Henryk M. Broder / 11.12.2008 / 08:53 / 0 / Seite ausdrucken

Solidarischer Unsinn

Es geht derzeit hoch zu auf der AdG, und das ist gut so. Diskussion, Streit, Krawall müssen sein. Ich will in diesem Zusammenhang nur an einen Satz von Ayaan Hirsi Ali erinnern: “I am here to defend the right to offend.” Als gerichtlich anerkannter Pornograf habe ich auch nichts gegen Schläge unter die Gürtellinie, so kommt Leben in den Diskurs. Was die Auseinandersetzung zwischen unseren Freunden Matthias Küntzel und Alan Posener angeht, stand ich Küntzel näher, fand aber auch, dass Posner legitime Positionen vertritt, die zur Debatte gehören.
Bis ich in seinem Beitrag vom 10.12. den Satz las, Kritik “sollte solidarisch sein, nicht denunziatorisch”. Das ist solidarischer Unsinn, angereichert mit einem stalinistischen Unterton. Mit diesem Argument wurde Kritik an der SU jahrzehntelang als “denunziatorisch” denunziert, sie würde nur den Feinden der SU in die Hände spielen und den Klassenfeind stärken. Wer die Verbrechen Stalins Verbrechen nannte, hatte sich damit als Kritiker disqualifiziert, denn er übte nicht “solidarische Kritik”, sondern denunzierte und diffamierte die glorreiche Sowjetunion, die sich gegen die Attacken des Imperialismus verteidigen musste. Selbst mit dem Tod von Stalin war diese Art der “solidarischen Kritik” nicht gestorben.
Solidarische Kritik ist so etwas wie “teilnehmende Jugendarbeit”, bei der sich Sozialarbeiter mit Neonazis anfreunden, um sie positiv zu beeinflussen. Ein Kritiker ist kein Therapeut, der das Objekt seiner Kritik auf den Pfad der Tugend zurückführen soll. Ein Kritiker muss auch keine Eier legen können, um beurteilen zu können, wann eines faul ist und zum Himmel stinkt. Und “denunziatorisch” wäre nur, wenn ich z.B. Alan Posener hinter seinem Rücker bei seiner Frau, seinem Arbeitgeber oder dem Finanzamt anschmieren würde. Eine in aller Öffentlichkeit vorgetragene Kritik kann fies, gemein und verletzend sein, aber nicht denunziatorisch. Schon gar nicht, wenn sie auf ein wissenschaftliches Institut zielt, das ein Definitionsmonopol in Sachen Antisemitismus hat, und seinen Direktor, der vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.
Natürlich kann man alles mit allem Vergleichen. Köln mit einer Metropole, den Bambi mit einem Oskar, eine Curry-Wurst mit einer Delikatesse, sogar Antisemitismusforscher mit Erbsenzählern. Aber Antisemitismus in einem Atemzug mit Islamophobie zu nennen, ist so daneben wie das Gerede von “Hühner-KZs” im Zusammenhang mit artgerechter Hühnerhaltung.
Es gibt einige hundert Phobien. Darunter so originelle wie Alliumphobie - Angst vor Knoblauch, Babushkaphobie - Angst oder Abneigung von Frauen gegenüber ihrer Großmutter, Eurotophobie - Angst vor weiblichen Genitalien, Glucodermaphobie - Angst vor der Haut, die sich auf warmer, zu lange stehengelassenen Milch bildet.  Phobiker ziehen sich zurück, sie fahren nicht Lift, betreten keine weiten Plätze, gehen Reptilien aus dem Wege. Ein Antisemit dagegen sucht dagegen zwanghaft den Kontakt mit dem Objekt seiner Abneigung. Antisemitismus ist keine Phobie, sondern eine psychotische Leidenschaft, und Phobien sind keine Ressentiments, sondern psycho-allergische Reaktionen. Das sollte nicht nur der Direktor eines Instituts für Antisemitismusforschung wissen, sondern auch derjenige, der sich mit ihm solidarisiert. Alles Übrige steht bei Mark Steyn: http://www.ocregister.com/articles/mumbai-muslims-time-2248410-jews-muslim

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