Bernhard Lassahn / 21.02.2012 / 10:22 / 0 / Seite ausdrucken

Kinder und Kleingeld

„Macht eure Kinder selber!“ So reagiert Tobias Kaufmann auf jüngste Überlegung von Unionsabgeordneten, Kinderlose in Zukunft stärker zu besteuern. Das finde ich auch: Make love! Make babys! Ich zitiere gerne noch etwas ausführlicher: „Wer erleben will, wie wunderbar es ist, demütig zu sein, unindividuell, verletzlich, der muss Kinder haben. Sie sind das Beste, was einem Menschen passieren kann. So wie das kleine Mädchen, das mich anstrahlt, mich in den Arm nimmt und ‚Mein Papi’ sagt, wenn ich nach Hause komme. “

Wer sollte das nicht wollen? „Machen Kinder glücklich?“, war die Fragestellung einer Talkshow, zu der ich mal eingeladen war - und allein schon dadurch, dass man diese Frage stellte, tat man so, als wäre die Frage berechtigt. Machen Kinder womöglich doch nicht glücklich?

Doch. Die Wertschätzung, die einem ein Kind entgegenbringt, ist sensationell. Ich habe der Kamera, neben der das kleine rote Licht aufleuchtete, erzählt, wie ich einst meiner Tochter das Lied von dem Löwen, der heut Nacht schläft, vorgesungen habe und sie tatsächlich gedacht hat, ich hätte das Lied speziell für sie in dem Moment ausgedacht.

Das ist schon gut. Da funkelte ein Abglanz vom Schöpfungsmythos, den Kinder sowieso mit sich herumschleppen. Man merkt es nur nicht immer. Das habe ich nicht gesagt. Gesagt habe ich, dass ein Vater, der dem Kind die Welt vermittelt, in eine Rolle gerät, als wäre er der „Pressesprecher Gottes“. Das fand ich pathetisch genug.

Ich habe auch betont, dass Vater und Mutter sehr unterschiedliche Rollen haben. Die Mutter hat, wenn die Kleinen noch klein sind, eine ganz spezielle Rolle. „Die Stunde der Väter kommt später“, habe ich spontan gesagt. Es klingt gut, doch hier deuten sich schon Probleme an - wie immer, wenn es um Geld geht. Der Vater soll ja nicht nur singen, er soll auch Geld nach Hause bringen.

Nun zitiere ich Peter Tholey, der über „Armut“ schreibt: „Hier stoßen wir auf ein gesellschaftliches Problem von dramatischem Ausmaß: Denn eines der größten Armutsrisiken von heute ist gleichzeitig etwas, das zum Weiterbestehen unseres Wohlstandes – der Gesellschaft insgesamt – unentbehrlich ist: nämlich Kinder. Die sind inzwischen ein Armutsrisiko geworden. Damit kriegt das Wort von der ‚Kinderarmut’ einen neuen Sinn: Wir sind arm an Kindern. Uns fehlt der Nachwuchs, wir betreiben Raubbau an unserer Zukunft. Wir beobachten die paradox anmutende Situation, dass arme Gesellschaften einen großen Kinderreichtum haben, wir in einer reichen Gesellschaft hingegen der Meinung sind, wir könnten uns Kinder nicht leisten.“

Und weiter:

„Junge Paare teilen diese Befürchtung und schieben ihren Kinderwunsch immer weiter auf, sie glauben - und das ist nicht von der Hand zu weisen -, dass sie in jungen Jahren nicht die finanziellen Voraussetzungen für ein Kind haben, schon gar nicht für zwei oder drei. Erschreckend ist in dem Zusammenhang auch die immer noch steigende Zahl von Abtreibungen, zumal von Abtreibungen, die als ‚soziale Indikation’ gelten – was so viel heißt wie: Es ist kein Geld für Kinder da. Auch so schafft sich Deutschland allmählich ab.“

Doch:

„Sehen wir genauer hin: Können sich Familien mit mehreren Kindern oft nur mühsam an der Armutsgrenze entlang hangeln, so stürzen sie mit Sicherheit in dauerhafte Armut ab, wenn Trennung und Scheidung eintreten. Wie oft das passiert, können wir an Statistiken zur Scheidungshäufigkeit ablesen. Die Zahlen verraten uns aber noch nichts über den besonderen Charakter der Scheidungen von heute, die nicht mehr mit denen von früher - oder denen in der DDR - zu vergleichen sind. Das tatsächliche Armutsrisiko liegt also nicht bei den Kindern – sondern bei der Art der Scheidungen.“

Es folgen nun viele Zahlen, Berechnungen und Modelle - Ich zitiere übrigens aus dem Buch ‚Schlagseite’ herausgegeben von Eckhard Kuhla -, dabei versucht Peter Tholey nicht den Täuschungen zu erliegen, auf die man leicht hereinfällt, wenn man Statistiken auswertet. Wenn er schließlich auf eine Summe kommt „von ca. 1,5 Millionen Männern, die von dauerhafter Armut durch Unterhaltsforderungen betroffen sind“, dann ist das Entscheidende dabei nicht die Zahl, sondern das kleine Wörtchen „dauerhaft“. Doch auch die Zahl überrascht:

„Das hat seinen Grund. Denn diese Armut wird geschickt verdeckt. Unterhaltszahlungen, die geschiedene Männer leisten, werden ihnen bei statistischen Erhebungen nämlich nicht vom verfügbaren Einkommen abgezogen, sie werden stattdessen als eigene ‚Konsumausgaben’ betrachtet ... Dass es sich dabei um Transferleistungen von Männern an Frauen handelt, wird nicht sichtbar gemacht. Geschiedene Männer - insbesondere Väter - werden so künstlich ‚reich gerechnet’ und fallen formal viel seltener unter die Armutsgrenze, als es bei einer korrekten Berücksichtigung der Zahlungsströme der Fall wäre. So gibt es Männer, die Schulden machen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, gleichzeitig aber als ‚nicht bedürftig’ gelten, weil man ihnen mit der Art der statistischen Auswertung Gelder andichtet, die sie nicht haben.“

Money, Money, Money. Mehr Geld bringt aber auch nicht mehr Kinder. Das hat Tobias Kaufmann in dem zitierten ‚Spiegel’-Artikel richtig erkannt; er spricht von „Wohlfahrtsstaat-Materialisten, die glauben, man könne die Geburtenrate durch Bestechung aufpolieren.“ Peter Tholey dagegen spricht von der dunklen Gegenseite zu dem, was im Spiegel glänzt, wenn da von künstlichen Geldzuwendungen die Rede ist und vom Glück, ein Kind zu haben. Bei ihm geht es um künstliche Verarmung und um das Unglück, kein Kind (mehr) zu haben. Das ist es, was Männer heute abschreckt:

„Neben der Verarmung droht (...) vielen Trennungsvätern etwas, das noch schlimmer ist: der Verlust ihrer Kinder. Schätzungsweise 2 Millionen Väter sind von Kindesentzug und Kindesentfremdung betroffen, allerdings lassen sich solche Zahlen nur schwer schätzen; zwar kann man versuchen, die Zahl der Umgangsverfahren hochzurechnen und man kann eine Dunkelziffer annehmen - doch was besagt das schon? Zahlen bemessen das Unglück nicht in seiner Tiefe. Auch Trennungen, die auf den ersten Blick glimpflich verlaufen, bringen eine ‚Kindesentfremdung light’ mit sich, deren wirkliches Ausmaß erst später offenbar wird. Kinder sind ein Glück. Nicht nur die niedlichen Kleinen. Auch im Alter stiften Kinder dem Dasein einen Sinn, ihr unbefangenes Lachen ist der Lohn für die Mühen des Alltags. Ein Mann ist bereit, für seine Kinder fast jedes Opfer zu bringen und ihnen ein Lebenswerk zu hinterlassen. Sterbende wünschen sich, wenigstens einmal noch ihre Kinder zu sehen. Ein Kind zu verlieren, gilt als größtmögliches Unglück. Dagegen ist Armut eine Kleinigkeit.“

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