Henryk M. Broder / 21.01.2007 / 22:15 / 0 / Seite ausdrucken

Robert Redeker: Unter dem Joch der Furcht

Der Paris-Korrespondent von Jyllands-Posten, Joergen Ullerup,  hat den französischen Philosophen und Gymnasialleher Rober Redeker in dessen Versteck besucht. Redeker ist Redaktionsmitglied der von Jean-Paul Sartre begründeten literarisch-politischen Zeitschrift “Les Temps Modernes” und gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen. Am 19. September 2006 veröffentlichte er in der Tageszeitung Le Figaro den Artikel “Face aux intimidations islamistes, que doit faire le monde libre ?” -  “Was soll die freie Welt angesichts der islamistischen Einschüchterungsversuche tun?”, einen Beitrag zur Debatte um die Papstrede von Regensburg. Mit Hilfe von al-Dschasira fand der Artikel Verbreitung in der islamischen Welt. Danach mußte Redeker seine Lehrtätigkeit einstellen und abtauchen. Er lebt mit seiner Familie unter Polizeischutz an einem unbekannten Ort. In diesen Tagen erscheint Redekers neues Buch, in dem es u.a. auch um ”eine Fatwa im Vaterland von Voltaire”  geht. Ullerups Artikel erschien am 18.1. in Jyllands-Posten. Hier einige Auszüge:

»Mein Leben wurde von einem Tag auf den anderen total verändert, und Ich zweifle, ob Ich jemals in mein altes Dasein zurückkehren kann. Die Bedrohung ist weltweit, und sie wird permanent bleiben«.

Am selben Tag, an dem der Artikel erschien, brach die Lavine los. Viele Leser des Figaro bedankten sich bei Redeker, dass er die Dinge richtig gestellt hatte. Aber es gab auch eine Nachricht von einer Pariser Anwalt, der ihn aufforderte, sich einige Tage zurück zu halten. Das war die erste Warnung.

Am nächsten Tag kamen massenweise Hatemails von empörten Moslems an.  Gleichzeitich wurde Redeker darüber informiert, dass der einflussreiche Sheik Youssef al-Qaradawi ihn auf Al Jazeera als »Islamophob des Tages« bezeichnet hatte.

Am selben Abend forderte die Polizei Redeker und seine Familie auf unterzutauchen.  Die Internetsite von al-Hesbah, die von radikalen islamischen Gruppen benutzt wird, hatte ein Todesdrohung gegen Redeker gebracht.  Mit Fotos von ihm und Angaben seiner Adresse und Telefonnummer.
In der Drohung wurde Redeker als ein Schwein bezeichnet, das geköpft werden sollte…

Es hat Ihn überrascht, erzählt er in seinem neuen Buch, daß viele franzoesiche Politiker und Intellektuelle ihm die Unterstützung verweigerten.  Redeker berichtet,  wie zuerst ein Minister, dann eine Menschensrechts-Organisation und dann mehere linke Partein seine Position verurteilten.         

Als seine Lehrerkollegen in Toulouse ihn im Stich ließen, hat ihn das nicht mehr überrascht. Redeker war schon länger an seinem Gymnasiums unbeliebt, weil er einige Jahre zuvor sich geweigert hatte, an einen Streik teilzunehmen.

Als sie von den islamischen Todesdrohungen erfuhren, haben die Kollegen schnell Partei ergriffen - gegen ihn. Redeker habe die falsche Haltung gezeigt.

Der franzoesiche Minister für Unterricht, Gilles de Robien, wurde später fuer seine Aussage: »Ein Lehrer muss in jeder Situation vorsichtig und moderat sein« kritisiert.

Obwohl die Probleme für die Familie enorm sind,  bereut Redeker nicht, was er getan hat.
»Es wäre unwürdig, einen Text zu bereuen, den ich aus ehrlichem Herzen geschrieben habe, Es wäre falsch, denn damit würde ich den Leuten entgegen kommen, die mich anklagen. Es wäre Propaganda für Selbszensur« sagt Redeker gegenüber Jyllands-Posten.

Er hat auch Unterstützung erfahren. André Glucksmann, Bernard-Henri Levy und andere prominente Intellektuelle haben Solidaritetskundgebungen veranstaltet,  in Toulouse und in Paris.

Andere linke Intellektuelle werfen dem Gymnasiallehrer vor, dass er sich das Unglück selber eingebrockt habe, weil er zu weit gegangen sei. Hierzu bemerkt Redeker: »Wenn man sich jetzt zurückhalten muss, weil die kleinste Wahrheit den Zorn der Muslime zu entzünden vermag, müssen wir einsehen, dass wir unter dem Joch der Furcht leben. Das ist gefährlich für die Demokratie, denn die Folge ist, dass man sich nicht länger traut, das zu sagen, was man für den Wahrheit hält.”

Redeker beklagt auch, dass viele Linke ein zu enges Verhältniss zu den Islamisten pflegen:.
»Sie verweigern sich zu glauben, daß Moslems auch bösartig sein können.  In ihrem Weltbild können arme und unterdrückte Moslems per se nicht böse sein. Die Linke in Frankreich, die immer atheistisch, antiklerikal und marxistiskch war, weist die Islamisten nicht zurück. Die Kommunistische Partei, die früher die Ansicht vertrat, daß Religion Opium fuer das Volk sei, solidarisiert sich mit ihnen. Die kommunistische Zeitung L’Humanité hat mich heftig angegriffen.  Die Linken leben unter der Illusion, daß die Moslems das neue Proletariat sind, obwohl nur wenige Moslems für linke Parteien stimmen und obwohl die Ideologie der Islamisten sich der des Faschismus nähert.«¨¨

Der Solidaritet mit Salman Rushdie sei größer groesser. Die Situation habe sich geändert, sagt Redeker. »Wir haben uns an die Gefahr des Islamismus gewöhnt und nehmen die Bedrohung nicht mehr wahr. In einer gewisse Weisse sind wir dabei, nachzugeben.«

Bücher von Robert Redeker: 
”Aux armes citoyens”
”Le Déshumain”
”Le sport contre les peuples”
”Poésie de l’improvisation”
”Le Progrès, ou l’opium de l’histoire”
”Nouvelles Figures de l’homme”
”Dépression et Philosophie”
”Il faut tenter de vivre”
http://www.seuil.com

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