Walter Krämer / 28.02.2020 / 16:00 / 5 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Lungenkrebs-Screening rettet Leben

Die „ÄrzteZeitung“ gibt bekannt: „Lungenkrebs-Screening per Low-dose-CT rettet Leben“. Springer Medizin berichtet, CT-Screening reduziere die Lungenkrebssterblichkeit um 24 Prozent bei Männern, bei Frauen sogar um 35 Prozent. Der Standard empfiehlt: „Raucher in die Röhre schicken“, denn vor allem diese würden von der Low-Dose-Computertomografie als Früherkennungsmaßnahme profitieren. „Das wären für Österreich mehr als 1.000 gerettete Menschenleben jährlich“, erklärt APA-Science. Eine Flut von Pressemeldungen erklärt, dass nun bewiesen sei, dass Lungenkrebs-Screening Leben rette und man deshalb für die flächendeckende Einführung Milliarden ausgeben sollte.

Diese enthusiastischen Meldungen beziehen sich auf die NELSON-Studie (de Koning, The New England Journal of Medicine 2020), an der 13.195 Männer (und 2.594 Frauen) zwischen 50 und 74 Jahren teilnahmen. Alle waren derzeit oder früher einmal Raucher. Sie wurden zufällig in Gruppen aufgeteilt; die einen erhielten Screening auf Lungenkrebs mit CT (Computertomographie), die anderen nicht. Nach zehn Jahren wurde ermittelt, ob Leben gerettet wurden. Was war das Ergebnis?

Die Ergebnisse der NELSON-Studie kann man einfach verständlich machen, indem man je 1.000 Personen in der Screening- und in der Kontrollgruppe betrachtet. Sehen wir uns einmal die Männer an. Nach zehn Jahren waren 24 Männer mit der Diagnose Lungenkrebs in der Screening-Gruppe gestorben, in der Kontroll-Gruppe waren es 32. Das ist der berichtete Wert einer um 25 Prozent verringerten Sterblichkeit. Keines der genannten Medien berichtete jedoch, dass in der Kontrollgruppe insgesamt 130 Personen starben und in der Screening-Gruppe 132 (in der Zusammenfassung der NELSON-Studie wird das auch nicht erwähnt). Im Klartext heißt das, insgesamt wurde kein Leben gerettet. In der Screening-Gruppe starben zwar weniger Menschen mit der Diagnose Lungenkrebs, dafür mehr mit einer anderen Krebsdiagnose.

Insgesamt gab es keinen Unterschied. Die Anzahl der Menschen, die an Krebs (einschließlich Lungenkrebs) verstorben sind, ist die zuverlässigere Größe, genau wie die Gesamtsterblichkeit. Die spezifische Todesursache ist oft schwer festzustellen, beispielsweise wenn eine Person gleichzeitig Krebs in mehreren Organen hat. Die Autoren der NELSON-Studie berichten selbst, dass die Experten bei der Beurteilung, ob die Todesursache Lungenkrebs war, nur in 86 Prozent der Fälle übereinstimmten. Unter den Männern, die sich einem Lungenkrebs-Screening mit CT unterzogen hatten, starben genauso viele an Krebs (einschließlich Lungenkrebs) wie unter jenen ohne Screening. Weder in der Krebssterblichkeit noch in der Gesamtsterblichkeit hat die NELSON-Studie einen signifikanten Unterschied gefunden.

Berichterstattung sollte auch Gesamtsterblichkeit erwähnen

Wie würde eine ehrliche Berichterstattung aussehen? Etwa so: „Die NELSON-Studie zeigte, dass von je 1.000 Männern in der Screening-Gruppe acht weniger mit der Diagnose Lungenkrebs verstorben sind (von 32 auf 24). Dafür starben in der Screening-Gruppe mehr Personen mit einer anderen Krebsdiagnose, und auch die Gesamtsterblichkeit war gleich. Es gibt keinen Beleg, dass Lungenkrebs-Screening Leben rettet.“

Die derzeit gefeierte NELSON-Studie ist nur eine Episode in einer langen Geschichte der Irreführung der Öffentlichkeit über den Nutzen von Krebs-Screening. Es ist bis heute kein einziges Krebs-Screening bekannt, das die Krebssterblichkeit (alle Krebse) oder die Gesamtsterblichkeit reduziert (V. Prasad, British Medical Journal, 2016, 352). Ein flächendeckendes Lungenkrebs-Screening würde jährlich Milliarden kosten, die man an anderer Stelle braucht. Schlimmer noch: Diese Investition würde den Patienten nichts nützen. Vorsorge hilft, Früherkennung kaum. Wenn man bereits in den Schulen junge Menschen risikokompetent machen würde, so dass sie verstehen, wie sie später zum Rauchen verführt werden, würde das wirklich Leben retten. Bildung ist die beste Vorsorge. Aber dafür wird kaum Geld bereitgestellt.

 

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de und unter dem Twitter-Account @unstatistik.

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Leserpost

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F. Auerbacher / 28.02.2020

Sehr geehrter, hochgeschätzter Herr Prof. Krämer. Ich schätze Ihre Beiträge sehr und vertraue absolut auf Ihre Kenntnis statistischer Methoden. Aber, bitte, schreiben Sie nicht so einen Unsinn: “Bildung ist die beste Vorsorge. Aber dafür wird kaum Geld bereitgestellt.” Kann man dem ersten Satz noch mit einigen Bedenken zustimmen, so muss dem zweiten absolut widersprochen werden. Der Staat schüttet Unmengen von Geld in die Bildung, laut statista ca. 140 Mrd. Euro pro Jahr. Diese Summe als “kaum Geld” zu bezeichnen, ist schon frivol.

Till frohnmueller / 28.02.2020

Ich halte Statistik für die einzige Möglichkeit manche Dinge zu bewerten. Z.b. Dosis Wirksamkeit Risiko usw. Ich kann diese Studie nicht bewerten, weil ich nur den Abstract gelesen habe. Mir drängt sich aber ein Verdacht auf: Auch wenn eine Studie qualitativ hochwertig ist, kann sie falsch interpretiert werden. Von den Medien (versteht der durchschnittliche Journalist was es mit einem statistische Tests auf sich hat?) oder von Menschen mit Interessen(Lobby) oder Leuten die es nicht besser wissen. Beispiele für fehlinterpretiert Statistik gibt es reichlich.

F. Hoffmann / 28.02.2020

Achja, es stirbt nicht aus, das Problem mit der relativen und der absoluten Risikoreduktion. Man sollte meinen, daß dieses Pferd schon x-mal zu Tode geritten wurde. Aber für die Medien reicht´s immer noch…

Dr Martin Treiber / 28.02.2020

Selbst ohne den ausgleichende Effekt der anderen Krebsarten (was ist da eigentlich der Mechanismus? ) krankt (sic) die Studie, zumindest so, wie sie hier dargestellt wurde, an Signifikanz. Insgesamt wurden etwas mehr als 16000 Personen beobachtet, also 8000 für die CT und 8000 in der Kontrollgruppe. Also sind nach den Angaben hier in der CT Gruppe insgesamt etwa (32-24)*8=64 weniger Personen an Lungenkrebs gestorben als in der Kontrollgruppe. Ein Zweistichproben-Differenztest unverbundener Stichproben (hier das geeignete Wekzeug) würde bei dieswe Datenlage keine Signifikanz liefern. Eine Entzerrung, z.B mit Hilfe der bekannten Frauenanreile, bringt auch nicht wirklich viel. Was fehlt hier? Ich kann nicht glauben, dass es so ein Paper durch den Peer Review Prozess geschafft hat! Ist die Studie überhaupt doppelblind? Andernfalls wäre ein CT Verfechter versucht, bei multiplen Krebs ( solls geben) auf Lungen- statt auf anderen Krebs zu diagnostizieren oder allgemein bei Todesfällen nochmal genauer nachzuschauen, ob nicht doch ein klitzekleiner Lungenkrebs im Anfangsstadium zu finden wäre…

Marion Sönnichsen / 28.02.2020

Danke für die Information! Hochinteressant! Man kann von Prof. Lauterbach (SPD) halten, was man will, aber vom Mammografie-Screening hat er sich 2014 distanziert, indem er sagte, dass nach aktuellem wissenschaftlich Kenntnisstand das Screening mehr schade, denn es nutzt. Er hat sich damit korrigiert. Er sagt die Wahrheit. Die Fähigkeit zur Korrektur, das können nicht viele Politiker. Hut ab vor dieser Positionierung zum Mammografie Screening! Es ist nie gelungen eine Senkung der Brustkrebssterblichkeit durch das Mammografie-Screening nachzuweisen. Wenn man den aktuellen Kenntnisstand der Molekulargenetik zu Grunde legt, dann ist nicht nur das Ziel verfehlt, sondern kehrt sich ins Gegenteil; der worst-case kann formuliert werden: Das Screening könnte die Brustkrebssterblichkeit nicht senken, sondern erhöhen. Das hat Lauterbach, der diese Materie sehr gut kennt, erkannt. Er handelt hier ausgesprochen verantwortungsbewusst. Es hat Lauterbach allerdings die Karriere gekostet, denn das Aussprechen der Wahrheit hat seiner Fraktion sicherlich missfallen. Er wurde sofort als gesundheitspolitischer Sprecher durch Hilde Mattheis ersetzt. Gebranntes Kind scheut das Feuer. Wenn man seine weitere Entwicklung verfolgt, so beugt er sich nunmehr der Fraktion, trifft die falschen Entscheidungen wie beispielsweise zum Juso-Beschluss Abtreibung bis zum 9. Monat. Und er weiß es. Genau das ist das Problem. Journalisten und Politiker der Altparteien haben einfach kein Rückgrat mehr und handeln verantwortungslos.

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