Rainer Grell / 25.05.2017 / 15:19 / Foto: Parpan05 / 10 / Seite ausdrucken

Gott, die Kirche und ich (1)

Die verrücktesten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. Da geht der amerikanische Linguist und Missionar Daniel Everett im Alter von 26 Jahren mit Frau und Kindern zu den Pirahã-Indianern (sprich Pi-da-HAN), um deren Sprache zu lernen und das 300 Menschen umfassende Völkchen am Amazonas im Auftrag der evangelikalen Kirchen in den Vereinigten Staaten zum Christentum zu bekehren. In einem Zeitraum von drei Jahrzehnte hat er insgesamt sieben Jahre bei diesem Naturvolk gelebt. Am Ende kehrte er als geschiedener Atheist in die Zivilisation zurück und fasste seine Erlebnisse und Erfahrungen in einem Buch mit dem deutschen Titel „Das glücklichste Volk“ zusammen (DVA 2010).

Eine seiner liebsten Arten des Gutenachtsagens war die Formel „Schlaf nicht, hier gibt es Schlangen.“ Und so lautet auch der amerikanische Titel seines Buches: „Don’t Sleep, There are Snakes. Life and Language in the Amazonian Jungle“ (Pantheon 2008). Sein Fazit lautet: „Die Pirahã haben mir gezeigt, dass es Würde und tiefe Zufriedenheit mit sich bringt, wenn man sich ohne den Trost des Himmels und ohne Angst vor der Hölle mit Leben und Tod auseinandersetzt und dem großen Abgrund mit einem Lächeln entgegengeht. Solche Dinge habe ich von den Pirahã gelernt, und dafür werde ich ihnen dankbar sein, solange ich lebe.“

Das war eine ziemlich aufwändige Art des Lernens und Erkennens. Stattdessen hätte er auch diesen Vierzeiler (Rubā’ī) des persischen Philosophen, Dichters und Astronomen Omar Chajjam (1048-1131) lesen und beherzigen können (Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers, Insel 12. Aufl. 1990 Nr. 100):

In Kirchen und Moscheen und Synagogen
wird man um seiner Seele Ruh betrogen.
Doch dem, der der Natur Geheimnis ahnt
wird keine Angst vorm Jenseits vorgelogen.

Aber so ist es nun mal: Die einfachste Erkenntnis gewinnt man eben oft erst nach langem, manchmal jahrzehntelangem Bemühen. Ich bin, Sie ahnen es schon, kein gläubiger Mensch. Allerdings würde ich mich nicht als Atheisten bezeichnen. Das überlasse ich anderen wie zum Beispiel Patrick Bahners („Die Panikmacher“, Beck 2011, Seite 202). Meine religiöse Einstellung würde ich vielmehr so beschreiben:

„Einen Gott, der die Objekte seines Schaffens belohnt und bestraft, der überhaupt einen Willen hat nach Art desjenigen, den wir an uns selbst erleben, kann ich mir nicht einbilden. Auch ein Individuum, das seinen körperlichen Tod überdauert, mag und kann ich mir nicht denken; mögen schwache Seelen aus Angst oder lächerlichem Egoismus solche Gedanken nähren. Mir genügt das Mysterium der Ewigkeit und die Ahnung von dem wunderbaren Bau des Seienden sowie das ergebene Streben nach dem Begreifen eines noch so winzigen Teils der in der Natur sich manifestierenden Vernunft.“

Vor dem Zweifler und Skeptiker

Bereits nach den ersten Zeilen haben Sie natürlich gemerkt, dass dieser Text nicht von mir stammt. Es handelt sich vielmehr um die Schlusspassage einer Betrachtung von Albert Einstein „Wie ich die Welt sehe“ (Albert Einstein, Mein Weltbild, hrsg. von Carl Seelig, Ullstein 2001). An anderer Stelle schrieb Einstein über die Religiosität des Forschers, sie liegt „im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine so überlegene Vernunft offenbart, daß alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens daneben ein gänzlich nichtiger Abglanz ist.“

Nun fühle ich mich zwar mitnichten als Forscher, doch das verzückte Staunen, von dem Einstein spricht, überkommt mich jedes Jahr aufs Neue, wenn Krokusse, Schneeglöckchen, Hyazinthen und Tulpen in unserem Garten aus dem Boden sprießen und die Rhododendren und der Flieder in Blüte stehen gefolgt von Rosen, Hortensien, Clematis und Hibiskus. Und auch das frische Grüne neben dem braunen Laub im nahegelegenen Wald erzeugt in mir ein Gefühl, das manch einer als religiös bezeichnen würde. Oder als unsere beiden Töchter und später unsere vier Enkeltöchter geboren wurden. Alle gesund. Ein Wunder – auch ohne Gott!

Dabei war mir keineswegs in die Wiege gelegt, dass ich ein Zweifler und Skeptiker und am Ende ein Ungläubiger werden würde. Im Gegenteil, ich wurde in der evangelischen Dorfkirche von Treblin/Pommern (heute Trzebielino/Polen) getauft, von meiner Mutter christlich erzogen (der Vater fiel in Russland als ich neun Monate alt war), ging zur Konfirmation und war Mitglied der (evangelischen) Christlichen Pfadfinderschaft (CP). Noch heute halte ich allerdings die Bibel für eines der bemerkenswertesten Bücher, die je geschrieben wurden. Die Passagen, die Himmel und Hölle betreffen, überblättere ich einfach, aber Sätze wie „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ oder „Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ oder „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ – beeindrucken durch ihre Knappheit und Tiefe.

Es sagt sich so leicht hin, man glaube nicht an Gott, man sei Agnostiker oder gar, mit George Bernard Shaw: “I'm an atheist and I thank God for it.“ (Ich bin Atheist, Gott sei Dank). Für jemanden, der ohne christliche Erziehung aufgewachsen ist, mag das kein Problem sein. Wer aber erst später, sagen wir mit 20, zu dieser Einstellung gekommen ist, der kann die Wirkung der davor liegenden Zeit nicht so ohne weiteres abschütteln. Diese Erkenntnis habe ich schon lange, aber erst kürzlich bekam ich sie von keinem Geringeren als Umberto Eco (1932 - 2016) bestätigt. Eco war nicht nur ein bekannter Romanautor („Der Name der Rose“, „Das Foucaultsche Pendel“), sondern auch ein ebenso bekannter Wissenschaftler: Von 1975 bis 2008 war er Professor für Semiotik, also der Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen aller Art befasst (z. B. Bilderschrift, Gestik, Formeln, Sprache, Verkehrszeichen; sehr lesenswert seine „Esperienze di traduzione“: „Quasi dasselbe mit anderen Worten“, Hanser 2006), an der Universität Bologna (der ältesten Universität Europas). Er hatte die Ehrendoktorwürde von 39 Universitäten aus der ganzen Welt.

In dem Buch „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ (dtv 1999) korrespondiert Eco mit dem italienischen Kardinal von Mailand Carlo Maria Martini (1927-2012) über grundlegende Fragen der Religion. Eine dieser Fragen, die Martini an Eco stellt, lautet: Worin liegt für Nichtgläubige, denen die Berufung auf einen personalen Gott und dessen Gebote verwehrt ist, „der tiefste und in gewisser Weise der absolute Grund ihres moralischen Handelns“?

Die "weltliche Religiosität"

Bevor Eco auf diese Frage eingeht, macht er eine äußerst interessante Bemerkung. Er schreibt:

„Nun aber macht es mich verlegen, meinerseits auf Ihre Frage zu antworten, denn meine Antwort wäre nur von Bedeutung, wenn ich eine areligiöse Erziehung genossen hätte. Ich war jedoch bis zu meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr (um den Moment eines Bruchs zu benennen) sehr stark vom Katholizismus geprägt. Die agnostische Perspektive ist für mich kein passiv aufgenommenes Erbe, sondern das leidvoll erkämpfte Ergebnis einer langen und langsamen inneren Wandlung, und ich bin mir nie sicher, ob nicht manche meiner moralischen Überzeugungen immer noch von der religiösen Prägung abhängen, die ich ursprünglich erfahren habe. In bereits vorgeschrittenem Alter habe ich einmal mitangesehen (in einer katholischen Universität außerhalb Italiens, die auch nichtkatholische Professoren einstellt, von denen sie lediglich formale Respektsbekundungen bei akademisch-religiösen Feiern verlangt), wie einige meiner Kollegen zur heiligen Kommunion gingen, ohne an die Transsubstantiation [die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi in der Heiligen Messe] zu glauben und daher auch ohne vorherige Beichte. Schaudernd verspürte ich, nach all den Jahren, noch immer den Schrecken des Sakrilegs.“

Diese Passage hat mich tief beeindruckt; denn sie gibt genau meine eigene Einstellung wieder, ohne dass ich zuvor in der Lage gewesen wäre, sie so anschaulich zu beschreiben. Wir bleiben eben unser Leben lang ein Produkt unserer Gene und unserer Erziehung.

„Dennoch glaube ich sagen zu können“, schreibt Eco weiter, „auf welchen Fundamenten heute meine ‚weltliche Religiosität‘ beruht – denn ich bin fest überzeugt, dass es Formen von Religiosität gibt, also Sinn für das Heilige, für die Grenze, für die Infragestellung und die Erwartung, für die Kommunion mit etwas, das uns übertrifft, auch wenn wir nicht an einen personalen und vorsorgenden Gott glauben.“

Eco leitet übrigens seine Begründung moralischen Handelns aus der Eigenschaft des Menschen als Gemeinschaftswesen ab (Aristoteles‘ Zoon politikon, ohne diesen Begriff und seinen Urheber allerdings zu erwähnen):

„Ohne den Blick und die Antwort des anderen können wir nicht begreifen, wer wir sind (so wie wir nicht leben können, ohne zu essen und zu schlafen).“ „Ohne den anerkennenden Blick eines anderen kann das Neugeborene, das im Wald ausgesetzt wird, nicht zu einem Menschen werden (oder es sucht den anderen, wie Tarzan, im Gesicht eines Affen), und wir würden sterben oder verrückt werden, wenn wir in einer Gemeinschaft leben müssten, in der ausnahmslos alle beschlossen hätten, uns nie anzusehen und sich so zu benehmen, als ob wir nicht existierten.“

Ich teile den Standpunkt von Eco, hätte Martini aber gefragt, warum ich eigentlich einen tiefsten und in gewisser Weise absoluten Grund meines moralischen Handelns brauche. Was heißt schon absolut? Die Geschichte zeigt doch, dass auch religiöse Regeln, die jahrhundertelang galten, eines Tages außer Kraft gesetzt werden – nicht von Gott, sondern von Menschen. Ich nenne nur die Strafbarkeit (und auch die kirchliche und soziale Ächtung) von Ehebruch, Homosexualität, Gotteslästerung, Häresie, Abtreibung; Inzest/“Blutschande“, § 173 StGB (Beischlaf zwischen Verwandten), wird derzeit diskutiert (in Frankreich wurde die Strafbarkeit von Inzest mit dem Code pénal von 1810 abgeschafft; ebenso in Belgien, den Niederlande, Luxemburg, Portugal, der Türkei, Japan, Argentinien, Brasilien). Ich hoffe, damit meine religiöse Haltung einigermaßen deutlich gemacht zu haben. 

Fortsetzung folgt

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Erwin Cords / 26.05.2017

Das sich die Religionsgemeinschaften nur deshalb halten können, weil sie ihre Möglichkeiten wahrnehmen, Kinder zu indoktrinieren, hat schon Arthur Schopenhauer klar erkannt: “Wenn nämlich dem Menschen, in früher Kindheit, gewisse Grundansichten und Lehren mit ungewohnter Feierlichkeit und mit der Miene des höchsten, bis dahin noch nie gesehenen Ernstes wiederholt vorgetragen werden, dabei die Möglichkeit eines Zweifels daran ganz über- gangen, oder aber nur berührt wird, um darauf als den ersten Schritt zum ewigen Verderben hinzudeuten; da wird der Eindruck so tief ausfallen, daß in der Regel, d. h. in fast allen Fällen, der Mensch beinahe so unfähig seyn wird, an jenen Lehren, wie an seiner eigenen Existenz, zu zweifeln; weshalb dann unter vielen Tausenden kaum Einer die Festigkeit des Geistes besitzen wird, sich ernstlich und aufrichtig zu fragen: ist Das wahr?” (Parerga und Paralipomena, Bd. II, S. 349).

Gertraude Wenz / 26.05.2017

Wäre es nicht furchtbar, wenn wir absolut gesetzte Regeln hätten, ein für allemal unveränderbar, egal welche Zeiten kommen? Mir reicht der Satz: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Und noch etwas, was gerne in einen Topf geworfen wird: Man darf eine allgemeine Gotteshypothese (für mich aber auch sehr unwahrscheinlich) nicht verwechseln mit dem konkreten Christentum, dessen Kern der Glaube an einen Gott ist, der mit ewigen Höllenqualen droht, wenn man nicht an seinen Sohn glaubt, den er selbst auf brutal-archaische Weise geopfert hat, um einem eben diese Höllenqualen zu ersparen. Ich begreife nicht, dass es heute noch Menschen gibt, die so etwas Absurdes glauben können.

Florian Bode / 26.05.2017

Die ewige Gewissheit wird von der EKD für die Silberlinge der zeitgeistigen Beliebtheit verhökert. Der Ev. Kirchtentag? Treffpunkt der “Guten” im Lande. Daher war Obamamamerkel vielleicht gar nicht so verkehrt am Platz. Wer Spiritualität jenseits von Dinkelkeks und Roibuschtee erfahren möchte, muss in der EKD lange suchen.

Dr. Steffen Hein / 25.05.2017

Wer sein Christentum verstanden hat, braucht es nicht hinter sich zu lassen, um Agnostiker zu werden. Denn Christen sind streng genommen Agnostiker. «Niemand hat Gott je gesehen», schreibt Johannes (1. Joh. 4,12). Die Philsophen und Theologen sprechen vom transzendenten Gott der Juden und Christen - was nichts anderes aussagt: Wir WISSEN nichts von Gott, allenfalls GLAUBEN wir (z.B. dass er «die Liebe ist», 1. Joh.4,9). «Deo quasi ignoto conjugimur» sagte schon Thomas v. Aquin [«wir sind mit einem quasi unbekannten Gott verbunden»]. Jede Verbildlichung oder Verdinglichung Gottes ist im Grunde Idolatrie bzw. Magie. Wir WISSEN nichts von Gott, es sei denn, er selbst teilte sich uns mit, dann aber können wir nur GLAUBEN.

Hans Jürgen Haubt / 25.05.2017

Im Laufe meines knapp 70-jährigen Lebens machte ich eine ähnliche Wandlung meines Gottes-, Kirchen- und Selbstbildes durch, wie sie von Rainer Grell beschrieben wird. Ich wurde jedoch nicht Atheist. Für mich wurden persönliche Schutzerfahrungen und die beiden Kernsätze christlichen Glaubens, der Nächsten- und Selbstliebe zum Motor meiner persönlichen und beruflichen Veränderungen: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“ (Markus 12, 29-31). Die Unterschiede zwischen kirchlicher Lehre und Praxis, die ich erlebte, ließen mich eine zunehmend größer werdende kritische Distanz zu den beiden großen christlichen Kirchen einnehmen. Erlebnisse, äußere und innere Erfahrungen machten mir bewusst, dass die Liebe ein großartiges Geschenk und Geheimnis ist, das mir von einer inneren Kraftquelle, von meinen Eltern, insbesondere von meiner Mutter und von anderen Menschen her zugewachsen ist und hoffentlich auch noch weiterhin zuwächst. Herbeizwingen und lenken konnte ich die Liebe nicht: Sie regte sich in mir jedoch immer wieder von selbst und reinigte mich (manchmal recht schmerzhaft) von innen her. Sie verschaffte sich dabei Zugang zu meinem Bewusstsein und Erleben und die notwendige Geltung. Der libanesische Dichter Khalil Gibran spricht von ihr: „Lenken können wir die Liebe nicht; denn diese lenkt, wenn sie uns für würdig hält, unseren Lauf. Sie hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.“ Viele Menschen sind wie ich in einer Kultur aufgewachsen, in der die Vorstellung eines verurteilenden und strafenden Gottes fest verankert war und leider noch immer verankert ist. Im Laufe meines Lebens gelang es mir, mich vom diesem, meine Kindheitserziehung prägenden Bild eines verurteilenden und strafenden Gottes, der alles vorbestimmt, sieht und mitbekommt, freizumachen. Es widerspricht total der Vorstellung eines uns Menschen liebenden Gottes, der uns seinen „Schutz und Schirm“ anbietet und uns durch das Leben und auch durch das Leid trägt, das unser Leben bereit halten kann. Der uns die Freiheit lässt, seiner Stimme zu folgen, uns für ihn zu entscheiden. Der uns begleitet, ohne uns zu beengen und einzuschüchtern. (s. Christian Eberlein in „Gedanken über den Psalm 91“). Diese gewandelte Vorstellung von Gott beeinflusste meine Entwicklung, mein Selbstwertgefühl, mein Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen positiv. Ich begann im Laufe der Zeit, Hemmungen, unnötige Schuldgefühle und Redescheu zu überwinden und auf die Mitmenschen zu- und einzugehen. Das Bild, das ich mir von einem liebenden, fürsorglichen und schützenden Gott verinnerlichte, veränderte meine Wertvorstellungen und die Art meines Handelns im täglichen Leben. Es entscheidet darüber, wie ich mit mir selbst und mit den anderen umgehe. Die entscheidenden Impulse für meine Veränderungen erfuhr ich in der liebenden Begegnung mit Menschen, in der Wertschätzung und Anerkennung, die ich durch sie erfuhr, in ihrer liebenden Zuwendung und Förderung mir gegenüber, die mir das Empfinden des Geliebt Werdens und tiefer Geborgenheit vermittelten. In mir wurde folgender Gedanke zur Glaubensgewissheit: Das „Reich Gottes“ oder die „neue Erde“, wie sie der Evangelist Johannes in seiner Apokalypse nennt, ist keine selige Örtlichkeit in den unendlichen Weiten des Universums. Vielmehr ist dies ein „himmlischer“ Zustand zwischen uns Menschen, in dem wir uns gegenseitig mit Liebe, Achtung, Aufmerksamkeit, Zuwendung, Ermunterung und wo nötig, mit Hilfestellungen begegnen; ein Zustand in dem wir echte Liebe, Freude, Glück und Sinnerfüllung finden und empfinden; ein Zustand, der sich schon heute ereignen kann und der sich tatsächlich immer wieder zwischen Menschen ereignet. Wenn wir so handeln, leben und erfahren, ist für uns auch „der Himmel offen“, in dem wir auf ewig die Verbundenheit mit Gott und seine Treue erleben und spüren. Liebe ermöglicht es, uns ungezwungen und frei von Ängsten, Überheblichkeits- und Minderwertigkeitsgefühlen zu begegnen. In liebender Zuwendung können wir uns gegenseitig achten, Wert schätzen, aufeinander eingehen, nachsichtig miteinander umgehen. Wir fühlen uns geborgen, angenommen und geliebt und sind in der Lage, anderen und uns selbst zu verzeihen, unsere materiellen Güter Wert zu schätzen und uns an ihnen zu erfreuen. Die Bitte im VATERUNSER „Dein Reich komme wie im Himmel so auf Erden“ drückt für mich den Wunsch nach Verwirklichung dieses Zustands zwischen uns Menschen auf Erden bereits während unseres Daseins aus und nicht erst in einer unbestimmten, fernen Zukunft. Allerdings müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass dieser Zustand auf Grund unserer menschlichen Unzulänglichkeiten und Mängel kein Dauerzustand ist, sondern unseres ständigen Bemühens und des Segens von oben bedarf. Mein Lebensweg und meine Erfahrungen zeigen mir, dass es möglich ist, Liebe, Freude, Glück und Sinnerfüllung im Leben zu finden, wenn wir uns für die Freude und das Glück entscheiden, unser Denken, Fühlen und Handeln darauf einstellen und uns aufmerksam und ohne Vorbehalte unseren Mitmenschen zuwenden. Zu glauben, dass dies ohne schmerzhafte Begleiterscheinungen im Leben zu erreichen ist, ohne Verabschiedung von Träumen und Illusionen, ohne Korrekturen unserer Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen, ist allerdings ein Irrtum. Ich bin mir jedoch sicher, dass auch Andersgläubige und Atheisten, die ihr Leben im Sinne von Barmherzigkeit und Nächstliebe führen, die gleichen Erfahrungen machen (können), wenn sie die nötige Ehrfurcht und Demut vor der Größe der Natur, vor dem Wunder und Geheimnis allen Lebens aufbringen und das Leben als ein kostbares, schützenswertes Gut betrachten und behandeln.

Wilfried Cremer / 25.05.2017

Die besagten religiösen Regeln sind nicht für alle außer Kraft gesetzt. Für mich z.B. gelten sie noch, Gott sei Dank!

Leo Hohensee / 25.05.2017

Erstaunlich um was alles sich Menschen Gedanken machen ... ich mir aber noch selten / kaum Gedanken gemacht habe und doch .. tief bewegt bin ! Die Erkenntnis, wie tief Prägungen greifen, war latent schon da. Jetzt habe ich sie mir “wieder” bewußt gemacht. Und geprägt sind auch all die Menschen, die in Deutschland / in Europa Hilfe suchen .... eine nicht zu lösende Aufgabe ! beste Grüße L.H.

Michael Jansen / 25.05.2017

An Stelle der mittlerweile überkommenen religiösen Gebote, die im letzten Absatz aufgeführt sind, wurden wir aber leider inzwischen mit neuen ewigen Wahrheiten beglückt, die uns neue Regeln auferlegen. Für den Fall der Nichtbefolgung dieser neuen Gebote wird uns ähnlich wie beim Jüngsten Gericht ein in ferner Zukunft liegender qualvoller Untergang prophezeit. Keine Kernkraft, sonst droht uns der Atomtod. Keine Plastiktüten im Supermarkt, sonst vergiften wir die Meere. Keine Nutzung fossiler Energie, sonst werden wir von der Klimakatastrophe dahingerafft. Es scheint als komme der Mensch nicht ohne Anleitung von oben aus, wenn er ein vermeintlich korrektes Leben führen will; selber denken scheint da jedenfalls zu stören.

Marcel Seiler / 25.05.2017

Gefällt mir! Ich glaube nicht an Gott, aber als einen Atheisten, mit dem kalten Unterton, der diesem Wort oft beigelegt wird, empfinde ich mich nun doch nicht. Wir werden in eine Gemeinschaft hinein geboren, und darauf hin hat die Natur uns programmiert; das prägt unsere Ethik. Der Untergang der verfassten Religionen im Westen ist deshalb ein Verlust, weil die Rituale verloren gehen, die uns helfen, das Geheimnis der Transzendenz zu erfahren.

Peter Zentner / 25.05.2017

Sehr geehrter Herr Grell, Sie mühen sich vergebens; denn auch Sie können Ihren Katholizismus, den Sie wie Umberto Eco schon mit der Muttermilch eingeflößt bekamen, nicht abschütteln. Klar: Die Kirchen, auch die protestantischen, öffnen ihre Tore für alles, was der wetterwendische Zeitgeist zur Mode macht. Aber sie machen die Erfahrung, dass mehr Schäfchen hinausgehen als hereinkommen. Dennoch bleiben sie dabei, von den Kanzeln nicht das Evangelium zu predigen, sondern politisch korrekte, generell glaubensferne Parolen. Papst Franziskus geht mit angepasst schlechtem Beispiel voran. Stört mich nicht wenig, aber nach den üblichen Ausflügen zu Buddismus, transzendentaler Meditation und Hermann Hesses Indien-Begeisterung (“Siddharta”) kehrte ich zurück, anfangs widerwillig. — Nun entdecke ich das Alte Testament wieder, “the best sex-and-crime story ever written”, wie ein Professor in Cambridge, von seinen Studenten innig geliebt, nicht müde wurde zu betonen. Das AT ist zwar viel älter, aber wir alle haben etwa 2000 Jahre Christentum in den Knochen, ob’s uns gefällt oder nicht, was auch Umberto Eco auffiel. Wie sagen die Briten so schön? “Blood is thicker than water.”

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