Wolfram Weimer / 27.04.2017 / 09:00 / Foto: Reto Klar / 8 / Seite ausdrucken

Das Schneewittchen der AfD

Die AfD ist eine Partei giftiger, alter Männer, spießiger Professoren und rechtsnationaler Ossis. Soweit das Klischee. Die neue AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl ist das glatte Gegenteil. Alice Weidel ist jung, kosmopolitisch, lesbisch und Unternehmerin. Sie lebt am Bodensee mit ihrer Lebenspartnerin, einer Schweizer Film- und Fernsehproduzentin. Die beiden haben zwei Söhne – vier Jahre und vier Monate alt. Weidel ist Betriebswirtin, war Stipendiatin der Adenauer-Stiftung und schrieb ihre Doktorarbeit über “Das Rentensystem der Volksrepublik China: Reformoptionen aus ordnungstheoretischer Sicht zur Erhöhung der Risikoresistenz”.

Weidel arbeitete bei Goldman Sachs und Allianz Global Investors Europe in Frankfurt. Obendrein war sie sechs Jahre in China tätig und spricht die dort wichtigste Sprache Mandarin. Sie ist weltläufig und in vielen Auffassungen liberal und modern. Alice Weidel berät Internet-Start-Ups und könnte typologisch ebenso gut Sales-Strategin von Apple oder Innovations-Vorstand bei Siemens sein.

Kurzum: Weidel ist die neue Coole in einer hitzig aufgeladenen Partei. Sie nennen sie zuweilen “Schneewittchen” und ahnen nicht, dass sie damit selbst wie die bewundernden Zwerge wirken. Und doch hat die AfD mit ihr eine geschickte Wahl getroffen. Die Wirtschaftsliberale und der nationalkonservative Co-Spitzenkandidat Alexander Gauland decken die Flügel der Partei perfekt ab: Mann und Frau, alt und jung, knorrig und geschmeidig, Potsdam (Ost) und Bodensee (West). Zugleich ist die Krise um Frauke Petry damit sichtbar überwunden. Die Intrigen und Machtkämpfe sind der unglücklichen Parteivorsitzenden in die Schuhe geschoben, als sei Petry die böse Schwiegermutter und Weidel eben das reine Schneewittchen.

Die Medien reagieren für AfD-Verhältnisse ungewöhnlich positiv

Das Medienecho auf Weidels Nominierung ist für AfD-Verhältnisse ungewöhnlich positiv. Die Journalisten wähnen zwar eine neue Scharfmacherin, beobachten aber auch die habituellen Unterschiede zu anderen AfD-Politikern. Und doch wird sie es noch schwer haben. Ab sofort steht Weidel im Kreuzfeuer der öffentlichen Debatten um Migration und Islamismus. Bislang äußerte sich die 38 Jahre alte Ökonomin vorwiegend zu wirtschaftlichen Themen. So fordert sie Steuervereinfachungen, verteidigt das Bargeld oder will Griechenland, Spanien und Portugal aus der Euro-Zone entlassen. Als Eurokritikerin leitet sie den Bundesfachausschuss “Euro und Währung” ihrer Partei.

Nun aber nimmt sie den Kulturkampf an und attackiert Überfremdung und den Islam an sich. Sie verkündet in der “Jungen Freiheit”: “Das muslimische Gemeinwesen ist einzig und allein auf die Errichtung eines Gottesstaates ausgerichtet.” Auch auf dem Parteitag gab sie die laute Kulturkämpferin: “Heute müssen in unserem Lande christliche Feste mit Polizei, mit Maschinengewehren und Lkw-Barrieren geschützt werden.” Das sei ein Skandal, urteilte sie und forderte: “Ich will als Frau auch ohne Angst nachts noch die letzte S-Bahn nehmen können.” Der Bundesregierung warf sie die Aufgabe des Vaterlands durch eine unkontrollierte Massenmigration vor.

Sie folgt damit dem Tonfall Meuthens und Gaulands. Doch anders als die beiden hat sie keine Hausmacht in der Partei. Zwischen Meuthen und Weidel liegt der nächste AfD-Machtkampf bereits in der Luft. Dies zeigte sich Anfang März, als sie sich um den Vorsitz des baden-württembergischen Landesverbandes bewarb, jedoch nach der Intervention Meuthens durchfiel, Landesvorsitz und Bundestagsmandat seien zu viel für eine Person. Hernach warf sie Meuthen vor: “Du hast mich abgeschossen.” Nun ist die Abgeschossene von gestern die Prinzessin von heute. Und morgen das Ziel neuer Giftpfeile.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf  The European

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Leserpost (8)
Michael Lorenz / 27.04.2017

Es wird sich nun mal nicht ändern lassen, dass Politik üblicherweise von normalen Menschen mit Höhen, Tiefen, Fehlern, Ambitionen, Konkurrenzen ... etc. gemacht werden. Also werden wir auf dem Weg zu einer (wieder) echten Demokratie mit tatsächlicher Beteiligung des bislang nur so genannten “Souveräns” damit leben müssen. Immer noch besser, als diese traurigen, batteriebetriebenen Klatschhäschen einer Partei, die früher mal Werten - sogar christlichen- verpflichtet zu sein behauptete! Denn die sind nicht etwa ausgeglichener oder umgänglicher, vielmehr sind sie scheintot. Es eint sie, lediglich ein einziges Ziel zu verfolgen und somit auch um nichts mehr streiten zu müssen: den Platz am Fressnapf nicht zu verlieren. Und genau da sollen sie sich täuschen: schubsen wir sie da weg. Spätestens im Herbst!

A. Biermann / 27.04.2017

Da muss die AFD aber aufpassen, dass es sich nicht bis zu ihren Wählern herumspricht, dass ihr “Schneewittchen” eine “von denen da oben” ist. Sie erinnert mich an den Franzosen Macron: Jung, stramm neoliberal, vermeintlich “modern” und mit enger Anbindung an den Finanzsektor. Sie verkörpert damit exakt die wirtschaftsliberale Politik, die von großen Teilen der rechten Wählerschaft abgelehnt wird.  

Richard Loewe / 27.04.2017

schönes Märchen, Herr Weimer. Und die Moral der Geschichte ist auch die Richtige: es wird heftig diskutiert in der Bürgerbewegung AfD.  Ich glaube auch nicht, dass Frau Weidel eine Kohorte in der AfD hat, aber gewählt worden ist sie trotzdem. Zu Weidels Äußerungen zur Sicherheit: das World Economic Forum attestiert Deutschland in Sachen Sicherheit den Absturz von einem sicheren europäischen Land (Platz 5 im Vorjahr) zu einen relativ sicheren afrikanischem Land (Platz 51). In einem Jahr. Was ist in dem Jahr passiert! Ach ja: der Massenimport des islam. Und somit wird klar, warum der Weg von Wirtschaft zu Sicherheit nicht nur für Frau Weidel über den islam führt.

JF Lupus / 27.04.2017

Egal wieviel Gegenwind man erhält: man muss eindeutig und offen Stellung gegen den Islam und die ungehinderte Zuwanderung beziehen.  Wer sich nicht offen gegen den Islam stellt, unterstützt (auch durch Unterlassung) die Islamisierung Deutschlands und Europas.

Wolfgang Schmid / 27.04.2017

Wie damals bei den Grünen: Alle Spinner dieser Republik versammeln und streiten sich - und am Ende übernehmen Alphamännchen wie Prof.hc.Dr.hc.mult. Joseph Fischer (ehemals “Joschka, der Turnschuh”) das Ruder und machen Realpolitik. Die AfD zeigt jetzt schon Wirkung durch ihre pure Präsenz - mal schauen, ob sie in 20 Jahren auch den Vizekanzler stellen wird…

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