Burkhard Müller-Ullrich / 21.12.2016 / 10:55 / 5 / Seite ausdrucken

Der „mutmaßliche“ Anschlag - Wie man den Terror sprachlich verpackt

Einerseits sind Medienleute zu bedauern. Wie sie es auch machen, das Publikum ist unzufrieden. Berichten sie stundenlang live, ohne daß es viel zu sagen gibt, werden ihnen sinnloses Auswalzen von Banalitäten und ständiges Wiederholen von Vermutungen vorgeworfen. Unterbrechen sie ihre Programme nicht durch hastig aufgeschaltete Sondersendungen, wird ihnen professionelles Versagen vorgeworfen.

Andererseits gehört es zu den Vorzügen des Journalistenberufs, daß man ständig mit Neuem und Unvorhergesehenem zu tun hat. Man weiß nie, was der Tag bringt und was als nächstes passiert. Aber man muß immer irgendwie reagieren, und zwar unter erheblichem Zeitdruck. Der hat sich in den letzten Jahren durch die elektronische Jedermannsvernetzung spürbar verschärft.

Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, daß der Berichterstattung im Fall von sich überschlagenden Ereignissen wie Attentaten oder Katastrophen eine doppelte Angst zugrunde liegt: die Angst, etwas Falsches zu sagen, und die Angst, sich durch Trägheit zu blamieren. Ein perfekter Ausdruck dieser Angst ist die Verwendung der Vokabel „mutmaßlich“.

Einen großen Bogen um das Naheliegende machen

Wenn es heißt, ein mutmaßlicher Täter habe einen mutmaßlichen Terroranschlag mit einem mutmaßlich islamistischen Hintergrund verübt, dann deutet diese Wortwahl allerdings auf mehr und anderes hin als bloß professionelle Vorsicht. Es geht vielmehr darum, einen besonders großen Bogen um das Naheliegende zu machen und sich zugleich als besonders verantwortungsvoll zu geben. Denn als verantwortungslos gilt es – zu Recht! –, Nachrichten ungeprüft in die Welt zu setzen und sich in Spekulationen zu ergehen.

Doch zwischen dem vorschnellen Verbreiten von Falschmeldungen und dem Warten auf irgendwelche offiziellen Bestätigungen verläuft ein schmaler Grat journalistischer Vernunft, der immer seltener begangen wird. Dazu gehört, daß man der eigenen Urteilskraft in gesundem Maße vertraut. Wenn ein LKW mit ausgeschalteten Scheinwerfern und hoher Geschwindigkeit in einen großstädtischen Weihnachtsmarkt donnert, verbietet es sich im Winter 2016 einfach, im Fernsehen stundenlang über die theoretische Möglichkeit eines Unfalls zu räsonieren.

Genau darin bestand aber das Hauptanliegen der meisten diensthabenden Kollegen am Montagabend. Die ZDF-heute-Redaktion zeigte bereits um 20.58 Uhr mit folgendem Tweet, wozu sie fähig ist: „Gegen 20 Uhr ereignete sich der Unfall. Ein polnischer LKW-Fahrer ist in die Menschenmenge gerast.“ Abgesehen von der erstaunlichen Behendigkeit, mit der auf die polnische Nationalität des vermeintlichen Täters hingewiesen wurde, während man bei Arabern und Afrikanern mit derlei Angaben stets äußerst zurückhaltend umgeht, war die Bezeichnung „Unfall“ bereits zu diesem Zeitpunkt empörend.

Das Offensichtliche wegwünschen

Da allerdings selbst der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) noch um 22.23 Uhr erklärte: „Der Tathergang spricht sowohl für einen Unfall als auch für einen Anschlag“, wird man dem völlig kopf- und hilflosen ARD-Moderator Ingo Zamperoni nachzusehen haben, daß er um 22.18 Uhr ebenfalls von der „Möglichkeit eines tragischen Unfalls“ redete. Und selbst am Mittwochmorgen, 36 Stunden nach dem Massenmord, begannen die Radionachrichten des Westdeutschen Rundfunks mit dem „mutmaßlichen Anschlag“.

Bis zum Geht-nicht-mehr versuchen alle, das Offensichtliche wegzuwünschen. Es ist durchaus begreiflich. Unter dem Eindruck solch gräßlicher Geschehnisse klammert man sich eng an die amtlichen Gerüste der Gewißheit. Doch wie lange muß ein Terroranschlag ein mutmaßlicher bleiben, beziehungsweise ab wann ist er kein mutmaßlicher mehr? Wenn es die Polizei verkündet oder die Regierung oder der IS?

Es erregt Mißtrauen, wenn Journalisten die Fakten mit relativierenden und distanzierenden Begriffen wie „mutmaßlich“ versehen. Wenn sie dabei auch noch die Berufsethik bemühen, um Terror so lange nicht beim Namen nennen, bis es ihnen von höherer Stelle gestattet wird, braucht man sich nicht zu wundern, daß Glaubwürdigkeit zum großen Problem dieser Zunft wird. Denn die Allgemeinheit versteht die Sprache des Terrors auch ohne publizistische Lizenz recht gut und recht schnell.

Leserpost (5)
Gernot Radtke / 21.12.2016

Es handelt sich hier um einen Staatsjournalismus, der seine Seele nicht mutmaßlich, sondern ganz sicher an den Teufel öffentlicher Publikumsverdummung verkauft hat. Die Anchor-Men des ÖR erhalten m.W. Jahresgehälter von reichlich über einer halben Mio. In solch einem System fällt auch für die mutmaßenden Zuträger einiges ab.

Thomas Rädisch / 21.12.2016

Noch schlimmer war die Schlagzeile der taz: LKW tötet Menschen… Na klar, der LKW hat das ganz alleine beschlossen und in die Tat umgesetzt!

Werni Sägesser / 21.12.2016

Was wäre, wenn die Islamisten eine neue Taktik der Verwirrung anwenden würden? Der Attentäter schreit nicht mehr “allahuakbar” während des Anschlages, er hinterlässt sogar einen Brief, dass er fustriert gewesen sei und gibt alles Mögliche, ausser religiöse Gründe an.  Die Verwandten des Attentäters sagen, er sei überhaupt nicht religiös gewesen, die IS streitet ab etwas damit zu tun zu haben und redet von einer Kampagne gegen sie. Und alle Islamischen Organisationen sagen unisono das sei unislamisch. Was passiert dann? Werden dann all diese Fälle unter der Rubrik “Misteriöse Unfälle” abgelegt?! Obwohl ALLE Anschläge von Moslems begangen wurden!

Hans-Jürgen Müller / 21.12.2016

Dann ist doch der Begriff Lügenpresse vollkommen richtig.

Wolfgang Schmid / 21.12.2016

Das Offensichtliche ist noch viel Schlimmer: Der jetzt als Täter gesuchte war als islamistischer “Gefährder” überwacht worden, hatte über zehn Identitäten, war wegen Gewaltdelikten polizeibekannt und soll schon in Abschiebehaft gesessen haben.  ... Ein Abgrund von Staatsversagen!

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