Henryk M. Broder / 18.11.2012 / 22:39 / 0

Wo Putz drauf steht, ist auch Putz drin

Vor inzwischen fast fünf Jahren, Ende Jänner 2008, schrieb ich für SPON einen Artikel über die Politik der Hamas in Gaza, die ein halbes Jahr zuvor, im Juni 2007, die “moderate” Fatah aus Gaza weggeputscht hatte. Kaum stand der Text online, beschwerte sich die ständige Mitarbeiterin von SPIEGEL online für Israel und die palästinensischen Gebiete, Ulrike Putz, über meinen Artikel im Allgemeinen und im Besonderen darüber, dass ich die Hamas als “Gang” bezeichnet hatte. Für den Fall, dass ich wieder über die Ereignisse in ihrem Beritt schreiben sollte, bot sie ihre kollegiale Hilfe an: Meine Texte vor Veröffentlichung gegen zu lesen. Die Antwort des zuständigen SPON-Redakteurs auf ihr Ansinnen fiel kurz und eindeutig aus. Kommt nicht in Frage, ebenso gut könnte ich verlangen, die Texte von Frau Putz gegenlesen zu wollen.

Diese Miniatur in journalistischer Integrität fiel mir bei der Lektüre der letzten Berichte von Frau Putz wieder ein. Wo Putz drauf steht, ist auch Putz drin. Zwar schreibt Frau Putz mittlerweile bei sich selbst ab, was man durchaus damit erklären kann, dass bei redundanten Ereignissen auch die Berichterstattung zur Redundanz neigt, aber sie tut jedesmal so, als habe sie gerade ein Geistesblitz getroffen. Im Juni 2008 berichtete sie,“wie Hamas und Israel den Waffenstillstand gefährden”, in den letzten Tagen hat sie über “Netanjahus brandgefährliche Strategie” laut nachgedacht und dem israelischen PM geraten, den Rückzug anzutreten.

Ja, Politik könnte so einfach sein, wenn Frau Putz nur das Sagen hätte! Sie wäre auch eine ideale Mediatorin, denn wenn es etwas gibt, worauf sie peinlich achtet, dann ist es die Äquidistanz zu den Objekten ihrer Berichterstattung. Hier die Hamas, eine Bande, die sich an die Macht geputscht hat, dort die israelische Regierung, deren Ministerpräsident “da sitzt…, wo er sich am liebsten sieht: vor laufenden Fernsehkameras” und sich “mit markigen Worten” an das israelische Volk wendet, um “beim Wahlvolk zu punkten”. Diesen Vorwurf kann man dem Führer der Hamas, Ismail Haniyeh, nicht machen, der sich in seinen unterirdischen Bunker verkrochen hat, von wo aus er seine Palästinenser aufruft, bis zum letzen Blutstropfen zu kämpfen, ohne “beim Wahlvolk” punkten zu wollen, denn er denkt nicht daran, Wahlen anzusetzen. Wozu sollte das auch gut sein? Aber: Einen solchen Mann einen Gangster und seine Regierung eine “Gang” zu nennen, das geht Frau Putz entschieden zu weit.

Wäre Frau Putz eine Polizeireporterin, würde sie die Kriminellen und die Kriminalen ebenso über einen Kamm scheren wie die Hamas und die israelische Regierung. Aber ihre theoretische “Äquidistanz” ist in der Realität eine klare Parteinahme - für die Hamas, die eine “Gang” zu nennen, sie unangemessen findet.

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