Murat Altuglu, Gastautor / 24.07.2012 / 15:21 / 0 / Seite ausdrucken

Am deutschen Wesen soll die Vorhaut genesen

Murat Altuglu

Seit Wochen wird in Deutschland über die Vorhaut debattiert. Kern der Diskussion ist das Kindeswohl, sie ist also moralisch fundiert. Eine Unzahl von Deutschen, meistens links, ist über die Vorhaut moslemischer und jüdischer Jungs besorgt. Durch die Beschneidung unterlägen sie körperlichen und seelischen Spätfolgen, die nicht zu gerechtfertigen seien. Diese Besorgnis ist rührend, doch woher rührt sie?

Die Bundestagsdebatte zum Wohle der Vorhaut summierte die Diskussionsbeiträge der vergangenen Wochen. Christine Lambrecht macht die Dramatik des Sachverhalts evident, wenn sie sagt, dass sie, der Bundestag, über das Leben debattiert. Wenn es um das Leben geht, kann das dann nicht mehr getoppt werden. Sie spricht von körperlicher Unversehrtheit, die durch die Beschneidung verletzt wird, denn „zurecht“ handele es sich um eine Körperverletzung die nicht im Einklang mit der gewaltfreien Erziehung stehe. Und vehement empört sich die Frau von der SPD gegen Genitalverstümmelung. Die Beschneidung sei zwar keine Genitalverstümmelung, sagt sie, aber einbringen muss sie diesen Diskussionbeitrag trotzdem.

Was sie sagt, wird so auch von den Redebeiträgen der anderen Parteien parodiert. Für die FDP unterstreicht Jörg van Essen das Kindeswohl, wiederholt, dass die Beschneidung etwas anderes sei als Verstümmelung. Nicht Anderes kommt vom „religiös unmusikalischen“ Grünredner. Die Linken fügen der ganzen Debatte noch hinzu, dass man doch über eine symbolische Beschneidung nachdenken solle. So also denkt und spricht der Bundestag. Man kann sich nur an den Kopf fassen.

Die faktischen und logischen Inkonsistenzen sind nicht nur bezeichnend für die Lage des Bundestags, sondern auch für die veröffentlichte deutsche Meinung. Wenn im Bundestag (aber auch in den Medien) nahezu jeder Diskussionsbeitrag die Genitalverstümmelung von Frauen mit einbringt, kann man diesen ahnungslosen nur Weltfremdheit zugute halten.

Die Beschneidung in Deutschland tangiert Juden und Muslime, die vor allem aus der Türkei, dem arabischen und iranischen Raum, sowie dem Balkan stammen. Ob unter diesen jemals eine Genitalverstümmelung von Frauen in Deutschland je stattgefunden hat, weiss ich nicht, schließe es aber mit eine educated guess guten Gewissens aus. Das Einzige, was die deutschen Journalisten und Politiker mit diesem Beitrag erreichet haben, ist, die grausame, barbarische Genitalverstümmelung von Frauen in Zusammenhang mit Juden und Türken und anderen Beschneidern in Deutschland gebracht zu haben.

Was bleibt nach Wochen öffentlicher Diskussion bei den Leuten hängen – Beschneidung (bei Juden und Türken) gerade noch OK (wegen Religionsfreiheit und so), aber Genitalverstümmelung (bei wem? Türken und Moslems oder so?) nicht OK.

Die Stigmatisierung von Juden und Türken in den letzten Wochen übersteigt so ziemlich alles, was post-1945 in Deutschland abgelaufen ist. Diejenigen, die sich eben noch über Sarrazin echauffiert hatten, steigerten sich zu moralischen Richtern über den jüdischen und moslemischen Schniedelwutz. Wenn diese linke veröffentlichte und politische Meinung wenigstens konsistent wäre, könnte man sie auch für voll nehmen. Denn am Ende handelt es sich um nichts anderes als a bissel Vorhaut, deren Entfernung (aus eigener Erfahrung) auf einer Traumataskala von ein bis zehn nicht einmal eine eins rechtfertigen könnte. In welchem Verhältnis also steht die Stigmatisierung von einer Minderheit in Deutschland mit der Realität? Man könnte die Empörung ernst nehmen, wäre sie ethisch konsistent. Ist sie aber nicht.

Juristen, Journalisten, Politiker und der interessierte Bürger an sich sprechen von Grundrechtsschutz des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Formaljuristisch erfülle die Beschneidung den Tatbestand einer Körperverletzung. Chapeau für solche Fürsorge. Doch der kundige Beobachter muss sich fragen, was denn die aktuell Empörten noch vor wenigen Wochen zur körperlichen Unversehrtheit von Juden- und Moslemjungs zu sagen hatten. Recht wenig wäre eine ziemliche Übertreibung. Der moralische Beobachter muss sich fragen, wenn um ein kleines bisschen Vorhaut ein solcher Aufstand gemacht wird, wieso schweigen die gleichen Leute, die Elite, zur Abtreibung? Bei einer Abtreibung wird die körperliche Unversehrtheit einer Kindes bei weitem mehr beeinträchtigt.

Ein weiterer Diskussionsbeitrag ist, dass die Beschneidung unumkehrbar sei, und die Entscheidung zur Beschneidung doch bitte dem mündigen Heranwachsenden überlassen werden sollte. Wie kann man die Moralität von Leuten ernst nehmen, die sich über die Unumkehrbarkeit der Beschneidung sorgen, aber die Tötung eines Kindes (ebenfalls unumkehrbar) ohne Skrupel außer Acht lassen. Wenn man sich die Methodik und Technik der Abtreibung (und die Zahlen in Deutschland) bewusst macht, kann man sich Anbetracht dieses Horrors nur fragen, wie jemand ohne rot zu werden behaupten kann, dass die Beschneidung dem Kindeswohl abträglich sei.

Die letzten Wochen habe wieder einmal gezeigt, dass die deutsche Justiz, Politik, und die Medien nicht religiös unmusikalisch, sondern religiös ignorant sind. Die Bedeutung der Beschneidung ist für Juden wie auch für Moslems von zentraler Bedeutung. Es zeugt vom fehlen emotionaler Intelligenz, die Beschneidungsdebatte formaljuristisch zu führen, ohne den ethischen Aspekt zu bedenken und Juden und Türken mit Genitalverstümmelung in Zusammenhang zu bringen. Eine solche Stigmatisierung hatte selbst die Sarazzindebatte nicht annähernd zu Stande gebracht.

Wenn man bedenkt wie hinterwäldlerisch und insular Juristen, Politiker, und Medien argumentieren, kann es einem bange um die so genannten Elite werden. Die Beschneidung ist gängige Praxis in weiten Teilen der Welt, egal welcher religiösen (oder auch unreligiösen) Couleur. Sie wird seit tausenden Jahren praktiziert und hat enorme kulturelle und identitätsstiftende Bedeutung. Par ordre de Mufti wird dies aber allein in Deutschland verboten. Das gutmenschliche Interesse an der Vorhaut reiht sich daher ein in die (durchaus deutsche) Pathologie: wie man sich eine Meinung bildet, ohne sie durchdacht zu haben

Murat Altuglu, 1978 in Köln geboren, lebt seit 2006 in Miami, wo er an der Florida International University als “adjunct professor” Politikwissenschaft unterrichtet .

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