Gastautor / 13.01.2013 / 22:58 / 0 / Seite ausdrucken

“Der Antisemitismus ist kein Wahnsinn, auch wenn er als solcher erscheint”

Anja T.


Hallo Herr Broder,

ich habe vor ein paar tagen Ihren offenen Brief an den Antisemiten Augustein gelesen. Was Augustein angeht, bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber der Teil des Briefes, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht, ist die Frage, ob der Antisemitismus eine (Geistes)-Krankheit ist.

Da ich - klinisch gesehen - selbst als verrückt gelte und weder Antisemiten noch Gutmenschen ausstehen kann, habe ich mir über diese Frage ein paar Gedanken gemacht.

Falls es sich beim Antisemitismus um eine Geisteskrankheit handelt, so ist sie im “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders” noch nicht als solche aufgeführt.

Die erste Frage wäre: Zu welcher Kategorie der Geisteskrankheiten soll der Antisemitismus gezählt werden? Am ehesten noch zu den Psychosen, denn Wahn und Paranoia begleiten den Antisemiten von Anfang an. Vielleicht noch zu den Persönlichkeitsstörungen, aber die sind so breit gefächert, dass ich keine große Lust habe, darauf weiter einzugehen.

In vielerlei Hinsicht könnte man den Antisemitismus zu den Suchterkrankungen zählen. Dabei könnte man darüber nachdenken, ob es sich auch um eine stoffgebundene Sucht handelt. Der Stoff wären dann wohl die Juden. Aber der Antisemitismus ähnelt am meisten Ess-Störungen, die auch zu den Sucht- und Zwangserkrankungen zählen: Menschen mit Anorexie und Bulimie verteufeln Nahrungsmittel und sind doch den ganzen Tag mit ihnen beschäftigt. So in etwa ist es doch auch mit den Antisemiten. Die Juden geistern den ganzen Tag in ihren Köpfen herum. Sie können die Juden nicht ausstehen - und trotzdem können sie nicht aufhören, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Man könnte zahllose Symptome nennen, an denen Antisemiten leiden, doch das wäre sinnlos, denn: Antisemiten leiden nicht! Und das ist genau der Punkt: Antisemiten sind weder verrückt noch krank, weil ihre Symptome ihnen keinen Leidensdruck verursachen.

Jeder Verrückte leidet früher oder später enorm unter seiner Erkrankung oder stirbt sogar daran. Depressive und Persönlichkeitsgestörte leiden eigentlich von Anfang an, der Schizophrene spätestens dann, wenn er sich auf einem Fixierbett auf der geschlossenen Psychiatrie wieder findet.


Also ist der Antisemitismus kein Wahnsinn, auch wenn er als solcher erscheint.

Was ist es dann, das gesunde und intelligente Menschen dazu bringt, so zu werden? Ich habe einige Antisemiten kennen gelernt, teilweise Mitglieder meiner eigenen Familie, und die hatten alle ein so unglaublich gutes Gewissen, das ich ihnen am liebsten vor die Füße gekotzt hätte.

Wie kann man die israelische Armee eine Mörderbande nennen und gleichzeitig die Hamas für einen Schmusebären halten?! Wie kann man an den Holocaust erinnern, dabei diverse Gruselkabinette aufsuchen (Auschwitz, Dachau etc.) und im selben Atemzug den Raketenbeschuss aus Gaza auf Israel verharmlosen oder sogar für die logische Konsequenz der Politik Israels halten? Nicht zu vergessen: Die Erfindung des “Genozids” an den Palästinensern oder die Geschichte mit Ahmadinedschad.

Wie kann es sein, dass normale Menschen sich so irrational verhalten? Keine Ahnung. Als amtlich anerkannte Verrückte bin ich eine Meisterin der Irrationalität, aber der Antisemitismus ist und bleibt mir schleierhaft.

Ich bin jetzt 24 und beschäftige mich nun seit einiger Zeit mit dem Thema. Auch ich hatte ideologische Entgleisungen. Mit 13 oder 14 habe ich den Schrott von Michael Moore gelesen und mich damit furchtbar gut gefühlt. Glücklicherweise kann ich diese Peinlichkeit mit meinem damaligen Alter entschuldigen. Einige Diskussionen mit meinem Vater später war ich von meinem Antiamerikanismus geheilt.

Eigentlich geht es den Menschen am besten, die sich überhaupt nicht mit diesen Themen befassen und richtigen Hobbys nachgehen. Aber viele Menschen, egal ob Antisemiten oder Philosemiten (Möchtegernjuden), haben eine Leidenschaft für Juden. Mir geht’s da nicht anders. Wer interessiert sich denn bitte für Nordkorea, Sudan oder Tibet? Ja, eben. Keiner.

Ich selbst lebe in einer betreuten WG und bin ständig von meinen verrückten Mitbewohnern umgeben. Aber ehrlich gesagt sind mir tausend Verrückte lieber als auch nur ein Antisemit.

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