Burkhard Müller-Ullrich / 22.10.2012 / 22:45 / 0 / Seite ausdrucken

Breiviks goldene Worte

Was für ein Jammer, daß Mohammed Atta so wenig geschrieben und gesagt hat. Seine Manifeste und Deklarationen würden bestimmt auf Podien und Bühnen vorgelesen, denn manche Theaterleute gieren geradezu nach solchem Stoff. Auch die Äußerungen von Klaus Barbie, Osama bin Laden und Carlos wurden noch längst nicht ausreichend deklamiert, inszeniert und publiziert – und mit dem Massenmörder von Utoya stehen wir erst am Anfang der künstlerischen Verwurstung.

Die erfolgt natürlich ganz und gar im Zeichen des Abscheus und zum Zwecke der Verdammung. Das ist ungefähr so überzeugend wie bei jener Boulevardzeitung, die auf einer ganzen Seite irgendwelche anstößigen Bilder druckte, und zwar unter der Überschrift: „Solche Bilder wollen wir nicht sehen!“ Bloß daß der Tanz mit dem bösen Text stets als Aufklärung ausgegeben wird.

Aufklärung worüber? Über das Krankheitsbild der Schizophrenie? Mitnichten! Vor allem geht es den Theaterleuten darum, aufzudecken, daß manches von dem, was Breivik schreibt, in breiten Kreisen der Bevölkerung durchaus zustimmungsfähig ist. Haben also breite Kreise der Bevölkerung den Massenmörder Breivik hervorgebracht? In Norwegen oder gar hierzulande? Wer so argumentiert, liefert jede Art von Wahrheit an die Wahnsinnigen aus. Denn daraus folgt ja, daß jede politische Meinung moralisch erledigt ist, sobald ein verrückter Gewalttäter sie auch äußert.

Aber es steckt noch etwas anderes hinter dieser vielfachen Aufführung von Breiviks Worten, und das läßt tief in die Seele der Theaterleute blicken. Nicht wegen der Sensationsgier, nicht wegen der ideologischen Borniertheit des Unterfangens, sondern weil es das Berufsethos betrifft. Denn dieser auf der Bühne präsentierte Text soll ja keineswegs in seinem ursprünglichen Sinne wirken. Niemand will Breivik eine Plattform bieten; im Gegenteil: der Text soll unschädlich gemacht werden.

Früher war das Schauspiel der Ort, wo das Wort die höchste Kraft entfaltete. Jeder Text bekam durch die Stimme dessen, der ihn vortrug, Gewicht und Gewalt. Heute gehen die Theaterleute davon aus, daß es keine effizientere Methode gibt, um einen Text zu ruinieren und zu destruieren, als dessen Vortrag auf einer Bühne. Offenbar sind die Theater in den Augen ihrer Macher zu Instituten der Textvernichtung geworden. Das steht als Vermutung zwar schon lange im Raum, aber jetzt haben wir einen Beweis.

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