Gastautor / 29.01.2017 / 18:19 / Foto: Superbass / 9 / Seite ausdrucken

Warum die Burka verboten gehört!

Von Bassam Tibi.

Marokko, ein wichtiges islamisches Land, hat ein Verbot von «Herstellung, Verkauf und Vertrieb» der Burka eingeführt. Experten sind sich einig, dass diese Maßnahme nur der erste Schritt  zu einem völligen Verbot der Ganzkörperverschleierung im öffentlichen Raum ist.

Diese Nachricht mag im Westen Erstaunen auslösen, nicht aber in der Welt des Islam. Denn Marokko zählt neben Saudi- Arabien und Jordanien zu den wichtigsten drei Monarchien der islamischen Welt. Der König stammt aus der Familie des Propheten Mohammed. Hierdurch steht er noch höher in seiner islamischen Legitimität als der König von Saudi-Arabien, der keine Genealogie aus der Prophetenfamilie vorweisen kann. Der dritte König ist Abdullah von Jordanien, der ebenfalls aus der Familie des Propheten stammt. Die Ehefrauen beider Könige, die aus der Familie des Propheten stammen, also von Mohammed VI. und Abdullah II., tragen kein Kopftuch. Denn dies ist jenseits der Ideologie des Islamismus keine Pflicht im Islam.

Es geht hier nicht um ein Stück Textil beziehungsweise darum, ob diese Kopfbekleidung getragen werden soll oder nicht. Das ist nicht mein Thema. Hier geht es um Politik und um Macht, um ein Spiel, bei dem Frauen nur als Schachfiguren missbraucht werden.

Ich will gleich einleitend hervorheben, dass es in den religiösen Quellen des Islam keine allgemeingültige Vorschrift für das Tragen des Kopftuches gibt. Auch ist Kopftuch nicht gleich Kopftuch. Es gibt drei Formen: Erstens, das Kopftuch als Volkstracht vor allem in ländlichen Gebieten. Zweitens, die Kopfbedeckung aus religiösen Gründen. In der Regel sehr dezent. Drittens, die islamistische Uniform des strengen doppelten Kopftuches in Verbindung mit einem langen Mantel.

Die Burka, der Superlativ des Andersseins

Die türkische Wissenschaftlerin und Muslima Nilüfer Göle aus Istanbul schreibt über das islamistische Kopftuch: «Kein anderes Symbol kann mit solcher Wucht so schlagartig das Anderssein des Islam gegenüber dem Westen demonstrieren wie das Kopftuch [...] Die zeitgenössische Verschleierung der Frauen dient der weltanschaulichen Hervorhebung, dass die Grenzen zwischen der islamischen und der westlichen Zivilisation [...] unüberwindbar sind.» Dies schreibt Göle über das normale Kopftuch, bei dem  das Gesicht zu sehen ist. Die Burka als Ganzkörperbekleidung ist ein Superlativ hiervon.

Eigentlich ist die Burka eine Stammeskleidung afghanischer Frauen und hat mit dem Islam gar nichts zu tun. Zur Globalisierung gehört,  dass kulturelle Formen in einzelnen islamischen Ländern in andere übertragen werden.

Der 2013 verstorbene ägyptische Verfassungsrichter Muhammad Sa’id al-Ashmawi hat ein ganzes Buch mit dem Titel «Haqiqat al-Hijab» (Die Wahrheit über den Hijab) über diese Thematik geschrieben. Das Buch ging aus einem öffentlichen Dialog zwischen dem Verfassungsrichter al-Ashmawi und der Führung der Al-Azhar-Universität (der autoritativen Instanz des sunnitischen Islam) hervor.

Dabei stellte al-Ashmawi zweierlei fest. Erstens, dass es weder im Koran von Allah noch in den Hadithen des Propheten Mohammed eine eindeutige Vorschrift für eine verbindliche islamische Bekleidung,  einschließlich der Kopfbedeckung, gibt. Zweitens, dass «der Hijab ein politisches Symbol und keine religiöse Vorschrift ist. Politische Gruppierungen des Islamismus verwenden das Kopftuch als Uniform für ihre weiblichen Anhänger [...] Diese Gruppen des politischen Islam erzwingen das Kopftuch als Kleidung gegen die islamische Vorschrift im Koran, dass es keinen Zwang in der Religion geben darf.»

Der Islamismus, also der politische Islam oder der islamische Fundamentalismus, hat zwei Ausrichtungen: den institutionellen Islamismus wie etwa denjenigen der AKP in der Türkei, sowie den jihadistischen Islamismus, für den etwa die Terrororganisationen Al Qaida und der IS stehen. In Marokko existieren beide Richtungen: die friedliche und die gewaltförmige. Die institutionellen Islamisten Marokkos haben ihre eine Partei, die «Islamische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei». Sie stellt die stärkste Fraktion im Parlament. Der marokkanische König betreibt eine Appeasement-Politik durch Inklusion, er macht aber klar, dass die Teilhabe der Islamisten nichts daran ändert, dass er allein das Sagen hat.

Der König trägt den religiösen Titel Amir al-Muminin (Oberhaupt der Gläubigen). Er hat nicht nur die politische Führung, sondern auch die religiöse Autorität eines Imam. In Marokko heißt die heilige Trinität „al-Din al-Malik al-Wa- tan“ (Religion, König, Vaterland), die über der Autorität des Parlamentes steht.

Warum geht der kluge und politisch berechnende König Mohammed VI. aber plötzlich gegen die Burka vor? Vermutlich stehen zwei Gründe hinter der Entscheidung.

Eine Frage der Sicherheit

Es geht um die Sicherheit der Monarchie, und zwar ganz pragmatisch. Nach Geheimdienstinformationen kämpfen circa 1500 Marokkaner bei den Truppen des IS. Zu den Auflösungserscheinungen des IS gehört die Tatsache, dass einige Kämpfer nach Europa gehen und Asyl beantragen, andere, wohl die Mehrheit, in die Heimat zurückkehren. Dies würde nicht nur auf Marokko, sondern auf den gesamten Maghreb Auswirkungen haben. Denn Männer können mit der Burka als Frauen verkleidet agieren. Kein Sicherheitsbeamter kann eine Frau anfassen, weil eine Frau im Islam als  "haram" (etwas Verbotenes) gilt.

Über die direkte Gefährdung durch die Rückkehrer hinaus geht es aber auch um die Symbolik in der Politik. Die Burka ist das Symbol des Islamismus, und der König möchte ein klares Zeichen dagegen setzen. Von Marokko gehen mit der Entscheidung klare politische Signale in die benachbarten islamischen Länder Algerien, Tunesien und Ägypten, aber auch nach Europa.

In islamischen Ländern nennt man Diskussionen wie diejenigen, die in Europa über die Burka geführt werden, "byzantinisch". Am schlimmsten in Deutschland, wo im öffentlichen Narrativ ein Burka-Verbot als ein Angriff auf die Demokratie verfemt wird. Was verstehen Muslime unter «byzantinischem Geschwätz»?

Als islamisch-osmanische Heere 1453 die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, Konstantinopel, belagerten, haben byzantinische Mönche und Politiker sich in Klöster zurückgezogen und über mystische Formeln und Allegorien debattiert, so lange, bis die Muslime die Stadt einnahmen, islamisierten und dem Byzantinischen Reich ein Ende machten.

Byzantinisches Geschwätz ohne Bezug zur Wirklichkeit

In der Schule in Damaskus habe ich im Geschichtsunterricht gelernt, dass alle wertlosen Debatten der Selbstverleugnung mit dem Begriff «byzantinisches Geschwätz» belegt werden. In diesem Sinne ist auch die deutsche Burka-Diskussion ein «byzantinisches Geschwätz».

Unter den europäischen Links-Grünen, die die Politik Marokkos gegen die Burka als einen Angriff auf die Freiheit verurteilen, befinden sich auch viele Feministinnen. Diese verstehen nicht, dass die Frauen keine freie Kleiderwahl haben, sondern dass es bei der Burka um eine Politik des Missbrauchs der Frauen für die Strategie des Islamismus geht es. Auch verstehen europäische Feministinnen nicht, dass Staatssicherheit ein wichtiger Belang ist.

Symptomatisch für diese Haltung ist die Tatsache, dass es in Wuppertal eine „Scharia-Polizei“ gab, die die Einhaltung der Scharia-Vorschriften durch islamische Migranten einschließlich des Hijab-Kopftuches mitten in Europa überwachte. Ein örtliches Gericht hat Ende letzten Jahres alle sieben islamistischen „Scharia-Polizisten“ freigesprochen. Die Zeit begrüßte das Urteil mit diesem Argument: «Würde der Rechtsstaat sich für alle Spinner einen eigenen Straftatbestand überlegen – er würde kollabieren.» Ich behaupte genau das Gegenteil: Wenn der demokratische Staat nicht gegen die „Scharia-Polizei“ vorgeht, kollabiert er.

Die Zeit fragte im August auf der ersten Seite «Darf man die Burka verbieten?» und antwortete, dass ein solches Verbot «nur das hohe Gut der Religionsfreiheit gefährdet [...]. Auch nimmt man die Wut der Muslime in Kauf, die ein Verbot nicht ganz zu Unrecht als Strafmaßnahme gegen ihre Glauben sehen [...] In Deutschland genießen die Frauen auch jedes Recht, sich anzuziehen, was sie wollen.»

Als Muslim und Unterstützer des marokkanischen Königs denke ich, dass Die Zeit dumm und byzantinisch argumentiert und Islamisten mit Muslimen verwechselt. In dieser Frage ist Marokko Deutschland haushoch überlegen.  

Als Muslim sehe ich in einem Burka-Verbot keinen Angriff auf die Religionsfreiheit. Mein marokkanischer Mitstreiter, der Philosoph Ali Oumlil, ist ein
 Berber und unterstützt den arabisch- marokkanischen König (60 Prozent der Marokkaner sind Berber, 40 Prozent sind Araber) mit dieser Begründung: «Wir wollen keinen republikanischen Putsch haben. Da kriegen wir nur das, was die Libyer nach dem Putsch gegen König Idris bekommen haben: Gaddafi .» Der König ist seit 1666 ein Garant für das politische Gleichgewicht zwischen Berbern und Arabern in Marokko.

Kein Angriff auf die Religionsfreiheit

Als ich in Marokko als Professor lehrte, lernte ich dort, dass ich alle Freiheiten habe, mich kritisch zu äußern, Ausnahme ist die Trinität Religion-König-Vaterland, die heilig ist und an die sich noch nicht einmal die im Parlament vertretenen Islamisten herantrauen. Aber die Jihadisten tun es, und ihnen bietet der König die Stirn – er führt kein «byzantinisches Geschwätz». Die Jihadisten wagen es, ihn herauszufordern. Seine Antwort ist das Burka-Verbot. Als Muslim und europäischer Demokrat unterstütze ich den König und sehe in seinem Burka-Verbot keinen Angriff auf die Religionsfreiheit.

Schon vor dem marokkanischen Burka-Verbot habe ich im vergangenen Jahr einen Artikel mit dem Titel «Warum brauchen wir ein Burka-Verbot?» in der BILD veröffentlicht. Darin schrieb ich: «Ich befürworte als europäischer Muslim und Vertreter des offenen Islam ein Verbot der Burka mit dem Argument, dass diese Maßnahme nicht im Widerspruch zum Respekt für einen offenen demokratischen Islam steht. Ganz im Gegenteil: Ein Burka-Verbot wäre eine kluge politische Maßnahme gegen die Abschottung in Parallelgesellschaften. Für eine Integration im Sinne von Inklusion muslimischer Migranten und für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland.»

Merkel soll sie behalten!

Ich weiß, dass Marokko kein Paradies ist, aber es ist das Land der arabischen Welt, in dem ich meinen Lebensabend  verbringen möchte. Ich weiß als Wissenschaftler, dass der König kein Zauberer ist und die demografische Explosion in seinem Land nicht stoppen kann. Dies führt zu Armut und dem Wuchern von Slums an der Rändern der Städte. Diejenigen, die dort leben, hören über die neuen Medien von der Willkommenskultur Angela Merkels und strömen tausendfach nach Deutschland, besonders nach Nordrhein-Westfalen, wo sie sich um Düsseldorf herum konzentrieren und oft im kriminellen Milieu unterwegs sind. Marokko will sie nicht zurückhaben. «Merkel soll sie behalten», sagen sie in Rabat. Das ist eine Schande für Marokko.

Dennch: Der marokkanische König und die marokkanische Gesellschaft haben das Recht, sich zu wehren gegen die Terrorgefahr, die von diesen Exil-Marokkanern ausgeht. Sie lassen sich nicht von Links-Grünen über Religionsfreiheit belehren. In Marokko wird es ein Burka-Verbot geben. Basta!

Zuerst erschienen in der Basler Zeitung

Leserpost (9)
Hans Meier / 30.01.2017

Danke, Bärenstark und Glasklar! So muss es sein!

Ralf Schneider / 30.01.2017

Ich kenne niemanden, der für das Amt eines Integrationsbeauftragten der Bundesregierung so gut geeignet wäre wie Bassam Tibi. Seit Jahrzehnten beeindruckt er durch die Kombination von fundiertem Fachwissen, analytischer Brillanz und der Fähigkeit, dieses mit Hinweisen auf ein praktisches Handeln zu verknüpfen. Er wäre ein Glücksfall für einen solchen Job! Eine ernsthafte Berücksichtigung seiner Empfehlungen hätte der Gesellschaft und damit der Politik eine nicht mehr zu überblickende Vielzahl schlimmster Konflikte erspart. Dahingegen offenbart die derzeitige Personalwahl das gesamte Ausmaß an gesellschaftspolitischer Inkompetenz und regelrechter Dummheit der derzeit Verantwortlichen - wie “Achgut” aber auch manche anderen Medien in aller Deutlichkeit, aber zum Teil auch mehr oder weniger unfreiwillig erkennen ließen. Man kann nur hoffen, dass Prof. Tibi in seiner sachlichen und unaufgeregten Weise uns weiterhin so hervorragend aufklärt wie in seiner hier vorliegenden Darstellung!

Sylvia Koslowski / 30.01.2017

Ich danke Ihnen für diesen Artikel, der einen anderen Blickwinkel auf die aktuelle Diskussion ermöglicht. In der dargestellten Sichtweise offenbart sich für mich ein Lebenspragmatismus und ein Realitätssinn, der grossen Teilen der hiesigen Bevölkerung inzwischen abhanden gekommen ist. Die ideologisch geprägten Vorstellungen vieler Entscheidungsträger und sog. “Intellektueller”  in diesem Land sind leider ohne Bezug zur Lebensrealität. Bedauerlicherweise haben sie bisher immer noch nicht die bittere Konsequenz ihrer Fehlentscheidungen erkannt, welche unweigerlich in die Selbstzerstörung führen und keineswegs zu der viel propagierten gegenseitigen Toleranz.

Nico Schmidt / 30.01.2017

Sehr geehrter Herr Bassam Tibi, da stöbert man am Montag durch die Achse und dann das! Meine Erkältung ist gleich nur noch halb so schlimm und daher: Vielen Dank! Mehr davon! MfG Nico Schmidt

Stefanie Zeidler / 29.01.2017

Es ist nicht gerade neu, das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Anhänger, bzw. seines Volkes durch eine besondere Kleidung hervorzuheben: “Auf dem Forum Romanum ... mußten die Bürger und Bürgerinnen ihr Staatskleid tragen: die Toga, bzw. die Stola. Damit hoben sie sich auch deutlich von den Neubürgern ab, was ihr zusammengehörigkeitsgefühl und ihr Selbstbewußtsein stärken sollte.” (aus Das Antike Rom von Frank Kolb, C.H.Beck 2009) Die Burka, m.E. auch das Kopftuch dient hier genau diesem Zweck.

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