Beda M. Stadler / 30.04.2010 / 13:38 / 0 / Seite ausdrucken

Schönheit, leicht gemacht

Menschen, oder besser gesagt wir Affen, haben eine untrügliche Fähigkeit, zu beurteilen, wer oder was gut aussieht. Leider hat uns die Evolution den Zwang zum Aberglauben verpasst, was unter anderem dazu führt, dass wir glauben, gutes Aussehen sei Geschmackssache. Dem ist nicht so: Unser Geschmacksempfinden wird vielmehr durch die eigene Biologie verändert. In ansteigender Bedeutung, von aussen nach innen, wollen wir analysieren, was zu tun ist, um wirklich gut auszusehen. Sollten Sie zu den seltenen Menschen gehören, die gut aussehen, sind diese Tipps natürlich für die Katz. Übrigens, falls Sie diese Zeilen in der Öffentlichkeit lesen, ziehen Sie Ihren Rucksack aus! Rucksäcke sehen doof aus.

1. Legen Sie die Würde ab
Am einfachsten kann man sein Äusseres mit Kleidern aufwerten, was sprichwörtlich ein alter Hut ist. Am Zürcher Sechseläuten passiert genau das Gegenteil. Jeder, der Christoph Mörgeli mit Lederschürze, Zipfelmütze und geschultertem Hammer gesehen hat, weiss, was ich meine. Es geht auch anders. Peter Spuhler, Inhaber der Stadler Rail, hat im Biedermeier-Schneiderkostüm besser ausgesehen als in seiner CEO-Kluft. Bei der Kleidung geht es darum, sich aus praktischen Gründen anzuziehen, und nicht darum, etwas «Inneres» auszudrücken, gar etwa Würde. «Die Entstehung der Arten» von Charles Darwin hat die Menschenwürde längst als ein christliches Konstrukt entlarvt. Gerade Würdenträger oder Menschen, die mit ihrer Kleidung Würde ausstrahlen möchten, entfernen sich im darwinistischen Sinn am meisten vom Affen und werden zu komischen Pfauen. Wer würde solche Kleider von kirchlichen Würdenträgern, etwa dem Papst ausserhalb der Fasnacht anziehen?

2. Kein Faserpelz
Trotzdem sollte man auf Schnitt und Faltenwurf der eigenen Kleidung achten. Spiegel und Sonnenstand helfen dabei, nicht aber Aberglauben. Kleider, die auf Aberglauben basieren, sind ohne Ausnahme potthässlich. Dazu gehören nicht nur Burka und Talar, die runde Nickelbrille und der US-Army-Mantel aus meiner Jugend, sondern auch der Adidas-Trainer, Birkenstock-Schuhe und Faserpelz. Wer der Umwelt mit einer Faserpelzjacke zeigen will, dass er in einer ungeheizten Wohnung lebt, rettet nicht die Welt, sondern beleidigt das Schönheitsempfinden von uns unvoreingenommenen Menschen, Pardon, Affen. Es ist allerdings zu befürchten, dass nächstens die Zahl der Faserpelzmenschen zunehmen wird, da die Vulkanwolke anscheinend die Klimaerwärmung beendigen und uns eine winzige Eiszeit verpassen soll.

3. Weg mit den Kontaktlinsen
Genauso trivial ist der Ratschlag, mit Schmuck und anderen Accessoires das Erscheinungsbild zu verändern, obwohl es stimmt. Was die Handtasche für die Dame, ist für den Herrn die teure Uhr am Handgelenk. Umso erstaunlicher ist es, dass sehbehinderte Menschen zur Kontaktlinse greifen. Dabei hat die heutige Brillenindustrie für jede noch so hässliche Kopfform ein Gestell parat. Dieses kann ein spontanes Kompliment auslösen: «Oh, hast du eine schöne Brille!» Junge Menschen tun gerne aus Protest das Gegenteil. So entstellt etwa die Sängerin Stefanie Heinzmann absichtlich mit einer hässlichen Brille ihr Gesicht. Es gibt also praktische Accessoires, die von den Unzulänglichkeiten unseres Körpers ablenken. Die dekorative Sehhilfe im Gesicht kann von Runzeln oder einem coup de vieillesse ablenken. Es ist selbstredend, dass Haarefärben, Haartransplantate, Toupets oder Bräunungscremes noch keinen Staatsmann schöner gemacht haben. Warum sollten sich andere Leute so was antun?

4. Schluss mit dem Selbstbetrug
Auch die Beauty-Junkies führen uns in die Irre. Sie haben eigene Websites, wo die Frage diskutiert wird: «Was macht ihr, wenn ihr unterwegs seid und den ganzen Tag so wirklich gut und perfekt aussehen wollt?» Hier die Lösung direkt ab Forum: «Ich trage die Haare eh fast nur zum Pferdeschwanz und benutze bissl Haarspray, da bleibt alles am Platz. Zum Schminken benutze ich fast ausschliesslich Long-Lasting-Produkte (blabla Superfit von blabla, darüber den fantastischen Seidenpuder, blabla Stay-on Eyeliner und e/s von blabla oder blabla Colorstay) – nur mein Lipgloss erneuere ich ständig. :-D. Funktioniert alles super!» Bei diesen Zeilen sträubt es einem die Nackenhaare. Jeder weiss, hier handelt es sich um ein Pferd mit zu viel Selbstvertrauen. Kunst lebt schliesslich nicht vom Bilderrahmen. Niemand sieht perfekt aus, ausser man wurde im Photoshop überarbeitet. Schaut man morgens in den Spiegel, sollte Selbstkritik der biologische Reflex sein.

5. «No sports»
Der Sportwahn hat dazu geführt, dass es für jede körperliche Betätigung ein passendes Outfit gibt. Beim Fingerhakeln muss man gar Lederhosen tragen. Sport hat somit vor allem zu mehr Sportbekleidung und Sportgeräten geführt. Unserem Äusseren hat das nicht gedient. Velohelm und Langlaufdress sind ein wahrhaftiger Ausbund an Hässlichkeit. Hat Sport wenigstens unserer Gesundheit geholfen? Jeder kann selber die wissenschaftliche Literatur der letzten fünfzig Jahre durchforsten und wird feststellen, der wohlgemeinte Versuch, die Menschen durch Sport schlank und rank zu machen, ist gründlich misslungen. Ein Blick auf irgendeine Marmorstatue aus der Antike sollte eigentlich jedem vor Augen führen: Die Erfindung «Sport» macht uns nicht schöner, aber immer öfter krank. Sportverletzungen sind bald so häufig wie einst die Infektionskrankheiten.

6. Werden Sie Naturalist
Je dümmer eine Volksweisheit ist, desto eher wird sie geglaubt. Manch einer, der endlich eine gut passende Hose erstanden hat und sich dabei wieder jung fühlt, ist vor dem Spiegel dem Trugschluss verfallen: «Alter ist eine Frage des Geistes – wir sind so jung, wie wir uns fühlen.» Bloss, der Geist in unserem Körper ist genauso unauffindbar wie die Schlacke, die gern mit Tee ausgetrieben wird. Es gibt keinen Geist ausser den in der Spiritusflasche. Schönheit kommt schon von innen, nur dort ist kein Geist, dort sind bloss Eiweisse, Fette und Kohlenhydrate, programmiert von Genen. Diese sind wiederum geprägt durch SNPs, was single-nucleotide polymorphisms bedeutet, oder vereinfacht: Niemand hat den idealen Gensatz, dafür einen gewaltigen Haufen an unnötigen Mutationen. Gegen die helfen weder Cremes noch Fitness. Lang lebe die Orangenhaut!

7. Legen Sie ein paar Kilos zu
Jugendliche Hängebäuche sind hässlich und schädlich, keine Diskussion. Es gibt allerdings Metaanalysen, die beweisen, dass leicht Übergewichtige ab der Lebensmitte länger leben als Normalgewichtige. Für ältere Menschen sind Fettpolster die beste Lebensversicherung. Der sicherste Weg, ein paar Kilos zuzulegen, ist der Vorsatz, eine Diät zu machen. Sogar dürre Menschen werden dadurch dicker. Zudem dürfen sie verkünden, sie hätten ein Bio-Lifting von Sprüngli durchgeführt.

8. Essen Sie vermehrt Fleisch
Fett ist also gut, um Runzeln zu glätten, aber es unterstützt jene Proportionen nicht, die wir als Goldenen Schnitt empfinden. Wenn Sie vom Sixpack träumen, ist Fleisch angesagt. Den Fleischkonsum kann man natürlich unterstützen, indem man sich mit Hanteln und dergleichen abmüht. Bevor Sie den Schritt in ein verschwitztes Fitnesscenter tun, sollten Sie sich überlegen, ob Sie wirklich besser aussehen wollen. Wer A sagt, muss auch B sagen, womit wir in der Illegalität wären.

9. Greifen Sie zur Spritze
In uns allen steckt ein evolutionäres Programm: «Friss, so viel du kannst, so fett und süss wie möglich!» Wer an die Kraft des Geistes glaubt, lebt womöglich im Irrglauben, er habe eine gute Figur, weil er in der Lage sei, dieses Urprogramm im Gehirn zu übertölpeln. Weit gefehlt: Unser tatsächliches Aussehen hängt von Infektionserregern ab, die Fettsucht auslösen, und von genetischen Defekten, die zu hormonellen Störungen führen. Wer schlank und rank ist, hat ganz einfach bei der Verteilung der Gene Schwein gehabt. Das ist ungerecht und genauso unveränderlich wie die Orangenhaut, ausser man verlässt das Fitnesscenter und geht zum Arzt.
Es muss ja nicht gleich ein Schönheitschirurg und Versager wie bei Michael Jackson sein. Man kann dem unwürdigen Treiben im Fitnesscenter mit einem Spritzen-Cocktail, bestehend aus Wachstumshormonen, Testosteronen, Glucocorticoiden, Erythropoietin und dergleichen, entfliehen. Das kostet natürlich mehr als eine Kiste Barolo und könnte Sie in die Kiste bringen. Somit wären Sie an einem Ort, an dem andere Werte gelten und echte Sorgen im Vordergrund stehen, etwa das Ein- und nicht das Aussehen.

10. Machen Sie sich keine Sorgen
Udo Pollmer, ein Lebensmittelchemiker und lieber Freund, hat das Dilemma für sich gelöst. Er weiss, er sieht nicht besonders gut aus und ist übergewichtig. Bei ihm ist es aber nicht Kummerspeck, drum rät er: «Wenn Sie sich in einer ausweglosen Situation befinden, dann produziert der Körper Cortisol – und dann werden Sie meistens dick. Das kommt nicht von Schokolade, sondern von der Bitterkeit.» Was folgt daraus? Wer nicht gut aussieht und trotzdem gut aussehen möchte, soll sich mit den Folgen des erhöhten Cortisolspiegels abfinden.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 17/10

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