Technologien zum Einsatz: Bienenköniginnen werden unter dem Mikroskop besamt. Dabei können auch verschiedene Arten miteinander gekreuzt werden, um die Produktivität der Bienenvölker zu erhöhen. Nur durch solche Eingriffe in die Bienennatur konnte dem stets wachsenden Bedarf an tüchtigen Pflanzenbestäubern und Honigproduzenten nachgekommen werden.

Doch die Schmeil’sche Zuversicht ob moderner Züchtungsmethoden ist heute nicht mehr zu vernehmen. Im aktuellen Umfeld ziehen zuvorderst Missgeschicke Aufmerksamkeit auf sich. So war jüngst wieder verstärkt von „Killerbienen“ die Rede – fürwahr keine harmlosen Zeitgenossen. Dabei ist diese Sorge sehr alt – sie geht auf die 1950er Jahre zurück: im Auftrag der brasilianischen Regierung wurden damals Bienenköniginnen einer produktiven afrikanischen Art nach Brasilien gebracht und mit der in Südamerika verbreiteten europäischen Honigbiene gekreuzt. Die so „afrikanisierten Bienen“ waren arbeitsamer – aber auch aggressiver. Dass sie sich neuerdings wachsender Aufmerksamkeit erfreuen, hat einzig damit zu tun, dass sich mit ihnen Fortschrittsangst und hier vor allem die Furcht vor gentechnischen Züchtungsverfahren transportieren lässt.

Diese Angst manifestiert sich auch in der Sorge, unsere Honigbienen könnten vom Anbau gentechnisch veränderter Maispflanzen Schaden nehmen. Gewarnt wird seit Jahr und Tag vor gentechnischer Kontamination des Honigs, weil Bienen an transgenen Maispollen naschen könnten. Oder es wird befürchtet, der monierte Bt-Mais mit gentechnisch erzeugten Abwehrkräften gegen einen Fraßschädling könnte auch Bienen den Garaus machen. Auf dem Hintergrund des Bienensterbens in den USA sind solche Mutmaßungen hierzulande extrem laut geworden. Parallel dazu hat sich auch der Berufsimkerbund (DBIB) in eine obskure Protestplattform gegen die Grüne Gentechnik verwandelt. DBIB-Präsident Manfred Hederer behauptet ständig mit großem Sendungsbewusstsein, der Anbau von Bt-Mais sei Auslöser für das große Bienensterben. Hederer kopiert damit die ermüdenden Monologe der organisierten Gentechnikgegnerschaft. Hinter ihren Spekulationen findet man in aller Regel nur diffuse Zukunftsangst, nicht selten gepaart mit latentem Antiamerikanismus und ungesundem Misstrauen gegenüber Wissenschaftlern, Behörden und Unternehmen.

Dass bei der Bienendiskussion auch Zivilisationsmüdigkeit den Ton angibt, darauf deuteten schon vor den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen einfachste Fakten: In einigen US-Bundesstaaten, wo Bt-Mais großflächig kultiviert wird, war kein Bienensterben aufgetreten, wohl aber in Regionen, wo der Maisanbau keine Rolle spielt. Auch die Erkenntnis, dass Mais für Bienen unattraktiv ist, weil er nicht einmal Nektar zur Labung bietet, wurde geflissentlich übersehen – ganz zu schweigen von seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen, bei denen Bienen über längere Zeiträume der Bt-Wirkstoff zwangsverfüttert wurde. Sie ergaben schon in einem frühen Stadium der Diskussion, dass schädliche Wirkungen auf gesunde Bienenvölker durch den Bt-Mais auszuschließen sind.
Weitere Spekulationen passten zum missmutigen Zeitgeist, der auf die Bienenschicksale übertragen wurde. Bis heute hält sich in eingeschworenen Zirkeln die Vermutung, Mobilfunk-Strahlungen könnten die Bienenkrankheit ausgelöst haben. Es will scheinen, hier sprechen von der modernen Welt sich überfordert und fühlende Zeitgenossen, die im nächsten Atemzug die Klimakatastrophe oder eben die „Verseuchung“ des Ackerlands durch die Gentechnik prophezeien – obgleich transgene Pflanzen weltweit schon auf über 100 Millionen Hektar erfolgreich und problemlos kultiviert werden.

Beruhigend wirkte, dass sich deutsche Gerichte bislang mit Bedacht des Themas angenommen haben. In drei Fällen sind im Frühjahr 2007 Klagen von Imkern zurückgewiesen worden. Sie richteten sich in Sachsen, Bayern und Brandenburg gegen den Bt-Maisanbau und konstatierten Einbußen der Honigqualität, was juristisch abgewehrt wurde. Lediglich das Bayerische Verwaltungsgericht Augsburg hatte erstinstanzlich den Klägern Recht gegeben. Doch gegen die unwissenschaftliche Interpretation des Gerichts bezog sogar das gentechnikkritische Bayern Stellung – in zweiter Instanz wurde das Urteil kassiert. Wenig später hatte ein Hamburger Zukunftsangstverein für das vermeintliche Wohlergehen der Bienen, das durch den Bt-Maisanbau bedroht sei, geklagt. Im Namen zweier Imker sollte vor Gericht durchgesetzt werden, dass der ungeliebte Mais vor der Blüte vernichtet werde. Doch das Verwaltungsgericht Braunschweig wies im Sommer auch dies zurück.

Bezeichnend für die Seelenlage der heutigen Fortschrittsfeinde ist indes, dass im Windschatten der allgemeinen Aufregung um Bienen, Honig und Mais im Jahre 2007 auch wieder handfeste Zerstörungen von gentechnisch veränderten Pflanzenkulturen zugenommen haben. Im Juni 2007 bspw. wurden Teile eines Versuchsprojektes in Rheinstetten-Forchheim verwüstet. Die anonyme Tätergruppe nannte sich „Vereinigung autonomer Bienen“. Die einst so innige Beziehung zwischen Mensch und Biene scheint sich im Laufe der Jahre doch sehr zum Nachteil gewandelt zu haben.


Thomas Deichmann ist freier Journalist, Chefredakteur von Novo Magazin (http://www.novo-magazin.de) und Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher.

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