Antje Sievers / 08.07.2017 / 09:05 / 7 / Seite ausdrucken

Ein Hubschrauber zieht einsam seine Kreise

Am 6. Juli 2017 ist es morgens noch ruhig. Ein Hubschrauber zieht einsam seine Kreise über den Köpfen der Hamburger. Da ich in Gehnähe zur Innenstadt wohne, sitze ich bei den Ereignissen um das G 20-Treffen in der ersten Reihe. Die Stadt ist im Ausnahmezustand. Sonderfahrpläne wurden eingerichtet, auf vielen Straßen geht nichts mehr, ratlose Kraftfahrer stehen neben ihren Autos und wissen es auch nicht. Geschäftsinhaber sichern die Ladenfronten mit Abdeckungen aus Sperrholz. In den linken Wohlfühloasen wie dem Karolinen- und dem Schanzenviertel kleben obendrein Plakate an den Barrikaden: No G 20 – spare our store. Mit anderen Worten: Wir haben euch lieb, wir sind die Guten, randaliert woanders, dann ist das völlig O.K.

Zum Beispiel im Eidelstedter Porschezentrum, wo in der Nacht ein Brandanschlag verübt wurde. Bestimmt waren es hungerleidende Unterprivilegierte und nicht etwa Menschen, die von Mami schön mit Bio-Breichen gefüttert und im SUV zum Musikunterricht gefahren wurden.

Auf St.Pauli hat die Braunhemdentragende Anhängerschaft eines Zweitligavereins dafür gesorgt, dass G 20-Gegner Schlafplätze im Stadion erhalten. Auch das Deutsche Schauspielhaus am Hauptbahnhof darf in diesen heroischen Zeiten nicht abseits stehen. Das Theater hat sich schon während des Irakkriegs dadurch hervorgetan, dass im angeschlossenen Café 24/7 Al-Jazeera lief. Spontan öffnet es den Kapitalismusgegnern am Mittwochabend die Türen und bietet ein kostenloses Dach über dem Kopf. Es ist anzunehmen, dass auch die Intendanz ganz dolle gegen den Kapitalismus ist. Wie sie ihre Weltanschauung damit auf die Reihe kriegen, dass sie ihren Laden dicht machen könnten, sollte ihre Proseccosüffelnden Bildungsbürgerklientel plötzlich enteignet werden, das müssen sie selbst wissen. Wahrscheinlich wären sie in letzter Konsequenz schwer begeistert.

Gegen Mittag kreisen wieder Hubschrauber

An der Einmündung meiner Straße hat ein Mannschaftswagen der Polizei Stellung bezogen. Gegen halb elf kommt Leben in die Sülze: Zwei dicke Polizisten klettern heraus und sperren die Straße mit Hütchen ab. Was kommt als nächstes? Zunächst nichts, außer dass im Fünf-Minuten-Takt etliche Mannschaftswagen mit Blaulicht stadtauswärts sausen. Gegen Mittag kreisen wieder Hubschrauber, und die große vierspurige Straße ist ruhiger als am Sonntag. Ich genieße das Privileg, im Sperrbezirk zu wohnen. Wäre es doch immer so: eine autofreie Innenstadt! Himmlische Ruhe, abgasfreie Luft, viele Radfahrer und Fußgänger. Umweltschutz kann so einfach sein.

Mein erster Erkundungsgang führt zum weiträumig abgeriegelten Atlantic-Hotel, wo Mutti Merkel für die Tage des Gipfeltreffens untergekommen ist – was Udo Lindenberg, seit zwanzig Jahren Dauerresident in dem Luxushotel, dazu bewogen hat, für ein paar Tage umzuziehen. Unlängst gab der Altrocker auf Hamburg 1 ein durch seinen trichterförmigen Mund genuscheltes Statement ab, dass leider kaum zu verstehen war. Aber wahrscheinlich hat auch uns’ Udo ganz doll was gegen Kapitalismus.

Die Innenstadt ist so still wie eine Kleinstadt. Viele Läden sind verbarrikadiert, etliche Hundertschaften von Polizisten sind am Werk, die Absperrungen für die „Welcome to hell“-Demo am frühen Abend zu errichten. Das scheint nötig zu sein, denn es sind bereits Tausende gewaltbereiter Demonstranten aus der ganzen Welt eingetroffen. Am Fischmarkt in St.Pauli ist die Auftaktveranstaltung. In den letzten drei Jahrzehnten haben sich linke Autonome rein äußerlich nicht einen Fußbreit weiterbewegt. Immer noch schwarze Klamotten und blaue Haare, genau wie in den Achtzigern. Refugees-Welcome-Shirts allerorten, aber auch „Mein Leben, meine Regeln“ und „Ganz Hamburg hasst die Polizei“, beides irritierenderweise in Frakturschrift. Da gefällt mir „Ficken, saufen, nicht zur Arbeit gehen“ besser.

Um Punkt 16:00 Uhr fängt eine Band an zu spielen, und gar nicht mal schlecht. Getanzt wird nur direkt vor der Bühne von etwa zehn Leuten (macht zuviel Spaß), geklatscht wird wenig (zu peinlich) und Rednern zugehört wird auch nur ungern (stört beim saufen). Die schwarze Klientel ist definitiv noch genauso unsexy, politisch halbgebildet und spaßbefreit wie in meiner Jugend. Der Fischmarkt hat sich mittlerweile mit mehreren Tausend Menschen gefüllt, dazwischen immer wieder schwer bewaffnete Polizei. 20.000 Polizisten sollen in diesen Tagen für Sicherheit sorgen.

Von einem N-TV-Reporter hinter mir erfahre ich, dass sich der Demozug erst in zwei Stunden Richtung Reeperbahn in Gang setzen wird. Nee. Also wieder ab nachhause, wo auf der großen Kreuzung mittlerweile das ultimative Chaos tobt, seit die Straße Richtung Barmbek - City Nord gesperrt ist. Werden die Linkspopulist*innen voll auf die Sahne hauen? Ich meine, so richtig antikapitalistisch-antirassistisch-antisexistisch-antinationalistisch-vegan? Steht zu befürchten, wenn man die Statements von Indymedia liest:

“Wir leben in einer Phase des aufstrebenden Nationalismus und Hasses auf Minderheiten. Pogrome gegen Geflüchtete und andere Bevölkerungsgruppen jenseits der Mehrheitsgesellschaft, Angriffe auf Homosexuelle, Trans*- und Inter*Menschen und die Bedeutung von religiösem Fanatismus jeder Glaubensrichtung nehmen weltweit dramatisch zu. Migration und Flucht werden zentrale Themen des Gipfels, aber auch der Proteste sein. Nicht Bewegungsfreiheit für alle soll gewährleistet werden; es werden nicht einmal sichere Fluchtkorridore geschaffen, um das Massensterben im Mittelmeer zu verhindern. Stattdessen sollen Staatsgrenzen und Warenströme abgesichert werden. Zynismus und faule Deals beherrschen das Geschäft, während der Kongress tanzt.“

Schwarz kleiden, warm anziehen und ein schönes Feuer machen

Ein - wie könnte es anders sein - anonymer Aufruf zur Gewalt folgt in der Kommentarleiste auf dem Fuße: „Kleine Korrektur: Die Abschlusskundgebung der autonomen Anti-G20 Demo "Welcome to hell" wird innerhalb den Messehallen stattfinden! Natürlich vorausgesetzt die alten Hallen stehen dann noch! Und anschliessend laden wir in die dunklen Strassen um den Tagungsort zur After-Show Party! Denkt dran: schwarz kleiden, warm anziehen und ein schönes Feuer machen ist angesagt!“

Es kommt, was kommen muss. Kaum hat die „Welcome to hell“- Demo begonnen, gerät sie auch schon außer Kontrolle. Brandsätze, Flaschen, sogar Fahrräder werden auf Polizisten geworfen. Polizei und Demonstranten liefern sich stundenlange Straßenschlachten. Wie befürchtet, eskaliert die Situation in der Nacht im Schanzenviertel. Wieder werden Autos abgefackelt. Die schlimmsten Befürchtungen wurden weit übertroffen.

Freitag, 7. Juli. Wie gern würde man auch mal schreiben: Es liegt eine unheimliche Ruhe über der Stadt. Es liegt aber keine. 07:15 zieht ein grölender Mob durch meine Straße. Schon wieder kreisen etliche Hubschrauber. 08:00 steigen Rauchwolken im Westen hoch. In der Max-Brauer-Allee in Altona brennen geparkte Autos, ebenso in der Elbchaussee. Besitzer stehen daneben und betrachten weinend die rauchenden Trümmer. Es müssen diese Kapitalisten sein, die man empfindlich treffen wollte. Sonst ergibt das alles gar keinen Sinn, oder? Vermummte Trupps ziehen durch die Neue Große Bergstraße in Altona, verwüsten Lokale und legen Feuer bei Ikea. Es sind nicht nur Brandstifter und gewalttätige Randalierer, es sind auch charakterlose Feiglinge. Aber, wenn man Manuela Schwesig glaubt, eben doch nur „ein aufgebauschtes Problem“.

Die Straßen östlich der Alster sind sehr ruhig. Die Hamburger lassen seit dem Verkehrsinfarkt am Vorabend das Auto lieber stehen. Ein neuer Tag G 20 steht uns bevor. Kurz vor Mittag ist klar: Ruhe wird es auch heute kaum geben. Hubschrauber kreisen ununterbrochen, um die Lage halbwegs unter Kontrolle zu bringen. Über hundertfünfzig Polizeibeamte sind verletzt, neue Hundertschaften aus dem gesamten Bundesgebiet angefordert. Es ist in den sozialen Netzwerken und in den Kommentarleisten nicht zu übersehen, dass den Hamburger Bürgern jedes Verständnis für die Randalierer abgeht.

Auf der Seite der Unterstützer der pseudolinken Zerstörungswut herrschen die üblichen Reflexe vor: Natürlich ist ausschließlich die Polizei schuld. Das war vor mehr als dreißig Jahren auch schon so. Momentan schließe ich mich diesem Kommentar eines WELT-Lesers an: „Wer die Bilder sieht, gewinnt den Eindruck das Politiker und die G20 Veranstaltung gut geschützt sind -– während Bürger und Stadt der Zerstörung ausgesetzt sind."

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Leserpost (7)
Gerdlin Friedrich / 08.07.2017

“Wer die Bilder sieht, gewinnt den Eindruck dass Politiker und die Veranstaltung gut geschützt sind - während Bürger und Stadt der Zerstörung ausgesetzt sind.”  Das gilt doch für Vieles.  “Mutti’”  war nicht auf der Domplatte oder vergleichbaren Orten, usw.

Thomas Weidner / 08.07.2017

Was haben die Hamburger mehrheitlich gewählt? Sie haben es bekommen. Manchmal gehen nicht durchdachte Wünsche eben nach hinten los.

Dirk Ahlbrecht / 08.07.2017

Man fragt sich unwillkürlich: “Wer erzieht eigentlich ein solches Gesocks?” Frau Sievers ist wohl der Wahrheit sehr nah, wenn sie ironisch schreibt: “Bestimmt waren es hungerleidende Unterprivilegierte und nicht etwa Menschen, die von Mami schön mit Bio-Breichen gefüttert und im SUV zum Musikunterricht gefahren wurden.” Bei N24 war heute morgen eine Anwohnerin zu vernehmen, die mit Blick auf die Krawalle irgendetwas von einem “Holocaust” faselte. “Nein!”, möchte man ganz laut rufen. Jene, die im Holocaust ihr leben ließen, die konnten sich das Ganze nicht aussuchen. Aber ihr politischen Einfaltspinsel wählte immer wieder jene Leute, die anschließend mit eurem Steuergeld Schwerverbrecher unterstützen, die euch dann später die Bude über`m Kopp anzünden. Dieses Land hat fertig. Und jeder, der noch bei Verstand ist, konnte es kommen sehen. Und leider bekommt man jene, die hierzulande noch alle Tassen im Schrank haben, wohl in einem mittelgroßen Stadion unter.

Joe Haeusler@web.de / 08.07.2017

Hobby Hools mit Freizeitüberschuss und einer größtenteils umverteilungsfinanzierten Existenz?

Marcel Seiler / 08.07.2017

Während die Politik durch ihre Zensurgesetze die verbal-rationale Auseinandersetzung verhindert, billigt sie politische Gewalt. Bisher wird diese Entwicklung vom Wähler durchaus mitgetragen. Diese Generation von Wählern, die sich vorgenommen hatte, unbedingt “aus der Geschichte zu lernen”, hat leider aus der Geschichte das Falsche gelernt.

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