Burkhard Müller-Ullrich / 15.06.2017 / 18:00 / Foto: Helmut Jilka / 8 / Seite ausdrucken

Ministerbesuch im Zensur-Sweat-Shop

Irgendwo in Berlin oder Umgebung wohnen sie: die geheimen Verwalter unserer Meinungsfreiheit. Sie sind so geheim, daß man nicht mal ihre Anzahl kennt. Dreistellig soll sie sein, heißt es. Und natürlich sind sie gut versteckt. Wo der BND arbeitet, weiß jeder, und der Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst. Aber Arvato? Die wenigsten kennen überhaupt den Namen dieser zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Firma. Arvato ist das schmutzige Geheimnis der deutschen Servicewüste. Arvato ist die Hochburg des Kundenmobbings, das Inferno aus Hotlines, Callcentern und Textbausteinen. Beschwerdemanagement nennt man das im modernen Marketingjargon – eine Dienstleistung, die darin besteht, den zahlenden Unternehmen ihre wütenden Kunden vom Leib zu halten und Beschwerden jeglicher Art durch maximale Indolenz in Staub und Streusand zu verwandeln.

Die dazu nötigen Fähigkeiten sind folgende: Harthörigkeit gepaart mit Selbstgefälligkeit sowie Lust an Machtausübung. Außerdem kann ein gewisser Bildungsmangel hilfreich sein. Es versteht sich, daß vor allem junge, in Berlin ja reichlich vorhandene Billiglohnkräfte bei Arvato arbeiten – jedenfalls als Meinungsverwalter im neuesten Geschäftsbereich: der Facebook-Überwachung. Dort löschen sie nach Gutdünken und aufs Geratewohl Einträge und sperren Benutzer, und wenn sich jemand darüber aufregt, wird er gleich für länger gesperrt.

Die Richtung vorgegeben hat der Bundesjustizminister mit seinem im wahrsten Sinne unsäglichen „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“, das vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestags bereits für rechtswidrig gehalten wird. Minister Maas geht es ganz offensichtlich nicht um Haß und Hetze allgemein, sondern um das Mundtotmachen seiner politischen Gegner. Dementsprechend verhält sich bereits die geheime Gedankenpolizei bei Facebook: von weltanschaulicher Neutralität kann bei ihrer Löscherei schon lange keine Rede mehr sein; die Zensur greift mitunter beim kleinsten Bißchen Islamkritik ein und orgelt obstinat etwas von „Gemeinschaftsstandards“.

Nun will Maas die digitale Stasi, die er selbst gefordert und gefördert hat, auch mal persönlich besuchen und besichtigen. Das dürfte die Youngsters bei Arvato ganz schön beunruhigen: löschen sie nicht genug oder zuviel, jetzt gerade in der hochsensiblen Vor-Wahl-Zeit? Wird ihr komplettes Chaos im Kopf irgendwie aufkippen? Dürfen sie auf Fragen überhaupt antworten? Sie müssen in ihren prekären Arbeitsverhältnissen ja auch noch totale Loyalität zu ihrem Brötchengeber simulieren.

Am besten, man macht es wie mit den Kunden in irgendeiner Hotline-Warteschleife oder mit den gesperrten Facebook-Usern, die wissen möchten, weshalb sie gesperrt wurden. Einfach nicht reagieren. Heißt bei Ankunft des Ministers: einfach nicht aufmachen. Vielleicht ist die Klingel kaputt, wie so oft in Berlin.

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Foto: Helmut Jilka CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (8)
Gerrit Schwedler / 16.06.2017

Ich frage mich, wann endlich die aufgeklärte und zu Recht besorgte Bevölkerung sich ihrer Marktmacht bewusst wird und schlicht Unternehmen wie Facebook und Co. den Rücken zudreht. It´s the economy, stupid.

Erwin Gabriel / 16.06.2017

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie bereitwillig “Linke” jede Ordnung und Rechtsstaatlichkeit über Bord werfen, wenn es nur gegen die “Richtigen” geht. Hat mit Toleranz, Demokratie, Grundgesetz etc. leider nur wenig zu tun.

Alexander Nowak / 16.06.2017

So ändern sich die Zeiten: In meiner Jugend galt man als “links” und “fortschrittlich”, wenn man sich für die Meinungsfreiheit einsetzte. Heutzutage gilt man als “rechts” und “reaktionär-rassistisch”, wenn man das tut. Bei Licht betrachtet ist das angewandter Leninismus: Es geht nur darum, was der eigenen, sozialistischen, Sache dient. Und es gibt genug nützliche Idioten, die das nicht einmal merken, sondern gerne mit Hurra schreien.

Jochen Brühl / 16.06.2017

Oder den Arvato-Dienstkräften werden für den Besuch von Maas autistische Sprechblasen eingeimpft. Das hat für die damaligen Besuche von Honecker und Mielke bei den Werktätigen doch auch ganz gut funktioniert.

Stefan Zorn / 16.06.2017

Gedankenpolizei - Vergessensloch - Wahrheitsministerium ... Wenn es eine Hoffnung gibt, dann liegt sie bei den Proles!!!

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